*Füchsel* stellte auch als erster in Deutschland eine geologische
Karte der von ihm durchforschten Gegend her. Auch wußte er seine
Beschreibungen durch deutliche Profile zu unterstützen. Seine
Veröffentlichungen wurden zwar der Allgemeinheit wenig bekannt,
doch sind sie es, auf die *Werner*, der Linné der Geologie, sich
insbesondere stützte.
Die gleichen Bestrebungen wie in Deutschland begegnen uns im 18.
Jahrhundert in Frankreich. Dort untersuchte *Guettard* das Pariser
Becken und gelangte zu dem Schlusse, daß dieses einst von Wasser
bedeckt gewesen und durch die im Lauf der Zeit zu festem Gestein
gewordenen Ablagerungen einmündender Flüsse ausgefüllt worden sei. Die
Berge der Auvergne, wie den Puy de Dôme und den Mont Dore, erkannte
*Guettard* als erloschene Vulkane.
*Guettards*[848] Schrift über die Vulkane der Auvergne ist für die
Entwicklung der Geologie von großer Bedeutung gewesen, da sie den Blick
der Geologen von den nur sporadisch vorkommenden tätigen Vulkanen auf
die außerordentliche Bedeutung des Vulkanismus für längst abgelaufene
Perioden der Erdgeschichte lenkte[849]. Daß die Kegel der Auvergne
einst tätige Vulkane waren, schloß *Guettard* aus den lavaartigen
Gesteinen und den Bimssteinmassen, die sich dort zeigen. Für den
Basalt nahm er seiner scheinbar kristallinischen Regelmäßigkeit
wegen den vulkanischen Ursprung nicht an. Er hielt ihn vielmehr für
eine Kristallisation aus einer wässrigen Lösung. Erst ein jüngerer
Zeitgenosse und Landsmann *Guettards* erkannte die wahre Natur des
Basalts. Dies war *Desmarest*[850]. Er zeigte, daß der Basalt oft
deutlich auf vulkanischer Asche lagert, daß er mitunter auch von dieser
bedeckt wird oder allmählich in Lava übergeht. Wieder an anderen
Stellen fand er den Basalt stromartig geflossen, so daß an seiner
ursprünglich feurig-flüssigen Beschaffenheit nicht mehr gezweifelt
werden konnte. Die gleiche Entstehungsart machte *Desmarest* auch für
die älteren Massengesteine (Granit und Porphyr) wahrscheinlich.
Im Jahre 1746 veröffentlichte *Guettard* eine geognostische Karte, die
den Aufbau Frankreichs, Englands und eines Teiles von Mitteleuropa
zur Darstellung brachte. Diese Karte gibt nicht nur über das Vorkommen
von Gesteinen und Mineralien Auskunft, sondern es sind auf ihr
auch die wichtigsten Bergwerke und Mineralquellen, sowie Fundorte
von Versteinerungen verzeichnet, so daß sie noch heute mit Vorteil
gebraucht werden kann[851].
Später vereinigte sich *Guettard* mit *Lavoisier* in der Absicht,
gemeinschaftlich mit diesem einen mineralogisch-geognostischen Atlas
von Frankreich herauszugeben. Es erschienen auch eine größere Anzahl
von Blättern, doch blieb das Unternehmen unvollendet.
Die Aufstellung von Perioden der Erdgeschichte.
Eine eigenartige Stellung in der Geschichte der Geologie nimmt
*Buffon*, der geistreichste Naturforscher des 18. Jahrhunderts, ein.
*Buffon*[852] (1707-1788), dessen Lebens- und Entwicklungsgang an
anderer Stelle geschildert werden soll, hat die Geologie weniger
durch neue Beobachtungen bereichert, sondern durch die Art, wie er
die bis dahin bekannt gewordenen Tatsachen zusammenzufassen und mit
neuen Gedanken zu verknüpfen wußte. Er hat die Geologie mit einer vor
ihm nicht anzutreffenden Klarheit als die in langen Zeiträumen sich
abspielende Geschichte unseres Planeten dargestellt. Die Planeten sind
nach ihm aus der Sonne hervorgegangen. Die Loslösung der Planeten
vom Zentralkörper erfolgte nach der allerdings unhaltbaren Hypothese
*Buffons* durch den Zusammenstoß der Sonne mit einem Kometen.
Um ein Urteil über die Dauer der gesamten Erdgeschichte zu gewinnen,
stellte *Buffon* zahlreiche Versuche über die Abkühlung glühender
Kugeln von verschiedenem Durchmesser an. Aus den Ergebnissen dieser
Versuche berechnete er, daß sich die Erdkugel in etwa 75000 Jahren von
ihrer anfänglichen bis zu ihrer heutigen Temperatur abgekühlt habe.
