Die Formel P = (mv^2)/r ist der kürzeste Ausdruck der beiden in der
Abhandlung vorangestellten Lehrsätze, die *Huygens*, wie folgt,
ausspricht:
1. Wenn gleiche Körper auf ungleichen Kreisen mit gleicher
Geschwindigkeit rotieren, so verhalten sich die Zentrifugalkräfte
umgekehrt wie die Durchmesser, so daß auf dem kleineren Kreise die
besagte Kraft größer ist.
2. Wenn gleiche Körper auf gleichen (oder auf demselben) Kreise mit
ungleichen Geschwindigkeiten rotieren, so verhalten sich die
Zentrifugalkräfte wie die Quadrate der Geschwindigkeiten.
*Huygens* untersucht dann, wie groß die Geschwindigkeit eines Körpers
sein muß, wenn die auf ihn wirkende Zentrifugalkraft die Schwere
aufheben soll. Er erörtert ferner die infolge der Pendelbewegung
auftretende Zentrifugalkraft und findet beispielsweise[537], daß ein
einfaches Pendel, dessen Masse = 1 gesetzt wird, nach Ablauf der
größten seitlichen Schwingung, d. h. nachdem es durch den ganzen
Quadranten des Kreises gefallen und im tiefsten Punkte angekommen
ist, mit einer dreimal so großen Kraft an seinem Faden zieht, als
wenn es ruhend an ihm hängt[538]. Am eingehendsten betrachtet er
endlich den Fall, daß »an Fäden aufgehängte Körper so rotieren, daß
sie horizontale Kreisperipherien durchlaufen, während das andere
Fadenende unbewegt bleibt«. Er findet, daß sich die Kräfte, welche die
Fäden spannen, bei zwei Zentrifugalpendeln (Abb. 100) von gleichem
Gewicht, aber ungleichen Fadenlängen, bei gleicher Höhe der Kegel wie
die Fadenlängen verhalten. Bezüglich der übrigen bei der Bewegung des
Zentrifugalpendels obwaltenden Verhältnisse muß auf die Lehrsätze
VIII-XIV der *Huygens*'schen Abhandlung hingewiesen werden.
Unter den Versuchen, die *Huygens* über die Zentrifugalkraft anstellte,
sind ihrer Bedeutung wegen besonders die folgenden hervorzuheben. Er
ließ einen ganz mit Wasser gefüllten Behälter, in den er zuvor einige
Holzkugeln gebracht hatte, um seine Achse rotieren. Die Holzkugeln
eilten dann auf die Achse zu, ein Beweis, daß die Zentrifugalkraft
von dem spezifischen Gewicht der rotierenden Körper abhängig ist. Der
Versuch wird heute in der Weise ausgeführt, daß man Holzkugeln in
die Röhren RR des in Abbildung 101 skizzierten Apparates bringt.
Sind die Röhren mit Luft gefüllt, so entfernen sich die Kugeln von
der Achse und laufen, wenn die Drehung hinreichend schnell erfolgt,
bergan. Füllt man die Röhren dagegen vollständig mit Wasser, so bewegt
sich das spezifisch leichtere Holz nach der Achse hin. Das Hinablaufen
der Holzkugeln in der mit Wasser gefüllten Röhre erregt zunächst
Verwunderung. Die Technik hat sich dies Verhalten bekanntlich zunutze
gemacht, um mittelst Zentrifugen die wässrigen Bestandteile der Milch
von den darin schwimmenden, spezifisch leichteren Buttertröpfchen zu
trennen.
[Illustration: Abb. 100. Huygens untersucht die Bewegung des
Zentrifugalpendels[539].]
[Illustration: Abb. 101. Huygens zeigt, daß sich bewegliche Körper
unter dem Einfluß der Zentrifugalkraft nach den spezifischen Gewichten
ordnen[540].]
Den zweiten Versuch stellte *Huygens* mit einer Tonkugel an, indem er
sie in rasche Drehung versetzte. Die Zentrifugalkraft wirkt auf jeden,
außerhalb der Drehachse gelegenen Punkt eines rotierenden Körpers.
Ist die Verbindung keine starre, besteht der Körper z. B. aus einem
plastischen Stoff, so werden, schloß *Huygens*, infolge der mit der
Entfernung von der Achse wachsenden Zentrifugalkräfte Formveränderungen
eintreten. Zum Beweise des Gesagten wurde eine Tonkugel auf eine durch
ihren Mittelpunkt gehende Achse gesteckt und in Drehung versetzt. Die
Kugel nahm darauf die Form eines an den Polen abgeplatteten Sphäroids
an. Durch diesen Versuch und die vorausgehenden Überlegungen vermochte
*Huygens* die von ihm beobachtete Abplattung des Jupiter zu deuten.
Sie erschien ihm als das sicherste Zeichen dafür, daß dieser Planet,
ähnlich wie die Erde, eine Rotationsbewegung besitzt. Dann war aber
auch, schloß *Huygens*, die allen bisherigen Gradmessungen zugrunde
liegende Ansicht von der Kugelgestalt der Erde vermutlich eine irrige.
Rotiert nämlich die Erde, und ist sie kein absolut starrer Körper, so
muß sie gleichfalls von der Kugelgestalt abweichen. Die von *Huygens*
angestellte Berechnung ergab für unseren Planeten eine Abplattung von
1 : 587. *Newton*, der sich mit derselben Frage beschäftigte, fand auf
theoretischem Wege ein Resultat, das den Ergebnissen späterer Messungen
besser entsprach. Der von ihm berechnete Wert betrug 1 : 229.
Diese Untersuchungen der beiden großen Mathematiker sollten durch eine
merkwürdige Beobachtung, die zugleich auf die Wichtigkeit der Pendeluhr
das hellste Licht warf, ihre Bestätigung finden. Der französische
Astronom *Jean Richer* stellte im Jahre 1672 auf der in der Nähe des
Äquators gelegenen Insel Cayenne astronomische Messungen an. Dabei
fiel ihm auf, daß seine von Paris mitgenommene Uhr täglich um 2
Minuten zurückblieb. Als er das Pendel um 5/4 Linien[541] verkürzte,
zeigte die Uhr wieder einen richtigen Gang. Nach Paris zurückgebracht,
ging sie indes zu schnell, bis dem Pendel seine ursprüngliche Länge
wiedergegeben wurde. *Huygens* erklärte diese Erscheinung als eine
Folge der mit der Annäherung an den Äquator zunehmenden Schwungkraft,
welche der Schwere entgegenwirkt und unter dem Äquator 1/289 der
Schwere zu Paris beträgt[542]. Würde demnach, führt *Huygens* aus, die
Erde 17mal so schnell rotieren (17^2 = 289), so würde die Schwere durch
die Schwungkraft völlig aufgehoben werden, so daß bei einer weiteren
Steigerung der letzteren die am Äquator befindlichen Körper sich von
der Erde fortbewegen müßten.
Eine Berechnung *Newtons* ergab zwar für die Schwungkraft gleichfalls
den von *Huygens* gefundenen Wert. Während letzterer aber noch annahm,
daß die Schwere auf der ganzen Erde die gleiche sei, und daß die
Änderungen in der Länge des Sekundenpendels ausschließlich durch die
wechselnde Größe der Schwungkraft bedingt würden, zeigte *Newton*, daß
die Schwere, auch wenn man von der Zentrifugalkraft völlig absieht,
einen veränderlichen Wert besitzt und mit der Annäherung an den Äquator
abnimmt. Für die Notwendigkeit einer Verkürzung des Pendels an Orten
geringerer geographischer Breite ergaben sich somit zwei Ursachen,
die Verminderung der Schwere und das Anwachsen der, einen Teil der
letzteren aufhebenden, Zentrifugalkraft.
Die Mehrzahl der französischen Gelehrten verhielt sich diesen
Ergebnissen gegenüber ablehnend. Man war zunächst geneigt, die
von *Richer* beobachtete Erscheinung auf den Einfluß der Wärme
zurückzuführen. *Newton* hatte diesen Einfluß als zwar meßbar, aber
sehr geringfügig, angenommen, da eine 3 Fuß lange Eisenstange während
des Winters nur um 1/6 Linie kürzer sei als im Sommer. Auch gegen
die Lehre, daß die Erde ein an den Polen abgeplattetes Sphäroid sei,
erhob sich in Frankreich Widerspruch. *Dominique Cassini* (1625-1712),
der Direktor der im Jahre 1667 gegründeten Pariser Sternwarte, für
dessen ausgezeichnetes Beobachtungsvermögen die Entdeckung von
vier Saturnmonden[543], sowie der Rotation des Jupiter sprachen,
glaubte nämlich aus den Resultaten neuerer Gradmessungen schließen
zu dürfen, daß die Erde eher ein längliches Sphäroid sei, anstatt an
den Polen eine Abplattung aufzuweisen. Die Newtonianer nahmen indes
die Beobachtungen an dem Jupiter, der entsprechend seiner auffallend
raschen Umdrehung[544] eine starke Abplattung an den Polen zeigt,
als einen Analogiebeweis für ihre außerdem durch die oben erwähnten
theoretischen Gründe gestützte Ansicht in Anspruch.
Dieser Streit setzte sich bis über das Zeitalter *Newtons* hinaus
fort. Endlich sahen sich die französischen Gelehrten veranlaßt, ihn
durch genauere Gradmessungen zum Austrag zu bringen. Das Ergebnis war
die Richtigkeit der Voraussetzung *Newtons*, dessen System nunmehr
auch in Frankreich einen vollständigen Sieg errang. Wir werden uns
mit dieser Lösung des Problems bei der Betrachtung des auf die
*Newton*-*Huygens*periode folgenden Zeitraumes, in dem auch die erste
genauere Feststellung der Abmessungen unseres Sonnensystems gelang, zu
beschäftigen haben[545].
Die Begründung einer Theorie des Stoßes.
Auf das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kräfte wurde *Huygens*
nicht nur, wie wir oben gesehen haben, durch die Erforschung der
Pendelbewegung geführt, sondern er gelangte zu diesem Grundgesetz
gleichfalls durch die von ihm und einigen ihm nahestehenden Physikern
in Angriff genommene Untersuchung des Stoßes. Eine Theorie des Stoßes
gab es während der ersten Hälfte 17. Jahrhunderts noch nicht. *Galilei*
hatte in seinen »Unterredungen« dem Stoßproblem zwar einen besonderen
Abschnitt gewidmet; leider ist dieser aber unvollendet geblieben.
Soviel ist gewiß, daß *Galilei* hier über allgemeinere Überlegungen
nicht hinausgekommen ist[546]. Auch *Descartes'* Bemühungen, die
Gesetze des Stoßes zu ergründen, waren erfolglos geblieben. Aus diesem
Grunde stellte im Jahre 1668 die Royal Society ihren Mitgliedern
die Aufgabe, die angedeutete, in der Mechanik noch bestehende Lücke
auszufüllen. Infolgedessen entstanden die Abhandlungen, die *Wallis*,
*Wren* und *Huygens* kurze Zeit nach der an sie ergangenen Aufforderung
über die Theorie des Stoßes veröffentlichten.
*John Wallis* wurde 1616 in einem kleinen Orte der Grafschaft Kent
geboren und bekleidete seit 1649 die Professur der Mathematik
in Oxford[547]. Sein Hauptverdienst ist seine Mitwirkung an der
Begründung der höheren Mathematik. Die von *Cavalieri* und von *Wallis*
herrührenden Vorarbeiten haben *Newton* und *Leibniz* den Weg zur
Erfindung der Infinitesimalrechnung geebnet. *Wallis* war 1650 mit
*Cavalieris*[548] »Indivisibilien« bekannt geworden. Er ließ auf dieses
Werk im Jahre 1655 seine »Arithmetica infinitorum« folgen[549], in der
Quadraturen durch Zerlegen eines Flächenstückes in unendlich viele
schmale Parallelogramme und deren Summierung ausgeführt werden.
*Wallis* war der erste von den drei Begründern der Theorie des Stoßes,
der seine Abhandlung der Royal Society vorlegte. Sie erschien im Jahre
1668 und führt den Titel: A summary Account given by Dr. *John Wallis*
of the general laws of motion[550].
*Wallis* betrachtet den Stoß unelastischer Körper, und zwar den
zentralen Stoß, bei dem sich die Körper auf einer, ihre Schwerpunkte
verbindenden, geraden Linie bewegen. Für seine Ableitung verwendet er
den schon bei *Descartes* vorkommenden Begriff der Bewegungsgröße.
Die Massen der zusammenstoßenden Körper seien m und m_{1}. Die
Geschwindigkeiten seien v und v_{1}. Die Geschwindigkeit, welche die
Masse m + m_{1} nach dem Stoß besitzt, sei dagegen u. Dann besteht,
wie *Wallis* fand, die Gleichung u = (mv + m_{1}v_{1})/(m + m_{1}) für
die gleichgerichtete und u = (mv - m_{1}v_{1})/(m + m_{1}) für die
entgegengesetzt gerichtete Bewegung.
Der Zweite, der sich auf Veranlassung der Royal Society mit der
Erforschung der Stoßgesetze befaßte, war der als Baumeister berühmte
*Christoph Wren*, dem London mehr als 60 öffentliche Gebäude und den
Plan für seinen Wiederaufbau nach dem großen Brande vom Jahre 1666
verdankte. *Wren* wurde 1632 geboren und starb im Jahre 1723. Er
gehörte zu den Gründern der Royal Society.
*Wren* fand durch Versuche mit pendelnden Körpern die Sätze für den
Stoß elastischer Körper, ohne die dazu gehörenden Ableitungen geben
zu können. Auch *Huygens* veröffentlichte wenige Monate nach *Wren*
die Gesetze für den zentralen Stoß elastischer Körper ohne Beweise (im
Februar des Jahres 1669). Die von *Wren* und von *Huygens* gefundenen
Ergebnisse lassen sich in folgende Formeln einkleiden. Sind m und
m_{1} die stoßenden Massen, v und v_{1} die Geschwindigkeiten vor,
u und u_{1} die Geschwindigkeiten nach dem Stoß, ist ferner e der
Elastizitätskoeffizient, so ist:
u = (mv + m_{1}v_{1} - e(v - v_{1})m_{1})/(m + m_{1})
u_{1} = (mv + m_{1}v_{1} + e(v - v_{1})m)/(m + m_{1}).
*Huygens* hat später die Lehre vom Stoß ausführlicher und mit Beweisen
entwickelt. Die betreffende Abhandlung erschien aber erst acht Jahre
nach seinem Tode in lateinischer Sprache. Sie wurde neuerdings in
deutscher Übersetzung herausgegeben[551]. Mit dem Inhalt dieser
grundlegenden Arbeit des großen Forschers wollen wir uns etwas näher
befassen.
