1. Altertum und Neuzeit.

Ein Ereignis, das gewöhnlich als ein Wendepunkt in der Geschichte

der Wissenschaften betrachtet wird, und mit dem auch wir den ersten

Abschnitt unserer Darstellung abschlossen, ist die Aufstellung des

heliozentrischen Weltsystems durch *Koppernikus*. Man darf jedoch

nicht außer Acht lassen, daß der Umschwung allmählich erfolgte,

und daß man auf allen Wissensgebieten zunächst an das Vorhandene

anknüpfte. Auch ging für die einzelnen Zweige die Befreiung aus den

Formen des mittelalterlichen Denkens durchaus nicht gleichzeitig vor

sich. Zuerst war es die Astronomie, die einen erhöhten Standpunkt

gewann. Ihr folgten die Physik seit dem 17. und die Chemie seit dem 18.

Jahrhundert, während die Biologie erst im Laufe des 19. Jahrhunderts

auf den Rang einer exakten Wissenschaft erhoben wurde.

Eine große Zahl von Aufgaben, deren Bewältigung man mit dem Beginn

der Neuzeit in Angriff nahm, hatte sich schon das Altertum gestellt.

Während des Mittelalters verlor man sie fast sämtlich aus den Augen.

Die Neuzeit nahm sie nahezu dort, wo das Altertum stehen geblieben,

wieder auf. Zum Teil führte sie diese Aufgaben ihrer Lösung entgegen,

sie knüpfte aber auch an die gelösten und an die schwebenden neue

Probleme an, die noch unsere Zeit vollauf beschäftigen, so daß letztere

das Gefühl beseelt, daß sich ein Ende in der Kette der Entdeckungen und

Erfindungen nirgends absehen läßt.

Ein kurzer Rückblick soll uns zunächst das Erbe vergegenwärtigen,

das die neuere Zeit vom Altertum übernommen hat. Die Elemente der

Mathematik waren in der Hauptsache entwickelt und am vollständigsten

durch *Euklid* zusammengefaßt worden. Hieran schlossen sich die

Untersuchungen des *Archimedes* und des *Apollonios*, die insbesondere

die wichtige Lehre von den Kegelschnitten begründeten. Das »Almagest«

genannte Hauptwerk des *Ptolemäos* enthielt die Grundzüge der ebenen

und der sphärischen Trigonometrie. Das heutige Ziffernsystem und die

Anfänge der Algebra verdankte man, als Schöpfungen einer späteren

Zeit, vorzugsweise den Indern und den Arabern.

Die Alten hatten ferner gezeigt, in welcher Weise sich die Mathematik

auf astronomische und mechanische Probleme anwenden läßt. Das Werk

des *Ptolemäos* und vor allem die Schriften des *Archimedes* bieten

zahlreiche Beispiele dafür. Über den Lauf der Gestirne hatte man eine

große Summe von Beobachtungen gesammelt; ferner lagen für eine richtige

astronomische Theorie Ansätze vor, die nur der weiteren Entwicklung

harrten. Die Methoden und die Instrumente waren im wesentlichen noch

dieselben, deren sich die Griechen bedient hatten. Auch gab es im

Beginn der neueren Zeit für die Astronomie keine Aufgabe, die sich

nicht schon die Alten gestellt hätten. Die Bestimmung des Umfangs der

Erdkugel, ihr Verhältnis zu den übrigen Himmelskörpern, eine genaue

Topographie des Fixsternhimmels, genaue Zeit- und Ortsbestimmung, die

Vorhersage astronomischer Ereignisse, wie der Finsternisse, alles das

waren Gegenstände, mit denen sich schon das Altertum, insbesondere die

alexandrinische Periode, eingehend beschäftigt hatte, und von denen die

neuere Zeit vorzugsweise durch das Hauptwerk des *Ptolemäos* Kenntnis

erhielt.