Es ergaben sich daraus für die einzelnen Perioden der Erdgeschichte
Zeiträume[853], die heute als viel zu gering erscheinen. Während des
ersten Zeitraums, den *Buffon* auf 35000 Jahre bemessen zu dürfen
glaubte, schieden sich infolge einer unregelmäßigen Zusammenziehung
der äußeren Rinde die Festlandsmassen von den Meeresbecken. Aus der
gleichen Ursache und durch Gasentwicklung im Innern des Erdkörpers
entstand das Urgebirge. Während anfangs das Wasser die Erde als
eine Dunstmasse umgab, verdichtete es sich mit der fortschreitenden
Abkühlung. Die dritte Periode beginnt daher mit der Entstehung des
Urmeeres, aus dem nur die Gipfel der Urgebirge hervorragten. Das
heiße Wasser des Urmeeres besaß in hohem Grade die Fähigkeit, feste
Bestandteile der Erdoberfläche zu zersetzen und aufzulösen. Allmählich
sonderten sich aus dieser Lösung diese Bestandteile als Ton, Schiefer
und Sand in parallelen, dem Urgebirge auf- und angelagerten Schichten
wieder ab. Das Meer bevölkerte sich schließlich infolge der weiteren
Abkühlung mit lebenden Wesen, deren Gehäuse gleichfalls zur Bildung von
Schichten beitrugen. Die fortschreitende Änderung der Lebensbedingungen
bewirkte, daß auch die Lebewelt ihren Charakter ununterbrochen durch
das Aussterben von Arten und die Entstehung neuer Arten änderte. Aus
den Überresten zusammengesetzter Pflanzen entstanden in dieser Periode
auch die Steinkohlen führenden Schichten.
Während der nächsten (vierten) Periode entwickelte sich durch das
Eindringen größerer Wassermengen in das heiße Erdinnere eine gewaltige
vulkanische Tätigkeit, durch welche der bisherige Aufbau der Erdkruste
sehr gestört und die Lage der Schichten in mannigfacher Weise geändert
wurde. Die heutigen Eruptionen und Erdbeben betrachtet *Buffon* als
die verhältnismäßig unbedeutenden Nachwehen des gewaltigen Kampfes der
Elemente, der in jener Periode stattfand.
Im folgenden Zeitraum näherten sich die irdischen Zustände den
heutigen. Gewaltige Landsäugetiere entstanden unter höheren Breiten
zu einer Zeit, als die Lebensbedingungen in der Nähe der heißen
Äquatorialzone noch ungünstig waren. Die Flora und die Fauna drangen
daher von den Polargegenden allmählich in die niederen Breiten vor,
während in der Verteilung von Wasser und Land nur noch geringe
Änderungen stattfanden. So löste sich in dieser, mit dem Erscheinen
des Menschen ihren Abschluß findenden Periode Großbritannien von
Frankreich. Es entstand die Ostsee, und in den außereuropäischen Teilen
der Erde fanden ähnliche Verschiebungen statt, zu denen *Buffon* die
Entstehung der Sundainseln und der Antillen aus Teilen der benachbarten
Festländer rechnet.
Es ist ein Reichtum von neuen Gedanken, die uns in *Buffons*
Darstellung der Epochen der Natur begegnen, Gedanken, die in ihrer
ganzen Bedeutung zum Teil erst spätere Generationen gewürdigt haben.
Weitere Fortschritte der Geologie.
Während *Buffon* wie kein anderer Forscher des 18. Jahrhunderts die
Geologie als Ganzes darzustellen wußte, bemühten sich andere Männer
die Grundlagen dieser Wissenschaft durch eindringende Beobachtung der
Einzeltatsachen immer mehr zu befestigen. Unter ihnen sind zu nennen:
*Pallas* als Erforscher außereuropäischer Länder, *Saussure* wegen
seiner Begründung des wissenschaftlichen Alpinismus, und *Werner*, der
die von *Lehmann* und *Füchsel* begonnene, genauere Erforschung der
einzelnen Formationsglieder fortsetzte.
*Pallas*[854] wurde 1741 in Berlin geboren. Er studierte Medizin
und Naturwissenschaften und wurde in noch jugendlichem Alter an die
Petersburger Akademie berufen und von Katharina II. mit der Leitung
einer Forschungsreise nach Sibirien betraut (1768-1774). Nach seiner
Rückkehr veröffentlichte er ein Reisewerk über das nördliche Asien,
das alle bisher erschienenen Reisewerke in bezug auf Reichtum an neuen
Beobachtungen übertraf. *Pallas* starb 1811 in Berlin.
Das Hauptergebnis seiner Durchforschung Sibiriens war die Beobachtung,
daß der Boden dieses Landes in seinen oberflächlichen, aus Ton,
Mergel und Pflanzenresten bestehenden Teilen mit den Knochen
großer Landsäugetiere förmlich durchsetzt ist. Die Erklärung, die
*Pallas* hierfür gab, war wenig stichhaltig. Sie hat trotzdem
der phantastischen, bald darauf von *Cuvier* aufgestellten
Katastrophentheorie als Grundlage gedient: Aus dem vulkanischen
Charakter der Südsee, die ihm »über einem einzigen vulkanischen Gewölbe
zu stehen« schien und aus der Beschaffenheit der sibirischen Ebene
folgerte *Pallas* nämlich, die Gewässer des Stillen Ozeans seien durch
vulkanische Kraft nach den Polen gedrängt worden und hätten zahllose
Pflanzen und Tiere der tropischen Länder dorthin geschwemmt und im
Schutt der Gebirge begraben.
