Keinem Freind in der große Schtadt! Kein Penni in der Tasche! Un dazu
tife Miternach! Oh was fir ein Trugh sin alle unsre Erwartungn! Ich
dachte auf alle di kleinen Jungen fon die ich gelesn hab, das sie
ferlorn gegangen sin. Ich erinerte mich, das es in diser selbe Schtadt
wahr, wo der arme Scharl Roß geschtohln worn is. Ich glaub ich muß
einen hesterischn Anfall gehabt habn, weil ich so weinen un seifzn
mußte, wi wenn mir das Hertz brechn mecht. Gewehnlich schenihr ich
mich zu weinen, weil es so auschaut, wi wenn ich ein Babi oder ein
Weib wer, aber ich hadte schreklich Heimwe un firchtete mich auch ein
klein winziges bischen, das irgnd was passihrt un meine arme Mamma
ihr libes Kind nich mer siht. Eine Dahme herte mich seifzn un lente
sich forwerts un sagte: »Armer kleiner Junge, was is dir gescheen,
has du filleich Magnschmerzn? Da sin Fefferminzzeltchen, nimm dir ein
pahr.« Dann erzehlte ich ihr fon den gerestn Muschln -- das ich in dem
Wagohn heneingedrengt worn bin, wi ich in der Schule gehn wollt un
dann in den Zug eingesetzt worn bin um nachaus zu farn un einschlif
un wi der Bliz bei unsrer Schtadt forbeifuhr one es zu wissn, un das
ich kein Geld hab un das Mamma sich so ängstegn wird um mir. Sie wahr
zehr freindlich zu mir. Sie sagte, ich soll mit ihr nachaus komen un
iber Nach bleibn un in der frih wirdn wir tellergrafihrn damit Papa
kommt un mich hohlt. Ich dankte ihr ser heflich -- ganz wi es sein muß
-- un fragte sie, ob sie filleich kleine Jungen zuhaus hat, mit di
ich schpiln kann, bis mein Fater komt. Sie sagte nein, sie were nich
ferheiratet; aber ich fragte sie ja nich ob sie ferheiratet is oder
nich -- ich wollte bloß wissn, ob sie einem Bubn oder Medchen hat, mit
die ich schpiln kann. Ich glaub sie wahr krank, weil ein Wagn auf ihr
wartete, wi wir ankahmen un der Kutscher griff sehr erehrbitig am Hut,
aber mich schaute er sehr neigirig fon obn bis untn an, wi wenn ich
der Babi-Ellfant wer, oder was ehnliches. Dann sagte di Dahme: »Michl,
dises Kind is ferirrt oder geschtohln, wir missn heut nacht fir ihm
sorgn, un morgn ganz zeitlich an seine Freinde tellergrafihrn.« -- »Er
is ein hibscher sißer kleiner Junge,« sagte Michl, »ich will hoffn, er
is nich fon zuhaus wegelaufn, wi manche fon ihnen thun.« -- »Ich will
fir ihn gutschtehn,« sagte di Dahme. Un in ihrn Haus wahr es wirklich
famohs. Oh, fihl hibscher, wi unsres! Sie legte mich in einem hibschn,
weichn Bedt in einen kleinen Zimmer neben ihrn, un liß di Thir offn,
damit ich mich nich einsam fihl. Ich schlif in filleich 5 Sekkundn ein.
Meine Fiße tatn greßlich weh, aber ich wahr zu mid, um mir was draus zu
machn. Wi ich aufkam war heller Tag; ein nettes Schtubmedchen, ganz wi
Betti, sagte zu mir: »Hir is das Badzimmer. Das gnä Fräuln sagt, sie
mechtn liber zuers badn. Ich hab das Wasser in der Wanne grad recht
gemacht -- schtehn sie nur auf un fersuchn sies. Das gnä Fräuln sagt,
sie mechtn nich mit die Glasgriffe schpiln. In ½ Schtunde wird das
Frihschtick fertig sein. Wenn sie angezogn sin, kommen sie henunter in
den Sallohn.«
Ich hadte ein prachfolles Bad, nur wurde die Wanne so foll fon heißn
Wasser, das ich bald herauschpringn mußte -- ich konnte es nich mehr
zurikdrehn, je mehr ich drehte, desto mehr rann es, un wi ich mich
angezogn hadte, das ich henausgehn un das Medchen rufn konnte, rann
schon zimlich fihl iber dem Fußbodn. Gliklicherweis ging sie grad durch
der Fluhr, sons wer di Deke runihrt worn, -- das Medchen sagt sie is
grad gefreskot worn. Ich firchte, es machte ihr ein bischen Mihe, so
fihl Wasser aufzuwischn.
