28. DSCHEMILE UND DIE DREI FREIER

Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und

seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt

nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu

seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist

herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt

bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob

ich wiederkomme.“

Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen

jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das

Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete

ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die

Pilgerfahrt mit ihm zusammen.

Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den

anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in

Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort

einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß

der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in

Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für

ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie

mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die

Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben

bleiben.

Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach

seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam,

traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei

Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn

waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas

vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da

der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie

in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit

Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht

als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das

Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des

Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So

entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der

fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen

geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die

Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu

Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam

sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde

schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines

Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in

die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und

wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für

Leichentuch und Waschung, und begruben sie.

Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten

sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen,

sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens

verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr

Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich

wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht

mehr aushalten und kann meine Sehnsucht nicht bis zum Jüngsten Tage

hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst,

tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben,

und welches Anrecht hättest du auf sie?“

Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu

öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf

ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr

geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen

von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor,

als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die

Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte

ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader

gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte

Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das

Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte

vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu

schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht

schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen,

da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug

die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und

schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen,

wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die

Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt.

Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib

sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet

ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt

ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens

festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können?

Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie

zu schlagen. Ich habe den Stock genommen und sie geschlagen. Hätte ich

das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“

Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer

Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch

ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode

werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures

Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen

wir sehen, was sich machen läßt.“

Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter

wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder

priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr.

Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das

Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des

Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes

weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den

Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters

gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen.

Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken!

Türkische Märchen · 第 49 / 91 题