Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den
Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So
sehr uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen,
so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt
sich, verschwindet; nur die großen Eindrücke, die wir auf einer oder
der anderen Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns
unwillkürlich oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben,
bleiben übrig und vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die
vornehmsten Momente des genossenen Daseins treten in der Erinnerung
zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus.
Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die
Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die
wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen
die Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter
und lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen
Periode, die nur durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist
-- der letzten anderthalb Jahrhunderte --, einmal im Zusammenhange zu
vergegenwärtigen.
Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen
Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich
einen unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in
sich. Allein niemals läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien
Standpunkte aus das Ganze zu überschauen; auch strebt jedermann auf
eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen
Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.
Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger
Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich
will mich jedoch einmal daran wagen.
Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser
einleiten, als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang
der modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu
erschüttern vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment,
in dem wir uns befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es
gewöhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu bringen?
Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit
zurückgreifen, es wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben;
auch halte ich mich absichtlich an die großen Begebenheiten, an den
Fortgang der auswärtigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der
Aufschluß für die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten
Wirkung und Rückwirkung stehen, wird darin großenteils enthalten sein.
Die Zeit Ludwigs XIV.
Gehen wir davon aus, daß man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit
von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und
Frankreich sah. Von dem einen überwältigt, fand man eine Zuflucht bei
dem andern. Daß Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwächt
und zerrüttet war, erschien als ein allgemeines Unglück; wenn man dann
Heinrich IV. so lebhaft begrüßte, so geschah dies nicht allein, weil er
der Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptsächlich weil
er eben dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europäischen
Ordnung der Dinge wurde.
Es ereignete sich aber, daß Frankreich, indem es dem Nebenbuhler
allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die
gefährlichsten Schläge beibrachte und die Verbündeten desselben in
Deutschland besiegte, hierdurch selber ein Übergewicht an sich riß,
größer als jener es in dem Höhepunkte seiner Macht besessen hatte.
Man vergegenwärtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680
war.
Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in
Gärung zu erhalten, -- unter einem Könige, der es vollkommen
verstand, der Fürst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer
Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und
in der Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst
verbündet hatte, -- einmütiger, mächtiger als jemals vorher.
Um das Machtverhältnis einigermaßen zu überblicken, braucht man sich
nur zu erinnern, daß zu der nämlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden
ersten stehenden Regimenter, Infanterie und Kürassiere, errichtete,
Ludwig XIV. im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und
14000 Mann Garde hielt; daß, während die englische Kriegsmarine in den
letzten Jahren Karls II. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83
Schiffe gezählt), die französische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe
vom ersten und zweiten Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele
Brander gebracht ward. Die Truppen Ludwigs XIV. waren die geübtesten,
krieggewohntesten, die man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein
anderer Fürst besaß zum Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte
Grenzen.
Nicht allein aber durch die militärische Macht, sondern noch mehr durch
Politik und Bündnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu
überwältigen. Die Verhältnisse, in welche sie dadurch gelangt waren,
bildeten sie zu einer Art von Oberherrschaft aus.
Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm
Schweden einen gefährlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne
rechten Anlaß, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf
dessen Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen
Krone ward in einem offiziellen Blatte als ein Triumph Ludwigs XIV.
angekündigt; König und Königin waren lange im französischen Interesse.
Von Polen aus unterstützte man, wenn es über Wien nicht mehr möglich
war, die ungarischen Mißvergnügten; die Franzosen vermittelten die
Verbindung derselben mit den Türken; denn auf den Diwan übten sie ihren
alten, durch die gewöhnlichen Mittel erhaltenen Einfluß ohne Störung.
Es war alles =ein= System. Eine vorzügliche Rücksicht der französischen
Politik bestand darin, den Frieden zwischen Polen und Türken zu
erhalten; dazu wurde selbst der Tatarkhan angegangen. Eine andere war,
Schweden von den Russen nicht mit Krieg überziehen zu lassen.
Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter Miene, Schweden
anzugreifen, das mit Frankreich verbündet ist, so drohten die Türken,
mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg und
Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab.
Man weiß, wie unmittelbar, hauptsächlich durch Schweden, das nämliche
System Deutschland berührte. Aber auch ohne dies war unser
Vaterland entzweit und geschwächt. Bayern und Pfalz waren durch
Heiratsverbindungen an den französischen Hof geknüpft, und fast alle
übrigen Fürsten nahmen zu einer oder der anderen Zeit Subsidien; der
Kurfürst von Köln überlieferte vermöge eines förmlichen Traktates, den
er durch verschiedene Scheinverträge verheimlichte, seine Festung Neuß
an eine französische Besatzung.
Auch in dem mittleren und dem südlichen Europa war es nicht viel
anders. Die Schweizer dienten zuweilen, über 20000 Mann stark, in den
französischen Heeren, und von der Unabhängigkeit ihrer Tagsatzungen war
bei so starkem öffentlichen, noch stärkerem geheimen Einfluß nicht
mehr viel zu rühmen. Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu
Pinarolo genommen; noch wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und
Genua unmittelbar bedroht werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wäre,
wenn auch dieser Platz in französische Hände komme; jedoch wagte kein
Mensch, sich der Unterhandlung, die Ludwig XIV. mit dem Herzoge von
Mantua darüber pflog, obwohl sie lange genug dauerte, ernstlich zu
widersetzen, und endlich rückte eine französische Besatzung daselbst
ein. Wie der Herzog von Mantua waren auch die übrigen italienischen
Fürsten großenteils in der Pflicht von Frankreich. Die Herzogin von
Savoyen und, jenseit der Pyrenäen, die Königin von Portugal waren
Französinnen. Der Kardinal d'Etrées hatte über die eine wie die andere
eine so unzweifelhafte Gewalt, daß man gesagt hat, er beherrsche sie
despotisch, durch sie die Länder.
Sollte man aber glauben, daß Frankreich indes selbst auf seine Gegner
vom Hause Österreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende
Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einfluß erwarb? Es verstand,
die spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge König von
Spanien vermählte sich mit einer französischen Prinzessin, und gar bald
zeigte sich dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in
den inneren Angelegenheiten von Spanien. Der bedeutendste Mann, den
dies Land damals hatte, der zweite Don Juan d'Austria, ward, soviel
ich finde, durch die Franzosen in den Mißkredit gebracht, in welchem er
starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten im Kriege, wußten sie, wiewohl
bloß insgeheim, Fuß zu fassen. Nur unter einer solchen Voraussetzung
wenigstens glaubte man die Schwankungen des dortigen Kabinetts begreifen
zu können. Die Anordnungen des Hofkriegsrates waren, wie Montecuculi
klagte, früher zu Versailles bekannt als in dem eigenen Hauptquartier.
Bei diesem Zustande der Dinge hätte wohl vor allen europäischen Staaten
England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu
besaß, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man weiß, durch welche
sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggründe der Politik und
der Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige
Karl II. an Ludwig XIV. gebunden war. Für den König von Frankreich waren
diese Bande jedoch noch nicht fest genug. In dem nämlichen Augenblicke
ließ er sich angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des
Parlaments an sich zu ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt
sie waren, so brauchte er doch nur die nämlichen Mittel anzuwenden. Die
Gründe, sagt der französische Gesandte Barrillon von einem derselben,
die Gründe, die ich ihm anführte, überzeugten ihn nicht; aber das Geld,
das ich ihm gab, das machte ihn sicher. Hierdurch erst bekam Ludwig XIV.
England in seine Gewalt. Hätte der König sich von ihm entfernt, so würde
derselbe Widerstand im Parlament gefunden haben; sobald das Parlament
dem nationalen Widerwillen gegen die Franzosen Raum gab, stellte
sich der König entgegen. Ludwigs Politik war, und Barrillon sagt
ausdrücklich, es liege demselben am Herzen, eine Vereinigung der
Engländer, eine Aussöhnung zwischen König und Parlament zu verhindern.
Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht ward hierdurch völlig
neutralisiert.
Und so war allerdings Europa den Franzosen gegenüber entzweit und
kraftlos, ohne Herz, wie ein Venezianer sagt, und ohne Galle. Welch ein
Zustand der allgemeinen Politik, daß man es duldete, als Ludwig auf
den Antrag eines seiner Parlamentsräte zu Metz jene Reunionskammern
einrichtete, vor die er mächtige Fürsten zitierte, um über ihre
Rechte an Land und Leute, durch Staatsverträge gewährleistet, wie über
Privatrechte von seinen Gerichten entscheiden zu lassen! Welch ein
Zustand des Deutschen Reiches, daß es sich Straßburg so gewaltsam, so
wider die Natur der Dinge entreißen ließ! Man erlaube mir, anzuführen,
wie ein Fremder lange nachher die Eroberung des Elsaß bezeichnet. »Wenn
man die Geschichte davon liest,« sagt Young in einer Reisebeschreibung,
»so macht sie einen so tiefen Eindruck nicht; daß ich aber, aus
Frankreich kommend, über hohe Gebirge mußte und dann in eine Ebene
hinabstieg, in der ein von den Franzosen in Sitte, Sprache und
Abstammung ganz unterschiedenes Volk wohnt (die Ebene, welche damals
erobert wurde), das machte mir Eindruck.« Und eine solche Beleidigung
nahm Deutschland hin und schloß darüber einen Stillstand.
Was gab es da noch, das sich Ludwig XIV. nicht hätte erlauben sollen?
Ich will nicht dabei verweilen, wie er Genua mißhandelte, wie er seinen
Ambassadeur dem Papst zum Trotz mit einer bewaffneten Macht in Rom
einrücken ließ; erinnern wir uns nur, wie er selbst seiner Freunde
nicht schonte. Er nahm Zweibrücken in Besitz, obwohl es seinem alten
Bundesgenossen, dem Könige von Schweden, gehörte; sein Admiral beschoß
Chios, weil sich tripolitanische Seeräuber dahin geflüchtet, obgleich
die Türken seine Verbündeten waren; einiger Forts, die der englischen
Gesellschaft der Hudsonbai gehörten, bemächtigte er sich mitten im
Frieden, während des besten Einverständnisses. Jener Königin von Polen
versagte Ludwig XIV. eine geringfügige Genugtuung ihres Ehrgeizes.
Nachdem er sich Freunde gemacht, durch Geld oder Unterstützung, liebt er
es, sie zu vernachlässigen, sei es, um ihnen zu beweisen, daß er sie
im Grunde doch nicht brauche, oder in der Überzeugung, die Furcht
vor seinem Unwillen allein werde sie in Pflicht halten. In jeder
Unterhandlung will er dies sein Übergewicht fühlen lassen. Von einem
seiner auswärtigen Minister sagt er selbst: »Ich habe ihn entfernen
müssen; denn allem, was durch seine Hand ging, gebrach es an der
Großartigkeit und Kraft, welche man zeigen muß, wenn man die Befehle
eines Königs von Frankreich ausführt, der nicht unglücklich ist.«
Man darf annehmen, daß diese Gesinnung der vornehmste Antrieb selbst
seiner Kriegslust war. Schwerlich war gerade eine ausschweifende
Ländergier in ihm; von einer weit um sich greifenden Eroberung war
eigentlich nicht die Rede. Wie die Feldzüge selbst nur eben mit zu den
Beschäftigungen des Hofes gehören, -- man versammelt ein Heer, man läßt
es vor den Damen paradieren; alles ist vorbereitet; der Schlag gelingt;
der König rückt in die eroberte Stadt ein, dann eilt er zum Hofe zurück,
-- so ist es hauptsächlich diese triumphierende Pracht der Rückkehr,
diese Bewunderung des Hofes, worin er sich gefällt; es liegt ihm nicht
soviel an der Eroberung, an dem Kriege, als an dem Glanze, den sie um
ihn verbreiten. Nein! einen freien, großen, unvergänglichen Ruhm sucht
er nicht; es liegt ihm nur an den Huldigungen seiner Umgebung; diese ist
ihm Welt und Nachwelt.
Aber darum war der Zustand von Europa nicht weniger gefährdet. Sollte
es einen Supremat geben, so müßte es wenigstens ein rechtlich bestimmter
sein. Dies faktisch Unrechtmäßige, das den ruhigen Zustand jeden
Augenblick durch Willkür stört, würde die Grundlage der europäischen
Ordnung der Dinge und ihrer Entwickelung auflösen. Man bemerkt nicht
immer, daß diese Ordnung sich von anderen, die in der Weltgeschichte
erschienen sind, durch ihre rechtliche, ja juridische Natur
unterscheidet. Es ist wahr, die Weltbewegungen zerstören wieder das
System des Rechtes; aber nachdem sie vorübergegangen, setzt sich dies
von neuem zusammen, und alle Bemühungen zielen nur dahin, es wieder zu
vollenden.
Und das wäre noch nicht einmal die einzige Gefahr gewesen. Eine
andere nicht minder bedeutende lag darin, daß ein so entschieden
vorherrschender Einfluß einer Nation es schwerlich zu einer
selbständigen Entwickelung der übrigen hätte kommen lassen, um so
weniger, da er durch das Übergewicht der Literatur unterstützt wurde.
Die italienische Literatur hatte den Kreis ihrer originalen Laufbahn
bereits vollendet; die englische hatte sich noch nicht zu allgemeiner
Bedeutung erhoben; eine deutsche gab es damals nicht. Die französische
Literatur, leicht, glänzend und lebendig, in streng geregelter und
doch anmutender Form, faßlich für alle Welt und doch von nationaler
Eigentümlichkeit, fing an, Europa zu beherrschen. Es sieht beinahe
wie ein Scherz aus, wenn man bemerkt hat, daß z. B. das Diktionär der
Akademie, in welchem sich die Sprache fixierte, besonders an Ausdrücken
der Jagd und des Krieges reich ist, wie sie am Hofe gang und gäbe waren;
aber leugnen läßt sich nicht, daß diese Literatur dem Staate völlig
entsprach und ein Teil den anderen in der Erwerbung seines Supremats
unterstützte. Paris ward die Kapitale von Europa. Es übte eine
Herrschaft wie nie eine andere Stadt, der Sprache, der Sitte,
gerade über die vornehme Welt und die wirksamen Klassen; die
Gemeinschaftlichkeit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr
besonders ist es doch, daß die Franzosen schon damals ihre Verfassung
aller Welt angepriesen haben, »den glücklichen Zustand der schutzreichen
Untertänigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Könige befinde,
einem Fürsten, welcher vor allen verdiene, daß die Welt von seiner
Tapferkeit und seinem Verstande regiert und in rechte Einigkeit gebracht
werde.«
Versetzt man sich in jene Zeit, in den Sinn eines Mitlebenden zurück,
welch eine trübe, beengende, schmerzliche Aussicht! Es konnte doch
geschehen, daß die falsche Richtung der Stuarts in England die Oberhand
behielt und die englische Politik sich auf ganze Zeiträume hinaus an
die französische fesselte. Nach dem Frieden von Nimwegen wurden die
lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, um die Wahl eines römischen
Königs auf Ludwig XIV. selbst oder doch den Dauphin fallen zu
lassen; bedeutende Stimmen waren dafür gewonnen, »denn allein der
allerchristlichste König sei fähig, dem Reiche seinen alten Glanz
wiederzugeben«; und so unmöglich war es nicht, daß unter begünstigenden
Umständen eine solche Wahl wirklich getroffen wurde; wie dann, wenn
hernach auch die spanische Monarchie an einen Prinzen dieses Hauses
fiel? Hätte zugleich die französische Literatur beide Richtungen,
deren sie fähig war, die protestantische so gut wie die katholische,
ausgebildet, so würde Staat und Geist der Franzosen sich mit
unwiderstehlicher Gewalt Europa unterworfen haben. Versetzt man sich,
wie gesagt, in jene Zeit zurück, wodurch würde man glauben, daß einer so
unglücklichen Wendung der Dinge Einhalt geschehen könnte?
Gegen den Anwachs der Macht und des politischen Übergewichtes konnten
die minder Mächtigen sich vereinigen. Sie schlossen Bündnisse,
Assoziationen. Dahin bildete sich der Begriff des europäischen
Gleichgewichtes aus, daß die Vereinigung vieler anderen dienen müsse,
die Anmaßungen des exorbitanten Hofes, wie man sich ausdrückte,
zurückzudrängen. Um Holland und Wilhelm III. sammelten sich die Kräfte
des Widerstandes. Mit gemeinschaftlicher Anstrengung wehrte man die
Angriffe ab, führte man die Kriege. Allein man würde geirrt haben, wenn
man sich hätte überreden wollen, es liege darin eine Abhilfe auf immer.
Einem europäischen Bündnisse und einem glücklichen Kriege zum Trotz
wurde ein Bourbon König von Spanien und Indien; über einen Teil von
Italien sogar breitete sich in dem allmählichen Fortgang der Dinge die
Herrschaft dieses Geschlechtes aus.
In großen Gefahren kann man wohl getrost dem Genius vertrauen, der
Europa noch immer vor der Herrschaft jeder einseitigen und gewaltsamen
Richtung beschützt, jedem Druck von der einen Seite noch immer
Widerstand von der andern entgegengesetzt und bei einer Verbindung der
Gesamtheit, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt enger und enger geworden,
die allgemeine Freiheit und Sonderung glücklich gerettet hat. Da das
Übergewicht Frankreichs auf der Überlegenheit seiner Streitkräfte, auf
innerer Stärke beruhte, so war ihm nur dadurch wahrhaft zu begegnen, daß
ihm gegenüber auch andere Mächte zu innerer Einheit, selbständiger
Kraft und allgemeiner Bedeutung entweder zurückkehrten oder aufs neue
emporkämen. Überblicken wir in wenigen flüchtigen Zügen, wie dies
geschah.