Die auf uns gekommenen Berichte über Jahrtausende zurückliegende

Finsternisse haben einen doppelten Wert. Einmal sind sie geeignet,

einen Prüfstein für die neueren, einen weit kürzeren Zeitraum

umfassenden Berechnungen zu bieten. Ferner geben sie ein Mittel an die

Hand, um weit zurückliegende geschichtliche Ereignisse chronologisch

zu ordnen[1]. Mitunter hat es sich in den alten Berichten offenbar

nur um Verfinsterungen gehandelt, die durch plötzlich auftretende

Gewitterwolken veranlaßt waren. Im ganzen haben aber die Berechnungen

von Mond- und Sonnenfinsternissen, die bis zum Jahre 900 v. Chr.

zurückreichen, für die Geschichte des Altertums und für die

astronomische Wissenschaft gleich wertvolle Ergebnisse geliefert[2].

Auch die Statik und die Optik, Gebiete, die sich für die den Alten am

meisten zusagende deduktive Behandlung besonders eigneten, empfing

die Neuzeit in einer, bis zu einem gewissen Grade wissenschaftlich

durchgebildeten Form, während bezüglich der übrigen Teile der Physik

nur die Kenntnis von mehr oder minder wertvollen Einzelbeobachtungen

übermittelt wurde, deren richtige Deutung und weiterer Verfolg der

neueren Periode vorbehalten blieb. Es gilt dies namentlich von den

magnetischen und den elektrischen Erscheinungen, sowie von dem

Verhalten der Gase und Dämpfe, über deren Studium wir *Heron* von

Alexandrien ausführliche Mitteilungen verdanken.

Auch die Chemie ist in ihren Anfängen auf das Altertum zurückzuführen.

Ist es auch häufig nicht mehr möglich, im einzelnen zu entscheiden,

welche Kenntnisse das Mittelalter den späteren Alexandrinern verdankte

und welche es selbständig erwarb, so muß doch anerkannt werden, daß

die Chemie im Mittelalter ganz besonders gepflegt und auch in mancher

Hinsicht durch neue Entdeckungen bereichert wurde. Die Chemie in ihrer

ersten, unvollkommenen Gestalt war so sehr eine Wissenschaft des

Mittelalters, daß sie weit über den Beginn der neueren Zeit hinaus sich

nach den in jener Periode gesteckten Zielen bewegte und sich erst spät

den Denkformen der neueren Zeit anpaßte.

Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften knüpfte man

gleichfalls dort an, wo das Altertum aufgehört hatte. Nachdem das

Studium der alten Schriftsteller die erste Anregung gegeben, wandte

man sich aber in steigendem Maße der eigenen, auf keine Autorität

zurückgreifenden Beobachtung zu, der sich durch die Erweiterung des

gesamten Gesichtskreises und infolge der Entwicklung der exakten

Wissenschaften ein überreiches, den Alten verschlossen gebliebenes Feld

eröffnete.

Die im Altertum geschaffenen Ansätze waren im Mittelalter nicht

etwa gänzlich verschollen. Man muß vielmehr annehmen, daß im Orient

überhaupt keine völlige Unterbrechung stattfand. Die Wissenschaft

der Alten empfing der Orient vorzugsweise aus den Händen der dort

ansässig gewordenen Griechen. Man verstand es, dieses Erbe nicht

nur zu erhalten, sondern es auch auszubauen und es durch Zuführung

neuer Elemente, z. B. aus Indien, zu vermehren. Mit dem 9. und 10.

