Preußen

In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen

Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch

Taten ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes

Nationalgefühl, -- keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die

es dem Übergewichte der Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat

Friedrich II. auf, erhob sich Preußen.

Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern, noch den

Staat, den er fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht so

leicht getrauen, die ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und

die Fülle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns

nur ihre Weltstellung zu vergegenwärtigen.

Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs

von der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode

Karls VI. einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel

weiter mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und

noch entfernt von eigentlichen Geschäften jene Betrachtungen, von denen

ich eben eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man

sieht, ganz wider die französische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche

von dieser Seite her über Deutschland schwebte, sah er so deutlich,

empfand er so lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber hatte er

seinen Krieg ganz auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der

Erfolg seiner Waffen den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst

erklärte er ihrem Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde

ihre Truppen nicht länger auf deutschem Boden dulden, als das Wort

der Verträge besage. In dem Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich

scheinen sollen, Österreich völlig herabzubringen. Böhmen und

Oberösterreich waren nicht viel minder in feindlichen Händen als

Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn man diese Angriffe mit

angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will sagen, wozu es hätte

kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut anrechnen, daß er

diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten, daß es sein Vorteil

nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu entledigen. Als er

die Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, wollte er sie Atem

schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und

ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von

Österreich abzuhängen; völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen

ihnen eine unabhängige, auf eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen.

In diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschluß für seine Politik

während der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit

eifersüchtigerer Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mißtraut den

Freunden nicht minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet und

schlagfertig; sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr

nur von fern kommen sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil

ist, sowie er den Sieg erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden.

Wenn es sich versteht, daß es ihm nicht beikommen konnte, sich einem

fremden Interesse zu widmen, so hat er doch auch sein eigenes ohne

Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor Augen; nie sind seine

Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie; dabei aber will er

bis zum Äußersten festhalten.

Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit,

die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das

Mißfallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen.

Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz

nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und

geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in

das nördliche System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß

es einen übrigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des

Gleichgewichts im Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen,

erweckte ihm den ganzen Haß einiger russischen Minister, die ihre

Suprematie im Norden bedroht glaubten.

Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden

sollen. Aber daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich

erdreistete, eine freie selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den

Unwillen auch des Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut

sah, was es auf sich habe, so beschloß er doch, sein ganzes System zu

ändern und sich nunmehr an Österreich anzuschließen. Die öffentliche

Meinung stimmte in einer jener plötzlichen Aufwallungen, die ihr

besonders in Frankreich so eigen sind, dem Traktate freudig bei. So

gelang es der Kaiserin, die beiden großen Kontinentalmächte mit sich zu

vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in Sachsen, Pommern, gesellten

sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht viel anders, als wie er

nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen worden war, und durch

die Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von einer Teilung der

preußischen Staaten war nicht minder die Rede, als früher von einer

Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich

Verbündete -- die nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten

hatten.

Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem

Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es

nur wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?

Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklärung

über dessen Rüstungen ersucht. »Wenn sie nur einigermaßen genugtuend

ausfällt,« sagte er einem seiner Minister, »so marschieren wir nicht.«

Endlich kam der erwartete Kurier. Es fehlte viel, daß die Antwort

ausreichend gewesen wäre. »Das Los ist geworfen,« sagte er, »morgen

marschieren wir!«

So stürzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf, er rief sie

fast selbst hervor; aber erst mitten darin lernte er sie völlig kennen.

Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so

ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges.

Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu

Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr

über Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über

das Sein oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg

unterscheidet sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden

Augenblick die Existenz von Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem

Zustande der Dinge, der allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur

eines einzigen unglücklichen Tages, um diese Wirkung hervorzubringen.

Vollkommen fühlte dies Friedrich selbst. Nach der Niederlage von

Kollin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!« Und wenn sich ihm dies

Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist doch wahr, daß er sich

seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah.

Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so

verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner

Truppen, die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten

haben. Die Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrechterhielt.

Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen

Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum

Genuß des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu

so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius

selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene

Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur dazu, daß ihm

diese zum Bewußtsein komme; dafür sorgt dann das Leben, die Anstrengung

einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif.

Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er

erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war

nicht allein militärisch; es war zugleich ein innerer, moralischer,

geistiger; der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der

letzten Gründe der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit

alles irdischen Wesens.

Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer

Kraft rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber

diejenigen wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges

entstanden sind, haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie

enthüllen uns die Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf

und Gefahr. Er sieht sich »mitten im tobenden Meer; der Blitz streift

durch das Ungewitter; der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein

Haupt; von Klippen bin ich umgeben; die Herzen der Steuernden

sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist ausgetrocknet, die Palme

verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag er wohl in den

Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht haben;

häufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. -- Jedoch das

dritte Buch des Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, daß

das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war ein

Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene

Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht auf dem

Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne

Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den Triumvirn

verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf und war

entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in

dem Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen

Weltgeschickes verflochten -- Rom war die Welt -- ohne anderen Rückhalt

als die Bedeutung ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen;

er aber hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn

irgendein besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen,

daß es dieser Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer

schildert ihn uns nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang

seines Unglücks und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie

er bei dem Haß und dem Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt,

wie er dann für sein Heer und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah

und den Entschluß faßte, diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern, --

bis sich ihm denn doch allmählich die Möglichkeit eines erneuten

Widerstandes zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs

neue widmete. Unmöglich konnte er sein Land, wie er es so lange sehen

mußte, zurücklassen, »von den Feinden überschwemmt, seiner Ehre beraubt,

ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«; »dir«, sagte er, »will ich

die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich will mich nicht in

fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in das Feld der

Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu, »dem Geschick

entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander verschworene, vor Stolz

und Vermessenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus. Endlich erlebte

er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am Schluß

seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen

Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete

er sein Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben

wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu

heilen, die der Krieg ihm geschlagen.

Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte,

daß sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten

vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit

den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten

Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes

bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht.

Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten

wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem

österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es

völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und

Sachsen sich wieder an Österreich angeschlossen.

Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken;

Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und

genaue Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg

herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle

die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht

ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine

bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt

hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie

dort gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen

Suprematie auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten

wurde.« Man glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten

Einfluß gestattet habe. Noch als Koregent und von allem Anfang ließ

Joseph II. erklären, er halte die Rechte der kaiserlichen Krone für

heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht daran rühre, wenn man mit

ihm gut stehen wolle. Es war schon damals zu erkennen, daß der wahre

Schutz der politischen Unabhängigkeit von Deutschland in einer freien

und fest begründeten Vereinigung dieser beiden Mächte gegen das Ausland

bestehe.

Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung,

daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den

französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich

will nicht sagen, daß sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger

Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag

dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle

Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war.

Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte;

sodann in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine,

ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die

Tätigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in

manchen anderen Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten

sich alle der nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten

Lehrgebäuden, für die Überlieferung des Katheders, selten für

eigentlich geistiges Verständnis geeignet, breiteten sie sich aus;

die Universitäten beherrschten nicht ohne Beschränktheit und Zwang die

allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, daß die oberen Klassen

der Gesellschaft allmählich davon minder berührt wurden und sich, wie

gedacht, von französischen Richtungen hinreißen ließen. Seit der Mitte

des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung des nationalen

Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch sehr von jenem

Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze mit

demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber

nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der

deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben; die Religion

ward endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne

Schwärmerei, in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahe gebracht.

In kühnen Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen

Erörterung des obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an

demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die

beiden Richtungen der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem,

die eine mehr anschauend, die andere mehr untersuchend, sich neben-

und miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoßen, aber nur

zusammen die Fülle eines originalen Bewußtseins ausgedrückt haben.

Kritik und Altertumskunde durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und

drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu

erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife unterstützt, entwickelte

dann der Geist der Nation selbständig und frei versuchend eine poetische

Literatur, durch die er eine umfassende, neue, obwohl noch in manchem

inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen übereinstimmende Weltansicht

ausbildete und sich selber gegenüberstellte. Diese Literatur hatte dann

die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr auf einen Teil der

Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja ihrer Einheit

zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue

Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht

so sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen;

es ist im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist

verschmäht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch

wurde das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet;

seine Aufgabe war, die positive Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei

Hindernisse haben sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange

seiner eigenen Bildung oder auch anderen Einwirkungen entsprangen; wir

dürfen nun hoffen, daß er sie alle überwinden, zu einem vollkommneren

Verständnis in sich selbst gelangen und alsdann zu unablässig neuer

Hervorbringung fähig sein werde.

Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon

diese Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur

von einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl

gewiß, daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister

begleitet war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das

Leben und der Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich

selbständig fühle, wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat

eine Literatur geblüht, ohne durch die großen Momente der Historie

vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst

davon nichts wußte, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der

Nation, die deutsche Literatur mit ihm; doch kannte er seine Verbündeten

nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und kühn, daß

ein Held aus ihnen hervorgegangen war.

Es war, wie wir sahen, ein Bedürfnis des siebzehnten Jahrhunderts,

Frankreich einzuschränken. Auf welche alle Erwartung übersteigende Weise

war dies jetzt geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, daß sich ein

künstlich verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was

man so nennt, waren die Formen; das Wesen bestand darin, daß sich große

Staaten aus eigener Kraft erhoben, daß neue nationale Selbständigkeiten

in ursprünglicher Macht den Schauplatz der Welt eingenommen hatten.

Österreich, katholisch-deutsch, militärisch-stabil, in sich selbst

voll frischer, unversiegbarer Lebenskräfte, reich, eine für sich

abgeschlossene Welt. Das griechisch-slawische Prinzip trat in Rußland

mächtiger hervor, als es jemals in der Weltgeschichte geschehen;

die europäischen Formen, die es annahm, waren weit entfernt, dies

ursprüngliche Element zu erdrücken; sie durchdrangen es vielmehr,

belebten es und riefen seine Kraft erst hervor. Wenn sich dann in

England die germanisch-maritimen Interessen zu einer kolossalen

Weltmacht entwickelten, die alle Meere beherrschte, vor der

alle Erinnerungen früherer Seemächte zurücktraten, so fanden die

deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre

Darstellung und ihren Ausdruck in Preußen. »Wenn man das Geheimnis auch

wüßte,« sagt ein Dichter, »wer hätte den Mut, es auszusprechen?« Ich

will mich nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu

fassen; doch sehen wir deutlich, daß sie auf Prinzipien gegründet sind,

die aus den verschiedenen großen Entwickelungen früherer Jahrhunderte

hervorgegangen waren, daß sie sich diesen analog in ursprünglichen

Verschiedenheiten und mit abweichenden Verfassungen ausbildeten, daß

sie großen Forderungen entsprachen, die gemäß der Natur der Dinge an die

lebenden Geschlechter geschahen. In ihrem Aufkommen, ihrer Ausbildung,

welche, wie sich versteht, nicht ohne mannigfaltige Umgestaltung innerer

Verhältnisse erfolgen konnte, liegt das große Ereignis der hundert

Jahre, die dem Ausbruch der Französischen Revolution vorhergingen.

Die großen Mächte · 第 6 / 9 题