Ich ging in dem Sallohn henunter; di Dahme wahr noch nich dort,
allso schaute ich aus dem Fenster. Auf den Trottoah schpilte ein
sehr hibsches kleines Medchen. Ich machte das Fenster auf, kletterte
henaus un schprang henunter. Sie sagte: »Oh je!« Dann sagte sie: »Wer
bis du, ich wußte nich das Fräul Ward einen kleinen Jungen im Haus
hat.« Ich erzehlte ihr, wiso es kahm. Es that ihr sehr leid um mir;
aber sie sagte, wenn ich zu einer Feier un ferlorn gehn wollte un
solches, so hedte ich mein anres Gewand anzihn missn un nich meinen
Schulanzug tragn. Wir schpiltn ein bischen un dann mußte sie in der
Schule gehn. Ich ging ein Schtikchen mit ihr, bis sie sagte, ich soll
liber zurikgehn, sons geh ich wider ferlohrn; sie zeigte mir, wo ich
zurikgehn soll, aber ich probihrte un probihrte un probihrte un konnte
das Haus nich findn.
[Illustration]
Ich wahr firchterlich hungrich. Ich glaub, ich leitete filleich an
200 Hausglokn -- aber an lauter unrechte. Das Nagn fon Hunger fing an
greßlich zu wern. Grad da sa ich sie zu meiner große Freide bei einen
Fenster schtehn. Sie schidtlte den Kopf un sagte, sie firchtet, ich
bin unferbesserlich -- ich hedte nich wegehn solln -- besonderst nich
aus den Fenster -- ich hedte einen Krazzer auf ihre nein Tapethn
gemacht un es hedtn Einbrecher hereinkommen kennen, befor es zugemacht
wahr. Ich baht, sie soll mir dises eimal ferzeihn. Ich wollte nich
ferlohrn gehn, aber ich wollte mit den kleinen Medchen beim nechstn
Tohr schprechn. Sie sagte, dismal will sie -- ob ich nich frihschtiktn
gehn will? Sie fihrte mich im Schpeisezimmer un setzte sich zum Tisch
werend der Diner mich bedihnte. Ich erzehlte ihr eine Menge fon mir.
Sie schrib sich dem Nahmen fon meinen Fater un fon mir auf. Ich
erzehlte ihr fon Lil un den Babi -- wi ich es abschißn wollte un fon
Beß un ihrn Ferehrer -- un fon meine Erfarungen im Ballon letztn Juli,
un fon Mammas un meinen Ausfluhg zu die Wasserfelle un ferschidne
anre Sachn, un das ich mir ein Tagbuch halt. Ein pahrmal lachte sie
un ein pahrmal hilt sie die Hende for Schrekn in der Hehe. Aber der
Narr fon einen Diner schprang in der Schpeiskammer un lachte, das ihm
die Knepffe fon der Weste abschprangen hinter der Thir. Mir schmekte
es. Allso sagte sie wi ich fertig wahr: »Georg, ich geh jetz deinen
Leitn tellergrafihrn, zu kommen un dich abzuholn. Ich laß dich bei
Peter, meinen Diner; ich hoffe du wirst ein guter Junge sein, bis
ich zurikkomm. Da has du ein hibsches Buch zu lesn. Du kanns hir im
Schpeiszimmer bleibn un lesn, bis ich komme. Ich werde in wenger als
einer Schtunde zurik sein.« Sie patschte mir am Kopf, gab mir das Buch
un ging henaus. Peter reimte den Tisch auf un dann ging er in der
Schpeisekammer um das Silberzeig zu putztn un die Gleser zu waschn.
