Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem
Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu
lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik
niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für
traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.
Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den
Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.
Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend,
verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst
zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des
eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in
dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.
Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich auf meinem Bett, den Kopf
zwischen den Händen und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott
und seine Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals S..., an
die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der
Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heiße
Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das
Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den Staatsanwalt Herrn
T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine
Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S...
Da rief eine Stimme an dem Gitter:
»M..., M..., Sie werden verlangt!«
Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.
Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno
detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:
»M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit
eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll
den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den
Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, können Sie
leicht das Nötige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn
beim Militär kann alles schief gehen.«
»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri,
bis Sie einen großen Palast mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet
sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger
Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, blauäugig und anständig
gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind
unschuldig, weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen
wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.«
Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit und ging.
Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde
ich es beweisen können? Denn beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige
erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung
mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?
Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren,
und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich
mitteilte, daß ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl
gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera geführt werde.
Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich
meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen
konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri,
die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie
mir die Fesseln ab und ließen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer
Entfernung folgten.
Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Straße, welche der
Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verließ mich auf den Zufall.
Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann erinnere ich mich, hier war
ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so
furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme
ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür
sitzt:
»Liebe Frau, haben Sie Kinder?«
»Ja, zwei Söhne.«
»Wie alt sind Ihre Söhne?«
»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.«
»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und
blauäugig, aus guter Familie!«
»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie trocken.
Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen Palast mit weitem
Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung paßte, die jener
Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen
Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß und kalt,
meine Hände zittern, in den Ohren summt es mir.
Ich nähere mich ihm -- er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.
»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs
Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben ließ?«
»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, der mich eine Zeile
auf ein Blatt Papier schreiben ließ; dann mußte ich die Adresse auf ein
Couvert schreiben, den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein
Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren wollte; er
erwiderte, daß es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit
dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.«
»Nun sagen Sie, war ich dabei?«
»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.«
»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?«
»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.«
Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.
»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit
meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist
der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.«
Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur
Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der
Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.
Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, die Thüre öffnet
sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, daß der Korporal S... zur
Stelle ist.
»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte.
Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge
und thränendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.
Ist es zu glauben? Er that mir leid!
Ich sah ihn mitleidig an und sagte:
»Bist Du nun zufrieden, Elender?«
»Ruhe,« rief der Beamte.
Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen;
S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:
»M..., verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe zu Dir habe ich gefehlt;
ich wäre glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen
könnte, um Dich noch mehr lieben zu können.«
»Ruhe!« rief der Beamte wieder.
Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat
Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein.
»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen
anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment
diktiert hat?«
Crudele sah uns an, dann sagte er:
»Ja, ich kenne ihn.«
»Nun, so zeigen Sie ihn.«
Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:
»Dieser ist es gewesen.«
»Und kennen Sie den andern Soldaten?«
»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.«
Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage.
»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,« sagte der Beamte
zu S..., »aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.«
»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe ihm, er thut mir leid,
ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.«
»Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche
Schärfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu
treffen wissen.«
S... weinte, er bereute, gern hätte er das Wort im Busen bewahrt, es war
zu spät.
Die Hand Gottes. -- Ungerechtigkeit.
Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich
wurde in die Kaserne geleitet.
»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein Karabiniere, »wegen der
Schändlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis
auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für
Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man
beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.«
»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig sei, und ihnen
prophezeit, daß meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.«
»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil muß rückgängig gemacht
werden.«
Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefängnis
zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend:
»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie
verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer
Hartnäckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof
haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das
Ministerium schreiben und um Erlaß der Strafe einkommen.«
»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln.
Ich habe es den Richtern geweissagt, daß ich verurteilt werden würde,
aber daß bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die
Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin
unschuldig.«
»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...«
»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, die kein Esel glaubt;
anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, daß Sie mich
verurteilt haben -- wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei
verlieren könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht
wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.«
»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?«
»Die Hand Gottes.«
»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend.
Wenige Tage später wurde der Korporal S... in das Gefängnis eingeliefert
und zwar in den oberen Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten
waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.
Als ich wußte, daß S... mir nahe war, im selben Hause, als ich
überlegte, daß ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden
mußte, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf
glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher
Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen
hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen,
aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun
wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem Wärter
befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er
verschaffte mir eine große scharfe und spitze Scheere, von der ich den
Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz zweier prächtiger Dolche war;
die eine Hälfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der
Innentasche meiner Jacke.
[54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um
einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen.
Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem
Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem
Hof gingen die Gefangenen spazieren.
Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht,
bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf
seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde
leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf,
eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S... und mache ihn mit
einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit
ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]
[55] Das ist das Mitleid, das er für S... empfindet.
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche
Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf
glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die
Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56]
Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der
Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages ...
[56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.
Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich
unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon
war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:
»Wohin, M...?«
»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.
»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie
kommen nicht vorbei.«
»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«
»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als
ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand
mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den
Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt
zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene
Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm,
die Scheere entfiel meiner Hand.
Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der
anderen Hälfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den
geringsten Anlaß geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der
Staatsanwalt zu mir und sagte:
»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung
üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der
Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil
aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden,
aber nicht so, wie Sie es anfangen.«
»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der Wächter hat mich
schlecht behandelt und ich ...«
»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher
hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, daß
Sie persönlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen könnten, aber jetzt
sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt
wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen
bereit.«
»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von
meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche
ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm
kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.«
»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen
Sie lange genug.«
Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach
Taranto.
Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend,
das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem
Getier wimmelte.
Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden großer Flöhe, deren Biß
furchtbar war.
Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafräume, in
denen wir eine Nacht verweilten.
Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten
mußten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg großer
schwerer Steine, und während die eine Hälfte der Strafgefangenen
exerzierte, mußte die andere Hälfte die Steine in die andere Ecke des
Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder
zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer
Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben
wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und närrischer waren die,
welche es uns befahlen.[57]
[57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen aus
dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn man jemand nötigen würde,
dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstören, er
wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im
Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit
rechtfertigt.
Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn
versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer
zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden
Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesicht anschwollen, da
es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne
zu wärmen -- so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene
teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien
sie!!!
Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend ernährt, unsauber,
zehn Stunden täglich mit schwerer Arbeit geplagt -- es war ein Leben, um
sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten
gelegt und an die Wand gebunden, weil ich während des zehnstündigen
Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie,
von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gräuel
dieser elenden Gruft zu schildern, um die schändlichen tyrannischen
Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die
Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.
+Italien!+ Du großer Name, Du große, freie und unabhängige Nation! Aber
die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen,
Despoten, Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst Du Dich
zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.
Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem
Kommandanten vor und sagte ihm, daß ich unschuldig verurteilt wäre, er
antwortete:
»Faule Ausrede!«
Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe an das
Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.
Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die
Mitteilung, daß der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben
Jahren Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar
wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes
an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen
gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.
Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, das nun bald verbüßt
war? Wer tröstete mich für die Leiden, die ich erduldet?
+Die Hand Gottes.+
Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen,
dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund
des Nichts zu stürzen.
Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet
und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestät des Ewigen.
Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie Belsazars +Menetekel+.
Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben möchte, an Teresina M...
zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht
zu.
Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl
jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit
des S... leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben,
stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!...
Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen
Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig
überliefert.
Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879
zugeschrieben.
Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener
Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche
Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und
welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und
umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.
Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir..., einen Vetter des
Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch
seinen Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie
meine Antecedentien kannte.
Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« genannten Teil der
Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung,
einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.
Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie
verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.
Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her eng mit mir befreundet
waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.
Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag
der Piemontesen, die sich rächen wollten, weil ich ihren Landsmann, den
Vetter Gir...'s beim Regiment mißhandelt hatte.
Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles
geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein böser
Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.
+Was thun?+
Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht habe und reizen mich
erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so können die schlimmsten
Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und
böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken
beschloß ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu
stellen: Welchen Schluß hat dieses
+düstere Drama?+
Dritter Teil.
In der Strafkompagnie.
Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung
wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen
verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben
ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen
Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach
ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.
Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der
Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und
den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker
Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu
hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche
Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen
des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu
Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in
stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende
Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst
Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie
Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den
Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel
ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen -- und in den düsteren Zellen
der Kaserne seufzt der Verworfene.
Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in
wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht
unter ihrem verliebten Blick -- und sie führt die Klagen und Thränen der
Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem
Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von
meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft
wieder aufzurichten.
Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie
in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu
trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und
von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte -- es vermehrte nur die
Empfindung meines Leidens.
O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit
ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der
Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.
Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es
vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und
kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die
jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen
darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die
Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu
schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu
geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu
gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen
deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und
der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten
alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück
stürzten.
Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat
meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich
nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen
dreieckig geschliffenen Dolch.
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch
an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden,
aber ich sagte:
»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie
meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur
Verfügung.«
»Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie
meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb
nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und
glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und
Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien,
Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger
junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen.
Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden
gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie
sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten
Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie
sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es
hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht
auf mich.«
Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein
vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus
reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und
war zur Zeit Hauptmann.
Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich,
wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Söhne. -- Die
Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde
exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt -- kurz, wir
machten, was wir wollten.
Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:
»M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.«
Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken -- wie konnte ich das
Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.
Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen.
Am Abend saßen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder
spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her -- kurz,
jeder war auf seine Weise beschäftigt.
Ich rief meinen Freund C... und ließ mir den Gir... zeigen, der
hauptsächlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.
Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte mir einen langen
hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher
Entschluß fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle
und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte
hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.
»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen mich, Sie wollen mir ans
Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute,
damit ich denen dasselbe sagen kann!«
Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib
aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, während
Gir... angstvoll rief:
»M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen
gesprochen.«
»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.«
Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns
aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.
»M..., was machen Sie?« rief der, welcher mich festgehalten hatte. »Ich
bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie
machen sich unglücklich.«
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzählte ihm
freimütig alles, was vorgekommen war.
Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, daß ich ihn nicht von
Anfang an unterrichtet hätte. Er versammelte die Piemontesen und meine
Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein
zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen unter so traurigen Umständen
sprechen kann.
»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt Euch das Pfand des
Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren
Kameraden M...«
Wir küßten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thränen mit Mühe zurück.
»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein Festtag für Euch. Ihr
werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G...
hat Befehl, für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen
Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel
zusammenstellen, die Bänke können als Sitze dienen, für Tischwäsche,
Gläser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens,
der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln
das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag
sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen
spazieren. Rührt Euch!«
Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.
Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der
edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs
Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen
Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die
Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin --
die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der
Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten
unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir
tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die
Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere
Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der
freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in
Versen aus.
Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche
Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich
hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein
friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen
Genossen.
Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine
Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und
trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach
Hause zu geben.
Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders
bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe
zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun
der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir
zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei
tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein
unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des
elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem
Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die
verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der
thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.
Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch,
da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So
schrieb ich denn folgenden Brief:
»Geliebter Schwachkopf!
Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno
schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit,
deiner Hartherzigkeit? -- Nun, ich danke, es geht mir sehr gut,
trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles:
Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu
fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und
ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist;
Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche
Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und
was will man mehr?
Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer
großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf
unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir
lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir
schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken
unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast
und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, --
was will man mehr!
Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu
können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den
Hunger!
Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der
Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr
verlangen?
Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und
wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer
des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den
verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf
Erden herumkriecht.
Lido, Venedig 10. April 1879.
Dein (!)
Antonino M...«
Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt
nichts, es war alles wahr.
Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft
wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit
unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen
viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten
wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir
hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das
nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten
gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig
Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!
Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten
Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit
hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen
geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte
über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der
Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten,
Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und
Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut,
Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles
wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig
und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich
dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:
»+Haben Sie Geld?+«
»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.«
»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein
heraus und gab ihn mir.
Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld
wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in
Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von
der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um
Luft zu schöpfen.[58]
[58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M...
die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der Zuneigung, und so
wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung des M... in nicht
wenigen Punkten widersprechen.
Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire
jährliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum,
den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner
großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und
wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte
mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen
ich einige mitteilen will.
Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich
in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem
Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte
glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens
liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des
Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog.
»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich
nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der
ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit
einem Lastträger hatte -- der arme Lieutenant wurde von Guar...
erstochen.
Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er
kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er
hören konnte, was dort vorging.
Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen
Angelegenheiten beschäftigt.
Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende
Worte:
»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich möchte dich immer
in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich
liebe ihn nicht. Laß uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in
Freiheit unser Glück genießen.«
»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie schön Du bist,
gieb mir einen Kuß!«
Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.
Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G... blickt
durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit
ihrem Geliebten.
Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand
antwortet. Endlich ruft er:
»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.«
Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt:
»Wie, Du bist nicht fort?«
»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!«
»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. »Sie
befehlen?«
»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, »nur Ihre Hand.«
Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den Knieen und zerfloß in
Thränen. Herr G... öffnete sein Portefeuille, nahm zehn
Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:
»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei
mir.«
Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde
ohnmächtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.
Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf
er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben
nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar...
nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister
sechs Tausendlirescheine und sagte nur:
»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!«
Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre später arm und elend in
einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von
schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. Ehe er sie
heiratete, sagte er:
»Clelia« -- so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine
Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hände; willst Du mir treu sein, willst
Du ein neues Leben beginnen?«
Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar
ihm ein süßes Töchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia,
der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man,
umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.
Folgen wir dem Faden unserer Erzählung.
Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im
Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein,
ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im
Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die
Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.
»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen
-- es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. -- Ist Ihnen
nicht wohl?«
»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.«
»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr
Gewehr.«
Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging
zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm,
daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen.
So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.
Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die
im süßesten Schlummer ihr Bett verlassen mußten, klagten nicht, sondern
erwiesen sich als gute Kameraden.
Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf Wache einschläft, mit sechs
Monaten Kerker bestraft wird.
Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer
Männer von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu
beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer während der vier langen
Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bände ließen
sich darüber schreiben. Ich beschränke mich darauf, die
bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorfälle kunstlos
niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe
wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den
wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.
Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine
Gefährten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden
des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen
mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und
Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir
machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen,
kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte
ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur
unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der
Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt...
Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen
meiner Gefängnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber
aussprach, daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir
zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam
regelmäßig meine zwölf Lire.
Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem
Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in
dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:
»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, eine verkommene Bande!«
Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mußte gerächt
werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschämten mit aller Gewalt
auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und
Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten
hinzugekommen wären und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was
für Unheil entstanden wäre.
Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei
Wasser und Brot eingesperrt.
Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine
Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in
Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser
Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui...
war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein
Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und
als er vor der Kaserne stand, zog er seinen Säbel aus der Hose heraus
und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens
Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:
»Du bist ein elender Hund!«
Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines Morgens ein Geräusch, als
ob zwei Personen mit einander kämpften und vernahm die Stimme eines
Kameraden, der sagte:
»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.«
Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten;
während er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und
hatte ihm das Blatt wegreißen wollen; Liur... aber hatte das Papier in
den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefaßt.
Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht
gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.
Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte
mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wußte, daß er das anonyme
Schreiben verfaßt hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf,
und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.
Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt
worden? Hatte denn jenes schändlichste Ungeheuer, der Korporal S...,
Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, daß auch Liur...
unschuldig verdächtigt und verleumdet war? Genügt die Überzeugung von
der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches
Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]
[59] Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters
ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls
angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen mich,
aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache
zeigt, die ich gestohlen haben soll. -- Und als er später eines Mordes
angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person zeige, die ihn hatte
morden sehen.
Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, daß
Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor,
den einen durch den andern entlarven zu lassen.
Ich rief den Soldaten Cec... und sagte:
»Cec..., wir sind gute Freunde, ich weiß, daß Du aus guter Familie bist;
hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter
entlassene Sträflinge (als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es,
wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und zusammen lebten?«
»Mit Vergnügen, lieber M..., aber ich muß Scar... sprechen, mit dem ich,
wie du weißt, seit langem zusammen lebe.«
»Sehr wohl, sprich mit Scar...«
Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die
Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach
dem Militärgefängnis zu Venedig geschafft und hatte mich als
Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer näher.
Ich sagte beim Promenieren zu Cec...:
»Cec..., Du giebst viel Geld für den Scar... aus, der ein Schwindler
ist; mir, der ich Dein Bestes will, mißfällt das; es ist eine Schande,
daß Du Dich von dem Heuchler ausbeuten läßt.«
»Weißt Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er
ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein
schneiden kann.«
»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun,
heute Abend muß er sie Dir wieder geben.«
Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem
wir unser kärgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld;
Scar... legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec... wurde
wütend und das Ende vom Liede war eine große Schlägerei zwischen beiden,
von der der Wirt den größten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr,
Flaschen und Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden
sie.
Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte:
»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann,
aber verrate mich nicht.«
»Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist
ein ungebildeter Hansnarr.«
»Cec... sagte mir, daß Du ihn angestachelt hättest zu sagen, daß Du
gesehen hättest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
geschrieben hatte; daß er ...«
»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, der Verräter; er hat
mich verleitet, das zu sagen; ich wußte von nichts, ich habe nichts
gesehen.«
»Nun schön, Scar..., höre mich an und unterbrich mich nicht: Cec...
sagte, daß Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die
Richter wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit,
daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu der falschen
Beschuldigung verführt hättest.«
»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, er hat den armen
Liur... ruiniert.«
Während ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und
verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er
zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt hätten.
»Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, sagte ich, »den er
dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage
widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.«
Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare
Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt
ihn zurück und sagte:
»Cec..., höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht eine schöne Posse
aufführen: Du darfst nicht sagen, daß Du die Absicht des Scar... kennst;
ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s
einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall
ist, mußt Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erzählen und
mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt
sein und als Verleumder erkannt werden.«
»Vorzüglich, M..., vorzüglich ausgedacht.«
»So bleibt es dabei.«
Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter
der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und
sagte:
»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, daß er vor einigen Tagen
in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat.
Vergiß nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erzählen und rufe mich und
den Wirt zu Zeugen an.«
Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:
»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur...,
der sich fast täglich beklagte, daß er von den Chargierten so viel
auszuhalten hätte. Eines Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei
Menschen miteinander ringen und hörte, wie Liur... sagte: Er hat mich
an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. -- Das ist alles, was
ich aussagen kann.«
»Sagen Sie, M...,« fragte der Präsident, »ist es wahr, daß Sie dem
Soldaten Cec... gesagt haben, daß der Soldat Scar... Ihnen einen Brief
gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war,
und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, daß er seine
erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt
haben?«
»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich den Dummen spielte,
»ich verstehe nicht, was Sie fragen.«
Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch.
»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem Cec... gesagt haben?
Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec... über
die ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben oder reif für
die Zwangsjacke sein!«
Cec... wird aufgerufen und erzählt die ganze Geschichte.
»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder,
Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht!«[60]
[60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur...
retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage steht, wie M...
selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von
Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige
Auffassung vom Guten!
Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklärt selbst,
die Anklage nicht aufrecht erhalten zu können, der Verteidiger spricht
lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur...
freigesprochen.
Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, daß ich von dem Gericht zu
Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu
unterstützen, daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet
würde.
Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, ließ sich Abschriften
der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir
warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die
Antwort, daß ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung
aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben
werden könne.
So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte mich in das Geschick
fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos
der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum in dem
Kommandogebäude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei
aus, ich mußte mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten
und bekam außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier blieb
ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich enge Freundschaft mit
dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:
»Rom...,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, im Bureau eine hübsche
kleine Fälschung zu machen, die mir sehr nützlich sein könnte?«
»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen aufreißend und mich
anstarrend.
»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, könnten wir
daraus nicht 1868 machen?«
»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere
bringen?«
»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch ein Neuling in diesen
Dingen bist.«
An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich ließ nicht nach, bis
ich ihn verführt.
Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlaßte ihn mehr zu
trinken als gewöhnlich und als es mir schien, daß der Weinrausch ihn
umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an.
Wir gingen hinaus, er sagte:
»M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.«
Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut.
»Komm,« sagte er, »im Bureau ist niemand.«
Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in
das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem
die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich
die unverschämte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle.
Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Café und
dachten über unsere That nach.
Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum
Lido zurück.
Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts
zugeteilt, welche Venedig umgeben.
Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war:
niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke
täglich und einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, daß irgend
wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den
Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das
Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten.
Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses
Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern,
Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der Nähe vor Anker;
der Chef der Wache war ein alter Veteran.
Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortwährenden
Einsamkeit betrachtete man täglich die Schlechtigkeit der Menschen, die
Schönheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bösen
Welt, die Schönheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man
Venedig in seiner ganzen Größe, die flinken Gondeln huschten zu
hunderten über die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit
seinen hohen Bollwerken und großen Kanonen, man sah die anderen Forts,
die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen.
Ein großes Genie würde dazu gehören, um diese entzückenden Wunder der
Natur und der Menschenhand zu beschreiben.
Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige
Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.
Dann kam Befehl von der Strafabteilung, daß die Detachements in den
Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben
sollte; infolge dessen mußte ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur
Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen Posten ein.
Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde
als Direktor des Militärgefängnisses nach Savona versetzt.
Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen
Verlust lebhaft.
An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer,
bösartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein
schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine
Bestie von Natur und Charakter, launisch, hämisch, bockbeinig wie ein
Esel; immer bereit, Böses zu thun, wurde er eine wahre Geißel für uns
arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das
menschliche Leben, so ändern sich die Dinge in einem Augenblick.
Zehn Stunden täglich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem
Tornister auf dem Rücken.
Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht
schoß, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen,
durften wir nur den Gürtel umschnallen, keinen Säbel, statt des Helmes
trugen wir die Mütze.
Wie gesagt: zehn Stunden täglich exerzieren, im Sommer unter der
sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz -- und
wie auch das Wetter war, immer mußten wir zehn Stunden exerzieren.
Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen,
unaufhörlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren überfüllt,
rostige und schimmelige Ketten wurden den Ärmsten angelegt, sechzig Tage
mußten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein
Kriegsgericht gestellt und zu langjährigen Strafen verurteilt.
Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen -- alles war vorbei;
wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des
herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.
+Er sei verflucht!+
Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die für
kärglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der
schändlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in
den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen,
ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder
verurteilte stets, ohne Erbarmen, er hörte auf keinen Einwand, sondern
sagte: »Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!«
+Er sei verflucht!+
Weil ich während des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort
gesprochen hatte, verurteilte er mich zu dreißig Tagen strengem Arrest
bei Wasser und Brot.
+Er sei verflucht!+
Ein so trauriges Leben führten wir unter dem Kommando des Hauptmanns
Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden
und Fröhlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und Unglück.
Das Essen war schlecht, ungenießbar, der Mehlbrei war trocken und
schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles
war schlecht, nach soviel Glück gerieten wir in soviel Übel.[61]
[61] Diese Übertreibung _in pejus_ bildet den logischen Gegensatz zu
der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, daß die
Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. Dieser
leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die
Epileptiker.
Ich wiederhole es, es würde die Feder der größten Männer erfordern, um
die Schändlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern,
deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte.
+Er sei verflucht!+
Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge
Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform,
dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm
täglich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem
Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wußte alles und war stolz
auf die prächtigen Hörner, die auf seiner Mörderstirne prangten.
Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott
weiß wie; ich war pünktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male
wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorwände
in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja dreißig Tage
bei Wasser und Brot.
+Er sei verflucht!+
Ein niederträchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein
Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht
einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten
piemontesischen Dialekt kauderwälschte, hatte es auf mich abgesehen und
tadelte und meldete mich, wo er konnte.
Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu
grüßen und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu
fünfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.
+Er sei verflucht!+
Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit
einen großen, tragischen Abschluß zu geben, so sehr hatte mich die
Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und goß mir einen Liter Wein
in den Magen, und als ich merkte, daß die Weindünste mich umnebelten,
ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu
Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mußte
gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war
und ob die Lampen ordentlich brannten.
Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf,
wo der Offizier vorbei mußte, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in
den Rücken zu springen und ihn zu durchbohren.
Ich hörte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein
Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt
war, seine Decke geholt hatte -- würde er entdeckt, so wären ihm
vierzehn Tage Wasser und Brot gewiß, auf Anordnung des hochedlen
Hahnreis Alessandro Ter...
+Er sei verflucht!+
Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurück
und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in großen Flocken, im
Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhörlich senkten sich die
Flocken herunter.
Alles war still, einförmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein
Ohr.
Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das
Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte
der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschluß
wurden Herz und Seele matt.
Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lärm entstand in der Wachtstube,
ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die
Fensterbrüstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich
bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen
herein unter Anführung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen
die Treppe hinauf.
Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne
barfuß in meine Kammer.
Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und
zog die Bettdecke über, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der
Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezählt, an
mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah mich an.
Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr,
Modell 1870 Wetterli, erklärt wurde, rief der Lieutenant mich heraus.
»M...«, sagte er, als wir allein waren, »Sie haben gestern Nacht
versucht, mich zu ermorden.«
»Ich, Herr Lieutenant! ich hätte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu
ermorden?«
»Genug, M..., ich weiß alles, bedenken Sie, daß ich eine zahlreiche
Familie zu ernähren habe, die ohne mich, da ich kein Vermögen habe, ihr
Brot auf der Straße erbetteln müßte. Ich meinerseits habe gefehlt, indem
ich Sie öfter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das große
Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus,
ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen
gute Freunde bleiben, einverstanden, M...?«
»Ja, Herr Lieutenant«, antwortete ich.
Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersüß zu mir und übte
alle möglichen Rücksichten gegen mich.
Und wie hatte er es erfahren, daß ich ihn töten wollte?
Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und
aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem
Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umständen
seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so geschähe es, um
ihn vor Schaden zu bewahren; morgen könne man ihn auf die Folter spannen
und er würde kein Wort sagen.
Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Gründen
wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und
gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen.
Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und quälte mein Hirn, um nicht
in irgend eine Schlinge zu geraten.
Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes Frol... vergessen.
Eines Abends saßen wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant
von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem
Stück Brot über Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der
Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schließlich gab der schuftige
Sergeant dem Frol... eine mächtige Ohrfeige auf die rosige Wange.
Frol... blieb ruhig und kalt, lächelnd bat er den Wirt um eine Schüssel
mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht,
füllte sein Glas und stieß mit dem Sergeanten an, indem er sagte:
»Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Sünder!«
Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er
von dannen.
Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., faßte ihn am
Arm und sagte:
»Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber
wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben dreißig Tage
strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann
Alessandro Ter... nicht vergessen.«
+Er sei verflucht!+
Die Entdeckung.
Ein ministerieller Erlaß ordnete an, daß die Soldaten der
Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gefängnis bestraft waren
und der Aushebungsklasse 1868 angehörten, auf dauernden Urlaub entlassen
werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen
ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser Hölle entrinnen konnten;
auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wußte, daß
etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte
ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich
dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn
zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie wäre das möglich, da
mein Bruder vor =Hunger starb= und =im tiefsten Elend= saß. +Der
Ärmste!!...+
Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub
gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig,
die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. Warum?
Ich wußte es selber kaum.
Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten
wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben
acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein
Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann.
Am Abend wurde uns der Paß ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und
das Fahrgeld für die Eisenbahn übergeben. Als der Hauptmann mich sah,
sagte er:
»Es thut mir leid, daß Sie schon fortgehen, ich hätte Sie gerne noch
etwas länger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter...
nicht vergessen.«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Am nächsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt
hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren
nach Florenz, ich allein mit einem Gefährten nach Ancona.
Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine
Schenke, dort ließ ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen
Drillichanzug, während ich mich in meinen schönen Zivilanzug kleidete.
Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mütze, ja sogar das
Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter...
erinnert zu werden.
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:
»Da, iß und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage,
Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.«
Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:
»Dem hast Du was schönes eingebrockt!«
»Wieso?«
»Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.«
»Unmöglich!«
Tags darauf reiste mein Gefährte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit,
nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen
machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen.
Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder
um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung über zwanzig Lire
empfing; dann reiste ich weiter.
In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch,
daß ich auf Ministerialerlaß vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf
dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf,
von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier
blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglücksgefährten traf, mit dem ich
in Lucera zusammen im Gefängnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich
zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner,
welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett
fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:
»Sie sind Soldat?«
»Ja.«
»Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen?«
»Nein.«
»Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere
Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.«
Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich
mußte aussteigen und überlegte was zu thun sei. Ich hätte mich ja bei
der Militärbehörde melden können, aber in meinem Paß war angegeben, daß
ich wegen schlechter Führung unter Aufsicht stand.
Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in
Foggia konnte ich nicht bleiben -- was war da zu thun?
Endlich faßte ich mir ein Herz und begab mich zur Militärbehörde, wo der
Oberst mir den Vermerk in den Paß schrieb, daß ich Zivilkleider tragen
dürfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach
Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier ließ ich
mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco
Antonio, der älteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das
Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran,
mein Bruder umarmte mich und weinte vor Ärger, da er gewünscht hatte,
daß ich das väterliche Dach nie wieder gesehen hätte; aber ihm lachte ja
noch der süße Trost, daß ich von Mörderhand fiel oder an der
Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete.
»Wie Du elend aussiehst,« sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd.
»Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglück aus, es ist das
Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., +der tausendmal verflucht sei+;
aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt,
und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine
Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, daß ich ein Baum sei, der in
jedem Sturm zerzaust würde, aber daß ich mich bald wieder mit Blüten und
hellem Grün bekleiden würde.«
Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfuß, halbtot
vor Hunger und Durst -- es waren die Kinder meines Bruders.
Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein
Kürassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem großen,
schweren Fuß, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie
mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem geöffneten
schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.
Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die
Schwestern meines armen verstorbenen Vaters.
Mehrere Tage hindurch quälte eine schreckliche Krankheit ein Glied
meines Körpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di
Vita, doch die Schmerzen wurden stärker und zerrissen mir das Herz. Als
ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Bürgermeister
unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, daß ich auf Anordnung
der Militärbehörde sofort zurück geschickt werden solle, da ich
irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.
Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine
Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die
Schläfe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein
anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide!
Ich schickte ein ärztliches Attest, daß ich nicht reisen könne und bekam
vierzehn Tage Aufschub.
Nach diesen vierzehn Tagen mußte ich abreisen, um unter die Knechtschaft
des Tyrannen zurückzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer
und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen
und jener schändliche Hauptmann Alessandro Ter...
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse über die Schulter,
einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen
Dolch und Säbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten
Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina,
entschlossen, die Karabinieri über den Haufen zu schießen, wenn sie mich
verfolgen sollten.
Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro hätte melden müssen, jetzt war
ich Deserteur.
Nach sieben Tagen entschloß ich mich, das Schicksal walten zu lassen,
ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Militärbehörde. Hier gab
man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich vor
zwanzig Tagen gefahren war.
Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll
von Soldaten, die fröhlich sangen; auf den Stationen war ein Drängen,
ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrüßen; fröhlich,
jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die
entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugehörte, mußte zum
Regiment zurück! Welch trübes Verhängnis konnte mich erwarten unter der
Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...?
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse
Schmerzen fühlt man zwar, aber man kann sie nicht äußern; die Furien der
Hölle bemächtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich
zerbiß mir die Hände, die Arme, ich riß mir das Haar aus und rannte mit
dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den Fäusten vor die Stirn
und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das
Stimmengewirr zu hören; ich war neidisch auf deren Glück, ich wünschte
taub und blind zu sein.
Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es
war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die
eisenbeschlagene Thür, ein Fenster öffnet sich und der wachthabende
Sergeant sagt:
»Wer ist da?«
»Ich -- ist hier Wohnung für mich?«
»Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?«
»Ja, aber ein unfreiwilliges.«
»Wer sind Sie denn?«
»Wer soll ich sein!«
»Wie heißen Sie?«
»Antonino!«
»Sind Sie verrückt?«
»Man möchte es meinen.«
»Woher kommen Sie?«
»Von Hause.«
»Und zum Teufel, was wollen Sie denn?«
»Was ich gesagt habe.«
»Und das ist?«
»Hier wohnen.«
»Hier wohnen nur Soldaten.«
»Ich bin Soldat.«
»Bei welchem Regiment?«
»Ich gehörte nicht zum Regiment.«
»Also zur Kompagnie?«
»Ja.«
»Zu welcher?«
»Zur ersten.«
»Zur Strafkompagnie?«
»Ja, zur Strafkompagnie!«
»So warten Sie!«
Er öffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann:
»Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!«
Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem
Lieutenant _du jour_.
»Nun, paßte es Ihnen nicht zu kommen«, sagte der Hauptmann, »Sie
scheinen zu glauben, daß wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten;
Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen Sie ihn
sofort in Arrest und schließen Sie ihn krumm!«
Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich vor ein Kriegsgericht
gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schmähungen
seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefüllt
waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu Venedig. Der
Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, daß ich krank gewesen
sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der
Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit Schimpfreden; er
hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem
Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub
überschritten habe.
Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion für schuldig.
Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und
sagte:
»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich
sehe wenig Aussicht für Sie.«
»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren bin, aber man
muß vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu
erweichen«, und ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und
schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei große helle
Thränen fielen aus seinem schönen Auge.[62]
[62] Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, die der
Übertreibung des Hasses entspricht.
»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie gelitten und Sie
leben noch! Ja, braver junger Mann, erzählen Sie den Richtern diese
rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte
nicht, daß das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, daß
das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie Ärmster!«
Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert von dannen.
Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, daß der
Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den
Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea
zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was
für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte
mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter
Klasse fahren und das mußte ich bezahlen -- wozu nun diese Kosten
verursachen?