Kamen die Forschungen von *Pallas* auch in erster Linie der
Zoologie, der Botanik und der Völkerkunde zugute, so ist doch auch
in geologischer Beziehung manche genaue Beobachtung und treffende
Ansicht auf ihn zurückzuführen. Die Meinung *Buffons*, daß das Urmeer
fast bis zu den Gipfeln der ältesten Gebirge gereicht habe, wies
*Pallas* zurück. Nach ihm fand die Erhebung der geschichteten Gesteine
bis weit über das Niveau des Meeres hinaus durch vulkanische Kräfte
statt. *Pallas* verstand es, aus der Störung der Schichten und ihren
Lagerungsverhältnissen Schlüsse auf das Alter der Gebirge zu ziehen
und z. B. begreiflich zu machen, daß die Alpen einem relativ jungen
gebirgsbildenden Vorgang ihren Ursprung verdanken.
Fast ausschließlich der Erforschung der Alpen widmete sich *Horace
Benedicte de Saussure* in vieljähriger, mühevoller Tätigkeit.
*Saussure* wurde 1740 in Genf geboren und bekleidete dort eine
Professur. Im Jahre 1787 führte er zu wissenschaftlichen Zwecken die
erste Besteigung des Montblanc aus[855]. Er starb 1799. Als Ergebnis
seiner alpinistischen Untersuchungen, die sich nicht nur auf die
geognostischen, sondern auch auf die biologischen, meteorologischen
und physikalischen Verhältnisse des Hochgebirges erstrecken,
veröffentlichte er ein umfangreiches Werk[856].
*Saussure* erkannte, daß der Kern der Alpen aus Urgestein (insbesondere
Granit) besteht, und daß sich an diese Gesteine geschichtete, zunächst
auch noch versteinerungslose Gebirgsglieder anlehnen. Hervorzuheben
ist, daß *Saussure*, obgleich er die wissenschaftliche Erforschung der
Gletscher begann, die Findlingsblöcke und andere glaziale Gebilde doch
nicht als solche erkannte, sondern sie im Sinne der Katastrophentheorie
als Zeugen plötzlich auftretender Gewalten, z. B. eines Zusammenbruchs
von Gebirgsmassen, auffaßte. Wertvoll war dagegen sein Nachweis, daß
die Westalpen nicht durch vulkanische Tätigkeit gehoben sein können, da
sich nirgends Spuren einer solchen finden. Über die eigentliche Ursache
der Gebirgsbildung blieb er jedoch die Auskunft schuldig.
Erwähnt sei noch, daß *Saussure* seine geologischen Arbeiten mit
solchen über die Schneegrenze, über die Wärmezunahme im Erdinnern
und die Verbreitung der Pflanzenwelt nach Höhenzonen zu verknüpfen
wußte. In letzterer Hinsicht hat er den pflanzenklimatologischen
Untersuchungen vorgearbeitet, die später *v. Humboldt* am Pik von
Teneriffa und in Südamerika anstellte.
Werners System der Mineralien und der Gesteine.
In dem Maße, wie die Kenntnis der Gesteins- oder Gebirgsarten wuchs,
nahm die bei ihrer Anordnung und Benennung einreißende Verwirrung zu.
Diesem Zustande machte *Werners* erstes systematisches Lehrbuch der
Geognosie ein Ende. Es erschien im Jahre 1787 und führt den Titel:
»Kurze Klassifikation und Beschreibung der verschiedenen Gebirgsarten«.
Abraham Gottlob *Werner* wurde am 25. September 1750 in einem kleinen
Orte der Oberlausitz geboren. Sein Vater verwaltete ein Eisenhüttenwerk
und besaß eine Mineraliensammlung, die den Knaben in hohem Grade
fesselte. Seit dem Jahre 1775 bekleidete *Werner* ein Lehramt an der
Bergakademie in Freiberg[857].
In den von ihm vertretenen Gebieten nahm er bald eine ähnliche
Stellung ein, wie sie um dieselbe Zeit *Linné* in der Reihe der
Botaniker und Zoologen besaß. Beide Männer wirkten vorzugsweise als
Lehrer und Systematiker. Sie verstanden es, für ihre Wissenschaft
zu begeistern und ihr Jünger zuzuführen, während die durch eigenes
Forschen aufgefundenen Ergebnisse sich in bescheideneren Grenzen
hielten. Bei *Werner*, wie bei *Linné*, entwickelte sich ferner eine
gewisse Einseitigkeit, wodurch der weitere Ausbau der Wissenschaft bei
dem Ansehen, das beide Männer genossen, mitunter ungünstig beeinflußt
worden ist.
Da *Werners* Buch über die Fossilien[858] sich besonders eignet, um mit
dem Standpunkt, den die Mineralogie im 18. Jahrhundert einnahm, bekannt
zu machen, da es ferner, wie selten eine Schrift, den Fortschritt
dieser Wissenschaft bedingt hat, so sei aus seinem Inhalt hier noch
einiges mitgeteilt.
Unter Fossilienkunde versteht *Werner* das, was wir heute als
Mineralogie bezeichnen. Sie ist ihm nicht nur ihres Nutzens wegen von
besonderer Wichtigkeit, sondern auch, weil auf ihr die »Lehre von den
Gebirgen« (Petrographie) und die »mineralogische Geographie« (Geologie)
beruhen.
Als den Begründer der neueren Mineralogie haben wir den Deutschen
*Agricola* (Bauer) kennen gelernt[859]. In den auf *Agricola* folgenden
zwei Jahrhunderten waren die Fortschritte dieser Wissenschaft jedoch
gering. Ein erneutes Aufblühen begann um 1730, also etwa 40 Jahre vor
dem epochemachenden Auftreten *Werners*. Zwischen den Mineralogen
des 18. Jahrhunderts war eine gewisse Scheidung eingetreten. Die
einen gründeten ihre Wissenschaft ausschließlich auf die äußeren
Kennzeichen der Mineralien, während andere die wichtigste Aufgabe
in der Zerlegung der Mineralien in ihre Bestandteile erblickten.
Eine vermittelnde Richtung wollte Gruppen von Mineralien nach
ihrer chemischen Zusammensetzung bilden. Für die Bestimmung der
Mineralspezies innerhalb dieser Gruppen sollten aber die äußeren
Kennzeichen maßgebend sein[860]. *Werner* dagegen hielt es für
das Natürlichste, die systematische Gliederung des Mineralreichs
ausschließlich nach der chemischen Zusammensetzung vorzunehmen, weil
auf ihr die wesentlichste Verschiedenheit der Mineralien beruhe. Wenn
sein Buch trotzdem in erster Linie von den Kennzeichen handelt, so
liegt darin kein Widerspruch. »Denn«, sagt *Werner*, »die Mineralien
in ein System bringen und nach Mitteln suchen, um die einzelnen
Mineralspezies rasch und sicher zu erkennen, sind zwei verschiedene
Dinge.« Zudem war die Chemie noch zu unentwickelt, um für das von
*Werner* gewünschte System schon eine ausreichende Grundlage zu geben.
Es lag daher näher, zunächst die Lehre von den äußeren Kennzeichen der
Mineralien durch eingehende Erforschung und scharfe Begriffsbestimmung
zu vervollkommnen. Hierin bestand denn auch vor allem *Werners*
Reformwerk. Recht treffend bemerkt er, er wolle lieber die Mineralien
schlecht geordnet und gut beschrieben als gut geordnet und schlecht
beschrieben haben.
*Werner* unterscheidet äußere, innere und physikalische Kennzeichen.
Die inneren oder chemischen Kennzeichen sind ihm zwar die wichtigsten,
indes aus verschiedenen Gründen unbequem. Ihre Ermittlung erfordere
viele Vorkehrungen und setze voraus, daß der Mineraloge gleichzeitig
ein geschickter Chemiker sei. Bei der chemischen Untersuchung gehe
ferner die Substanz verloren, da man sie zerlegen müsse. Unter
den physikalischen Kennzeichen versteht *Werner* das Verhalten
der Mineralien gegen andere Körper, insbesondere das magnetische
und elektrische Verhalten. Da dieses keine große Rolle spielt, so
bleiben als wichtigste die äußeren, durch unsere Sinne wahrnehmbaren
Kennzeichen übrig.
Am ausführlichsten behandelt *Werner* die Farbe. Sie sei zwar allein
nicht hinreichend, um die Mineralien zu unterscheiden, das seien aber
alle übrigen Eigenschaften einzeln genommen auch nicht. Nur die Summe
aller Eigenschaften bestimme den Begriff eines Minerals[861]. *Werner*
unterscheidet acht Hauptfarben: Weiß, Grau, Schwarz, Blau, Grün, Gelb,
Rot und Braun. Für jede Hauptfarbe werden, unter Anführung eines
typischen Minerals, eine Anzahl Abstufungen unterschieden. Beim Gelb z.
B.:
1. Schwefelgelb (Schwefel),
2. Speisgelb (Schwefelkies),
3. Weingelb (Topas vom Schneckenstein),
4. Goldgelb (Gold) usw.
Jede dieser Abstufungen wird nicht nur durch ein oder mehrere Beispiele
gekennzeichnet, sondern außerdem noch genau beschrieben. Goldgelb, sagt
*Werner* z. B., ist eine metallische, hohe, gelbe Farbe, in der keine
Beimischung einer anderen wahrzunehmen ist.
*Werner* schuf auch die für die äußere Gestalt (den Habitus) noch heute
üblichen Bezeichnungen, indem er Ausdrücke wie »derb, eingesprengt,
angeflogen, gestrickt, dendritisch« usw. so scharf umschrieb, daß sie
für eine wissenschaftliche Terminologie zweckdienlich waren.
Die Kristallform findet zwar schon eine ausgedehntere Berücksichtigung,
doch ist *Werner* von einer wissenschaftlichen Kristallographie noch
weit entfernt. Er unterscheidet eine Reihe von Grundgestalten, wie
die Säule, die Pyramide, die Tafel, die Achtflächner (Würfel und
Rhomboeder), und beschreibt, wie sie durch Abstumpfung, Zuschärfung und
Zuspitzung verändert werden. Abgestumpft nennt er z. B. einen Kristall,
wenn »einige oder alle« Ecken oder Kanten wie abgeschnitten sind. Daß
am Bleiglanz und am Kalkspat ein großer Formenreichtum vorkommt, wird
nur nebenbei erwähnt[862]. Auch geht aus *Werners* Beschreibungen
hervor, daß er charakteristische Formen, wie das Pentagondodekaeder am
Schwefelkies, ebensowenig näher untersucht hat wie seine Vorgänger[863].
