I.

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[Illustration: Portrait des Antonino M...

Strafgefangener.

Verurteilt: 5 Jahre Gefängnis wegen Mord. -- 3 Jahre Gefängnis wegen

versuchten Mord. -- 1 Jahr Gefängnis wegen Bedrohung. -- 4 Jahre

Strafcompagnie. -- 2 Monate Eisen wegen Fälschung. -- 16 Jahre und 6

Monate wegen versuchten Brudermord.]

Der Roman

eines

geborenen Verbrechers.

Selbstbiographie

des

Strafgefangenen Antonino M...

von

A. G. Bianchi.

(Mitglied des _Corriere della Serra_ in Mailand)

Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben

mit einem psychiatrischen Gutachten

von Professor

Silvio Venturi

Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro.

Autorisierte deutsche Übersetzung von Dr. Friedrich Ramhorst.

Berlin und Leipzig

Alfred H. Fried & Cie.

1894.

Vorrede.

I.

Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen Gesichtspunkten

beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern

die Empfindung, welche den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu

schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele

zeitgenössische Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle in einer

oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's »Schuld und

Sühne«, Zola's »_Bête humaine_« und Gabriele d'Annunzio's »_Giovanni

Episcopo_« und »_l'Innocente_« sind die letzten Proben dieser

pathologischen Litteratur, wo die Genialität der Verfasser zu einer

tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen sich erhebt und die Kunst

das Ansehen der Wahrheit erreicht.

In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht

größer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu

geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren

stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den

berufsmäßigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder

der angenehmen Täuschung erlangen.

So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk

sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.

Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität kann sich mit Recht als

die _great attraction_ der zeitgenössischen Litteratur bezeichnen:

Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen

Kunstwerk zu reden -- alles dreht sich um den Verbrecher und die

verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; das gewöhnliche

Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzündet, das Mitleid mit dem

Unglück, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.

Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, und wenn die Kunst

das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls

hintanstellt, so tritt für die Wissenschaft das Studium des Verbrechens

hinter dem Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung des

Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen

Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe Unterschied wie

zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die

Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen

Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert.

Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit

stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte und aber Hunderte von

Verbrechern beobachten, um das mehr oder weniger häufige Wiederkehren

eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen

Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden

einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht völlig

dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der

Gefängnisse dem Verbrechertypus.

Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der

Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke

abhängen, ließ den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und

unsicher erscheinen.

Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen

Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur

zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme nötige

Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen

anderen Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten

sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und kamen schärfer zum Ausdruck,

und während die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen

bezeichnet werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen

Elementen.

»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat Gratiolet gesagt. Und

Goethe definierte ihn als ein »abstraktes und allgemeines Bild«.

Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer Art zeigt sich niemals

unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und

gemeinsamen Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen

Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.«

Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des

Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen

Studium voraufgeht.

Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben,

und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus

beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch

Irrsinnigen rangiert.

Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die

typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, läßt sich

feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum

Studium des Individuums fortschreiten.

Das hat zuerst =Lombroso= erkannt, der in seinem »Archiv« zahlreiche

Einzelfälle beschreibt und in seinem »_Palimsesti del carcere_«

verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber

vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem

Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu

liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle zu vertiefen und zu

beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft

war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun.

Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der

Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch den Bericht der Erlebnisse,

die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits

durch das Gutachten des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors

an der Universität Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco,

der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren.

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 1 / 24 题