Jahrhundert begannen die arabisch schreibenden Gelehrten des Orients

auf den Gebieten der Naturwissenschaften und der Heilkunde selbständig

zu werden, während sie sich vorher auf die Aneignung der älteren Werke

beschränkt hatten. Ihre Blütezeit erlebte die arabische Literatur im

11. Jahrhundert. Den christlichen Völkern des Mittelalters flossen die

Kenntnisse der Alten zuerst aus spärlicher und trüber, dann aber aus

immer reinerer Quelle. Was ihre Entfaltung zunächst hinderte, war

einmal die jähe Unterbrechung, welche die Kulturentwicklung Europas

durch die Völkerwanderung und den Sturz des römischen Kaiserreiches

erlitten, ferner aber der eigentümliche, auf das Kirchlich-Dogmatische

und Mystische gerichtete, der Natur abholde Geist, der das christliche

Mittelalter kennzeichnete. Unter seiner Herrschaft konnte nur ganz

allmählich eine die Dogmen beiseite schiebende und die Dinge selbst ins

Auge fassende Forschung aufkommen.

Die Welterklärung des Mittelalters drehte sich im wesentlichen um

den Streit, ob die Begriffe bloße Namen seien (Nominalisten), oder

ob sie als etwas wirklich Vorhandenes, als Wesenheiten, den Dingen

und Vorgängen zugrunde lägen (Realisten). Die Realisten, in denen die

Philosophie *Platons* ihre Fortsetzung fand, haben der Naturauffassung

des eigentlichen Mittelalters den Stempel aufgeprägt. Die als wirkliche

Wesen betrachteten Begriffe (»universalia ante res«) spielten damals

etwa die Rolle unserer heutigen Naturgesetze. Sie sind es, denen wir

noch während der Übergangszeit in dem Archeus des *Paracelsus* und

in der Erd- und Weltseele *Keplers* begegnen. Als der Realismus[3]

herrschte, waren die Sterne, die Pflanzen, ja selbst die Steine, kurz

jeder Körper, der Schauplatz für das Treiben einer Unzahl von Geistern.

Dies rührte daher, daß man der substantiellen Form, ein Wort, das etwa

die Bedeutung der platonischen Idee besitzt, reale Existenz beilegte,

anstatt in ihr eine Schöpfung des eigenen Verstandes zu erblicken.

Das Nächste war dann, daß eine ungezügelte Phantasie diesen wesenhaft

gewordenen Begriffen die Attribute der Persönlichkeit beilegte und

einen Mystizismus erzeugte, der eine Forschung nach den natürlichen

Ursachen unter Anerkennung des Kausalitätsgesetzes gar nicht aufkommen

ließ. Die Umwälzung, welche die Überwindung des mittelalterlichen

Geistes und die Begründung der neueren Philosophie und Naturforschung

bedeutet, bestand darin, daß an Stelle jener substantiellen Formen und

ihrer mystischen Auswüchse die bloße Regel, das Naturgesetz, trat. Die

Regel mußte aus der Beobachtung vieler Einzelfälle entnommen werden,

daher rührte die Forderung, induktiv zu verfahren, eine Forderung,

die an der Schwelle des neuen Zeitraumes von vielen Seiten und nicht

etwa bloß von *Francis Bacon* erhoben wurde. Die Regel ließ sich

ferner mathematisch fassen. So entstand eine enge Verbindung der

Mathematik mit der Naturwissenschaft, durch welche die neuere Zeit sich

gleichfalls von den früheren Perioden abhebt. In der Philosophie war

es *Bacon*, in der Naturwissenschaft vor allem *Galilei*, welche die

substantiellen Formen der Scholastiker beseitigten und an ihre Stelle

das immaterielle Naturgesetz stellten.