Wie gering auf dem Gebiete der Naturbeschreibung noch das Bedürfnis
nach wissenschaftlicher Genauigkeit war, geht aus der ganzen Art
hervor, wie *Werner* das so wichtige, die größten Verschiedenheiten
aufweisende Kennzeichen der »Schwere« berücksichtigt. Von der
so einfachen Bestimmung des spezifischen Gewichtes mittels der
hydrostatischen Wage heißt es[864]: »Dieser Versuch ist in der
Mineralogie unbrauchbar. Denn wie ist es möglich, die dazu nötigen
Werkzeuge gleich bei der Hand zu haben, und in welchem Kabinett würde
es einem Mineralogen erlaubt sein, mit den Erzstufen dergleichen
Versuche anzustellen? Hier müssen wir uns unserer Gliedmaßen bedienen,
indem wir das Mineral in die Höhe heben. Unser Gefühl muß uns dann
sagen, wie groß, unter Bemessung des räumlichen Umfangs, den wir
nach Augenmaß beurteilen, die verhältnismäßige Schwere ist.« Einem
derartigen noch ganz unwissenschaftlichen Verfahren entspricht es denn
auch, wenn *Werner* sich bei seinen Beschreibungen der Angaben leicht,
nicht sonderlich schwer, schwer und außerordentlich schwer, bedient.
Nur ganz nebenher wird auch das chemische Verhalten herangezogen. So
empfiehlt *Werner* den Nachweis von Kupfer durch Ammoniak (blaue Farbe
der Lösung), das Betupfen mit Säure, um kohlensaure Salze nachzuweisen,
usw.
Zum Schluß sei als ein Beispiel, wie *Werner* die Mineralogie
darstellt, seine Beschreibung von Fraueneis (Gips) hierhergesetzt:
Es ist von hellweißer Farbe;
derb;
hat eine unebene Oberfläche;
ist äußerlich kaum schimmernd;
inwendig stark glänzend;
besteht aus großen ebenen Blättern;
zerspringt in rautenförmige Stücke;
ist durchsichtig;
sehr weich;
in dünnen Scheiben etwas elastisch-biegsam;
klingt ein wenig;
ist mager;
etwas kalt anzufühlen;
nicht sonderlich schwer.
Mag uns auch heute das von *Werner* Geschaffene nur dürftig erscheinen,
sein Reformwerk hatte doch den glänzendsten Erfolg und bewirkte, daß
die Mineralogie schon unter seinen Schülern (*Breithaupt*, *Weiß* u.
a.) eine achtunggebietende Stelle einnahm.
Als Geognosie bezeichnet *Werner* »die Wissenschaft, die uns den
festen Erdkörper überhaupt kennen lehrt, und uns mit den verschiedenen
Lagerstätten der Fossilien, aus denen die Erde besteht, und mit
ihrer Erzeugung und ihrem Verhalten gegeneinander bekannt macht«.
Obgleich durch verschiedenartige Zusammenstellung der Mineralien,
von denen schon *Werner* über 200 kannte, sich eine unbegrenzte Zahl
von Mischungen ergeben würde, fand sich, daß die Verschiedenheit
der Gebirgsarten durchaus nicht ins Unendliche geht und daß die
meisten sehr charakteristisch und leicht bestimmbar sind. »Es ist
wahrscheinlich«, sagt *Werner*, »daß wir den größten Teil der
Gebirgsarten schon kennen, da diejenigen der entferntesten Länder
insgemein mit den uns bekannten übereinstimmen«[865]. Sämtliche Arten
werden sodann in fünf Gruppen eingeteilt, die *Werner* als Urgebirge,
Übergangsgebirge, Flözgebirge, aufgeschwemmtes Gebirge und vulkanische
Gesteine unterscheidet.
Zu der ersten Gruppe werden Granit, Gneiß und Glimmerschiefer
gerechnet. »Uranfänglich« nennt *Werner* diese Gesteine, weil sie
gleichsam den Kern der Gebirge vorstellen und sich in das Innere
der Erde erstrecken. Auch der Mangel an Versteinerungen ist ihm
charakteristisch für diese Bildungen. Erst im Übergangsgebirge, das
vorzugsweise aus Tonschiefer und Grauwacke besteht, begegnen uns die
ersten Versteinerungen.
Als Flözgebirge bezeichnet *Werner* Muschelkalk, Sandstein, rotes
Totliegendes, Basalt, Steinkohle, Steinsalz und Gips. Es ist ihm
wahrscheinlich, daß diese Gesteine aus Gliedern der älteren Gruppe
hervorgegangen sind, die ihrerseits wieder durch Kristallisation aus
wäßriger Lösung entstanden sein sollten. Eigentümlich ist ihm für das
Flözgebirge das Vorhandensein von meist zahlreichen Versteinerungen,
sowie die Erscheinung, daß seine Gesteine innerhalb desselben
Gebirgsstocks in der Regel in Lagen miteinander abwechseln, während ein
uranfängliches Gestein an dem Aufbau eines Gebirges ausschließlich oder
doch auf weite Erstreckung beteiligt sei.
