Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und
seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt
nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu
seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist
herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt
bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob
ich wiederkomme.“
Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen
jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das
Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete
ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die
Pilgerfahrt mit ihm zusammen.
Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den
anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in
Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort
einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß
der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in
Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für
ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie
mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die
Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben
bleiben.
Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach
seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam,
traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei
Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn
waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas
vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da
der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie
in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit
Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht
als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das
Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des
Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So
entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der
fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen
geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die
Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu
Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam
sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde
schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines
Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in
die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und
wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für
Leichentuch und Waschung, und begruben sie.
Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten
sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen,
sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens
verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr
Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich
wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht
mehr aushalten und kann meine Sehnsucht nicht bis zum Jüngsten Tage
hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst,
tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben,
und welches Anrecht hättest du auf sie?“
Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu
öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf
ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr
geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen
von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor,
als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die
Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte
ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader
gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte
Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das
Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte
vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu
schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht
schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen,
da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug
die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und
schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen,
wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die
Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt.
Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib
sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet
ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt
ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens
festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können?
Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie
zu schlagen. Ich habe den Stock genommen und sie geschlagen. Hätte ich
das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“
Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer
Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch
ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode
werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures
Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen
wir sehen, was sich machen läßt.“
Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter
wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder
priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr.
Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das
Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des
Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes
weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den
Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters
gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen.
Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken!