VI.

Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; das ist sein

Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich

einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen

unterdrücken und sogar bessern zu können.

Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite

seiner Individualität aufschlagen, ich meine die physische und

psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das

Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi,

welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen

Charakteristika des M... darlegen wird.

Physische Untersuchung.

Wenige Tage nach der Einlieferung des M... in die Irrenanstalt zu

Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes

Resultat ergab.

=Allgemeiner Befund=: Kräftiger Knochenbau, starkes Fettpolster,

Dolicocephale, Haar etwas spärlich, dunkelbraun, ab und zu mit weißen

Fäden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die

Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten kaum

vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. Die Augen in gleicher

Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen

normal, rechts stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt

wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist

schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand

eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in

der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, auf dem rechten Arm:

_ors fuduli_, auf der Brust: _a morte l'infame_ (Tod der Schmach), auf

dem linken Arm _V_ und _K_, auf dem Rücken der rechten Hand _O_ und _F_.

=Craniometrie=:

_Diameter ant. post. maximus_ mm 191

_Diameter transversalis_ " 153

Kopfindex " 80

Horizontaler Umfang " 550

Vorderer (halber) Umfang " 275

Hinterer (halber) Umfang " 275

_Curva longitudinalis_ " 300

_Curva transversalis_ " 220

_Diameter bifrontalis minimus_ " 95

Stirnhöhe " 60

=Prosopometrie=:

Gesichtshöhe mm 127

_Diameter bizigomaticus_ " 115

Gesichtsindex " 30

=Anthropometrie=:

Größe m 1,56

Weite der ausgestreckten Arme " 1,58

Brustumfang cm 85

_Linea jugulo-xifoidea_ " 16

_Linea xifo-umbilicalis_ " 25

_Linea umbilico-pubica_ " 15,05

_Linea biiliaca_ " 29

Länge des Oberschenkels " 68,05

Länge des Unterschenkels " 30

Körpergewicht kg 75,00

Kurzer dicker Hals -- die _fossae_ ober- und unterhalb des

Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt -- breite Brust, die

interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. -- Ausatmung auf beiden

Seiten der Brust gleichmäßig -- Anzahl der Atmungen siebzehn in der

Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch

nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.

=Blutumlauf=: Herzdämpfung von normaler Größe -- Herztöne rein --

regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag -- normale Funktion der Arterien.

=Verdauungsapparat=: Zunge rein und feucht. -- Ab und zu leidet er an

Schmerzen in den Eingeweiden. -- Stuhlgang regelmäßig. -- Bauch weich

und unempfindlich gegen Druck.

=Geschlechtsapparat=: Geschlechtsorgane normal -- große Hoden. Die

Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe

-- saure Reaktion -- Eiweiß und Zucker nicht vorhanden -- kohlensaure

Salze in geringer Menge -- alkalische und erdige Phosphate in normaler

Menge -- Chloride ziemlich selten. -- Bei mikroskopischer Untersuchung

erscheinen keine organischen Gebilde.

=Leberdämpfung= von normalem Umfang, indolent.

=Milzdämpfung= normal.

=Vasomotorische Erscheinungen=: Die hyperhämischen Linien des

Trousseau'schen Phänomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust

wie auf dem Unterleib.

=Wärmeerzeugung= normal.

=Sensibilität=:

=Tastgefühl=: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei

auf der Stirn rechts in der Entfernung von 42 mm

" " " links " " " " 37 "

" " Schulter rechts " " " " 86 "

" " " links " " " " 72 "

" " Brust rechts " " " " 89 "

" " " links " " " " 82 "

" dem Unterleib rechts " " " " 77 "

" " " links " " " " 63 "

" " Schenkel rechts " " " " 73 "

" " " links " " " " 69 "

" der Zunge rechts " " " " 39 "

" " " links " " " " 50 "

=Ortssinn=: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der

Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist

eine Differenz von 4-5 cm vorhanden.

=Schmerzempfindung=: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen

Körpergegenden gleich gut.

=Wärmeempfindung=: Er faßt rasch und sicher die Wärmeunterschiede

verschiedener Gegenstände.

=Sehvermögen=: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert.

-- Farbensinn normal.

=Gehör=: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken der Uhr nicht, selbst

wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer

Entfernung von 15-20 cm.

=Geruch=: Scheint nicht beeinträchtigt.

=Geschmack=: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den

Geschmack nicht angeben. -- Bei Chinin sagte er nach verschiedenen

Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.

Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.

=Abnormale subjektive Sensationen=: Er klagt oft über Schwindel und

heftigen Kopfschmerz -- in der linken Schläfe empfindet er auf einem

Raum von der Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als

ob die Haare sich daselbst sträuben.

Bewegungen.

Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche Bewegung geschieht

leicht und vollständig.

Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht

gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die

rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hände.

=Reflexivbewegungen=: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts

stärker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.

=Dynamometer=: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45.

Psychische Funktionen.

=Psychosensorielle Erscheinungen=: Die Wahrnehmung ist in der Periode

der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstörungen

unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.

=Gedankengang=: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; in der Erregung zeigt er

fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein

gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und

flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an

alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen

fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen

haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.

=Stimmung=: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen

Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt

liebevoll seiner Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder

werden betteln gehen müssen.

=Willen und Instinkt=: Er ist gelehrig, höflich, fleißig. Er verkehrt

mit den ruhigeren seiner Gefährten und verträgt sich mit den andern.

Wenn ihn die gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst

ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.

=Bewußtsein=: Er weiß, daß er im Irrenhaus ist, und auch, daß er

beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich

der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu

überzeugen, daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns

vollbrachte.

=Sprache und Schrift=: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll,

ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den

Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht

Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger Form.

Die Stimme hat tiefe und kräftige Färbung.

=Gesichtsausdruck=: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrämer. Die Augen

hält er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle

Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.

=Schlaf und Traum=: Er schläft gut und spricht nie im Traum.

M... wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich

reproduziere seine Beobachtungen während dieses Zeitraums.

=Februar 1890.= Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er

erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptsächlich nachts, und fluchte auf

ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt,

weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: =wegen einer verfluchten

Sau, die mich verfolgt. Daß ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle,

aber diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld=. Er behauptet, sich

an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er

den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage

wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm abnehmen möchte und

versprach, sich gut zu führen. Er möchte in der Schneiderstube

beschäftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im

Gefängnis etwas gelernt zu haben.

=März 1890.= Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist

höflich und fleißig. Am 11. März erwachte er schlechter Laune, sprach

mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die

er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte

mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu

thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen

hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen

beruhigte er sich. Später erklärte er auf Befragen, daß er starkes

Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er

um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am

12. ging er wieder in die Werkstatt.

=April 1890.= Immer ruhig, höflich, antwortet verständig auf alle

Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den

er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten

besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt,

zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem

er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen

Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann

fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß ich bald komme. Du weißt,

was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse

die Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, grüße Vetter

S... Ich umarme Dich.«

Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich

selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts allein unterbringen mußte;

er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er

niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß sein

Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe brauche. Er schien

innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lärmen der Gefährten

verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte

nach Arbeit.

Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten

Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem

man ihm gesagt hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich

dazu bereit finden.[2] -- Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und

fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwägerin und Verwandte

zu bedrohen und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. Auf

mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte,

daß er es mit den Spilingoten zu thun hätte, mit denen er sich schlagen

wollte.

[2] Der Bericht entspricht fast vollständig der Darstellung im vierten

Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt.

Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte,

daß er von den Schlägen, die er bekommen hatte, vollständig gebrochen

sei und große Schmerzen leide.

Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er,

lassen mich prügeln, daß es eine Art hat, während ich mich um meine

Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später wurde er

ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu

erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben

sollte.

=7. Mai.= Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei

Veränderungen wahrgenommen.

Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch:

Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital.

Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, daß

ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, welche zu dem Mord, den er in

seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten.

=17. Mai.= Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefährte, er

prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht empört darüber.

Seit einigen Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. Auf

Fragen antwortet er zusammenhängend, spricht gut von seinen

Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert

sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm

gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen aus. Er

arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut.

=Juni 1890.= Betragen wie gewöhnlich; höflich, dienstfertig, gehorsam;

er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es

wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß

ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die

Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt,

daß seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen

Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines

Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante:

und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«.

=Juli 1890.= Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, und sein

Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt

er die Vorgesetzten, daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen

haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. »Sorge

für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, daß ihnen kein Schaden

zustößt.« »Ich empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter zu

sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« und er prophezeit ihr

eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und

verlangt und wünscht nichts. --

Damit schließt die Beobachtungsperiode des M...

Diagnostische Erwägungen.

