Er zog die schweren Brauen zusammen. Da ging sie allein. --

Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den Lippenlix ein. »Da

steigt er drin auf und ab wie der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid.

Und uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, nur nit langmütig

sein, Lix! Der Langmut zieht den Übermut ins Haus.«

»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.

»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen Müllner an! Steif dich nur

auf mich! Ich verlaß dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak aus

den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. He, Bruder, wie heißt der

Spruch? Erst schnupfen, dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«

Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus und besang sich mit hoher

Hirtenstimme schwermütig den Heimweg.

»Wird mir dann die Zeit zu lang,

sing ich einen Waldgesang,

und verkriech mich in den Hecken,

lehn mich an den Hirtenstecken

und ergreif die Feldschalmei,

dieses macht mich sorgenfrei.« --

Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt auf, Spielleut, daß

es schnalzt! Ihr dürft euch dafür den höchsten Baum in meinem Wald

umschneiden. Aber der Herr Ägid Wilfinger darf nimmer mittun, der hat

schon genug allein getanzt. Andre Leut sind auch noch da.«

Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete sich, und

augenblicklich standen sich die Männer mit feurigen Augen und fertiger

Faust in zwei Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten sich die

Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die der Gid wegen des Mühlzwanges

beleidigt hatte.

Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.

Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die Geiger tranken und

schmierten den Fiedelbogen, der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich

hin, und der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf seinen Stuhl

zurückgesunken.

Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, du kannst die Zung

nimmer heben. Geh heim, leg dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend

stieß er sein Messer durch den Tisch.

»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, gib nach!« bettelte

der Wirt.

Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. »Das ist noch

nie geschehen, seit die Welt steht, daß sich hätt ein Mußmüllner

heimschicken lassen wie ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«

»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« hetzte der

Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm heraus!«

Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht splitternd zum Fenster

herein, er traf die Klarinette, und sie fuhr dem Aumichel in das Maul

und stieß ihm einen Zahn aus.

Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die Fäuste. Der Burgermeister

stürzte sich keifend zwischen die Raufer.

Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. Eilig tappte der Wirt

nach dem Kanari und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. Über ihn

schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.

Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte jammernd Weihwasser über

den Kampf; aber die Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze

bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und zurück, spitz und

scharf, wie wenn Stahl in den Stein beißt. Die Kartenspieler hatten

ihre Trümpfe weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.

Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig seinen Krug aus, wischte

sich den Schnauzbart und ging, ohne zu zahlen, heim.

Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn ins Knie. »Ich schwing

dich, ich lupf dich!« keuchte er.

»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.

Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge wurden geschwungen, flogen,

trafen, splitterten. Aus den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten,

tauchten Beine auf und strampelten. Einer schrie immer wieder: »Das ist

heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«

»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum hinauf!« drohte der Spucht

und floh zum Haus hinaus.

»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, winselte der Wirt.

Seine heiseren Schreie gingen unter.

Die Spielleute sprangen von der Bühne in die Schlacht hinab und taten

mit. Nur der riesige Baßbläser schlief seelenruhig und entrückt auf

seiner Höhe.

Das Getümmel wälzte sich hin und her, die Streiter redeten nimmer.

Auf einmal wuchs der Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit

dem Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. Da war es

stockhimmelfinster.

Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand suchte mehr einen

Feind, jeder nahm den, der ihm in den Griff kam. Alles tobte. Keiner

feierte.

Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen Fenster herein:

»Himmelsakerment, wenn ihr nit bald aufhört, rauf ich auch noch mit!

Das müßt mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein paar umbrächt!«

In höchster Not tappte sich der Wirt an der Bühne hinauf, er rüttelte

den schlafenden Bläser. »Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau

zu!«

Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, trunken vom Schlaf.

»Wohin soll ich denn hauen?«

»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst keinen Unrechten.«

Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn und ließ sich in die

tümmelnde Finsternis hinab. Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach

links und rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«

Es war als käme eine Mauer daher. Heulend meldete sich, wen der Lukas

mit seiner greulichen Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür,

fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald war der untümliche

Mann allein in der Stube.

Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die Verwüstung an. Scherben

und Blutlachen spiegelten, Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit

ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen Fenster stieß

der Nachtwind herein.

Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der Lukas Schellnober saß ruhig

droben auf der Bühne und putzte mit einem Holz das Blut und die Haare

aus dem Mundstück. Dann schraubte er es wieder an den Baß, führte es zu

den Lippen, und seine Gesellen stimmten ein und machten wieder zum Tanz

lüstern.

Zerschrammt und blutrünstig, struppig und zerfetzt, doch auch abgekühlt

von der Nachtluft, befreit und friedsam kamen die Raufer wieder, die

Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die Wirtin fegte die Stube

rein, und bald drehten sich wieder alle in schönster Eintracht. --

Draußen kroch der Müller auf Händen und Füßen heim, mit zornzerrissenen

Lippen, qualvoll, ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die

Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.