Es wahr ein hibsches Zimmer. Die Sonne schihn herein. Es wahrn zwei
Föglkefige dort un di Fögl sangen lustig. Fräuln Wards besonrer
Libling, eine glatte, große schekige Katze lag auf den Teppich for den
Kamihn in den ein kleines Feier wahr. Werend ich lahs gab ich ach wi
si in der bewußte Weise auf die Kanarihfögl blinzlte. Das Buch wahr
sehr fad; ich dachte ich wer liber zuschaun, was die Katze macht. Ich
reichte nur ein bischen in der Hehe, machte die Thire fon einen Kefig
auf un las noch ein Schtikchen un schaute dann wider wi die Katze
blinzlt. In filleich einer Menute kam der Fogl heraus un flog im Zimmer
herum un liß es sich so wol sein. Ich glaub es is grausam Vögl in einem
Kefig einzuschperrn, so das sie nich herumflign kennen. Ich las noch
ein schtikchen mit einen Aug auf der Katze un pletzlich schprang sie
auf, wie ich grad dachte, sie wird jetz einschlafn. Die Kanarjen in den
Kefig machtn einen schpaßign Lerm. Peter kam herein, aber es wahr zu
schpet -- dise heßliche große dike faule schekige Katz hadte dem armen
kleinen unschulgen Fogl erwirgt; zeine Federn flogn nur so herum. »Das
gnä Fräuln wird dirs schon gebn, junger Mann,« sagte Peter, »es wahr
der bester Senger von alle. Es wird ihr das Hertz brechn, sie hadte dem
kleinen Dick so gern.« Grad da herte ich die Fluhrthir aufmachn. Ich
wurde roht un blaß. Ich winschte, ich wer zuhaus gewesn. Fräuln Ward
kam lechlnd henein. »Ich hab Antwort bekommen, Georg,« sagte sie. »Dein
Fater wird mit den 5 uhr Zug kommen,« un dann fihl ihr Blik auf dem
armen totn Fogl, dem Peter auf den Tisch gelegt hadte. »Wer tat das?«
fragte sie ergerlich. »Es tut mir greßlich, greßlich leid, Fräuln Ward,
wirklich sehr leid. Ich dachte, der kleine Dick wird gern ein bischen
herumflign wolln. Ich kann, ich kann nich lign. Die Katz hat es getan
-- heßliches, altes Ding.«
[Illustration]
Sie setzte sich nider un nam dem totn Vogl un weinte iber ihm, bis
mir wahr, als ob ich am libstn in Erdbodn fersinkn mecht. »Du hast
mir das Herz gebrochn, Georg, es tut mir leid, das ich dich letzte
Nach mit nachaus nahm. Mein armer Dick wahr alle bösn Jungen der ganzn
Kristnheit wert.« Dann fing ich auch zum weinen an un erzehlte ihr, wie
offt ich winsche, ich wer tot oder lebte auf einer wiste Insl, damit
ich meine Freinde nich in so fiele Patschn bring. Das ich mich immer
anschtreng ein brafer Junge zu sein, aber immer bis zun Hals in der
Patsche schtek, bis ich mich schenihr, auf der Schtraße zu gehn; dann
sagte sie, sie will fersuchn mir noch dismal zu ferzeihn, allso fragte
ich sie, warum sie nich selbs ein par Jungen hat, damit sie sich dran
gewehnt, sie im Haus zu sehn. Sie sagte, sie is sehr fro, das sie keine
hat -- sie will ihr Geld fir die armen Heidn hinterlassn. Ich fragte
sie, ob sie eine alte Jungffer is? Un sie lachte un sagte, ein pahr roe
Leite nennen sie so. Ich fragte, ob di Herrn sie nich besuchn kommen,
aber grad da kamen ein pahr Dahmen zu Besuch un sie mußte im Sallohn
gehn. »Ich werde nich lang weg sein -- hir is Papir un Bleischtiff,
zeichne liber am Papir als mit deine nassn Finger auf das Fenster.
Fersuch die Zeit so geduldig zu ferbringen, wi du kannst, wir wern
gablfrihschtikn, wenn di Dahmen fort sin; berihr die Kefige nich mehr
un sei ein brafer Junge.«
Ich hadte das Papir bald follgezeichnt un schaute dann auf der Katz
un bemerkte, wi ehnlich ihr Rickn einer Lankarte wahr, di Flekn wahrn
die Welteile un Insln, die weißn Pletze wahrn die Ozjahne. Es solltn
die Nahmen draufschtehn, dachte ich mir. Ich machte das Schireisn sehr
heiß um zuers die Linjen fon der Lenge un Breite draufzuzeichnen,
damit es natirlicher auschaut, aber ich hadte filleich erst 2 Linjen
gezeichnt, wi sie zu schpukn un zu mijaun anfing un Peter aus der
Schpeiskammer kam, um zu schaun, was hir so richt un di Katz wollte
nich schtillhaltn, un schprang grad auf der Wandschtellasch un schmiß
eine blaue Kinesische Wase henunter, die schon seit ein par hundert
Jare in der Familje wahr.
»Da schau her, Birschchen,« sagte Peter greßlich erns, »drei Sachn
wahrn da, auf die unser gnä Fräuln etwas hilt -- ihr Kanahrivogl, die
schekige Katz un der blaue kinehsische Krug. Der Kanahrifogl is tot,
die Katz is fersengt un der Krug is auf lauter Schplitter zerbrochn.