Obgleich *Huygens* nirgends von vollkommener Elastizität spricht,
setzt er sie dennoch stets voraus. Es geht dies aus der zweiten von
den drei, seinen Lehrsätzen vorangestellten, Voraussetzungen hervor.
Sie lautet: »Wenn zwei gleiche Körper mit gleichen Geschwindigkeiten
aus entgegengesetzter Richtung und direkt sich treffen, so prallt
jeder von beiden mit derselben Geschwindigkeit zurück, mit der er
kam.« Die andere Voraussetzung ist das Beharrungsgesetz und die dritte
das wichtige, von *Huygens* aufgestellte und in seiner Schrift zur
konsequenten Durchführung gebrachte Axiom der relativen Bewegung.
Nach diesem Axiom ist die Bewegung der Körper und die Gleichheit
oder Verschiedenheit der Geschwindigkeiten relativ aufzufassen, d.
h. im Hinblick auf andere Körper, die als ruhend betrachtet werden,
wenn sie auch vielleicht in einer anderen, gemeinsamen Bewegung
begriffen sind. *Huygens* erläutert z. B. den Fall, daß der Insasse
eines fahrenden Schiffes zwei gleiche Kugeln in der Fahrtrichtung mit
gleicher Geschwindigkeit aufeinanderprallen läßt. Für ihn werden sie
dann mit gleicher Geschwindigkeit voneinander zurückprallen. Für einen
am Lande stehenden Zuschauer muß indessen, wenn die Geschwindigkeit
der Kugeln gleich derjenigen des Schiffes ist, die eine Kugel nach dem
Stoße unbewegt bleiben, während die andere mit einer Geschwindigkeit
zurückprallt, die doppelt so groß ist als die ihr von dem Passagier
erteilte Geschwindigkeit.
Lebendige Kraft und Erhaltung der Kraft.
Die Sätze, welche *Huygens* entwickelt, behandeln durchweg den
zentralen Stoß. Da indessen das Verhältnis der Massen und der
Geschwindigkeiten geändert wird, so ergibt sich für seine Betrachtungen
eine Mannigfaltigkeit von Fällen. Einige der wichtigsten mögen hier
hervorgehoben werden. »Wenn auf einen ruhenden Körper ein anderer
gleicher Körper stößt, so wird dieser nach der Berührung ruhen, für den
ruhenden aber wird dieselbe Geschwindigkeit gewonnen werden, die der
stoßende besaß.«
Dieser Satz ist ein besonderer Fall des folgenden: »Wenn zwei gleiche,
mit ungleichen Geschwindigkeiten bewegte Körper zusammenstoßen, so
werden sie sich nach dem Stoße mit vertauschten Geschwindigkeiten
bewegen.«
In diesem, besonders aber in dem berühmten elften, von *Huygens*
aufgestellten Satze, kommt das umfassende Prinzip zum Ausdruck, daß
die gesamte Bewegungsenergie beim Stoße vollkommen elastischer Körper
unverändert bleibt.
Der elfte Satz lautet: Beim wechselseitigen Stoß zweier Körper
ist die Summe der Produkte aus den Massen mit den Quadraten ihrer
Geschwindigkeiten vor und nach dem Stoße gleich. Jenes Produkt wurde
seit *Leibniz* als lebendige Kraft bezeichnet. In dem Satz von
*Huygens* (1669) wird somit zum ersten Male das umfassendste Gesetz
der Mechanik, das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kraft, zum
Ausdruck gebracht. Eine philosophische Andeutung dieses Grundgesetzes
findet sich zwar schon bei *Epikur*, dessen Ansichten über das
Kräftespiel des Universums *Lucretius Carus* in poetische Formen
kleidete[552]. In seiner vollen Bedeutung konnte es erst später erkannt
werden, nachdem man die Wärme als eine besondere Art der Bewegung
kennen gelernt hatte. Einen Ausdruck für die Allgemeingültigkeit
des Gesetzes finden wir jedoch schon bei *Leibniz*, wenn er sich
folgendermaßen ausspricht: »Das Universum ist ein System von Körpern,
die mit anderen nicht kommunizieren. Daher erhält sich in ihm immer
dieselbe Kraft«[553]. Auch was beim Stoß die kleinsten Teilchen an
Kraft absorbieren, bemerkt *Leibniz* an anderer Stelle, sei für das
Universum nicht verloren[554].
Den Ausgangspunkt für diese von *Leibniz* angestellten Betrachtungen
bildete eine Behauptung des *Descartes*, die *Leibniz* als irrtümlich
bekämpfte. *Descartes* hatte nämlich für die Kraftmessung das Produkt
aus Masse und Geschwindigkeit, das sogenannte Bewegungsquantum, gewählt
und behauptet, die Summe der Bewegungsquanten müsse für das Universum
konstant bleiben. Hiergegen wandte sich *Leibniz* in seiner Abhandlung
vom Jahre 1686, deren vollständiger, sehr bezeichnender Titel
folgendermaßen lautet[555]: Kurzer Nachweis des bemerkenswerten Irrtums
des *Descartes* und anderer bezüglich eines Naturgesetzes, demzufolge,
wie sie annehmen, durch Gott immer dasselbe Quantum an Bewegung sich
erhalte[556].
*Leibniz* suchte seinen Gegner zu widerlegen, indem er einen anderen,
und zwar richtigen Satz des letzteren mit Hilfe der von *Galilei*
erkannten Fallgesetze auf einen neuen Ausdruck brachte[557].
*Descartes* hatte nämlich den richtigen Gedanken, die Größe der Kraft
durch das Produkt von Gewicht und Erhebung auszudrücken. Daraus ergab
sich, weil nach den Fallgesetzen die Erhebungen den Quadraten der
beim Beginn des Aufsteigens vorhandenen Anfangsgeschwindigkeiten
proportional sind, daß die Wirkungsgröße dem Produkt aus Gewicht
und Geschwindigkeitsquadrat und nicht dem Produkt aus Gewicht und
Geschwindigkeit proportional ist. *Leibniz* beging insofern noch
einen Irrtum, als er das Produkt mv^2 als den Ausdruck für die
Arbeitsfähigkeit ansah, während der tatsächliche Wert mv^2/2 ist.
Freilich war *Leibniz* das Verhältnis zwischen potentieller und
kinetischer Energie wie auch die Äquivalenz der Naturkräfte noch
unbekannt, obgleich er mit vielen seiner Zeitgenossen die Ansicht
teilte, daß die Wärme in einer Bewegung der kleinsten Teilchen
bestehe. Er gibt sogar ein bezeichnendes Bild von dem Übergang der
Massenbewegung in Molekularbewegung, indem er diesen Übergang mit dem
Wechseln eines größeren Geldstückes in Scheidemünze vergleicht[558].
Weiteres Schicksal der Lehre von der Erhaltung der Kraft.
Wir wollen von dem Standpunkt, den *Leibniz* in dieser Frage gewonnen,
noch einen kurzen Blick vor- und rückwärts tun. Auf die Anklänge bei
*Epikur* haben wir schon hingewiesen. *Voltaire* konnte daher im
Hinblick auf den bei *Descartes* wieder aufkeimenden Gedanken sagen,
sein Landsmann habe nur eine alte Chimäre *Epikurs* erneuert[559].
*Newton* hat sich um die Einführung des Prinzips von der Erhaltung der
Kraft in die Dynamik keine Verdienste erworben, insbesondere war er
weit davon entfernt, Anschauungen über die Abgeschlossenheit und den
Kräftevorrat des Universums zu entwickeln, wie sie uns bei *Leibniz*
begegnen. Dies kommt auch in dem von *Leibniz* herrührenden Worte zum
Ausdruck, die göttliche Maschine *Newtons*, d. h. das Universum, wie er
es sich dachte, sei nach *Newtons* eigener Annahme so unvollkommen, daß
es von Zeit zu Zeit ausgebessert werden müsse.
Aus den Stoßgesetzen hatte sich ergeben, daß die Quantität der Bewegung
nicht konstant ist, und *Newton* hatte daraus geschlossen, daß,
entgegen der Behauptung *Descartes'*, das Bewegungsquantum daher auch
für das Weltall nicht konstant sein könne. Es seien zwei Prinzipien
nötig, eins, um die Körper in Bewegung zu setzen, und ein anderes, um
die Bewegung zu erhalten. Dagegen wandte sich *Joh. Bernoulli*: Wenn
*Newton* die wahre Bedeutung des Prinzips der Erhaltung der lebendigen
Kräfte erkannt hätte, so würde er nicht *zwei* verschiedene Prinzipien
aufgestellt haben. *Dasselbe* Prinzip nämlich, durch das die Bewegung
mitgeteilt werde, bewirke auch, daß die Bewegung sich erhalte, und zwar
nicht im Verhältnis der Quantität der Bewegung, sondern im Verhältnis
der lebendigen Kräfte, woraus hervorgehe, daß die Bewegung in der Welt
niemals verloren gehen könne[560].
Wie *Joh. Bernoulli*, so betonte auch *Leibniz*, daß die Summe der
Kräfte in der Welt erhalten bleibe. Die Kraft vermindere sich nicht,
da kein Körper seine Kraft verliere, ohne sie auf einen anderen zu
übertragen. Ebensowenig vermehre sich die Kraft, da keine Maschine,
also auch die Welt nicht, ohne äußeren Impuls Kraft aus sich erzeugen
könne.
Mit dem Prinzip von der Erhaltung der Kraft haben sich unter *Huygens'*
Nachfolgern während des 18. Jahrhunderts besonders *Johann* und *Daniel
Bernoulli* beschäftigt.
Am meisten Beachtung verdienen die Ausführungen, die *Daniel Bernoulli*
im Jahre 1750 über diesen Gegenstand veröffentlichte[561]. Bei den
Betrachtungen, die wir bei *Huygens* und bei *Leibniz* antreffen,
handelt es sich um die lebendigen Kräfte, die durch eine gleichförmige,
sich selbst parallel bleibende Schwerkraft erzeugt werden. *Daniel
Bernoulli* untersucht den Fall, daß die Zentren ihren Ort verändern,
und beispielsweise die Körper sich gegenseitig nach dem *Newton*schen
Gesetze anziehen. Zunächst seien es zwei Körper. Ihre Massen seien M
und m und ihre Entfernung a. Die Körper sind frei beweglich, so daß sie
sich einander nähern können. *Bernoulli* beweist dann, daß die Summe
ihrer lebendigen Kräfte unverändert fortbesteht, wie auch die beiden
Körper aus ihrer anfänglichen Entfernung a in eine neue x übergehen.
Darauf dehnt *Bernoulli* die Untersuchung auf drei und weiter auf
beliebig viele Körper aus und zeigt, daß auch für sie das gleiche
Gesetz gilt, gleichgültig, welche Bahnen die einzelnen Körper auch
beschreiben mögen. »Die Natur«, so schließt er, »verleugnet niemals das
große Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kräfte«. *Bernoulli* war
es also, der dieses Gesetz zu seiner heutigen allgemeinen Bedeutung
erhoben hat[562].
*Daniel Bernoulli* zerstreute den metaphysischen Nebel, der sich um das
Prinzip der Erhaltung der lebendigen Kraft verbreitet hatte. Um jeden
Anstoß zu vermeiden, zieht er die Bezeichnung vor: »Gleichheit zwischen
dem aktuellen Herabsteigen und dem potentiellen Aufsteigen« und knüpft
damit direkt an *Huygens* an.
*Johann Bernoulli*[563] sagt: »Wir schließen, daß jede lebendige Kraft
ihre bestimmte Quantität hat, von der nichts verloren gehen kann,
was sich nicht in dem ausgegebenen Effekte wiederfindet. Hieraus
folgt, daß die lebendige Kraft sich immer erhält, so daß diejenige,
die sich vor der Aktion in einem oder mehreren Körpern befand, nach
der Aktion in dem einen oder den anderen Körpern sich vorfindet,
wenn nicht ein Teil von ihr in dem ersten Körper oder in dem System
zurückgeblieben ist. Das ist es, was ich die »Erhaltung der lebendigen
Kräfte« nenne.« Dieses allgemeine Naturgesetz sei auch da gültig, wo
scheinbar eine Abweichung stattfinde. »Wenn nämlich die Körper nicht
vollkommen elastisch sind, so scheint ein Teil der lebendigen Kräfte
beim Zusammendrücken ohne Rückkehr in den früheren Zustand verloren
zu gehen. Wir müssen uns aber vorstellen, daß dieses Zusammendrücken
der Kompression einer elastischen Feder entspricht, die durch ein Band
(Sperrvorrichtung) verhindert wird, sich wieder auszudehnen und auf
diese Art die lebendigen Kräfte, die sie von dem auf sie treffenden
Körper empfangen, nicht zurück gibt, sondern in sich zurück behält,
so daß ein Verlust an Kraft nicht stattfindet.« Dies ist für *Johann
Bernoulli* eine Denknotwendigkeit, denn jedermann betrachte es als
ein Axiom, daß keine wirkende Ursache verloren gehen kann, weder als
Ganzes noch als Teil, ohne einen dem Verluste gleichen Effekt zu
bewirken. Ähnlich wie *Johann* äußert sich *Daniel Bernoulli*[564].
Beide waren also dem Ziele nahe, den Übergang von Massenbewegung zur
Molekularbewegung und das mechanische Äquivalent der Wärme zu finden.
Was in dieser und der nächst folgenden Periode fehlte, waren sichere
numerische Daten. Mit Recht wies *Diderot* darauf hin[565], daß man zu
einer Kenntnis der Korrelation der Naturkräfte erst gelangen werde,
wenn der experimentelle Teil der Physik weiter vorgeschritten sei.
Da das Prinzip der Erhaltung der Energie auf die Mechanik beschränkt
blieb, und es nicht gelang, es für alle Gebiete der Physik
durchzuführen, geriet es fast in Vergessenheit, so daß selbst *Kant*,
obgleich er eine Schrift über die Schätzung der lebendigen Kräfte
veröffentlichte, das Prinzip nicht erwähnte.
Erst durch die neuere umfassendere Begründung des Prinzips von der
Erhaltung der Energie ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen
Zweigen der Physik gewonnen und damit die Mechanik zur Grundlage für
alle übrigen Zweige der Physik gemacht worden.
Auffallend ist, wie erwähnt, daß auch *Kant* bei seinen Betrachtungen
über das Weltall und den Weltbildungsprozeß nirgends auf das
Prinzip von der Erhaltung der Kraft Bezug nahm. Dagegen lehrte er
in seinen »Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft« die
Unveränderlichkeit der Quantität der Materie[566]. Die Ausdehnung
des Prinzips, von der Dynamik, für die es zunächst erkannt war,
auf sämtliche Naturvorgänge, erfolgte erst in der Mitte des 19.
Jahrhunderts durch *Mayer*, *Joule* und *Helmholtz*. Das Verhältnis
dieser Männer zu *Daniel Bernoulli* läßt sich mit demjenigen
vergleichen, das zwischen *Koppernikus* und *Aristarch* besteht.