Die Verwitterungsprodukte der genannten Gesteine endlich werden als
aufgeschwemmtes Gebirge bezeichnet, das entweder als Seifen aus Kiesel
und Sand die Täler füllt, oder die alles bedeckende Schicht des
niedrigen Landes bildet.
Neptunismus und Vulkanismus.
Die Anschauungen, welche *Werner* über die Natur und den Ursprung
der vulkanischen Gesteine entwickelte, haben dem Fortschreiten der
geologischen Wissenschaft gegenüber keinen Stand halten können. Er
betrachtete sie nämlich als jüngste Produkte, die aus den sedimentären
Gesteinen durch die Wirkung brennender Kohlenflöze umgeschmolzen
seien. Von dem Basalt, dessen feurig-flüssiger Ursprung durch die
Untersuchungen französischer Geologen als zweifellos dargetan worden
war, behauptete *Werner*, das Gestein sei sedimentär; es habe einst
ein weit verbreitetes Lager ausgemacht, das größtenteils wieder
zerstört worden sei und die zerstreuten Basaltkuppen als Überreste
zurückgelassen habe.
Diese Ansicht *Werners* wurde von einem seiner Schüler[866]
angegriffen, und alsbald erhob sich in Deutschland eine erbitterte
wissenschaftliche Fehde zwischen den Anhängern *Werners*, den
»Neptunisten«, und ihren Gegnern, den »Vulkanisten«. Es ist bekannt,
daß auch *Goethe*, wie aus zahlreichen Stellen seiner Werke hervorgeht,
an dieser Streitfrage lebhaften Anteil nahm.
Auch die neue, von *Pallas* und *Saussure* verfochtene Lehre, daß
die Gebirge und ausgedehnte Teile der Erdoberfläche emporgehoben
worden seien, bekämpfte *Werner*. Nach seiner Meinung änderte sich
das Niveau des Weltmeeres; indem die gewaltigen Wassermassen von den
Kontinenten abflössen, schufen sie durch ihre erodierende Tätigkeit die
Unebenheiten der Erdoberfläche, ein Irrtum, der gleichfalls durch einen
Schüler *Werners*, den hervorragenden Geologen *von Buch*, widerlegt
wurde.
Die erwähnten Einseitigkeiten und Irrtümer erklären sich besonders
aus dem Umstande, daß *Werner* seine Lehren auf Beobachtungen
aufbaute, die sich auf das Erzgebirge und die angrenzenden Teile von
Böhmen und Sachsen beschränkten, während die französischen Geologen
und die jüngere, von *Werner* vorgebildete Generation deutscher
Forscher zunächst Italien und bald darauf auch das übrige Europa
und die außereuropäischen Erdteile geologisch untersuchten und mit
der Ausdehnung des Gesichtskreises zu allgemeineren und richtigeren
Ansichten kamen. *Werners* Verdienst war trotzdem nicht gering. Es
besteht für die Geologie wie für die Mineralogie darin, eine »feste
Terminologie eingeführt und dadurch eine klare Darstellung der
Beobachtungen ermöglicht zu haben«[867].
Bevor wir uns den jüngeren Geologen zuwenden, müssen wir uns
mit dem Manne befassen, der am meisten zum Sturz der einseitig
»neptunistischen« Lehre *Werners* beigetragen hat. Es ist das *James
Hutton*. Er wurde 1726 in Edinburg geboren, studierte in seiner
Vaterstadt und in Paris, wirkte als Privatgelehrter und starb 1797.
*Hutton* war ein unvergleichlicher Beobachter und ein nüchterner
scharfer Denker. Seine streng induktiv begründeten geologischen
Ansichten entwickelte er zuerst im Jahre 1785. Ausführlich legte er sie
in der 1795 erschienenen »Theorie der Erde« dar[868].
Seine Beobachtungen stellte *Hutton* in England, Frankreich und vor
allem in Schottland an. Dort untersuchte er im Grampiangebirge die
Grenze zwischen dem Granit und den benachbarten Gesteinen. Dabei
machte er die wichtige Entdeckung, daß von einem Granitstock mitunter
Gänge ausgehen, die das Nebengestein durchsetzen, und letzteres an den
Stellen, wo der Granit es berührt, oft wesentlich verändern. *Hutton*
schloß hieraus, daß der Granit und der sich ähnlich verhaltende Porphyr
eruptiv und jünger als die durchsetzten Schichten seien. Er beobachtete
ferner, daß die von ihm als ursprünglich feurig-flüssig angesehenen
Gesteine sich mitunter zwischen die Schichten sedimentärer Gesteine
ergossen haben und daher irrtümlich für flözartige Bildungen angesehen
wurden.
Zu erklären blieb noch der Unterschied, den Granit, Porphyr und
Basalt gegenüber den eigentlichen, porösen und meist kein deutliches
kristallinisches Gefüge aufweisenden Laven der noch tätigen Vulkane
besitzen. Die Schwierigkeit wurde dadurch gehoben, daß zu jener
Zeit die experimentelle Geologie einsetzte und Beweise für die
Richtigkeit der *Hutton*schen Lehre brachte. *James Hall*, ein
Landsmann *Huttons* und der Begründer des geologischen Versuchs,
zeigte, daß die Laven des Vesuvs, wenn man sie schmilzt und langsam
erstarren läßt, kristallinische Massen ergeben, deren Gefüge von den
Bedingungen dieses Versuches abhängt. Die Ansicht der Neptunisten, daß
eine kristallinische Beschaffenheit stets auf eine Ausscheidung aus
wäßriger Lösung hindeute, war dadurch als Irrtum nachgewiesen. Ferner
erwies *Hall* auf experimentellem Wege die Richtigkeit der Ansicht
*Huttons*, nach welcher der hohe Druck, unter dem sich manche Gesteine
im Erdinnern bilden, die Beschaffenheit ihres Gefüges bedinge. *Hall*
schmolz z. B. Kreide in geschlossenen Gefäßen, so daß eine Zersetzung
in Kalk und Kohlensäure nicht eintreten konnte. Auch in diesem Falle
war das Erstarrungsprodukt körnig kristallinisch und mit dem Marmor
völlig identisch[869]. Die älteren, unter Druck und langsam aus dem
Schmelzfluß erstarrten Massengesteine wurden fortan als plutonische
Gesteine bezeichnet.
Weit vorangeeilt war *Hutton* seinen der Katastrophenlehre huldigenden
Zeitgenossen durch die Gesamtauffassung, die er sich vom geologischen
Geschehen gebildet hatte. Er zeigte sich nämlich schon von den beiden
Grundvorstellungen beherrscht, die erst seit *Lyell* Gemeingut der
Geologen geworden sind[870]. *Hutton* lehnt nämlich den Gedanken,
daß es sich in der Entwicklung der Erde um Katastrophen oder gar um
übernatürliche Kräfte gehandelt habe, entschieden ab und sucht die
Tatsachen aus den bekannten, noch heute wirkenden Kräften zu erklären.
Da deren Wirkungen innerhalb der kurzen der Beobachtung zugänglichen
Zeit aber nur geringfügig sein kann, so nahm *Hutton* zweitens die
Vorstellung bedeutender Zeiträume zuhilfe, innerhalb welcher die
Wirkungen der geologischen Kräfte sich zu großen Gesamtwirkungen
summieren mußten.
Hinsichtlich der geschichteten Gesteine entwickelte *Hutton*
gleichfalls Ansichten, die sich im wesentlichen mit den heutigen
geologischen Anschauungen decken. Für diese Gesteine nahm er einen
doppelten Ursprung an. Sie entstanden auf dem Grunde der Gewässer
als Sand- oder Tonschichten aus dem Material, das sich durch die
Zertrümmerung des festen Landes bildete. Jene Schichten wechseln mit
Kalksteinen ab, die ihrerseits aus den Schalen der Meeresbewohner
hervorgingen. An die Oberfläche gelangten die sedimentären Gesteine
nicht etwa durch das Sinken des Meeresspiegels, wie manche der älteren
Geologen annahmen, sondern die vulkanische Hitze bewirkte eine
teilweise Hebung der Erdkruste. Unter dem Einfluß dieser Hitze sollten
sich auch die Sedimente verfestigt haben, eine Ansicht, der die neuere
Geologie allerdings nicht in ihrem ganzen Umfange beipflichtet. Die
*Hutton*'sche Schule hat auch die erodierende Tätigkeit des Wassers
in vortrefflicher Weise gewürdigt und zuerst auf die gestaltende und
transportierende Wirkung des Gletschereises hingewiesen[871].
Die Begründung der Paläontologie.
Sollte das Studium der Gebirgsglieder Licht über die
Entwicklungsgeschichte der Erde verbreiten, so mußte die Aufmerksamkeit
sich in steigendem Maße den Einschlüssen der Gesteine, den
Versteinerungen, zuwenden. Die alte, verbreitete Meinung, man habe
es in diesen mit Naturspielen oder mit den Überresten der Sintflut
zu tun, wich allmählich der Erkenntnis, daß die Fossilien Zeugnis
von vergangenen Tier- und Pflanzenwelten ablegen. So entstand die
Paläontologie, die vereint mit der gleichfalls im 18. Jahrhundert sich
entwickelnden Geognosie, die Grundlage für die geologische Wissenschaft
des 19. Jahrhunderts bilden sollte. Es entstanden Schriften über die
fossilen Pflanzen, wie das Werk *Scheuchzers*[872]. Und im Jahre
1755 erschien in Deutschland ein größeres, systematisches Werk
paläontologischen Inhalts, das sich den großen naturhistorischen Werken
der Botaniker und der Zoologen dieses, sowie des verflossenen Zeitraums
als ebenbürtig an die Seite stellen konnte[873].