Wenn ich du wer ich mechte den Hut aufsetzn un draußn wartn, bis mein
Fater mich abholn kommt.« Er sagte es so erns un feierlich, das ich in
meine Schue zidterte. »Fräuln Ward is sehr gut,« fur er fort, »aber ich
firchte, sie wird dich zur Schtatsjohn zurikschikn. Wenn sies nich
tut, so sollte sie wengstens.«
»Laß mich in der Kiche wartn,« sagte ich. »Hm! Di Kechin will keinen
Jungen herumschtreichn lassn, wo sie is.« »Dann will ich gehn un in
meinen Schlafzimmer bleibn,« sagte ich, weil ich mich zu sehr schemte
un zu engslich wahr, um die Dahme wider sehn zu wolln. Ich ging in
mein Zimmer un schperrte mich ein. Fräuln Ward schikte um mich, ich
soll Gablfrihschtikn kommen. Ich schrih durch dem Schlißlloch, ich
hab Heimwe un will nichs essn. Ich glaub sie wahr schon mid fon einen
solchn Jungen, weil sie mich ruig obn liß. Ich weinte ein bischen,
aber wi ich dachte, es wird bald 6 uhr sein, wahr mir wider besser.
Ich machte das Fenster auf un schaute henauf un henunter um zu sehn,
ob das kleine Medchen schon fon der Schule nachaus kommt. Ich sah, daß
auf ein par Häusern Fahnen draußn wahrn, allso dachte ich, ich wer auch
eine aufhißn. Auf meinen Bedt war eine rote seidne Decke, die nahm ich
herunter un schpendelte sie der ganzn Lenge nach auf einen Bret, das
ich unter den Bedt herfornam un hengte es zun Fenster henaus. Bald
kamen eine Menge Leite die Schtufn henauf un leitetn an der Glocke.
Ich herte eine fon die Weiber sagn: »Ich hab nich gedacht, daß
Fräuln Ward eine Auktzjohn in ihrn Haus habn wird. Sie muß inbegriff
sein, nach Eiropa zu gehn. Ich hab mir immer gewinscht in das Haus
heneinkommen zu kennen, un jetz is es enlich meglich.« Filleich 20
oder 30 Leite wahrn schon beisamm, bis Peter zu den Thor kam un herauf
un herunter un iberall hinschaute, bis er meine rote Fahne sah un seine
Faußt schidtlte um zu meiner Thir heraufkam un mir befahl, di Fahne
einzuzihn; dann nahm er di Faane herein, schlug das Fenster zu un
sagte ich bin »fohlkomen greßlich!« Un Fräuln Ward kam herein so ein
bischen weinend un lachend zugleich un schaute auf ihrer Uhr un sagte:
»Godtseidank, Peter es is schon fier.« Un dann fihrte sie mich henunter
un schaffte mir ein risiges Schtik Kuchn essn, un 2 Krehmkuchn un eine
Schale Kompoht un setzte sich nebn mir un hilt mich feß bei einer Hand
-- wi wenn ich ein Drachn wer un sie firchtete ich wirde ohne Erlaubnis
un Follmach dafonflign -- un sie sagte, sie wundert sich, das meine
Mamma noch lebt; un grad 20 Menutn nach 5 uhr klinglte es un ich herte
di Schtimme fon meinen Papa.
Er dankte ihr 10 000 mahl un sagte, er hofft, ich hab ihr nich zu fihl
Mihe gemacht, zu was sie mit einen schwachn Lechln antwortete un er
schaute scharf auf mir fon Kopff bis zu Fuß un dankte ihr nochmals.
Allso schlang ich meine Arme um ihrn Hals un umarmte un kißte sie un
sagte ihr, wi sehr lib ich sie hab, un ich winschte, das sie sehr bald
kommt un mich un Mamma besucht; un wir beide fergossn ein pahr Trehnen
un selbs Peter schidtlte mir die Hand un ich wahr auf den nachausweg.
Papa fuhr auf den ganzn Weg sehr erns un ich auch. Ich fermute, er
dachte, was er mit einen so schlechtn Jungen anfangn soll, werend
ich mich wunderte, wiso es kommt, das ein unschulges Kind, das immer
fersucht ein Engl zu sein, so offt in der Patsche kommen soll un einen
solchn Ruf habn. Ich scheme mich schon in dir zu schreibn, libes
Tagbuch, so fihle Irrthimer un Sorgn un so will ich dir auf lang, lang
lebwohl sagn, bis ich follkommen ein so brafes Kind bin, wi die kleinen
gutn Jungen, fon denen in die Bicher schteht.
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