Die Entwicklung der Wissenschaft war während des Mittelalters fast

noch mehr als im Altertum auch dadurch sehr gehindert, daß zwischen

ihr und der Technik eine nur geringe Berührung stattfand. Der

weltfremde Gelehrte des Mittelalters beschränkte sich im wesentlichen

darauf, daß er die alten Schriftsteller und ihre Kommentatoren

studierte und in maßloser Überschätzung des Wortwissens etymologischen

Betrachtungen nachging, ohne auf die eigene Beobachtung Wert zu

legen. Auf diese Weise erwuchsen aus der vorhandenen Literatur zwar

neue Schriften, es fehlte ihnen aber an neuem Inhalt. Der mitten im

Leben stehende Gewerbetreibende dagegen beobachtete und erfand, aber

er schrieb nicht. Seine Kenntnisse pflanzten sich vorwiegend durch

mündliche Überlieferung fort. So begann, um einen Zweig der Technik

herauszugreifen, schon in früher Zeit ein reger Bergbau in Böhmen. Von

dort aus breitete er sich über Schlesien aus. Im 11. Jahrhundert begann

man in Ungarn, im Harz und im Mansfeldischen Bergwerke einzurichten.

Gleichzeitig entstanden Hütten- und Salinenwerke. Dasjenige von

*Wieliczka* z. B. wird seit dem 13. Jahrhundert betrieben. Welchen

Nutzen hätte die Naturwissenschaft aus diesen Unternehmungen ziehen

können! Und welch befruchtenden Einfluß hätte sie wiederum auf die

Technik auszuüben vermocht! Diese Wechselwirkung blieb solange aus,

bis der Buchdruck aufkam. Von diesem Zeitpunkt an sehen wir auch

den Techniker schriftstellerisch wirken. Er stellte seiner ganzen

Eigenart gemäß die eigene Beobachtung und Erfindung in den Vordergrund

und beschränkte sich hinsichtlich der literarischen Überlieferungen

darauf, sie als Hilfsmittel für seine eigene Arbeit und nicht, wie der

Gelehrte, als Mittelpunkt zu betrachten.

Von großem Einfluß auf die Umgestaltung der gesamten europäischen

Verhältnisse war auch die Verwendung des schon im 13. Jahrhundert

bekannt gewordenen Pulvers zu kriegerischen Zwecken. Es ist nicht

unwahrscheinlich, daß sein Gebrauch zum Fortschleudern von Geschossen

von einem Mönch namens *Berthold* (um 1300) herrührt[4]. Jedenfalls

erfolgte die Verbreitung der Feuerwaffen von Deutschland aus, wo

vermutlich schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten

Pulverfabriken eingerichtet wurden.

Für die Richtung, welche die Entwicklung der Wissenschaft und

der gesamten Kultur in der Neuzeit nahm, ist endlich noch ein

allgemeingeschichtliches Moment hervorzuheben. Der Sitz der politischen

Macht und der geistigen Bildung wanderte nämlich von ihren alten

Stätten, dem Orient und den Mittelmeerländern nach dem Nordwesten und

der Mitte Europas, nach England, Frankreich und Deutschland. Dieser Zug

von Osten nach Westen ist indessen kein blindes Walten des Schicksals.

Er wird dadurch hervorgerufen, daß sich dem Westen Europas gegenüber

ein neuer Weltteil erschließt, während der Osten dem Andrängen aus

Asien hervorbrechender Stämme (Mongolen und Türken) erliegt.

So sehen wir besonders in den beiden großen Hauptstädten nördlich

und südlich des Kanals neue Brennpunkte des wissenschaftlichen

Lebens entstehen. Und fortan gelten die Gestade der Nordsee dem

Geschichtsschreiber[5] »als die vornehmste Werkstätte des allgemeinen

Geistes des menschlichen Geschlechtes, seiner staatenbildenden,

ideenhervorbringenden, die Natur beherrschenden Tätigkeit«.

In dieser Tätigkeit wurde der Mensch der neueren Geschichte durch

nichts in dem Maße gefördert, wie durch das Emporblühen der

Naturwissenschaften. Sie waren es, die durch ihren Erkenntnisinhalt

und durch ihre zahllosen Anwendungen auf allen Gebieten neue Gedanken

hervorriefen und das gesamte Leben, sowie die Lebensanschauungen

umgestalteten. Das Mittelalter hatte vorzugsweise gesammelt, was an

Resten der untergegangenen Kultur des Altertums übrig geblieben war.