Mariottes Entdeckungen.
Unter den Zeitgenossen *Newtons* ragte neben *Huygens* der Franzose
*Mariotte* hervor, wenn er auch den beiden zuerst genannten Forschern
an Bedeutung erheblich nachstand. *Mariotte* wurde 1620 geboren und
trat 1666, also im Jahre ihrer Gründung, in die Pariser Akademie der
Wissenschaften ein. Er starb in Paris am 12. Mai des Jahres 1684.
*Mariotte* arbeitete besonders auf den Gebieten der Mechanik, der
Optik und der Wärmelehre[567]. Sein Verdienst um die ihm und *Boyle*
gelungene Auffindung des Grundgesetzes der Aëromechanik haben wir
schon an früherer Stelle hervorgehoben. *Mariotte* veröffentlichte
seine Entdeckung dieses Grundgesetzes im Jahre 1676, sechzehn Jahre
später als *Boyle*, in einer »Essai sur la nature de l'air« betitelten
Abhandlung[568]. Wenn sein Verdienst auch dadurch, daß *Boyle* die
Priorität gebührt, verringert wird, so war doch *Mariotte* der erste,
der aus diesem Gesetz die Abhängigkeit des Luftdrucks von der Höhe zu
ermitteln suchte und so die barometrische Höhenmessung begründete.
Der Weg, den *Mariotte* hierbei einschlug, war zwar der richtige,
doch gelang es erst *Deluc*, eine brauchbare hypsometrische Formel
abzuleiten.
Die Hydromechanik bereicherte *Mariotte* durch seinen »Traité du
mouvement des eaux et des autres fluides«. Die Schrift erschien
1686[569] und handelt besonders von dem Ausfluß und der dabei
auftretenden Reibung, aus der *Mariotte* manchen Widerspruch zwischen
Theorie und Erfahrung erklärte. In dieser Abhandlung hat er auch
die bekannte, nach ihm *Mariotte*sche Flasche genannte Vorrichtung
beschrieben, die es ermöglicht, eine Flüssigkeit unter konstantem
Druck ausfließen zu lassen. Ferner gab er hier die erste Formel der
Berechnung der Wandstärke für zylindrische Röhren, die einen Druck
von innen erfahren, erörterte die Bewegung des Wassers in solchen
Röhren, die Stoßwirkung von Flüssigkeiten, die Springhöhe von Fontänen
und manche andere für Wissenschaft und Technik gleich wichtige
Frage. Die Veranlassung zu seinen Untersuchungen über Hydrostatik
und Hydrodynamik sollen ihm die prächtigen Wasserwerke zu Versailles
gegeben haben[570]. Auch mit der Mechanik der festen Körper hat sich
*Mariotte* beschäftigt. In einer Abhandlung[571] vom Jahre 1677
untersuchte er den Stoß und beschrieb eine Vorrichtung, um die von ihm
und anderen (insbesondere von *Wren*) gefundenen Gesetze experimentell
nachzuweisen. Sie besteht aus einer Anzahl Elfenbeinkugeln, die sich
berühren und so aufgehängt sind, daß ihre Mittelpunkte in einer
horizontalen geraden Linie liegen[572].
In der Optik ist *Mariotte* durch die Entdeckung des »blinden Flecks«
im Auge bekannt geworden. Er machte der Pariser Akademie darüber
im Jahre 1666 folgende Mitteilung: »Ich hatte bei anatomischen
Untersuchungen von Menschen und Tieren oft beobachtet, daß der Sehnerv
nicht genau der Pupille gegenüber in den Augapfel eintritt, sondern
etwas höher und mehr nach der Nase hin. Um daher die von einem
Gegenstande kommenden Lichtstrahlen auf den Sehnerven meines Auges
fallen zu lassen und zu untersuchen, was dann geschähe, befestigte ich
auf einem dunklen Hintergrund, etwa in der Höhe meiner Augen, eine
kleine Scheibe aus weißem Papier, die mir zum Fixieren dienen sollte.
Ferner brachte ich eine zweite Scheibe rechts von der ersten, aber
etwas tiefer und etwa 2 Fuß davon entfernt an, so daß sie auf den
Sehnerven meines rechten Auges wirken konnte, während ich das linke
geschlossen hielt. Ich stellte mich der ersten Scheibe gegenüber und
entfernte mich allmählich, indem ich sie immer im Auge behielt. Als
ich mich etwa neun Fuß entfernt hatte, verschwand die zweite Scheibe,
die etwa 4 Zoll Durchmesser besaß, vollständig. Dies ließ sich nicht
etwa aus der seitlichen Lage der zweiten Scheibe erklären, denn ich
bemerkte andere Gegenstände, die sich noch mehr seitlich befanden, so
daß ich hätte glauben können, man habe die zweite Scheibe entfernt.
Doch erblickte ich sie sofort wieder, sobald ich die Stellung meines
Auges ein wenig veränderte. Sobald ich dann wieder die erste Scheibe
ins Auge faßte, verschwand die zweite, zur Rechten befindliche Scheibe
sofort wieder. Ich machte dann denselben Versuch, indem ich meine
Entfernung von den Scheiben, gleichzeitig aber, und zwar im selben
Verhältnis, deren Abstand voneinander änderte. Ich stellte ihn ferner
mit dem linken Auge an, indem ich das rechte geschlossen hielt. Zuvor
hatte ich die zweite Scheibe, links von meinem Fixierpunkte (der
ersten Scheibe nämlich) anbringen lassen. Auf solche Weise stellte ich
fest, daß es sich unzweifelhaft um einen Sehfehler handelt, der den
Sehnerven (richtiger seine Eintrittstelle) betrifft. Das Überraschende
ist, daß, wenn man auf diese Weise eine auf hellem Grunde befindliche
schwarze Papierscheibe verschwinden sieht, man nicht etwa irgend
welchen Schatten oder eine dunkle Stelle dort erblickt, wo sich das
Papier befindet. Der Hintergrund erscheint vielmehr in seiner ganzen
Ausdehnung weiß«[573]. Der Versuch erregte das größte Aufsehen. Die
Royal Society wiederholte ihn 1668 sogar in Gegenwart des Königs.
*Mariotte* kam zu dem unrichtigen Schluß, daß nicht die Netzhaut,
sondern die darunter liegende Aderhaut der Sitz des Sehvermögens sei.
Ein Verdienst um die Optik erwarb sich *Mariotte* auch durch seine
Erklärung der um Mond und Sonne mitunter auftretenden Höfe, sowie der
Nebenmonde und der Nebensonnen. Seine Theorie über die Entstehung der
einen Durchmesser von 23 Graden besitzenden Höfe gilt im wesentlichen
auch heute noch. Er erklärt die Erscheinung durch die Annahme, daß
in den höheren Regionen prismatische Eisnadeln schweben, in denen
das Licht eine zweimalige Brechung und eine Reflexion erleidet. Das
Beweisverfahren ist demjenigen ähnlich, das *Descartes* zur Erklärung
des Regenbogens aus der in den Wassertropfen stattfindenden Brechung
und Spiegelung anwendet. Da die Eisnadeln in allen denkbaren Lagen die
Luft zwischen dem Auge des Beobachters und der Sonne oder dem Mond
erfüllen, so muß auch immer eine genügende Anzahl von Nadeln vorhanden
sein, deren Achse senkrecht zur Verbindungslinie des Auges mit dem
Himmelskörper steht. Für diese Stellung der Nadeln ergibt aber die
Berechnung den beobachteten Winkel von 23 Graden.
Auf dem Gebiet der Wärmelehre verdanken wir *Mariotte* wichtige
Beobachtungen, die Licht über die Wärmestrahlung verbreiten. Er
wies z. B. nach, daß die Sonnenstrahlen das Glas fast ungeschwächt
durchdringen, während die Wärme des Kaminfeuers dadurch fast ganz
zurückgehalten wird. *Mariotte* bediente sich dazu eines Brennspiegels,
der vor einem Kaminfeuer in seinem Fokus eine unerträgliche Hitze
erzeugte. Letztere verminderte sich sehr, wenn eine Glasplatte
zwischen den Kamin und den Spiegel gebracht wurde. Berühmt ist ferner
*Mariottes* Versuch, Schießpulver mit einer aus Eis gebildeten Linse
zu entzünden. Er beschreibt ihn mit folgenden Worten[574]: »Mehrere
Personen haben versucht, Brennspiegel aus Eis herzustellen, indessen
hat dies seine Schwierigkeiten. Um vollkommen reines Eis herzustellen,
ließ ich klares Wasser eine halbe Stunde kochen und trieb so alle Luft
heraus. Dies Wasser ließ ich zu einer Platte gefrieren, die einige Zoll
dick war. Sie enthielt keine Blase und war vollkommen durchsichtig.
Ein Stück dieser Eisplatte brachte ich dann in ein kleines, sphärisch
ausgehöhltes Gefäß und ließ das Eis darin unter wiederholtem Umwenden
so lange schmelzen, bis es auf beiden Seiten die sphärische Form
des Gefäßes angenommen hatte. Dann ergriff ich das Eisstück an den
Rändern, wobei ich mich eines Handschuhes bediente, und brachte es in
die Sonne. In kurzer Zeit vermochte ich mit Hilfe einer solchen, aus
Eis verfertigten Linse Schießpulver zu entzünden, das ich in ihren
Brennpunkt gebracht hatte.«
Das Wesen der Wärme erblickten die meisten im 17. Jahrhundert zumal
nach der Wiederbelebung der atomistischen Lehre durch *Gassendi*,
in besonderen Wärmeatomen, wie man auch für das Licht eigene Atome
annahm. Wenn *Gassendi* sagt, daß die Wärme eindringt, auflöst usw.,
so versteht er darunter, daß bestimmte Atome, die nicht etwa selbst
warm sind, in die Körper eindringen, durch sie hindurchgehen, sie
auseinandertreiben usw. Die Wärmeatome betrachtete man als sehr klein,
rund und mit lebhafter Bewegung begabt. Diese Eigenschaften sollten sie
befähigen, in die Poren aller Körper einzudringen.
Daß man es in der Wärme mit einem Bewegungszustand zu tun haben könne,
wurde nur vereinzelt und ohne tiefere wissenschaftliche Begründung
ausgesprochen. Immerhin bestand ein Gegensatz der Meinungen, zumal
nachdem *Daniel Bernoulli* und *Euler* zu Beginn des 18. Jahrhunderts
Ansichten über die Natur der Wärme entwickelt hatten, die von den
herrschenden abwichen. Auch eine Preisaufgabe, welche die Akademie der
Wissenschaften zu Paris im Jahre 1736 ȟber das Wesen des Feuers und
seine Fortpflanzung« gestellt hatte, wurde im Sinne der Materialität
der Wärme beantwortet. Im übrigen konnte die Frage nach der Ausbreitung
des Feuers bei dem damaligen Stande der Physik und der Chemie keine
Lösung finden. Wenig später hat auch *Kant* zu dieser Frage Stellung
genommen[575]. Nach ihm ist »der Stoff des Feuers ein elastischer
Stoff, der die Elemente der Körper zusammenhält. Seine wellenförmige
oder zitternde Bewegung ist das, was man Wärme nennt«.
Was uns im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Gebiet der Wärmetheorie
begegnet, bestand somit vorzugsweise aus Hypothesen und Vergleichen.
Dagegen fehlte es an der genügenden Stütze durch Versuche und Messungen.
Im Zusammenhange mit der Wärmelehre wurde auch die Meteorologie
gefördert. So verglich *Mariotte* z. B. die Niederschlagsmenge mit dem
aus einem Stromgebiet abfließenden Wasserquantum. Seine Berechnungen
stellte er für die Seine an, deren Gebiet er auf 3000 französische
Quadratmeilen schätzte. Die jährliche Regenhöhe betrug nach den
damals angestellten Messungen 15 Zoll, was eine Wassermenge von mehr
als 600 Millionen Kubikfuß ergab, während die Seine nur etwa 100
Millionen Kubikfuß, also 1/6 des gesamten Niederschlags, fortführt.
Diese Berechnung würde zwar heute keinen Anspruch auf Genauigkeit
mehr erheben können. Auch konnte *Mariotte* kaum ahnen, wie wichtig
solche Ermittlungen, zu denen er den Weg gewiesen, für spätere, auf
eine wirtschaftlichere Ausnutzung des Wasserreichtums gerichtete
Bestrebungen sein würden.
Halleys astronomische und physikalische Forschungen.
Noch engere Beziehungen als zwischen *Newton* und *Huygens* bestanden
zwischen dem unvergleichlichen englischen Forscher und seinem jüngeren
Landsmann *Halley*, der zu *Newton* in einem ähnlichen Verhältnis
stand, wie ein halbes Jahrhundert früher *Torricelli* zu *Galilei*.
*Edmund Halley* wurde 1656 in der Nähe von London geboren. Seine
Neigung für die Mathematik und die Physik zeigte sich wie bei
*Newton* sehr früh. Als 15jähriger Schüler widmete er sich schon der
Verfertigung von Apparaten und Beobachtungen über den Erdmagnetismus.
*Halley* studierte in Oxford und veröffentlichte mit 20 Jahren seine
erste Abhandlung in den Philosophical Transactions. Sie betraf die
Exzentrizität der Planetenbahnen. Im selben Alter wußte er vornehme
Gönner dafür zu gewinnen, daß man ihn mit dem Auftrage, einen
Fixsternkatalog des südlichen Himmels herzustellen, nach St. Helena
schickte. Die Kosten für diese Expedition übernahm die Ostindische
Kompagnie. Der Katalog, der etwa 360, in Europa nicht sichtbare, Sterne
enthielt, erschien 1679[576] und trug *Halley* die Mitgliedschaft
der Royal Society ein, in der er ein Jahr vor der Veröffentlichung
seiner Arbeit, als 22jähriger, aufgenommen wurde. Nach seiner Rückkehr
wurde *Halley* durch die Erscheinung der großen Kometen von 1680 und
1682 angeregt, sich der Erforschung dieser Himmelskörper zu widmen.
Zunächst galt es noch, eine Methode zu finden, um aus einer Reihe
von Beobachtungen die Bahn eines Kometen zu bestimmen. Zu diesem
Zwecke trat *Halley* im Jahre 1684 mit *Newton* in Verbindung.
Letzterer setzte ihn von seinem, später am Schlusse der Prinzipien
veröffentlichten Konstruktionsverfahren in Kenntnis. Dabei gewann
*Halley* auch Einblick in die übrigen Vorarbeiten zu *Newtons* großem
Werke, das dieser, wie *Koppernikus* seine »Kreisbewegungen«, jahrelang
nicht zum Abschluß und zur Kenntnis der Mitwelt brachte, um immer noch
kleine Unvollkommenheiten zu beseitigen. Dem Drängen *Halleys*, der
*Newton* das Werk förmlich abringen mußte und den Druck besorgte, ist
es zu danken, daß die »Prinzipien« endlich im Jahre 1688 erschienen.