Der Schweizer *Scheuchzer* (1672-1733) war der Hauptvertreter der
»Diluvianer«, die alle Versteinerungen als Zeugnisse für die Sintflut
betrachteten. Einen im Kalkschiefer zu Oeningen gefundenen Abdruck, den
*Cuvier* später einem Riesensalamander (Andrias Scheuchzeri) zuschrieb,
hielt *Scheuchzer* für den »homo diluvii testis«, das »Beingerüst eines
verruchten Menschenkindes, um dessen Sünde willen das Unglück über die
Welt hereingebrochen.«
Der Verfasser des erwähnten paläontologischen Hauptwerkes war
der Nürnberger Sammler und Maler *Knorr*[874]. Unterstützt durch
den Jenenser Professor *Walch* gab *Knorr* ein mit hunderten
von kolorierten Tafeln versehenes Werk heraus, das für die
Versteinerungskunde grundlegend gewesen ist. Die Erläuterungen der
Tafeln rühren von *Walch* her und gelten als Muster gründlicher
Gelehrsamkeit, während man die Herstellung der zahlreichen Tafeln
stets als Zeugnis eines bewunderungswürdigen Fleißes betrachten
wird. Der reiche Inhalt kann nur angedeutet werden; er betrifft
die fossilen Fische, Krebse, Seelilien (Crinoideen), Ammoniten,
Nautiliden, Muscheln, Schnecken, Brachiopoden, Schwämme, Korallen,
Belemniten usw. Am vortrefflichsten ist der Abschnitt über die für
das Silur charakteristische Krebstiergruppe der Trilobiten. Aus dem
Pflanzenreiche werden die fossilen Hölzer und die Steinkohlenpflanzen
genau beschrieben. Der Wert des Werkes wird dadurch erhöht, daß es die
vollständigsten und zuverlässigsten Angaben über die gesamte frühere
Literatur enthält.
*Werner* und seine Schüler hatten ihr Augenmerk in erster Linie auf
die Zusammensetzung und die Lagerung der Gebirgsglieder gerichtet
und den Versteinerungen nur geringe Aufmerksamkeit gezollt. Das Werk
von *Knorr* und *Walch* hatte sich dagegen auf genaues Beschreiben
beschränkt. Erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts lernte man nach und
nach die Versteinerungen als geschichtliche Denkmäler schätzen und ihr
Verhältnis zur gegenwärtigen Lebewelt begreifen. Die Blattabdrücke der
steinkohlenführenden Schichten z. B. hatten die älteren Geologen auf
tropische Gewächse zurückgeführt. Und es erschien fast als ein Wagnis,
daß 1784 ein Geologe[875] erklärte, die betreffenden Überbleibsel
hätten nichts mit jetzt lebenden Pflanzen zu tun, sondern seien auf
gänzlich ausgestorbene Arten zurückzuführen.
Ähnlich änderten sich die Ansichten über die Versteinerungen tierischen
Ursprungs. Große fossile Knochen von Säugern hatte man zwar seit dem
Altertum schon hin und wieder ausgegraben. Erwähnung finden derartige
Funde z. B. bei *Plinius* und später bei *Athanasius Kircher*.
Wissenschaftliches Interesse erregten sie indessen erst im 18.
Jahrhundert, als sich ihre Häufigkeit auffallend mehrte, und man sich
nicht mehr mit der Fabel begnügte, daß es sich hier um untergegangene
Riesengeschlechter handle. Im Jahre 1700 entdeckte man bei Cannstatt
fossile Knochen, unter denen sich viele Elephantenzähne befanden, und
etwa 100 Jahre später konnte *Blumenbach* mehrere hundert Stellen
angeben, an denen man in Deutschland Überreste eines vorweltlichen
Elefanten gefunden hatte, den *Blumenbach* als Elephas primigenius
(Mammut) von den lebenden Arten dieser Gattung unterschied. Die ersten
Nachrichten über Mammutreste in Sibirien stammen aus dem Jahre 1725,
und gegen das Ende des 18. Jahrhunderts wies *Pallas*[876] nach, daß
der Boden des nördlichen Asiens mit den Überresten des Mammuts förmlich
durchsät sei.
Ähnliche, von gewaltigen Landsäugern herrührende Funde machte
man während des 18. Jahrhunderts in Amerika. Aus Resten, die man
im nördlichen Teile dieses Kontinents entdeckte, gelang es, das
Skelett des Mastodons wieder herzustellen; und im Jahre 1789 kam
das vollständige, in den Pampas ausgegrabene Skelett eines riesigen
Geschöpfes nach Europa. Das ausgestorbene Tier, dem es angehörte, wurde
unter dem Namen Megatherium (Riesenfaultier) beschrieben. Um dieselbe
Zeit bemerkte man im Pariser Gips zum ersten Male fossile Knochen von
Vögeln.
Ein ganz neuer Geist wurde der Paläontologie eingehaucht, als *Cuvier*
sie mit der Zoologie und mit der vergleichenden Anatomie in die engste
Verbindung brachte. Wie auf diese Weise die Versteinerungskunde sich
aus der bloßen Naturbeschreibung zu einer induktiv verfahrenden,
modernen Wissenschaft entwickelte, bleibt späterer Darstellung
vorbehalten.