Nachdem so die Persönlichkeit des Antonino M... dargestellt ist, nachdem

auch seine physische Beschaffenheit mit Rücksicht auf die körperliche

Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht

ist, nachdem alles in Erwägung gezogen ist, was während der Zeit, wo er

in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine

Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale

Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt

alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den

Geisteszustand des M... führen kann.

Wir fanden bei Antonino M...:

1. =Erbliche krankhafte Veranlagung.= Wir wollen auf die Mitteilungen

über diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M...

herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine

Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir später sehen werden, läßt sich der

krankhafte Charakter des M... als ein Komplex von Anomalien der

Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann,

sondern ihm von seiner Familie überkommen sein muß, insofern er nämlich,

abgesehen davon, daß er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt,

einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute

aus gesunden Familien gewöhnlich zum Gleichgewicht der geistigen Kräfte

und der Nervenfunktionen gelangen.

2. =Gewohnheitsmäßigen Hang zum Verbrechen.= M... hat von seinem 18.

Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt,

die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der Gesamtwirkung

entsprechende Motive erklärt sind.

Deshalb ist kein Zweifel, daß man in M... eine Disposition zum

Verbrechen annehmen muß, die an seine Konstitution gebunden ist. Es

giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, daß es Verbrecher

giebt, die es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind.

Das zeigt auch die Erwägung, daß er eine gewisse Art von Verbrechen und

keine anderen begeht; in seiner Persönlichkeit ist immer das Movens zu

einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der

Umgebung oder der Gesellschaft einen Anlaß, mit Gewaltthätigkeiten,

Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den

verschiedensten Gesichtspunkten als der prägnanteste Typus des

antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwürfe,

Entfernung vom Vaterland und den Angehörigen hatten keinen Einfluß auf

die Ausbrüche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des

=instinktiven Verbrechers=, aus der Klasse der unmoralischen

blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor,

daß M... keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den

geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller

Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit muß man mehrere Typen

unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben,

die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die

Thatsache auszuschließen, daß in demselben Individuum ein gemischter

Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender

Kriminalisten sondern sich die Diebe von den Mördern und den Verbrechern

gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mörder und Diebe sein

können, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist

häufiger. Das entspricht mit großer Deutlichkeit dem klinischen Typus,

den M... als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das,

weil seine päderastischen Anwandlungen von besonderen Umständen

hervorgerufen und vorübergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen

Scheußlichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen

sind. Auch die Fälschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem

Diebestypus zuzuzählen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie

beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefühl,

als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung,

Vorbereitung, Zähigkeit und gemeiner Charakter gehören. Der Umstand, daß

M... sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt über

Geldmangel beklagt, ohne daß er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum

Stehlen hat hinreißen lassen, zeigt, wie sehr der besondere und

unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner

Konstitution und nicht außerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen

war. M... zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartnäckigkeit und einer

raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gefährten hervorragen läßt

und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die

Hand giebt, eine der gewöhnlichen Intelligenz der Verbrecher überlegene

Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so

daß er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich

trägt.

M... war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe fähig,

die an Intensität, Art und Färbung sich sehr von denen unterscheiden,

welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gewöhnlichen Verbrechers

bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise

für einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefühl irgend eine

zärtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn

er Personen oder Umständen sich gegenüber befindet, die sein Gelüst oder

sein Interesse nicht reizen.

Man weiß, in welche Übertreibung eine gewisse Bewunderung für die

Affekte und den Großmut der Verbrecher, besonders der Briganten,

ausgeartet ist. M... ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden,

wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig,

argwöhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild

gewesen und sogar teilweise edelmütig und liebevoll ist. Deshalb muß man

festhalten, daß M... als Verbrecher nicht von der Geburt allein den

ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der

geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualität seine Analogien

mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die

Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter

Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender Art ist, die

sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene

Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir

wollen sehen, worin bei M... diese Analogien bestehen.

3. =Anzeichen epileptischer Natur.= Diese finden sich überall in M...'s

Leben, und es genügt ganz allgemein, auf die exzessiven Zustände

hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M... begleiteten.

M... hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker -- er ist

cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch,

argwöhnisch, neidisch, eitel und übertrieben im Haß und in der Liebe.