Nach der von *Newton* geschaffenen Theorie berechnete *Halley* aus
den vorhandenen Beobachtungen die Bahnen von 24 Kometen, die in den
Jahren 1337 bis 1608 erschienen waren. Der früheren Annahme entgegen,
daß man es in diesen Weltkörpern durchweg mit fremden Eindringlingen
ganz unbekannter Herkunft zu tun habe, die auf ihrem parabolischen
Wege dem Sonnensystem einen kurzen Besuch abstatteten, machte *Halley*
die überraschende Entdeckung, daß gewisse Kometen Glieder unseres
Systems sind und sich wie die Planeten in elliptischen, wenn auch sehr
langgestreckten Bahnen um die Sonne bewegen. Diese Entdeckung machte
er an dem Kometen des Jahres 1682. Die Berechnung ergab nämlich für
diesen und die 1607 und 1531 erschienenen Kometen fast die gleichen
Elemente[577]. War die Annahme *Halleys*, daß es sich hier um dasselbe
Gestirn handle, das sich innerhalb 75 Jahren in elliptischer Bahn um
die Sonne bewege, zutreffend, so war eine neue Wiederkehr im Jahre 1759
zu erwarten. Diese einzigartige Vorhersage, der im 19. Jahrhundert die
Entdeckung des Neptun durch *Leverrier* an die Seite zu stellen ist,
traf auch ein. Der Komet erschien 1835 nach weiteren 75 Jahren und
wurde auch im Jahre 1910 beobachtet. Die Erscheinung des *Halley*schen
Kometen ist später bis zu dem Beginn unserer Zeitrechnung zurück
verfolgt worden. Eine periodische Wiederkehr hat *Halley* ferner für
den Kometen von 1680, wohl den größten der je beobachtet wurde -- sein
Schweif war 70 Grad lang -- wahrscheinlich gemacht. Die Umlaufszeit
beträgt für diesen Kometen nach *Halleys* Annahme 575 Jahre. Die
Richtigkeit dieser Annahme würde also erst durch eine Wiederkehr im
Jahre 2255 ihre Bestätigung finden können.
*Halley* hat auch zuerst die Meteore mit den Kometen in Parallele
gebracht, indem er für sie gleichfalls einen kosmischen Ursprung
annahm. Früher hatten sie für atmosphärische Erscheinungen gegolten.
Aus den Beobachtungsdaten, die für ein 1708 in England gesehenes
Meteor vorlagen, ergab sich eine solche Höhe für das Aufleuchten der
Feuerkugel, daß *Halley* zu der erwähnten Annahme geführt wurde. Er
drang indessen mit seiner Ansicht nicht durch, und es blieb *Chladni*
vorbehalten, endgültig die Lehre zur Anerkennung zu bringen, daß wir es
in den Meteoren und in den Sternschnuppen mit kosmischen Gebilden zu
tun haben[578].
*Halleys* weitere astronomische Tätigkeit fällt vorzugsweise in
die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wird in einem späteren,
die Astronomie dieses Zeitraums behandelnden Abschnitt geschildert
werden. Als Physiker hat sich *Halley* auf dem Gebiete der Optik, des
Magnetismus und der Wärmelehre sehr verdient gemacht.
Wir haben erfahren, mit welchen Schwierigkeiten *Kepler* bei der
Begründung der Dioptrik zu kämpfen hatte, weil ihm die Kenntnis
des Brechungsgesetzes und einer Formel für die Brenn- und
Vereinigungsweiten der Linsen noch fehlte. Die Feststellung dieser
Formel gelang, nachdem eine Regel für die Berechnung der Brennweiten
sphärischer Gläser von *Cavalieri* aufgefunden war[579], in allgemein
gültiger Weise erst *Halley* im Jahre 1693[580]. Seine dioptrische
Fundamentalformel läßt sich auf die bekannte einfache Form 1/f = 1/a +
1/b bringen, worin f die Brennweite, a und b Gegenstands- und Bildweite
bedeuten. Sie gilt nicht nur für sphärische Linsen, sondern auch für
sphärisch gekrümmte Spiegel[581].
Eine andere wichtige Formel, deren Ableitung wir *Halley*
verdanken[582], ist die von *Mariotte* vergeblich gesuchte Formel für
die barometrische Höhenmessung. Der Weg, den *Halley* dabei einschlug,
ist der folgende: Nach dem *Boyle*schen Gesetze verhalten sich die
Volumina einer Luftmasse umgekehrt wie die Drucke oder v : v^1 = p^1
: p. Ebenso verhalten sich aber auch die Koordinaten einer Hyperbel,
wenn wir ihre Asymptoten als Ordinaten- und Abszissenachse wählen.
Es ist nämlich (s. Abb. 102) OP : OQ = QB : PA. Stellen
somit OP, OQ und OR die Drucke vor, so sind PA, QB und
RC die zugehörigen Volumina der betreffenden Luftmasse. Für die
Volumina können wir die Höhen setzen, da in einer zylindrischen oder
prismatischen Luftschicht, die sich von der Erde bis zur Grenze der
Atmosphäre erstreckt, die Grundflächen für alle Teilschichten dieselben
bleiben. Nun ist aber die Gesamthöhe aller Luftschichten zwischen zwei
Stellen, denen der Barometerstand OS und OR zukommt, gleich der
Fläche RCDS. Ferner verhalten sich bei der zugrunde gelegten Hyperbel
die Flächen
RCDS : QBCR = log(OS/OR) : log(OR/OQ).
Daraus folgt, da die Flächenräume die Höhen und die Abszissen die
Barometerstände vorstellen,
H = A log(B/b).
A bedeutet eine Konstante, deren Wert *Halley* aus dem Verhältnis
der Dichten von Luft und Quecksilber bestimmte. Dies ist die
Barometerformel in ihrer einfachsten Form und ohne Berücksichtigung
der Temperatur. Der erste, der sich dieser logarithmischen Formel bei
Höhenmessungen bediente, war *Bouguer* während seiner mit *Condamine*
unternommenen Gradmessung in Peru.
[Illustration: Abb. 102. Halleys Ableitung der barometrischen
Höhenformel.]
*Halleys* Verdienste um die Mathematik können hier nur ganz kurz
gestreift werden. Erwähnt seien einige Arbeiten, die eine konstruktive
Auflösung der kubischen und der biquadratischen Gleichungen unter
Anwendung der Kegelschnitte brachten[583]. Wichtig ist auch *Halleys*
etwas später (1695) erschienene Abhandlung über die Berechnung
der Logarithmen[584]. Sie enthält unter anderem eine bis auf 60
Dezimalen durchgeführte Berechnung des Moduls des *Brigg*schen
Logarithmensystems[585]. Auch durch seine Apollonios-Ausgabe vom Jahre
1710 erwarb sich *Halley* hervorragende Verdienste. Da nur die ersten
vier Bücher, die *Apollonios* über die Kegelschnitte geschrieben,
in griechischer Sprache auf uns gekommen sind, während vom fünften,
sechsten und siebenten Buche nur eine arabische Übersetzung zu Gebote
stand, so war *Halley*, um seine Aufgabe zu lösen, zur Erlernung der
arabischen Sprache gezwungen. Letztere beherrschte er bald in solchem
Maße, daß er Verbesserungsvorschläge zu arabischen Texten machen
konnte, welche die Bewunderung der Orientalisten erregten.
Etwas eingehender betrachten müssen wir *Halleys* Anwendung der
Mathematik auf ein biologisches und sozialpolitisches Problem, nämlich
auf die Ermittlung der Lebenswahrscheinlichkeiten, ein Problem,
das für die gegen das Ende des 17. Jahrhunderts in England und in
Holland aufkommende Rentenversicherung von größter Bedeutung war. Die
betreffende Arbeit *Halleys* erschien 1693[586] unter dem Titel: Eine
Schätzung des Sterblichkeitsgrades, gegründet auf eine Statistik der
Geburts- und Sterbefälle. *Halleys* Schrift enthält für jene Zeit ganz
neue, die Sterblichkeit betreffende Entwicklungen und bringt eine
solche Fülle der fruchtbarsten Gedanken, daß man sie als grundlegend
für diesen Teil der Sozialwissenschaft betrachten muß[587].
Erwähnt sei gleich an dieser Stelle, daß sich mit dem weiteren Ausbau
der von *Halley* gegebenen Grundzüge dieses Gebietes der französische
Mathematiker *Moivre*[588] und in Deutschland besonders *Süßmilch*
beschäftigt haben. *Süßmilchs* Werk erschien 1741 unter dem Titel: Die
göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechtes
aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung erwiesen. Die Schrift
*Süßmilchs* ist gleichfalls ein für die statistische Wissenschaft
grundlegendes und unentbehrliches Werk, da es die Vorarbeiten *Halleys*
und andere Forschungen dieses Gebietes vereinigt[589].
Wir kehren nach dieser kurzen Abschweifung zu *Halley* zurück, dessen
wissenschaftlicher Werdegang, je weiter man ihn verfolgt, um so mehr
Bewunderung hervorruft. *Halley* hatte sich seit frühester Jugend
mit den Erscheinungen des Erdmagnetismus befaßt, und es war sein
Lieblingswunsch, diese Erscheinungen auch in den Tropen eingehender
zu erforschen. Sein Gedanke, von dem man sich Vorteile für die Nautik
versprach, fand Anklang, und *Halley* wurde auf Kosten der Regierung
zum Führer von zwei Expeditionen ernannt, auf denen er während der
Jahre 1698 bis 1700 das tropische Amerika, mehrere Inselgruppen und
Küstenpunkte Afrikas und Ostindiens besuchte. Das Ergebnis dieser
Reisen, die sich in südlicher Richtung bis zum 53. Breitengrad
erstreckten, war die erste Deklinationskarte. Sie ist das Muster für
alle späteren Deklinationskarten gewesen und ist noch heute für das
Studium der säkularen Schwankungen der Deklination von Wert.
*Halleys* Karte erschien 1701 unter dem Titel: A general chart, showing
at one view the variation of the compass[590]. Sein Verfahren, die in
zahlreichen Einzelbeobachtungen gewonnenen Ergebnisse übersichtlich
zu machen, bestand darin, daß er die Punkte gleicher Deklination
verband und dadurch eine graphische Darstellungsweise einführte, die
seitdem Gemeingut der Wissenschaft geworden ist. Für die nach *Halleys*
Verfahren entstehenden Linien gleicher Abweichung kam die Bezeichnung
Isogonen in Aufnahme.
Daß die magnetische Deklination an einem und demselben Orte säkularen
Schwankungen unterliegt, war schon seit längerer Zeit bekannt[591].
Einige Jahrzehnte nach dem Erscheinen der *Halley*schen Karte wurden
auch die kleinen täglichen Schwankungen entdeckt[592].
*Halley* war auch der erste, der die Erscheinung des Nordlichts mit dem
Erdmagnetismus in Beziehung brachte. Er beobachtete nämlich, daß die
westliche Abweichung des Nordlichts dieselbe Größe wie die westliche
Abweichung der Magnetnadel besitzt. Die Erkenntnis dieser Tatsache
war von hervorragender Wichtigkeit, wenn auch der von *Halley* daran
geknüpfte Versuch, das Nordlicht zu erklären, mißlang[593].
Wie kaum anders zu erwarten, hat *Halley* als Leiter mehrerer
nautischer Unternehmungen sich auch Verdienste um die Meereskunde
erworben. Er verbesserte die Taucherglocke, beschrieb eine Taucherkappe
und machte, als er sich selbst bis zu einer beträchtlichen Tiefe ins
Meer hinabließ, die Beobachtung, daß das Meerwasser grünes Licht
zurückwirft, das komplementäre rote dagegen durchläßt, so daß z. B.
seine Hände ihm in größerer Meerestiefe ganz rot erschienen. Auch die
Regelmäßigkeit der Passat- und der Monsunwinde regten das Nachdenken
*Halleys* an, doch blieben seine Erklärungen hier unzulänglich.
Da *Halley* die Entstehung der Winde auf die ungleichmäßige Erwärmung
der Luft zurückführte, kann es nicht wundernehmen, daß er sich auch
mit den Methoden der Wärmemessung befaßte. Er kannte die Konstanz des
Siedepunktes von Flüssigkeiten und brachte als oberen Fixpunkt den
Siedepunkt des Alkohols in Vorschlag. Als unteren Fixpunkt empfahl
er die Temperatur tiefer Keller. Auch stellte er Messungen über die
Ausdehnung an, die Wasser und Quecksilber beim Erwärmen erfahren.
Nachdem *Halley* seine Expeditionen, die er als englischer
Flottenkapitän befehligte, vollendet hatte, wurde er zum Professor
der Geometrie in Oxford ernannt. Daneben bekleidete er die Stelle
des Sekretärs der Royal Society. Nach dem Tode *Flamsteeds* übernahm
er im Jahre 1721 die Leitung der Sternwarte zu Greenwich. Auf diesem
Posten blieb er bis zu seinem Tode (1742). Auf die hervorragenden
Verdienste, die *Halley* sich um die Förderung der Astronomie erworben,
kann erst in einem späteren Abschnitt, der sich mit der Entwicklung
dieser Wissenschaft während des 18. Jahrhunderts beschäftigt, näher
eingegangen werden[594].
Die Entdeckungen Cassinis.
Wir haben an einer früheren Stelle erwähnt, daß sich *Cassini* an der
Streitfrage beteiligte, welches die genauere Gestalt der Erde sei. Da
uns in *Cassini* einer der hervorragendsten astronomischen Beobachter
des *Newton*schen Zeitalters begegnet, wollen wir auch bei seinen
Lebensschicksalen und Verdiensten etwas verweilen.
*Giovanni Domenico (Dominique) Cassini* wurde 1625 in der Nähe von
Nizza geboren. Im Alter von 25 Jahren wurde er an Stelle *Cavalieris*
zum Professor in Bologna ernannt. *Cassinis* erste astronomische
Entdeckung bestand darin, daß er (1665) die Rotationszeit des Jupiter
zu 9 Stunden und 56 Minuten bestimmte. In den folgenden Jahren dehnte
*Cassini* seine Untersuchungen über die Rotation auf Mars und Venus
aus. Er fand für diese beiden Planeten die Zeit einer Umdrehung gleich
24^h 37^m, beziehungsweise 23^h 21^m.
Um jene Zeit hatte *Colbert* die französische Akademie der
Wissenschaften ins Leben gerufen und die Pariser Sternwarte errichtet.