In der Neuzeit dagegen entfaltete sich immer machtvoller das Bestreben

»die Dinge aus den Dingen selbst« kennen zu lernen, wie ein oft

gebrauchter Ausdruck lautet. Dadurch gelangte man zu dem eigentlichen

Kern der Wissenschaft, deren Wesen das der vorurteilslosen Kritik und

der eindringenden Forschung ist. Zwar hat man sich nur nach und nach

von den überkommenen herrschenden Vorstellungen frei zu machen gewußt.

Selbst Männer wie *Koppernikus*, *Galilei*, *Kepler* und *Newton* waren

nicht unbeeinflußt von ihnen. Die größten Hemmungen bereiteten die

kirchlichen Dogmen, die im Mittelalter die Wissenschaft schon aus dem

Grunde eingeengt hatten, weil sie fast ausschließlich in den Händen der

Geistlichen lag. Erst dadurch, daß die Wissenschaft weltlich wurde,

daß sie der engen Haft der Klöster entrann und an besondere, ihrer

Pflege bestimmten Stätten, die Universitäten, verpflanzt wurde, daß

sie mit dem praktischen Leben in Fühlung trat und mit der selbständig

und ohne alle Buchgelehrsamkeit sich entfaltenden Technik in Beziehung

kam, waren die Voraussetzungen zu einer Um- und Neugestaltung des

gesamten wissenschaftlichen Lebens gegeben. Unter dem Einfluß dieses

Lebens hätte sich Europa, wenn die mittelalterlichen Einrichtungen

des staatlichen Lebens nicht übermächtig gewesen wären, eigentlich zu

einer Art Völkerfamilie entwickeln müssen, da alle Voraussetzungen

zu einer Kulturgemeinschaft gegeben waren. Unter den Gelehrten

aller europäischen Länder herrschte wenigstens das Gefühl der engen

Zusammengehörigkeit. Konnte sich doch der besonders von *Leibniz*

gehegte Gedanke hervorwagen, sämtliche gelehrten Akademien, die als

Schöpfungen der Neuzeit entstanden waren, zu einer europäischen

Gesamtakademie zu vereinigen. Auch daß eine einzige Sprache, die

Lateinische nämlich, die Gebildeten aller Länder verband, war ein

Vorzug, dessen die neuere Zeit durch nationalistische Absonderung nach

und nach verlustig gegangen ist. Infolge dieses Zusammenschlusses war

ferner der Wetteifer zwischen den einzelnen Ländern, insbesondere

zwischen Frankreich, England und den Niederlanden gleich groß. Trotz

ihrer Kleinheit verdienen die letzteren besondere Anerkennung. Ihre

Beteiligung am Welthandel, das Emporblühen von Städten, die ein Hort

der Freiheit, der Kunst und blühender Gewerbe waren, befähigten die

Niederländer auf allen Gebieten schon an der Schwelle der Neuzeit zu

Leistungen ersten Ranges. Zu diesen ist vor allem zu rechnen: die

Erfindung des Fernrohrs und des Mikroskops, die Gründung hervorragender

Hochschulen, wie derjenigen von Leiden und Utrecht, sowie die

Entwicklung des Buchgewerbes auf eine Höhe, von der heute noch die

Schätze der *Plantinschen* Druckerei in Antwerpen und die Buchausgaben

der Familie *Elzevir* Zeugnis ablegen. Auch dadurch haben die

Niederlande sich unvergänglichen Ruhm erworben, daß sie *Descartes* und

anderen Großen im Reiche der Wissenschaft eine Zuflucht boten, wenn

politischer oder religiöser Fanatismus ihnen die Heimat verleideten.