Der Mond verschien, der Wald ward grau. Das Wichtel rief, der

Totenvogel.

Drei fürchterliche Stunden kroch er.

Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie schwamm wie ein gräßlicher

Blutfleck im Dunst.

Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge ward ihr steif vor Schreck, als

sie den Mann vor sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn

aschfahl, blutig.

»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel abgeschlagen,« raunte er.

»Wer?«

»Ich verrat ihn nit.«

»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut dich denn deine Gesundheit

nit?« schluchzte sie.

»Ich reu mich um nix.«

»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, was haben sie mit dir

angefangen?!«

»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich den Bierschlägel gehabt,

ich hätt ihm dasselbe getan.«

* * * * *

Nach langem Krankenlager ward der Gid vom Wundarzt wieder hergestellt.

Aber er ging krumm.

Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, immer wunderlicher

wurde er, mürrisch hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein,

das um ihn aufwuchs, sah er mit argen Augen nach. Sein Weib redete er

kaum mehr an. Es war schwer, mit ihm zu hausen.

Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor genagelt: alle Welt

sollte sehen, daß er in seinem Recht gekränkt wurde. Aber die Welt

kehrte sich nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, der

war ein lachender Mann.

Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit zwischen den Müllern.

Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber hin, dem Gid! Das soll

erzwungen werden, eine solche Zwangmühl brauchen wir.«

»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am nötigsten,« antwortete der

Gid.

»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« spottete der Teufelmüller, »es

fallt lauter Ratzendreck aus den Steinen heraus.«,

Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von Zauberei! Deine Mühl hat der

Teufel am Buckel daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen

lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen gegen die meine, mit

einer Hand halt ich sie auf. Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«

»Versuch es!« schrien die andern. --

In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. Unterm Mühlrad lag der

Gid mit zermalmtem Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort

gehalten.

Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür und trugen ihn heim zu

seinem Weib.

* * * * *

Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.

Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. Das Fleisch ward ihr

offen vor lauter Liegen. Und weil sie nimmer schaffen und nimmer

den Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig auf die

Erlösung.

Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel demütig an dem Bettfuß.

»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus dem Hof, wenn ich

nimmer bin? Ich hab gespart. Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen

hat, bin ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig gewesen, keine

Nuß hat man mir von unsern Haselstauden brechen dürfen. Ich bin ein

Weib gewesen wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«

»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und ich dank dir dafür.«

»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. »Sie kann nur so weit

zählen und rechnen, als ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten

schlaft sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll sie denn die

Ordnung gelernt haben?! Sie stammt aus einem Haus her, das ist mit

Kuhfladen gedeckt. Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, aber der

Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit drüben werf ich ihm es

noch vor, wenn ich ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen Hof!«

»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, »ich versprech es dir.«

»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die Faulheit von deiner

Mutter geerbt. Allweil lehnst du in der Sonn umher und tust keinen

Handstreich. Die Gurgel taufen und die Leut narren, das triffst du.

Dein Leben stößt dich in Schulden. Schämst du dich nit vor den Leuten?«

»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.

»So fürcht unsern Herrgott!«

»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter dem Herrgott seinem

Buckel.«

»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie ein Stoßvogel. Hüt dich!

Und tracht, daß du einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken und

des höllischen Feindes spottest. Ich will dich droben in der Seligkeit

erwarten, und du mußt mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was

nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein nasser Hund.«

»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.

»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener Mann. Ein Weib

tut dir not. Mit Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, wie du

den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. Leugn es nit! Ich rat dir,

nimm dir ein gutes Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer gar zu

lang unter den Schaffen umgreift, erwischt zuletzt das Dreckschaff.

Heirat nit so eine Flankin, die sich aufputzt und aufstutzt und sich am

Werktag Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine wie dem Mußmüller

seine Wittib! Versprich mir es um des Hofes willen!«

Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten nieder auf seine

hirschledernen Hosen. »Ich versprech es dir. Alles Gute versprech ich

dir.«

»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. »Ich hab mir mit drei

Dullhäubeln genug ausgestanden. Vergönn es mir, daß ich abgestandenes

Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud hinfahr!«

An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend Jungfern spannen im

Himmel die Altsommerseide, und gelbes Laub mengte sich in das müde

Grün, da legte man die Altbäurin ins Grab.

* * * * *

Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. Der Dullhäubel sorgte sich

um nichts und führte seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und

Dirnen wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin unterm Rasen

wußten. Das Vieh röhrte vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht

ausgemistet, das Korn nicht gedroschen, das Haus war voll Schmutz.

Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte sich den Rücken an dem grünen

Kachelofen, schlief und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des

Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.

An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: »Bub, jetzt bin ich

vierzig Jahr in der Fremd, jetzt verlang ich wieder heim zu meinen

Leuten.«

»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«

»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. Und ich will mich

von der Fremd ausrasten. Am Sonntag führst du mich heim.«

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 20 / 62 题