Gleich *Huygens* wurde nun auch *Cassini* zum Mitglied der Akademie
ernannt und 1669 nach Paris berufen, um dort als königlicher Astronom
die Leitung der Sternwarte zu übernehmen. In dieser Stellung blieb er
über 40 Jahre. Er starb im Jahre 1712.
Die Berufung nach Paris hatte *Cassini* vor allem seiner Berechnung
von Tafeln für die Jupitermonde zu verdanken[595]. Er löste damit eine
Aufgabe, mit der sich, wie wir schon erfuhren, *Galilei* während seiner
letzten Lebensjahre beschäftigt hatte[596].
Erheblich bereichert wurde unsere Kenntnis des Planetensystems dadurch,
daß *Cassini* dem ersten, von *Huygens* entdeckten Saturnmonde die
Entdeckung von vier weiteren Trabanten des Saturns anreihte. Er nannte
sie zu Ehren *Ludwigs XIV.* Sidera Ludovicea[597].
Die Beobachtungen über die Jupitermonde setzte *Cassini*, um seine in
Bologna erhaltenen Tafeln zu verbessern, in Paris fort. Hierbei fand er
in *Olaf Römer* einen Mitarbeiter. *Römer* blieb es vorbehalten, bei
dieser Tätigkeit auf eine der größten Entdeckungen zu stoßen. Bei der
Bewegung der Monde ergaben sich nämlich gewisse Ungleichmäßigkeiten,
die schon *Cassini* auf die Vermutung brachten, »daß das Licht einige
Zeit gebrauche, um von einem der Jupitermonde zu uns zu gelangen«.
*Cassini* gab jedoch diese Ansicht wieder auf, während *Römer* an ihr
festhielt und, wie wir an anderer Stelle sahen[598], den Nachweis für
ihre Richtigkeit erbrachte.
*Cassini* gebührt auch das Verdienst, in Gemeinschaft mit einem
jüngeren, ihm als Hilfsarbeiter zugewiesenen Astronomen[599] die ersten
umfassenderen Beobachtungen über das noch immer rätselhafte Tierkreis-
oder Zodiakallicht angestellt zu haben. Der merkwürdige, während der
Dämmerung mitunter sich zeigende kegelförmige Lichtschimmer, den wir
mit diesem Namen bezeichnen, war schon den Arabern aufgefallen. In der
europäischen Literatur begegnet uns die erste deutliche Beschreibung im
Jahre 1661[600].
*Cassinis* Beobachtungen über das Zodiakallicht wurden während des
Zeitraums von 1683-1688 angestellt. Aus ihnen ging hervor, daß die
Lichterscheinung der jährlichen Bewegung der Sonne folgt. Den Ursprung
der Erscheinung verlegten *Cassini* und sein Mitarbeiter in einen
Ring von kleinen, das Licht reflektierenden Körpern, welche die Sonne
umkreisen.
Den Erfolgen gegenüber, die *Cassini* als beobachtender Astronom zu
verzeichnen hatte, sind seine Leistungen um die Fortbildung der Theorie
nur unbedeutend. *Cassini* stand, indem er in den Anschauungen von
*Descartes* beharrte, den Neuerungen auf diesem Gebiete sogar ablehnend
gegenüber. Ein Sohn, ein Enkel und ein Urenkel *Cassinis* haben sich
gleichfalls als Astronomen einen Namen gemacht[601].
Deutschland während der Newton-Huygens-Periode.
Neben der Optik und der Mechanik, deren Fortschritte in Verbindung mit
einer Weiterentwicklung der mathematischen Wissenschaft die Astronomie
während der *Newton*-*Huygens*-Periode ganz außerordentlich gefördert
haben, wurden die übrigen Zweige der Physik nicht in gleichem Maße
berücksichtigt. Auf dem Gebiete der Elektrizitätslehre ist kaum eine
nennenswerte Entdeckung zu verzeichnen; hier sollte der weitere Ausbau
insbesondere dem 18. Jahrhundert vorbehalten bleiben. Dazu kam, daß
das wissenschaftliche Streben in Italien nachließ, und Deutschland
in seiner Mitarbeit trotz der Entwicklung, welche die experimentelle
Technik durch die Arbeiten *Guerickes* erfahren hatte, zurückblieb.
Dieses Land litt unter den Folgen des dreißigjährigen Krieges. Es
war verarmt und zerrüttet, während die Wissenschaften auf dem Punkte
angelangt waren, wo sie zu ihrer Fortentwicklung nicht nur der
moralischen, sondern auch der materiellen Unterstützung weiterer Kreise
bedurften. Statt dessen wandten die Machthaber Deutschlands in ihrer
steten Geldbedürftigkeit immer noch dem alchemistischen Problem ihr
Interesse zu und spendeten für dessen Lösung Mittel, die eines besseren
Zweckes würdig gewesen wären[602].
Unter den wenigen Deutschen, die während der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts sich größere Verdienste um die Förderung der
Wissenschaften erwarben, sind vor allem *Tschirnhausen* und *Leibniz*
zu nennen. *Ehrenfried Walter Graf von Tschirnhausen* (auch
*Tschirnhaus*) wurde 1651 in der Nähe von Görlitz geboren. Er gehört
gleich *Hevel* und *Guericke* zur Klasse der reichen Privatleute, die
sich im 17. Jahrhundert, angeregt durch die Erfolge der induktiven
Forschungsweise, aus Liebhaberei den exakten Wissenschaften zuwandten.
*Tschirnhausen* studierte in Leyden, wo Medizin und Naturwissenschaften
im 17. Jahrhundert eine ganz hervorragende Pflegstätte besaßen.
Er machte dann ausgedehnte Reisen, unterhielt persönliche
Beziehungen zu *Leibniz* und *Spinoza*, war auswärtiges Mitglied der
französischen Akademie der Wissenschaften und starb 1708 in Dresden.
*Tschirnhausen* verwandte wie *Guericke* bedeutende Summen auf die
Verfertigung physikalischer, insbesondere optischer Apparate. Seine
aus Kupfer hergestellten Hohlspiegel, deren größter noch heute eine
Sehenswürdigkeit bildet, erreichten einen Durchmesser von 3 und eine
Brennweite von 2 Ellen. Sie waren imstande, einen Taler innerhalb 5
Minuten zu schmelzen, brachten jedoch keine merkliche Erwärmung hervor,
als man mit ihrer Hilfe das Licht des Mondes sammelte. *Tschirnhausens*
Linsen besaßen bis 80 cm Durchmesser[603]. Eine von ihnen gelangte nach
Florenz und ward zu den Versuchen benutzt, die man dort im Jahre 1695
über die Verbrennlichkeit des Diamanten anstellte. Im Brennpunkt dieser
Linse, die Porzellan und Bimsstein zum Schmelzen brachte, verbrannte
ein Diamant von 140 Gran Gewicht innerhalb einer halben Stunde.
Durch seine Experimente mit Brennspiegeln wurde *Tschirnhausen* auch
zu theoretischen Untersuchungen auf dem Gebiete der Optik veranlaßt.
Sie betrafen die katakaustische oder Brennlinie, d. h. diejenige
Kurve, welche durch die Reflexion der in den Hohlspiegel fallenden
Strahlen dadurch hervorgerufen wird, daß diese Strahlen nicht denselben
Punkt der optischen Achse treffen. Die katakaustische Linie ist mit
anderen Worten der geometrische Ort der Durchschnittspunkte je zweier
benachbarter, reflektierter Strahlen. In der nebenstehenden Abb. 103
finde in AFE die Reflexion parallel einfallender Strahlen statt.
Der Strahl DF werde in der Richtung FG zurückgeworfen. Ein DF
benachbarter Strahl erzeugt einen von FG nur wenig abweichenden
reflektierten Strahl. Beide schneiden sich in G. Die Schnittpunkte
sämtlicher reflektierten Strahlen liegen auf der Kurve EGB, der
katakaustischen Linie, für welche die reflektierten Strahlen somit eine
einhüllende Schar von Tangenten bilden.
[Illustration: Abb. 103. Tschirnhausens Satz über die katakaustische
Linie.]
*Tschirnhausens* Satz über die Brennlinie besagt nun, daß ihr
Stück EG der Summe der beiden Strahlen DF und FG gleich
ist. Ausführlicher haben sich mit der Katakaustika und der infolge
der Brechung erzeugten Diakaustika *Johann* und *Jakob Bernoulli*
beschäftigt.
*Tschirnhausen* veröffentlichte seine Arbeiten größtenteils in den
»Acta Eruditorum«, einer Zeitschrift, die für Deutschland etwa
diejenige Bedeutung besaß, die den Philosophical Transactions der
Engländer zukommt. Die Acta Eruditorum sind die älteste gelehrte
Zeitschrift, die auf deutschem Boden entstand. Näheres über sie enthält
der einleitende Abschnitt dieses Bandes.
Aller Wahrscheinlichkeit nach gebührt *Tschirnhausen* auch das
Verdienst, als erster in Europa Porzellan hergestellt zu haben. Als
Erfinder des europäischen Porzellans wird zwar häufig der Alchemist
*Böttger* genannt, der *Tschirnhausen* bei seinen Versuchen zur Hand
ging und sich die Ehre der Erfindung beizulegen wußte. Trotzdem galt
während des 18. Jahrhunderts *Tschirnhausen*, und zwar wohl mit
Recht, als der eigentliche Erfinder des sächsischen Porzellans. Erst
als *Böttgers* Verdienste in einer umfangreichen Biographie[604]
hervorgehoben wurden, geriet *Tschirnhausen* in Vergessenheit. Die
neuesten, quellenmäßigen Untersuchungen[605] haben diesen »durch den
Biographen *Böttgers* bewirkten, merkwürdigen Personenwechsel in der
Erfindungsgeschichte des Porzellans« aufgeklärt[606]. Nach diesen
Feststellungen hat *Tschirnhausen* sich schon um die Darstellung des
Porzellans bemüht, als *Böttger* kaum 10 Jahre alt war. Bekanntlich
hielt *August der Starke* *Böttger* gefangen, weil dieser sein
Versprechen, Gold zu machen, nicht erfüllt hatte. *Tschirnhausen*
hatte Zugang zu *Böttger* und regte ihn an, anstatt der unfruchtbaren
alchemistischen Bemühungen unter seiner Leitung die Herstellung von
Porzellan zu versuchen. Diese Versuche glückten im Jahre 1707. Ein
Jahr später starb *Tschirnhausen*, und *Böttger*, der allein um das
Verfahren wußte, spielte sich als dessen Erfinder auf.
Ein Mann, den wir schon des öfteren erwähnten, dessen Bedeutung für
die Philosophie, die Mathematik und alle Zweige der theoretischen
und angewandten Naturwissenschaften sich in den wenigen Zeilen, die
wir ihm hier widmen können, nicht erschöpfend darstellen läßt, war
*Leibniz*. Man hat ihn als den *Aristoteles* des 17. Jahrhunderts
bezeichnet. Allerdings begegnet uns in *Leibniz* eine polyhistorische
Gelehrsamkeit verbunden mit einer Selbständigkeit des Denkens,
wie sie kaum wieder gefunden werden. Während diese Geistesanlage
*Aristoteles* zu einer systematischen Bearbeitung der Philosophie und
der Naturwissenschaften führte, blieb die Tätigkeit, die *Leibniz*
entfaltete, allzusehr zersplittert. Selbst wichtige philosophische
Schriften, wie die Theodicee und die Monadologie, verfaßte er, um
sich mit hohen Persönlichkeiten über die Grundfragen der Philosophie
auseinandersetzen. Und noch mehr tragen die übrigen Veröffentlichungen,
die sich auf alle Gebiete menschlichen Denkens und Handelns erstrecken,
den Charakter unter sich in nur geringem inneren Zusammenhange
stehender Gelegenheitsschriften.
*Gottfried Wilhelm Leibniz* wurde am 21. Juni 1646 in Leipzig
geboren, wo sein Vater ein akademisches Lehramt bekleidete. Über den
Entwicklungsgang, den *Leibniz* während der ersten Jahrzehnte seines
Lebens nahm, hat er selbst ausführliche Mitteilungen hinterlassen[607].
Er lernte als Knabe Lateinisch ohne Mithilfe eines Lehrers. Überhaupt
war er in den meisten Dingen Autodidakt, dabei aber stets begierig,
»alle Dinge tiefer zu durchdringen und Neues zu finden«. Da ihm die
Bibliothek seines Vaters zur Verfügung stand, lernte er sehr früh die
alten Schriftsteller, besonders *Aristoteles*, kennen. Er las auch
scholastische Schriften. Durch das Studium der Cartesischen Werke
fand in ihm die Wandlung von der teleologischen Weltanschauung zur
Erfassung des Kausalitätsprinzips statt. *Leibniz* bekennt in einem
späteren Schreiben, erst als er die Schule verlassen habe, sei er mit
den Schriften der neueren Philosophen bekannt geworden. Er erinnere
sich, daß er damals als fünfzehnjähriger Knabe spazieren ging und
überlegte, ob er in der scholastischen Betrachtungsweise beharren
solle. »Endlich siegte die mechanische Theorie und brachte mich dazu,
die mathematischen Wissenschaften zu studieren.«
Mit fünfzehn Jahren bezog *Leibniz* die Universität seiner Vaterstadt.
Sein Fachstudium war die Rechtsgelehrsamkeit. Nach dessen Beendigung
wollte man ihn »seiner Jugend wegen« nicht zur Promotion zulassen.
Aus diesem Grunde erwarb er (1666) die Doktorwürde in Altdorf, wo ihm
seines hervorragenden Wissens und seiner Beredtsamkeit wegen sofort
eine Professur angeboten wurde. *Leibniz* schlug sie aus und ging
nach Nürnberg. Dort trat er mit der alchemistischen Gesellschaft
der *Rosenkreuzer* in Beziehung. Er war ein Jahr im Dienste dieser
Gesellschaft tätig und hatte alchemistische Werke zu exzerpieren, die
Korrespondenz zu führen usw. Wenn sich auch *Leibniz* nicht an der
Lösung alchemistischer Probleme beteiligte, so bewahrte er ihnen doch
stets ein lebhaftes theoretisches Interesse[608]. Von den praktischen
Zielen der Alchemisten will er nichts wissen. Er wünscht sogar in einer
im späteren Alter abgefaßten Schrift[609], daß die künstliche Erzeugung
von Gold und Silber, wenn sie gelingen sollte, um des gemeinen Besten
willen unterdrückt werden möge. Erstrebenswert erschien ihm dagegen,
»aus dem Golde die Quintessenz herauszuziehen, wie aus dem Wein den
Weingeist, und mit dieser Quintessenz ein anderes Metall in Gold zu
verwandeln.« Das würde zwar nichts einbringen, sondern eher etwas
kosten, es würde aber die Naturerkenntnis fördern. Resigniert fügt er
jedoch hinzu, auch die Verwirklichung dieser letzten Aufgabe sei nicht
wahrscheinlich.