Politische und konfessionelle Spaltungen waren es auch, die

Deutschland anfangs daran hinderten, sich dem edlen, zwischen den

übrigen europäischen Ländern entbrannten Wettbewerbe mit Erfolg

anzuschließen. Zunächst mußten die Folgen des dreißig Jahre währenden

Religionskrieges überwunden werden, ehe Deutschland seinen vollen

Anteil an der neuzeitlichen Entwicklung der Wissenschaften beitragen

konnte. Man hätte eigentlich von einem Lande, in dem die Reformation

ihren Anfang nahm und der Humanismus zu großer Blüte gelangte,

mehr erwarten können. Der Einfluß dieser beiden Bewegungen auf die

Entwicklung der Naturwissenschaften war indessen nicht so groß, wie

man oft annimmt. Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, daß die

Reformation in gewissem Sinne für die Wissenschaften sogar einen

Rückschritt bedeutete, indem sie die transzendente Richtung wieder

verstärkte. Die protestantische Kirche verhielt sich, wie ihr Auftreten

gegen *Koppernikus* und *Kepler* zeigte, den naturwissenschaftlichen

Fortschritten gegenüber häufig sogar feindlich. Was die Reformation

Fortschrittliches im Gefolge hatte, war, daß sie den Autoritätsglauben

und damit eine der größten Fesseln der naturwissenschaftlichen

Forschung, einschränken half. Ihn gänzlich zu beseitigen ist

vergebliches Bemühen geblieben, da er zu tief in der Natur des Menschen

wurzelt.

Ebensowenig wie die Reformation war auch der Humanismus allein

imstande, für die Wissenschaften ein neues Zeitalter heraufzuführen.

Der Boden auf dem er erwuchs, waren die Universitäten, während

an dem Gebäude der neueren Naturwissenschaften viele Männer von

geistig freiem Blick arbeiteten, die abseits von dem am alten

Herkommen festhaltenden Leben der Universitäten standen. Es sei nur

auf *Koppernikus*, *Kepler*, *Tycho*, *Guericke*, auf *Agricola*,

*Leeuwenhoek*, *Grew* und viele andere, die uns in diesem Werke

begegnen, hingewiesen. Mitunter verhielten sich die Universitäten gegen

die naturwissenschaftliche Forschung geradezu ablehnend. Namentlich in

Frankreich, wo Staat und Kirche sich zur Unterdrückung freier geistiger

Bewegungen vereinigten, war dies zu Beginn der Neuzeit der Fall. Dies

für die Wissenschaft verhängnisvolle Bündnis hemmte auch in Italien

den durch *Galilei* und seine Schule eingeleiteten Fortschritt, so

daß Italien die Führung, die es auf geistigem Gebiete anfangs hatte,

bald an die nördlichen Länder Europas, insbesondere an England und die

Niederlande abtreten mußte.

Der Schaden, den die staatliche unter dem Einfluß der Kirche ausgeübte

Bevormundung der Forschung antat, wurde mitunter dadurch wieder

aufgehoben, daß der neuzeitliche Staat die Wissenschaft förderte, wenn

er sich einen unmittelbaren Nutzen von ihr versprach. So entstanden

Sternwarten, die bisher meist der privaten Liebhaberei entsprangen,

sowie Akademien unter Aufwendung staatlicher Mittel. Unter den

Sternwarten sind besonders die von Paris (gegründet im Jahre 1667)

und Greenwich (gegründet 1675) zu nennen. Ihrem Muster schlossen sich

diejenigen von Berlin, von Petersburg und Wien im 18. Jahrhundert an.

Die Akademien, denen der vorliegende Band einen besonderen

Abschnitt widmet, bildeten sich anfangs durch freien Zusammenschluß

hervorragender Forscher. Die Regierungen unterstützten die neue

Einrichtung, von der sie mehr als von den Universitäten praktisch

verwertbare Ergebnisse erhofften, und nahmen sie zumeist in ihre

Obhut oder schufen Neugründungen. Unter den in den nördlichen Ländern

gestifteten Akademien sind besonders die Royal Society (Gründungsjahr

1662) und die 1666 durch den Minister *Colbert* ins Leben gerufene

Académie des Sciences zu nennen. Im 18. Jahrhundert folgten Berlin

(1700) und Petersburg (1725). Erwähnung verdient auch die erste,

rein naturwissenschaftliche Akademie, die 1652 unter dem Namen der

Kaiserlich Leopoldinischen Akademie in Deutschland gegründet wurde und,

wie die übrigen, heute noch besteht.

