Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. Die Mühle brauste
gedämpft, Mücken schwirrten.
Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: »Gott, wie geht es zu in
deiner Welt!«
Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich hin, schlupfte durch die
Felberstauden und schaute in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein
altes, verschrumpftes Schwesterlein herauf.
Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die im Wasser um Verzeihung,
daß sie sie schier um ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und
ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder, so glaubte
sie, habe den Frevel verhütet.
Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor seinem Hof am Wasen und
reckte die Arme faul von sich.
»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. »Jetzt mußt du halt
Wolkenschieben gehen auf den Hötschenberg in Tirol.«
* * * * *
Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell her. Der Kirchweihtanz
dauerte schon die zweite Nacht.
Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer Bühne. Der starke
Lukas Schellnober blies den Baß, der Aumichel griff die Klarinette,
der Spielmannfranz und seine Buben geigten. Und wenn die Musikanten
rasteten, zirpte der Kanari, der aus dem Vogelhaus dem Treiben
zuschaute.
Die Bauernsohlen stampften die altbairischen Tänze. Der Glöckelbauer
schwang die Iglin, der Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker
Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners Weib, derweil der
Grazian gottergeben und mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit
von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit der Burgermeisterin, der
Müller mit der Müllerin. Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die
Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend an die Wand und
schrie: »Ich bin ein Steirer!«
Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in die Ecke.
»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.
»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«
»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm mit mir vors Haus und
laß mich schlecken!«
»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu finster, ich könnt mich wo
anstoßen. Und du bist mir zu wenig treu.«
»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von einer zur andern, Stasel.
Heut zu dir.«
»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin kein Apfelbaum an der
Straße, wo ein jeder Bub hinaufsteigt.«
Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, und auch aus Blaustauden
und Grillenöd waren Gäste da, und sie sprangen und trampelten,
schleiften und jauchzten und sangen grell durcheinander.
»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte der Müller an.
»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte der Dullhäubel.
Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die Karten und spielten ein
Spiel, das kroch so faul und endlos um den Tisch, daß die Sage recht
haben mochte, einmal seien dabei vier Männer erfroren.
Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der Wirt aus, vor ihm auf
einem langen Tisch standen die Krüge der Tänzer.
Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. Mit eiligen Augen nahm
der Wirt den Vorteil wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern und
goß das Bier durch den Trichter ins Faß zurück. Hernach lehnte er sich
träumerisch mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen an die
Stiege und wartete.
Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen und wollten trinken.
Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon wieder einer das Bier
ausgesoffen!«
Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: »Gerad ist mein Krug voll
gewesen, und jetzt ist er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen
zu.«
Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er kostete und spie aus:
»Wirt, dein Bier ist abscheulich warm. Pfui Teufel!«
»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird frisch angezapft.
Jetzt kommt das Faß, wo die schwarze Katz drauf sitzt.«
Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied an. Er hatte einen
rauhen, grimmigen Hals. Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit
hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen des finsteren
Bartes war schon mancher Wandersmann umgekehrt, der den Spucht von
weitem im Wald sah.
Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel hin. »Mein lieber
Freund,« sagte er, »in der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich
wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so kräftiges Bier gebraut wird
wie vormals. Wenn man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden noch
schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So kräftig ist es gewesen. Heut
bringt kein Bräuer mehr einen rechten Faum zusammen.«
Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und kehrte sich ab. Da stupfte
ihn der Hannes mit dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein.
Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht die Nase an.«
»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der Bauer grob. »Du bist
nur ein Häuselmann mit einer Kuh.«
»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« Der Hannes stand auf
und trug beleidigt seinen Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein,
wenn er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. Der Ofen allein ist
dort so groß, daß der Bauer drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er
die Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«
»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr rauft,« mahnte der Wirt
scharf.
Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied an.
»'s gibt kein schönres Leben auf Erden
in der weit und breiten Welt,
als ein Straßenrauber werden,
morden um das liebe Geld.«
Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und Gepolter verdeckten seine
grobe Stimme. Alles drängte zum Tanz.
Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er gemächlich den
Holzschlägel, womit er sonst die Piepe in die Fässer trieb, und schlug
ihn dreimal dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die Stube:
»Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte wieder aus dem alten Faß.