Nachdem *Leibniz* Nürnberg verlassen hatte, trat er in den Dienst des
Kurfürsten von Mainz, der sich für *Guerickes* Versuche so lebhaft
interessierte[610]. Von Mainz wurde *Leibniz* in diplomatischer Sendung
1672 nach Paris geschickt. Es galt, *Ludwig XIV.* zu einem Zuge nach
Ägypten zu bewegen, um dadurch Deutschland vor den Eroberungsgelüsten
dieses Königs zu bewahren. Der Gedanke einer solchen Expedition rührte
von *Leibniz* her und wurde dem Könige in einer von dem deutschen
Philosophen ausgearbeiteten Denkschrift unterbreitet. Blieben diese
diplomatischen Bemühungen auch ohne Erfolg, so war der Aufenthalt
in Paris für *Leibniz* doch von großer Bedeutung. Er wurde hier mit
vielen bedeutenden Männern, vor allem mit *Huygens* bekannt. Durch
den persönlichen Einfluß dieses Mannes und durch das Studium des
*Huygens*schen Werkes über die Pendeluhr wurde das Interesse, das
*Leibniz* der Mathematik und der Mechanik schon früher entgegengebracht
hatte, von neuem entfacht. Auf die bereits in Nürnberg gemachte
Erfindung der Rechenmaschine folgte diejenige der Differentialrechnung.
Beide Erfindungen, sowie der sich an die zweite anknüpfende
Prioritätsstreit mit *Newton* haben uns an anderer Stelle beschäftigt.
Von Paris kehrte *Leibniz* 1676 über London nach Deutschland zurück. Er
wurde Bibliothekar in Hannover, wo er den größten Teil seines Lebens
zugebracht hat. Das von *Leibniz* geschaffene philosophische System
erregte das besondere Interesse von *Sophie Charlotte*, der Großmutter
*Friedrichs* des Großen, der *Leibniz* nachrühmte, er habe allein eine
ganze Akademie vorgestellt. *Sophie Charlotte* bewog ihren Gemahl,
den späteren König *Friedrich* I., auf den von *Leibniz* ausgehenden
Vorschlag hin im Jahre 1700 in Berlin eine Akademie, die »Societät der
Wissenschaften«, zu errichten. *Leibniz* wurde deren erster Präsident.
Auch zur Errichtung der Petersburger Akademie hat *Leibniz* durch
seine persönliche Einwirkung auf *Peter* den Großen die Anregung
gegeben[611]. In gleichem Sinne hat er in Dresden und in Wien gewirkt.
Durch diese Veranstaltungen sollte nach seinem Plane die Wissenschaft
nicht nur gefördert, sondern auch zum Gemeingut gemacht werden. Die
Aufklärung der Mitwelt war vor allem das Ziel des großen Philosophen,
und auf diesem Wege folgten ihm während des 18. Jahrhunderts Männer wie
*Christian Wolf*, der die *Leibniz*sche Philosophie popularisierte,
*Basedow*, dessen Verdienste auf dem Gebiete des Erziehungswesens
liegen, ja selbst ein *Lessing* und ein *Herder*.
*Leibniz* starb in Hannover am 14. November 1716. Es mag bei der
Erwähnung seines Todes ein bedauerlicher Zug früherer deutscher Art
nicht unberührt bleiben. Von *Leibniz* berichtet der Chronist, »man
habe ihn eher wie einen Wegelagerer begraben, denn wie einen Mann, der
eine Zierde seines Vaterlandes gewesen«. Vom Hofe erschien niemand,
kein Geistlicher geleitete den Sarg. Als dagegen ein Jahrzehnt
später *Newton* in der Westminsterabtei beerdigt wurde, trugen der
Lord-Oberkanzler und Herzöge das Leichentuch. Solche Gegensätze
verdienen zur Mahnung für kommende Geschlechter erwähnt zu werden.
Selbst die Pariser Akademie ehrte *Leibniz* durch eine Gedenkfeier,
während die Berliner von dem Tode ihres Begründers und bedeutendsten
Mitgliedes keine Notiz nahm!
14. Unter dem Einfluß der chemischen und der physikalischen Forschung
entstehen die Grundlagen der neueren Mineralogie und Geologie.
Den Ausgangspunkt für die Darstellung der meisten chemischen
Verbindungen bilden die Mineralien. In dem Maße, wie eine
wissenschaftlichen Zielen zustrebende Chemie emporwuchs, trat dem
praktischen Interesse an den Mineralien, von dem *Agricola* z. B.[612]
noch vorzugsweise geleitet wurde, das wissenschaftliche an die Seite.
Es erhob sich die Frage nach der Zusammensetzung und der Entstehung
nicht nur der Mineralien, sondern der starren Erdrinde überhaupt.
Um die Beantwortung dieser Frage hat sich niemand während des 17.
Jahrhunderts mit gleichem Scharfsinn und mit gleichem Erfolge bemüht
wie *Steno*.
*Nikolaus Steno* oder *Stenon* wurde 1631 in Kopenhagen geboren. Er
widmete sich in Paris dem Stadium der Medizin und war in den sechziger
Jahren des 17. Jahrhunderts Leibarzt am Hofe in Florenz. Im Jahre 1672
kehrte *Steno* auf Wunsch seines Königs nach Kopenhagen zurück, um
dort eine Professur für Anatomie zu übernehmen. Er verließ jedoch sein
Vaterland bald wieder, da er dort seiner religiösen Überzeugung wegen
angefeindet wurde, und starb, nachdem er sich an verschiedenen Orten
Deutschlands aufgehalten, im Jahre 1687 in Schwerin. Sein Leichnam
wurde auf Wunsch der Mediceer nach Florenz übergeführt und in St.
Lorenzo beigesetzt.
*Steno* befaßte sich eingehend mit der Erforschung der
Bodenverhältnisse Toskanas. Die Frucht dieser Untersuchungen war eine
Arbeit, die zum erstenmal die Grundlagen der geologischen Wissenschaft
in klarer, durch Profile erläuterter Darstellung entwickelte, während
die Literatur vor *Steno* nur vereinzelt zutreffende Bemerkungen über
geologische Dinge enthält[613].
Stenos kristallographische und geologische Untersuchungen.
Zunächst bemühte sich *Steno* darzutun, daß weder die Mineralien noch
die Schichten, welche die Gebirge zusammensetzen, erschaffene, von
Anbeginn vorhandene Naturkörper sind, als die sie im Gegensatz zu
der vergänglichen Tier- und Pflanzenwelt wohl der naiven Betrachtung
erscheinen. Wie sehr diese in geologischen Dingen zur Zeit *Stenos*
noch vorherrschte, erkennt man daraus, daß er sich ausdrücklich gegen
die Meinung wendet, die Berge seien nach Art der Pflanzen gewachsen,
oder sie seien mit dem Knochengerüst der Tiere zu vergleichen.
Die Mineralien, deren am Bergkristall, Schwefelkies, Eisenglanz und
Diamant auftretende Formen *Steno* beschrieb, wachsen nach ihm durch
Ansatz von außen. Der Ansatz geschehe indessen nicht auf allen Flächen
gleichmäßig. Die Folge seien Verzerrungen der mathematischen Form,
während die Neigung der begrenzenden Flächen stets dieselbe bleibe.
[Illustration: Abb. 104. Stenos Zeichnungen von Längsschnitten durch
Bergkristalle.]
*Steno* machte diese Beobachtungen besonders am Bergkristall, einem
Mineral, das seit den ältesten Zeiten der auffallenden Form und der
Größe seiner Kristalle, sowie seiner Durchsichtigkeit wegen die
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. *Steno* tritt der Meinung
entgegen, daß der Bergkristall durch Kälte oder im Feuer entstanden
oder gar im Anbeginn der Welt geschaffen sei. Kristalle sind nach
seiner Meinung aus Lösungen hervorgegangen und können durch geeignete
Mittel wieder in Lösung übergeführt werden. Darauf weisen, wie er
ausführt, auch die verschiedenfarbigen Schichten hin, aus denen die
Kristalle mitunter zusammengesetzt sind. Zum Beweise seiner Ansicht
läßt *Steno* verschiedene Salze, wie Vitriol und Alaun, aus einer
Lösung kristallisieren und findet hierbei ähnliche Erscheinungen,
wie sie an Mineralien auftreten. Nicht nur die Schichtung und
die Verzerrungen der Form, sondern auch die treppenförmigen
Absätze, die Einschlüsse von Flüssigkeiten usw. erklärt *Steno*
aus der Bildungsweise der Kristalle. Die verschiedene Ausdehnung
der Flächen unter Beibehaltung der Winkel erläutert er durch die
hier wiedergegebenen, sehr lehrreichen Abbildungen der Quer- und
Längsschnitte durch verschiedenartig ausgebildete Bergkristalle (Abb.
104 u. 105). *Steno* hat also schon das Grundgesetz der Mineralogie,
das Gesetz von der Konstanz der Kantenwinkel, klar ausgesprochen,
wenn es auch in seiner Allgemeingültigkeit erst in dem nachfolgenden
Jahrhundert von *Romé de l'Isle* erkannt wurde.
[Illustration: Abb. 105. Stenos Zeichnungen von Querschnitten durch
Bergkristalle.]
Die Erscheinung, daß die Prismenflächen des Bergkristalls quergestreift
sind, erklärt *Steno* durch die Annahme, daß solche Flächen durch
Aggregation zahlreicher Pyramiden entständen, die sich in der
Längsrichtung des Kristalles aneinander gereiht hätten.
Während die Mineralien aus wässerigen Lösungen auskristallisieren,
ein Vorgang, den *Steno* aus einer Art magnetischer Kraft erklären
wollte, sind die Felsschichten nach ihm durch Absatz vorher im Wasser
schwebender Teilchen entstanden. Letztere haben, dem Gesetz der Schwere
zufolge, Schichten von ursprünglich horizontaler Lage gebildet. Für den
Absatz aus dem Wasser spricht nach *Steno* auch die Tatsache, daß die
niedersinkenden Teilchen sich den Körpern, die sie einschließen, genau
angepaßt haben und ihre kleinsten Höhlungen ausfüllen.
Jeder Wechsel in der Beschaffenheit des Gesteinsmaterials, das
die Schichten zusammensetzt, weist nach ihm auf eine Änderung der
Entstehungsbedingungen hin. Sei es, daß die Flüssigkeit, aus der die
Schichten sich bildeten, dem periodischen Wechsel der Jahreszeiten
unterworfen war, oder daß sich ihre Zusammensetzung änderte.
Enthält eine Schicht Seesalz, sowie Überreste von Meeresbewohnern,
so muß man annehmen, daß sich das Meer einst dort befand, wo wir die
Schicht jetzt antreffen. Entweder stand das Meer einst höher, oder
das Land hat sich gesenkt. Aus Abdrücken von Gräsern und Binsen,
Versteinerungen von Baumstämmen usw. ist auf den terrestrischen
Ursprung derjenigen Schicht, in der solche Überreste enthalten sind,
zu schließen. Derartige Bildungen rühren von der Überschwemmung eines
Flusses oder dem Hereinbrechen eines Bergstromes her.
Mit außerordentlicher Klarheit entwickelt *Steno* ferner eine
allgemeine Schichtenlehre (Stratigraphie), deren Grundzüge wir hier
nach seinen Angaben gleichfalls kurz skizzieren wollen. Die Bildung
jeder Schicht setzt eine feste Unterlage voraus. Die oberen Schichten
sind daher ihrer Entstehung nach jünger als die unteren. Jede Schicht
wird von zwei parallelen Ebenen eingeschlossen und besaß ursprünglich,
weil sie sich aus einer Flüssigkeit niederschlug, eine horizontale
Lage. Jede Schicht muß aber auch seitlich begrenzt sein, wenn man
nicht Grund zu der Annahme hat, daß sie sich über die ganze Erdkugel
erstreckt. Wo man einer Schicht begegnet, muß man daher entweder
ihre Fortsetzung finden, oder andere feste Körper, die ihre weitere
Ausdehnung verhinderten[614].
Wenn man heute senkrechte oder geneigte, ja selbst gebogene Schichten
antrifft, führt *Steno* weiter aus, so sind sie erst nachträglich durch
die gebirgsbildenden Kräfte aus der ursprünglich horizontalen Lage in
ihre jetzige gebracht worden. Auf eine gewaltsame Unterbrechung einer
ursprünglich ein Ganzes bildenden Schicht weise auch der Umstand hin,
daß man an den einander gegenüber befindlichen Anhängen der Gebirge
häufig abgebrochene Schichten finde, die in ihrer Substanz und in ihrem
Aussehen völlige Übereinstimmung zeigen.
Die Gebirgsbildung selbst wird auf zwei Kräfte zurückgeführt, die aus
dem Erdinnern heraus wirkende vulkanische Kraft und die Tätigkeit
des Wassers, das in Gestalt des Regens und der Flüsse die durch den
Wechsel von Wärme und Kälte zerbrochenen Schichten durchziehe und die
Oberfläche der Erde gestalten helfe.
Nicht richtig gedeutet werden die Kohlenlager. Sie werden nämlich auf
durch Wasser gelöschte Waldbrände zurückgeführt.
*Steno* unterschied, wie ihm *A. v. Humboldt*[615] nachrühmt, zum
erstenmal diejenigen Felsschichten, die schon vor der Tier- und
Pflanzenwelt vorhanden waren und infolgedessen keine organischen
Überreste einschließen, von den späteren Schichten, die jenen
aufgelagert und mit organischen Resten angefüllt sind. »Er ließ für
den Boden Toskanas nach Art unserer heutigen Geologen sechs große
Naturepochen zu, innerhalb deren das Meer periodisch das feste Land
überschwemmte oder sich in seine alten Grenzen zurückzog«[616].
In der ältesten Zeit habe das Meer die gesamte Erde bedeckt und
diejenigen Schichten gebildet, die heute den Kern und die höchsten
Kämme der Gebirge bilden. Daß diese Schichten keine Versteinerungen
führen, beweise, daß das Urmeer noch keine Bewohner gehabt habe. Dann
erfolgte die Bildung von Festland, und in der dritten Periode setzte
die Gebirgsbildung ein.
Daß die Schichten nur selten ihre ursprünglich horizontale Lage
beibehielten, sondern in der Regel in geneigter, ja selbst in
senkrechter Stellung angetroffen werden, führt *Steno* auf zwei
Ursachen zurück. Entweder wurden die Schichten durch Stöße zertrümmert,
die aus der Tiefe kamen, oder es erfolgte ein Einsturz, indem die
unteren Schichten durch die Tätigkeit des Wassers fortgeführt, und so
die oberen ihrer Stütze beraubt wurden.
In der vierten Periode fand eine neue Überflutung statt, und es
bildeten sich infolgedessen die Versteinerungen führenden Schichten.