Zu den genannten Forschungsmitteln gesellten sich die in der Regel

von den Akademien herausgegebenen periodischen Zeitschriften, unter

denen vor allem die Berichte der Royal Society und die seit 1682 in

Deutschland erscheinende »Acta Eruditorum« zu nennen sind[6].

Vor allem aber ist der neue, in den Arbeiten eines *Galilei*,

*Guericke*, *Kepler* und *Newton* seinen Höhepunkt erreichende

Abschnitt in der Entwicklung der Naturwissenschaften dadurch

gekennzeichnet, daß man die wichtigsten Hilfsmittel zur Verschärfung

der Sinne erfand und infolgedessen einen weit tieferen Einblick

wie bisher in die Erscheinungen zu tun vermochte. Was die früheren

Zeitalter an solchen Mitteln besaßen, erhob sich wenig über den Rang

einfacher, durch handwerksmäßiges Schaffen hergestellter Werkzeuge.

Jetzt treten uns auf wissenschaftlichen Grundsätzen beruhende, der

planmäßigen Forschung dienende Instrumente in größerer Zahl entgegen.

Was nützten alle Bemühungen, in die Natur der Wärmeerscheinungen

einzudringen, solange man kein Thermometer besaß? Das 17. Jahrhundert

erfand es. Die Philosophen hatten zahllose Spekulationen angestellt

über den leeren Raum, über das Wesen der Luft, über die Frage, ob

sie Gewicht besitzt oder mit einem Streben vom Erdmittelpunkte fort

begabt ist. Da trat *Guericke* auf, der nichts vom Disputieren auf dem

Gebiete der Naturwissenschaften hielt. Er baute seine Luftpumpe und

bewies das Vorhandensein des Luftdruckes durch den berühmten Versuch

mit den Magdeburger Halbkugeln. Er wog die Luft, untersuchte mit

seinem Wasserbarometer die Schwankungen ihres Druckes und vermochte

aus ihnen das Wetter vorherzusagen. An die Stelle des Wasserbarometers

trat dann das bequemere Quecksilberbarometer. Zur Luftpumpe gesellte

*Guericke* die Elektrisiermaschine. Das Fernrohr wurde in den Dienst

der Astronomie gestellt. Das Mikroskop erschloß dem Biologen eine neue

Welt. Die Sinne wurden nicht nur bewaffnet und zu höheren Leistungen

befähigt; es wurden auch ganz neue Gebiete der Wahrnehmung erschlossen,

beispielsweise die Luftdruckschwankungen, die doch etwas sind, wofür

wir keinen unmittelbaren Sinn besitzen. Höchstens ein dumpfes Gefühl

läßt besonders starke Schwankungen ahnen, während das Barometer die

geringste Änderung des atmosphärischen Druckes anzeigt.

So hat sich seit dem 17. Jahrhundert infolge der Erfindung neuer

Forschungsmittel eine bedeutende Vertiefung und Erweiterung des

Weltbildes vollzogen. Gewiß vermochten auch die Instrumente nicht

den letzten Schleier von den Dingen zu ziehen. Es zeugt indes von

schlechter Kenntnis der Aufgaben der Naturwissenschaft, das von

ihr zu verlangen. Alle Forschung ist Menschenwerk und somit an die

körperlichen und geistigen Grenzen des menschlichen Erkennens gebunden.

Die Instrumente tragen nur bis an diese Grenzen, und die echte

Forschung bleibt sich ihrer stets bewußt.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts · 第 26 / 81 题