Man kann sagen, daß jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen

oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet

werden kann. Und wenn M... ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm

das Verbrechen nicht nur gewohnheitsmäßig und unwiderstehlich und durch

unverhältnismäßige Anlässe hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil

die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und

psychischen Persönlichkeit wuchs, und er sie erblich überkommen hatte

als Ausdruck einer unstäten und krankhaften Naturanlage, so kann man

sagen, daß sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zügen immer durch

den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M... ist ein

geborener Verbrecher, der regelmäßig unter der Wirkung epileptischer

Anfälle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des

gewohnheitsmäßigen epileptischen Verbrechertums dar.

Ein Beweis für die epileptische Natur des M... ist die Periodizität, in

welcher sich sein krankhaftes Temperament äußert, indem die Zeiten, wo

er ganz Zorn, Haß und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er

sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist.

Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments beschränkte sich die

psychische Epilepsie des M..., um diese psychische Epilepsie zu

bestätigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anfälle einer

epileptischen Verrücktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M...

einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende

Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er

zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Störung,

die bald nachher sich entfernte.

In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfällen weitergehender

Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als Störungen des

Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte Hallucinationen des Gefühls

und des Gehörs, Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht,

Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten.

Diese Anfälle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich

mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen

Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten.

Abgesehen davon, daß sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und

Gefühlshallucinationen bestanden.

4. =Veränderungen des moralischen Gefühls.= Das Leben des M... ist

übervoll von Verstößen gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der

Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen

stehen in keinem Verhältnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall

zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid. Er haßte

seinen Bruder und seine Schwägerin, ohne daß er in seinen Schriften auch

nur einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil er neidisch

auf sie ist, die frei und ruhig leben können; während der Bruder nie

seine verwandtschaftlichen Pflichten versäumt zu haben scheint. Sein

Benehmen gegen seine Genossen im Gefängnis und im Heer, seine

Zugehörigkeit zur Camorra zeigen seine Perversität zur Genüge. Aber auch

hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur

des M...; nicht in allen Fällen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte

er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen Umständen war er

menschlich, anständig, edelmütig, und gewissen Personen zeigte er

lebhafte und andauernde Zärtlichkeit. In Foggia, wo er in enger

Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefährten vor

der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der

Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein

Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, daß

M... nicht an einem vollständigen Mangel moralischer Gefühlt litt, der

Blödsinn gewesen wäre, und andererseits beweist es zur Evidenz, daß die

Veränderungen des moralischen Gefühls an die Bedingungen geknüpft waren,

die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze

Persönlichkeit des M... nach der einen oder anderen Richtung hin

verändern. Deshalb stützen auch die Änderungen des moralischen Gefühls

die Ansicht, daß der gewohnheitsmäßige Hang zum Verbrechen, der stets in

ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen

sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen,

welche intensive periodische Änderungen der Persönlichkeit bewirken und

besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen.

M... ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit

dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im

wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsmäßig kraft der

Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen

Natur Verbrechen begeht.

Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der

moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum

vervollständigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der

moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.

5. =Geniale Momente.= Die Lektüre der umfangreichen Schrift M...'s läßt

erkennen, daß er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die über das

Mittelmaß hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt,

die genial genannt werden können. Das zeigt sich in seiner

wirkungsvollen, präzisen, energischen Schreibweise, in der glücklichen

Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen

Dichtungen, in denen die kräftige und glühende Auffassung geradezu

wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in

jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu

dem erhebt, was man gewöhnlich Augenblicke der Inspiration nennt.

6. =Verfolgungs- und Größenwahnideen.= M... war ein Individuum, das die

Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene

Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner

eigenen Individualität zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig

zu beurteilen vermochte.

Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie für sein Leben auch

gewesen sein mögen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde

seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gefährten, Beamten, Wächter waren

entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm

Unbill an, oder sie erwiesen ihm Höflichkeiten. Eine solche Art zu

denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet

nennen, und die nicht genügend Mäßigung und Halt besitzen, sodaß sie

automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind

Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine

besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen

eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewußtsein läßt

sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden

ist, und sie urteilen über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre

vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gefälscht werden.

In diesen Fällen hat das den Dingen gegenübergestellte »Ich« das

ausschließliche Übergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je

nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es

bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich

oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische

Disposition von größerer oder geringerer Intensität, um von schwierigem

oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu

fühlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen

Hyperästhesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach den

Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd

angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur

argwöhnisch ist, ist gewöhnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch

stolz. Abgesehen von der Abnormität des Geistes wäre die Logik

vollkommen. M... hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, überall verfolgt

oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung

von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher

Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als

eine gerechte That erscheinen läßt. Zuweilen erreicht seine Disposition

zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Haß

gegen den Bruder und die Schwägerin ist nicht mehr und nicht weniger als

ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds

und nährte sich von rein imaginären Ansichten. Der Zorn gegen den

zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen

Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem

Militärgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte

Selbstüberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur

Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur,

dem gewohnheitsmäßigen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des

M...? Wir haben gezeigt, daß die Epilepsie nicht jene gewöhnliche

unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation äußert,

sondern daß sie sich vielmehr darauf beschränkt, eine sogenannte

psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen

Störungen äußert.

Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des

epileptischen Temperaments beschränkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich

es nenne, =diffuse= Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments

unvollständiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine

Serie epileptischer Individualitäten hindurch sich ausgestaltet, bis sie

den Gipfel der selbstthätigen Impulsion erreicht hat, die auf einen

beschränkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz

im Gehirn beschränkt ist; anderenteils ist sie bei M... auf der Staffel

der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurück, daß sie nicht in gewissen

epileptischen Anfällen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer

Unreife die Möglichkeit zeitlicher Beschränkung und die rasche und

leichte Veränderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame

Wandelbarkeit des M..., unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der

argwöhnische und selbstgefällige Habitus des M... ist nichts anderes als

der rudimentäre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die während

des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und

neue und akute Bewußtseinszustände und Handlungen schaffen.

Auch die Thatsache, daß M...'s Dispositionen zum Delirieren nicht in

einem gewöhnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der

Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensität

aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen

mit der Erwägung, daß die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der

gewöhnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern

ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als Äußerungen der

besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, daß sie nur Äußerungen der

degenerierten erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M...

sind.

Dieser M... leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit

die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an

nervös-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudimentäre

und vielfältige Manifestationen äußert. Wenn die Epilepsie des M... sich

in der einen oder der anderen Weise mit großer Intensität geäußert

hätte, so würde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der Äußerungen und

sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schließen, daß M...,

der im Grunde und hauptsächlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher,

ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und

Größenwahn Leidender ist.

Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des M... weniger

ausgesprochen wäre, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften

Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abhängigkeit gestanden haben,

und würden anstatt die Schwestern, vielmehr die Töchter einer

krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und

Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgelöst hätte, ohne uns zur

Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M...

herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm

erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die

wichtige Erwägung, daß die Disposition zum Verfolgungs- und Größenwahn

mächtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu

setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese

Disposition in ihm den Boden schuf für die falsche Abschätzung, der die

Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Größe der Beleidigung in

keinem Verhältnis stand.

Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung

gestützt wird, die wir wiederholt an M... angestellt haben.

7. =Anomalien im Körperbau.= Unsere sorgfältigen Untersuchungen haben

zunächst einige Anomalien im Körperbau entdeckt, welche zwar keinen

hohen Grad erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. Es

liegen vor:

a) Leicht henkelförmige Ohren.

b) Spuren von Darwin'schem Höcker.

c) Kurzschädel.

d) Unterbrochene Zähne.

Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthüllen ein

Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung und erinnern an

anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der

Mensch möglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschädel würde an

und für sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M...

Kalabreser ist, wo der Langschädel die Regel ist, so daß das Gegenteil

eine gewisse Rassendegeneration andeutet.

8. =Anomalien in der Sinnesempfindung.= Hier finden wir die größten

Anomalien. M... hat:

a) Subanästhesie des Tastgefühls am ganzen Körper, aber mehr auf

der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken

Seite größer ist.

b) Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.

c) Fehlen des Gehörs auf der rechten und sehr schwaches Gehör auf

der linken Seite.

d) Sehr schwaches Geschmacksvermögen.

Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle

Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind.

9. =Tätowierungen.= Die Tätowierung ist bei M... ein klinisches

Phänomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen

und pathologischen Wert. Die Tätowierung erscheint bei den

Gefängnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Rachepläne und

Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden.

Für den Schmerz, den die Tätowierung mit sich bringt und der gesunde

Personen davon zurückhält, zeigen die Verbrecher eine gewisse

Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die

Tätowierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die

dem gewohnheitsmäßigen Verbrecher eigen sind, und die in ihm

Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen

Ruhms und der Überlegenheit verleihen.

10. =Subjektive Empfindungsstörungen.= Er leidet an Schwindel, heftigen

Kopfschmerzen, glaubt, daß das Haar sich ihm sträubt, und empfindet

nervöse Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen

Vorkommnissen.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 6 / 24 题