Dann trat der Boden wieder aus der Wasserbedeckung hervor, und in der
letzten (sechsten) Periode erhielten die Gebirge durch die erodierende
Tätigkeit des Wassers und infolge vulkanischer Ausbrüche ihre heutige
Gestalt, während sich an den Flußmündungen und im Meere neue Sedimente
bildeten. Infolge der mannigfachen durch vulkanische Hebung oder
durch Einsturz hervorgerufenen Schichtenstörungen hatten sich Spalten
gebildet, in denen sich Mineralien absetzten. Diese Darstellung der
Erdgeschichte wußte *Steno* durch schematische, die Bodenverhältnisse
Toskanas betreffende Zeichnungen zu erläutern, in denen uns die ersten
geologischen Profile begegnen.
*Steno* hat seine Ansichten über die Entwicklung der Erde mit der
biblischen Schöpfungsgeschichte möglichst in Einklang zu bringen
gesucht. Wäre er gänzlich frei von allen Nebenrücksichten an seinen
Gegenstand herangetreten, so würden die Ergebnisse seiner Forschungen
das Wesen der geologischen Veränderungen noch klarer widergespiegelt
haben. Nichtsdestoweniger verdient *Steno* den schönen Ruhmestitel,
daß er seiner Zeit weit vorauseilte und Entdeckungen machte, die
erst Jahrhunderte nach seinem Tode ihren Platz unter den anerkannten
wissenschaftlichen Wahrheiten finden sollten.
Die Entwicklung von Ansichten über das Erdinnere.
Zu den ersten Schriften, die sich mit dem inneren Bau und der
Entstehung der Erde befaßten, gehört *Kirchers* »Unterirdische
Welt«[617], ein Werk, dessen Bedeutung darin besteht, daß es die
erste, allerdings noch mit vielen Mängeln behaftete physikalische
Erdbeschreibung ist.
*Kirchers* Buch entsprang weniger dem Forschungstriebe als der
polyhistorischen, oft mit Kritiklosigkeit verbundenen Gelehrsamkeit
seines Verfassers. Die vulkanischen Erscheinungen wurden jedoch auf
Grund eigener, in Mittelitalien, Sizilien und auf den liparischen
Inseln angestellter Beobachtungen geschildert. Von besonderem Wert sind
die den Vulkanismus betreffenden Abschnitte dadurch, daß *Kircher*
es unternimmt, alle geschichtlich bekannt gewordenen Ausbrüche der
südeuropäischen Vulkane, sowie die historisch verbürgten Umgestaltungen
der Meeresküsten aufzuzählen. Ein phantastisches Gemälde ist *Kirchers*
Schilderung des Erdinnern. Er stellt sich letzteres als von zwei
Systemen verzweigter Kanäle durchzogen vor. In dem einen System bewegt
sich eine glutflüssige Masse, die in den Vulkanen zutage tritt; das
andere System wird dagegen vom Meere aus mit Wasser versorgt und speist
die Quellen. Eingehender werden die Bodenbestandteile beschrieben.
Die Versteinerungen, die sich in den Schichten der Erdrinde finden,
werden nur zum Teil auf frühere Lebewesen zurückgeführt, manches
wird aus einer plastischen Kraft der unorganischen Materie erklärt.
Erwähnenswert ist noch, daß sich bei *Kircher* die ersten Angaben über
die mit dem Eindringen in das Erdinnere verknüpfte stetige Zunahme der
Temperatur finden. Er verdankte diese Angaben den Bergleuten.
Auch *Descartes* und *Leibniz* beschäftigten sich mit der Frage nach
der Natur und der Entstehung unseres Planeten. *Descartes* entwickelt
seine Anschauungen über das Weltsystem und die Physik der Erde im
zweiten Teile seines Hauptwerkes[618], nachdem er zuvor die Prinzipien
der Erkenntnistheorie und der Mechanik dargestellt. Die Erde und die
übrigen Planeten waren nach ihm ursprünglich glühende Sonnen. Infolge
der Abkühlung bildete sich eine starre Rinde. Diese enthält die
leichteren Bestandteile des Erdkörpers, während sich die schwereren
Stoffe um den Mittelpunkt sammelten[619]. Infolge des Zerbrechens der
Rinde entstanden Meere und Festländer, Berge und Täler.
Die Erdbeben führte *Descartes* auf die Wirkung einer noch im Innern
vorhandenen flüssigen Masse zurück. Er gelangte also schon zu ähnlichen
Anschauungen, wie sie die moderne Geologie auf Grund eines viel
eingehenderen Studiums der geologischen Vorgänge entwickelt hat. Dieses
Verdienst des *Descartes* um die Begründung der Kosmologie und der
Geologie ist neuerdings in Frankreich besonders gewürdigt worden[620].
Ähnliche Ansichten, wie die soeben entwickelten, äußerte einige
Jahrzehnte später der große deutsche Philosoph *Leibniz* in seiner
»Protogaea«. Neben mancher phantastischen Vorstellung enthält diese
Schrift zahlreiche treffende Bemerkungen. *Leibniz* nimmt an, die
Planeten seien aus der Sonne hervorgegangen und daher ursprünglich
glühend flüssig gewesen. Durch Abkühlung hätten sich zuerst auf der
geschmolzenen Masse schwimmende Schlacken gebildet, wie sie noch heute
auf der Sonne entständen und unseren Augen als Sonnenflecken sich
bemerkbar machten. Endlich sei eine zusammenhängende, erkaltete Rinde
entstanden, während die Hitze im Innern aufgespeichert blieb. Infolge
der Abkühlung verdichtete sich auch das Wasser, das im Urzustande
der Erde Dampfform besaß. Auf diese Weise entstand das Urmeer als
eine Lösung der an der erkalteten Oberfläche befindlichen Salze. Die
glasartige Grundmasse der Erde wurde in der folgenden Periode teils
durch die lösende Kraft und die Bewegung des Wassers, teils durch die
vereinte Wirkung von Salzen und Hitze auf mancherlei Art zerfressen
und zerstört, so daß sich die obere Schicht dieser Grundmasse in
Schlamm verwandelte. Indem sich die erkaltete Rinde zusammenzog,
entstanden Sprünge, Erhöhungen und Vertiefungen. Die von den bergigen
Erhöhungen abfließenden Gewässer führten Schlamm mit sich und bildeten
neue Gesteinsschichten. Die Gesteine haben nach *Leibniz* also einen
doppelten Ursprung; teils entstanden sie aus dem Schmelzfluß, teils
wuchsen sie, nach der Zerteilung im Wasser, wieder zusammen. Durch die
Spalten der Rinde drang das Wasser auch in das noch jetzt glutflüssige
Erdinnere und rief dort einen Kampf hervor, der sich noch heute in den
Vulkanausbrüchen und den Erdbeben äußert.
Anfänge der Palaeontologie.
Die Versteinerungen führt *Leibniz* auf frühere Lebewesen zurück[621].
Ausführlich bespricht er die Fischabdrücke des Mansfelder
Kupferschiefers, wie denn überhaupt die »Protogaea« wohl als die
Frucht seiner Beschäftigung mit dem Bergbau des Harzes zu betrachten
ist, zu der ihm seine amtliche Stellung in Hannover den Anlaß bot.
Die Erklärung, die *Leibniz* über die Entstehung der Mansfelder
Fischabdrücke gab, kann auch heute noch als im wesentlichen zutreffend
gelten.
»Die meisten«, sagt er, »nehmen behufs Erklärung ihre Zuflucht zu
dem Spiele der Natur, einem leeren Worte. Sie nehmen an, die große
Baumeisterin Natur ahme gleichsam im Scherze Zähne und Knochen der
Tiere nach. Die Übereinstimmung jener Fischzeichnungen mit wirklichen
Fischen ist indessen so groß, daß die Flossen und Schuppen haarscharf
abgedruckt sind. Ja, man sieht an einem Orte so viel Abdrücke, daß
man hier eine andere Ursache vermuten muß als das Spiel des Zufalls.
Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir annähmen, es sei ein großer See
mit seinen Fischen entweder durch ein Erdbeben oder durch die Wirkung
des Wassers mit Erde gefüllt worden? Diese Erde wird, als sie zu
Stein wurde, in die weiche Masse eingedrückte Spuren behalten haben,
die später, als die tierischen Überreste längst vergangen waren, mit
Erz[622] ausgefüllt sind. Es ist möglich, daß diese metallische
Materie, die in dem ganzen Schlamm verteilt war, durch die Wärme
verflüchtigt wurde und in die Höhlungen eindrang, die der Fisch
zurückließ. Wir finden etwas ähnliches bei den Goldschmieden. Sie
überziehen eine Spinne oder ein anderes Tier mit einem Stoff, der
am Feuer hart wird. Alsdann schaffen sie die Asche des Tieres aus
diesem Gerüst durch hineingelassenes Quecksilber heraus. Anstelle des
letzteren gießen sie endlich durch dieselbe Öffnung Silber hinein. So
erhält man ein silbernes Tier, dessen Ähnlichkeit mit dem lebenden
Geschöpf erstaunlich ist.«
Überzeugt von der Neuheit und der Wichtigkeit seines Gegenstandes,
sagt *Leibniz*, seine Ausführungen wären zwar nur ein Versuch; doch
sei in ihnen der Same zu einer neuen Wissenschaft enthalten. Die
Nachwelt werde alles besser feststellen können, wenn sie die Arten
der Erdschichten und ihren Verlauf erforschen werde. Die bisherige
Vernachlässigung dieser so wichtigen Aufgabe entlockt ihm den
unwilligen Ausruf: »Oft ärgere ich mich über die menschliche Faulheit,
welche die Augen nicht öffnet, noch die offenkundige Wissenschaft in
Besitz nehmen mag.« Das 17. Jahrhundert war eben das Zeitalter, in dem
die Menschheit erst eifriger in dem Buche der Natur zu lesen begann.
Zu bemerkenswerten Ansichten gelangte auch *Hooke*[623]. Er lehrte, daß
die Versteinerungen, die man in früheren Jahrhunderten für Naturspiele
oder für bloße Ansätze einer in der Erde waltenden schöpferischen
Kraft gehalten hatte, aus dem Tier- und Pflanzenreiche stammen.
*Hooke* erklärte, die Versteinerungen seien wertvollere Dokumente als
Manuskripte und Münzen, da sie nicht gefälscht werden könnten, und
fordert, aus dem Auftreten der Versteinerungen die Geschichte der
Erde zu enträtseln. Auch über den Versteinerungsprozeß selbst äußerte
*Hooke* manche zutreffende Ansicht.
Er suchte ferner darzutun, daß die Petrefakten Englands zum größten
Teile ausgestorbenen Gattungen angehören und am meisten mit noch heute
lebenden exotischen Formen übereinstimmen. Daraus zog er den Schluß,
England müsse sich in früheren Zeiträumen der geologischen Entwicklung
unter dem Meere einer heißen Zone befunden haben. Ferner wurden die
Knochen großer Vierfüßer, die man vorher als Beweise für das frühere
Vorhandensein von Riesen angesehen hatte, als Überreste von Individuen
der Gattung Elephas gedeutet[624].
Weitere geologische und mineralogische Fortschritte.
An die Beobachtungen schlossen sich auch schon geologische Versuche an.
So bemühte man sich, die unterirdische Wärme als eine Folge chemischer
Vorgänge nachzuweisen, eine Auffassung, die in unseren Tagen wieder
ihre Verfechter gefunden hat. Ein französischer Forscher[625] ahmte z.
B. einen Vulkan dadurch nach, daß er ein feuchtes Gemenge von Schwefel
und Eisen vergrub. Diese Masse erhitzte sich unter dem Einflusse des
aus der Luft hinzutretenden Sauerstoffs so sehr, daß eruptionsartige
Erscheinungen unter Zerbersten der Bedeckung vor sich gingen.
Für die Begründung der neueren Mineralogie im 17. Jahrhundert
ist es bezeichnend, daß genauere Beobachtungen an einzelnen,
besonders auffallenden Mineralien gemacht wurden, ohne daß man dazu
überging, die gewonnenen Ergebnisse auf die übrigen auszudehnen.
Ein vergleichendes mineralogisches Studium blieb einem späteren
Zeitalter vorbehalten. *Steno* hatte seine Forschungen insbesondere am
Bergkristall angestellt. Ein anderes Mineral, das im 17. Jahrhundert
die Aufmerksamkeit der Naturkundigen in hohem Grade auf sich lenkte,
war der isländische Doppelspat. Durch dänische Kaufleute gelangte
dieses Mineral in die Hände *Bartholins*, der ihm die eingehendste
Untersuchung widmete.
*Erasmus Bartholinus*, der Entdecker der Doppelbrechung, wurde 1625 in
Dänemark geboren. Er studierte Medizin, bereiste das westliche Europa
und Italien und wurde 1656 Professor der Mathematik in Kopenhagen. Er
starb 1698.
*Bartholin* schrieb einige mathematische und astronomische Werke;
er ist aber besonders durch seine Schrift über den isländischen
Doppelspat und dessen optische Eigenschaften bekannt geworden[626].
Die Schrift enthält eine Monographie über das erwähnte Mineral, die
so eingehend und genau ist, daß man in Anbetracht der *Bartholin* zu
Gebote stehenden Hilfsmittel und Vorarbeiten nicht mehr erwarten
kann. *Bartholin* beschränkt sich nicht auf eine bloße Beschreibung
der Kristallform, sondern er mißt die an den begrenzenden Flächen
auftretenden Winkel, deren Werte er gleich 101° und 79° ermittelt.
Er zeigt, daß von den beiden Bildern, die man durch den Doppelspat
erblickt, das eine sich beim Drehen des Kristalls bewegt, während
das andere still steht; daß man aber in gewisser Richtung nur ein
Bild wahrnimmt. *Bartholin* weist ferner nach, daß das Auftreten
von zwei Bildern nicht etwa durch eine Spiegelung, sondern durch
ein ganz ungewöhnliches Verhalten hervorgerufen werde, indem das
feste Bild durch eine gewöhnliche, das bewegliche dagegen durch eine
außergewöhnliche Brechung entstehe. Das Gesetz der letzteren vermochte
*Bartholin* nicht zu ermitteln, auch entging ihm die Polarisation des
durch den Kalkspat gegangenen Lichtes. Ihre Entdeckung blieb *Huygens*
vorbehalten[627].
Die weitere Untersuchung *Bartholins* betraf die physikalische und die
chemische Natur des Doppelspats. Es zeigte sich, daß der Kristall,
mit Tuch gerieben, wie der Bernstein, Strohhalme und andere leichte
Körper anzieht, daß er unter Wasser seine Glätte allmählich verliert,
mit Scheidewasser aufbraust, durch starke Hitze in Kalk verwandelt
wird. Kurz, der Doppelspat wurde genauer untersucht, als es bis
dahin mit irgend einem anderen Mineral geschehen war. Daß die Arbeit
*Bartholins* den großen Physiker *Huygens* zu einer Nachuntersuchung
des Doppelspats und zu wichtigen Betrachtungen über die Natur des
Lichtes anregte, ist der Gegenstand eines früheren Abschnitts gewesen.
*Huygens* hat auch seinen Landsmann *Leeuwenhoek* veranlaßt, eine
monographische Abhandlung über ein anderes Mineral, den Gips, zu
liefern[628]. *Leeuwenhoek* machte durch diese Arbeit auf mehrere
wichtige mineralogische Tatsachen aufmerksam. Er wies darauf hin, daß
die Spaltbarkeit gewissen Gesetzen folgt, und daß beispielsweise die
Winkel der durch Spaltung aus dem Gips erhaltenen rhomboidischen Tafeln
112° und 68° (genauer 113° 46ʹ und 66° 14ʹ) betragen. Ferner zeigte er,
daß das beim Glühen aus dem Gips entweichende Wasser ein Fünftel vom
Gewicht des Minerals ausmacht. Er brachte ferner Gips in Lösung, indem
er das gebrannte Mineral mit Wasser übergoß und nachwies, daß sich
aus dieser Lösung beim Verdunsten des Wassers Kristalle ausscheiden.
Diese Versuche veranlaßten ihn auch, über die Bildung der Mineralien im
Innern der Erde Betrachtungen anzustellen. Sie enthalten indessen wenig
Zutreffendes.
Eine größere Summe von Erfahrungen und Beobachtungen lag bezüglich
der Edelsteine vor. Auch ihnen wurde eine monographische Bearbeitung
zuteil. Und zwar geschah dies durch den in erster Linie als Physiker
bekannten *Robert Boyle*[629]. Auch er gelangte zu dem Ergebnis,
daß die Mineralien sich aus dem flüssigen Zustande gebildet hätten,
und zwar in derselben Weise, wie Salze in Kristallform aus der
Lösung ausgeschieden würden. Für diese Ansicht führt *Boyle* einige
bemerkenswerte Gründe an[630]. So habe man Bergkristall und andere
Mineralien mit flüssigen Einschlüssen gefunden. Ferner sei die Farbe
der meisten Edelsteine durch Beimengungen hervorgerufen, die in der
Regel durch die ganze Masse gleichmäßig verteilt seien, mitunter aber
stellenweise oder gänzlich fehlten. Auch daß die Mineralien, wie die
aus wässeriger Lösung entstandenen Salze, spaltbar seien, spreche für
die gleiche Art der Entstehung.
*Boyle* wies ferner darauf hin, daß es auch eine Kristallisation aus
dem Schmelzfluß gebe; er untersuchte diesen Vorgang genauer, und
zwar am Wismut, prüfte auch den Einfluß der durch rasche Abkühlung
beschleunigten Kristallisation auf die Beschaffenheit der Kristalle,
wies im Granat durch die Analyse und durch die Wirkung des Magneten
einen Eisengehalt nach, und bestimmte das spezifische Gewicht vieler
Mineralien. Kurz, er bereicherte die mineralogische Wissenschaft um
eine nennenswerte Summe von Einzelkenntnissen, sodaß er neben *Steno*
und *Bartholin* als einer ihrer Begründer genannt werden kann.
Die Chemie im Zeitalter der Phlogistontheorie.
Zu der Zeit, als *Boyle* sich bemühte, die Mineralogie und die Chemie
auf eine wissenschaftliche Grundlage zu erheben, waren die deutschen
Chemiker *Kunkel* und *Becher* noch in alchemistischen Vorstellungen
befangen. *Kunkel* (1630 bis 1702) hat indes, trotz der Irrigkeit
seiner Ansichten, die Chemie durch zahlreiche Beobachtungen bereichert.
Eine der wichtigsten chemischen Entdeckungen des 17. Jahrhunderts war
diejenige des Phosphors[631]. Sie erfolgte durch *Brand* (1669). Dieser
hielt sein Verfahren zuerst geheim. Auf Grund einiger Andeutungen
gelang *Kunkel* jedoch gleichfalls die Darstellung, so daß er einige
Jahre nach der Entdeckung des Phosphors das neue Element dem Großen
Kurfürsten zeigen konnte. Letzterer ernannte ihn zum Leiter eines
alchemistischen Laboratoriums, das er gleich manchen anderen Fürsten
des 17. Jahrhunderts unterhielt.
*Becher* (1635-1682) hielt sich wie *Kunkel* zeitweilig auch als
Alchemist an deutschen Höfen auf. Er und der etwas später lebende
*Stahl*[632] sind die Begründer der Phlogistontheorie, die trotz ihrer
damals schon von manchem als irrig erkannten Voraussetzungen die Chemie
fast des gesamten 18. Jahrhunderts beherrscht hat.
Daß die Aufstellung eines den Tatsachen entsprechenden Systems der
Chemie soviel später als die Begründung der Mechanik erfolgte, ist
darauf zurückzuleiten, daß die Chemie eine vorwiegend induktiv
verfahrende Wissenschaft ist, und sich der deduktiven Behandlung erst
in unseren Tagen zu erschließen beginnt. Was den Fortschritt der
physikalischen Zweige, insbesondere der Optik und der Mechanik, so
ungemein gefördert hat, war die innige Verbindung und die gegenseitige
Unterstützung der induktiven und der deduktiven Forschungsweise von
den ersten Schritten auf diesen Gebieten an. Die Grundlagen einer
chemischen Theorie zu schaffen, war bei weitem schwieriger, weil die
chemischen Vorgänge nicht unmittelbar in die Sinne treten, sondern erst
durch eine lange, mühevolle Verknüpfung der Ergebnisse experimenteller
Forschung erschlossen werden müssen. Die Chemie hatte indes seit
*Boyle*, *Becher* und *Stahl* ihre wahre Aufgabe darin erkannt, die
stofflichen Veränderungen auf dem Wege des Experiments zu erforschen.
Insbesondere galt es, die so mannigfachen Wandlungen der Materie,
die mit der Verbrennung Hand in Hand gehen, auf ein einziges Prinzip
zurückzuführen. Als solches glaubten *Becher* und *Stahl* eine in den
brennbaren Körpern angenommene Materie, die *Stahl* als Phlogiston
bezeichnete, erkannt zu haben. Der Verbrennungsprozeß sollte in dem
Entweichen dieses Phlogistons bestehen. Der brennbare Körper mußte
folglich eine Verbindung von Phlogiston mit dem gleichfalls schon
in der Substanz enthaltenen Verbrennungsprodukt sein. Je weniger
Verbrennungsprodukt, desto reicher war der ursprüngliche Körper an
Phlogiston. Kohle, die nur eine geringe Menge Asche hinterläßt, war
demnach nahezu reines Phlogiston. Wurde Zink verbrannt, so zerfiel es
in seine Bestandteile Zinkweiß und Phlogiston. Die Wiedergewinnung
des Zinks aus dem Zinkoxyd durch Erhitzen mit Kohle bestand in einer
Zuführung des in der letzteren enthaltenen Phlogistons. So gelang es
in leichtfaßlicher Weise, nicht nur die Vorgänge der Oxydation und der
Reduktion, sondern auch die der Atmung und der Verwesung auf *ein*
Prinzip zurückzuführen. Die mit der Phlogistontheorie unvereinbare,
für manche Fälle schon bekannte Tatsache, daß das Gewicht des
Verbrennungsproduktes dasjenige der unverbrannten Substanz übertrifft,
wurde nicht weiter beachtet. Obgleich von einem unrichtigen Grundsatz
geleitet, haben die Phlogistiker des 18. Jahrhunderts, unter denen
sich Experimentatoren ersten Ranges wie *Scheele*, *Priestley* und
*Marggraf* befanden, die Chemie in hohem Grade gefördert. Durch ihr
Bemühen, in dem sie Baustein auf Baustein zusammentrugen, zwar ohne sie
in richtiger Weise ordnen zu können, haben sie selbst den Sturz der
Phlogistontheorie herbeigeführt und dem Manne, dessen Scharfsinn wir
die logische Verknüpfung der zahllosen chemischen Einzelbeobachtungen
verdanken, dem Franzosen *Lavoisier*, erst sein Werk ermöglicht.
Insbesondere wollen wir hier *Marggrafs* gedenken, der um die Mitte
des 18. Jahrhunderts in Berlin als eine Zierde der dortigen Akademie
der Wissenschaften wirkte. Diese Gesellschaft besaß um jene Zeit eine
Reihe vortrefflicher Chemiker in ihrer Mitte, so daß ihr Präsident
*Maupertuis* *Friedrich dem Großen* mit Recht sagen konnte: »Unsere
Chemiker stechen alle Chemiker Europas aus«[633].
*Andreas Sigismund Marggraf* wurde 1709 in Berlin geboren. Durch seinen
Vater, der eine Apotheke besaß, wurde er der Pharmazie zugeführt.
Von den Hilfswissenschaften dieses Gebietes fesselte ihn die Chemie
in solchem Grade, daß er sich ihr ausschließlich widmete. Nach
Beendigung seiner Studien, denen er auf der Universität Halle und auf
der Bergschule zu Freiberg oblag, kehrte er nach Berlin zurück, um
sich ausschließlich mit chemischen und mineralogischen Forschungen
zu befassen. Er wurde Mitglied der Akademie und später Direktor
der naturwissenschaftlichen Abteilung dieses Instituts, in dessen
Abhandlungen während der Jahre 1747-1779 die Arbeiten *Marggrafs*
veröffentlicht wurden. Diese haben zahlreiche Punkte der anorganischen
und der organischen Chemie, sowie der Mineralogie aufgehellt. Die von
*Marggraf* gewonnenen Ergebnisse wurden dadurch erzielt, daß er die
Analyse besonders auf nassem Wege ausübte und dies Verfahren durch
manche Hilfsmittel ausbaute. Auch wird ihm nachgerühmt, daß er der
erste war, der sich bei chemischen Untersuchungen des Mikroskops
bediente.
Auf die Ergebnisse seiner analytischen Forschungen werden wir zum Teil
noch bei der Besprechung der mineralogischen Fortschritte zurückkommen.
Hier sei nur hervorgehoben, daß er die Bittererde[634] und die
Tonerde[635] als besondere von der Kalkerde durchaus verschiedene
Substanzen erkannte. *Marggraf* zeigte ferner, daß der Gips eine
Verbindung von Kalkerde, Schwefelsäure und Wasser ist; er erkannte die
Zusammensetzung von Alaun und von Urinsalz, in welchem er Phosphorsäure
und flüchtiges Alkali entdeckte. Zahlreiche Untersuchungen über
den Phosphor, seine Darstellung und seine Verbindungen rühren von
*Marggraf* und seinen Schülern her. Vor allem wurde die Phosphorsäure
genauer untersucht[636]. *Marggraf* stellte sie entweder durch Kochen
von Phosphor mit Salpetersäure oder durch Verbrennen des Phosphors
her. Dabei entging ihm nicht, daß die entstandene Phosphorsäure mehr
wog als der in die Verbindung eingehende Phosphor, eine Tatsache, die
eigentlich *Marggrafs* Anschauungen hätte erschüttern müssen, da sie
der phlogistischen Theorie, nach der die Verbrennung in dem Entweichen
einer Materie bestehen sollte, durchaus widersprach. Es zeigte sich
indessen an ihm die so häufige Erscheinung, daß gerade der Fachmann
oft am wenigsten geneigt ist, liebgewordene Theorien, auf denen er das
ganze System seines Wissens aufgebaut hat, einer umwälzenden, neuen
Anschauung zu opfern.
*Marggraf* hat noch die Anfänge der antiphlogistischen Lehre miterlebt,
ist aber trotzdem Phlogistiker geblieben. Dieses hartnäckige Festhalten
an einem Irrtum schmälert *Marggrafs* Verdienste um die Wissenschaft
indessen nicht wesentlich, da sie sich bis zu einem gewissen Grade
unabhängig von dem Wechsel der Theorien, aus festgefügten Tatsachen
aufbaut. *Marggraf* hat übrigens nicht nur das Mikroskop, sondern auch
die Wage in die Chemie eingeführt, ein Verdienst, das man gewöhnlich
ausschließlich *Lavoisier* zuschreibt. Er fällte z. B. Silberlösung mit
Kochsalz und verglich das Gewicht des gelösten Silbers mit demjenigen
des Silberchloridniederschlages. In solchen und in ähnlichen Versuchen,
die gleichzeitig in Schweden *Bergman*[637] anstellte, begegnen uns die
Anfänge der quantitativen Analyse, d. h. des Verfahrens, die Stoffe
nicht nur isoliert zu wägen, sondern sie in Form von unlöslichen
Verbindungen bekannter Zusammensetzung abzuscheiden und deren Gewicht
zu ermitteln.
Groß ist auch die Förderung, welche die technische Chemie durch
*Marggraf* erfuhr. Er lehrte neue Metallegierungen kennen, verbesserte
die hüttenmännische Gewinnung des Zinks, das seitdem in größerer
Menge der Industrie zu Gebote stand, vor allem aber lehrte er, den
Zucker aus einheimischen Pflanzen darstellen. Über diese Entdeckung,
deren Tragweite *Marggraf* wohl geahnt hat, berichtet er in den
Abhandlungen der Akademie vom Jahre 1747[638] unter der Überschrift:
»Chemische Versuche angestellt in der Absicht, wirklichen Zucker aus
verschiedenen, in unseren Gegenden wachsenden Pflanzen herzustellen«.
Unter den Pflanzen, aus deren Wurzeln er reinen Zucker dargestellt
hat, hebt er besonders die Runkelrübe hervor. »Man erkennt«, schließt
er seine Abhandlung, »welche praktischen Anwendungen man von diesen
Versuchen machen kann. Man wird sich anstatt des teuren Rohrzuckers
oder eines schlechten Sirups in Zukunft des Zuckers unserer Pflanzen
bedienen können.« *Marggraf* war sich darüber vollkommen klar, daß es
sich hier nicht um einen dem Rohrzucker nur ähnlichen Stoff, sondern
um das Vorkommen des Rohrzuckers selbst in dem Saft der Runkelrübe
handelte.
Technisch ausgestaltet wurde die Gewinnung des Zuckers aus Rüben
durch *Marggrafs* Schüler *Achard*. Eigentlich lebensfähig wurde das
Verfahren aber erst, nachdem *Napoleon* durch seine Zollschranken die
Einfuhr von Kolonialzucker nach dem europäischen Kontinent unterbunden
hatte. Dadurch sah die chemische Industrie sich gezwungen, an die
Beschaffung eines Ersatzmittels zu denken. Der große Aufschwung der
Rübenzuckerfabrikation datiert indessen erst seit etwa dem Jahre 1825.