Nachdem ich von den wichtigsten der aufgezählten Eigenschaften ausführlich
gehandelt, so will ich die übrigen hier in die allgemeine Lehre
zusammenfassen, daß der Fürst (so wie zum Theil im Einzelnen schon gesagt
ist) Alles vermeiden muß, was ihn gehässig oder verächtlich machen kann;
und so oft er dies vermeidet, wird er das Seinige gethan haben, und alle
übrige üble Nachrede kann ihm keine Gefahr bringen. Verhaßt macht ihn vor
allem Andern (wie bereits erwähnt worden), wenn er räuberisch ist, und das
Vermögen und die Weiber seiner Unterthanen angreift, deren er sich
enthalten sollte. So lange der Menschen Vermögen und Ehre nicht angetastet
wird, so lange leben sie zufrieden, und es ist nur der Ehrgeiz einiger
Wenigen zu bekämpfen, welche auf mancherlei Art leicht im Zaume zu halten
sind. Verächtlich wird derjenige, der für wankelmüthig, leichtsinnig,
weibisch, kleinmüthig, unentschlossen gilt: dieses muß ein Fürst
vermeiden, wie eine Klippe; und sich bemühen, in seinen Handlungen eine
gewisse Größe, Muth, Ernst und Stärke zu zeigen. In allen Verhandlungen
mit den Unterthanen muß er von sich die Meinung zu erregen suchen, daß
seine Entschlüsse unwiderruflich seien: und sich in solcher Achtung
erhalten, daß Niemand es wage, ihn zu hintergehen oder zu bestricken. Der
Fürst, der in diesem Ansehn steht, hat Ruf genug, und gegen ihn wird
schwerlich eine Verschwörung angezettelt. Es greift ihn nicht leicht
Jemand an, sobald man weiß, daß er große Eigenschaften hat und von den
Seinigen geachtet wird. Ein Fürst hat nur zwei Dinge zu fürchten: eines im
Innern von den Unterthanen; das andre von Außen von fremden Mächten. Gegen
diese wehrt man sich mit guter Kriegsmacht, und wer die hat, dem kann es
nie an Freunden fehlen: im Innern wird er stets Ruhe erhalten, so lange
von Außen Alles sicher ist, es wäre denn, daß eine Verschwörung entstände;
und wird er von Außen angegriffen, hat aber Alles angeordnet und so
gehandelt, wie ich gesagt habe, so wird er, bleibt er sich selbst nur
getreu, alle Anfälle abwehren, so wie Nabis der Spartaner. Aber von den
Unterthanen ist auch bei äußerer Ruhe eine Verschwörung zu fürchten, gegen
welche der Fürst sich sichert, wenn er Haß und Verachtung vermeidet und
das Volk zufrieden stellt. Dies ist aber nothwendig, wie gezeigt worden.
Eines der kräftigsten Mittel gegen Verschwörungen ist es, allgemeinen Haß
und Verachtung des Volks zu vermeiden; denn wer Verschwörungen anzettelt,
glaubt immer, durch den Tod des Fürsten das Volk zufrieden zu stellen. Wer
hingegen weiß, daß er dieses dadurch beleidigen wird, wagt es nicht,
solche Dinge zu unternehmen: denn die Schwierigkeiten sind unendlich auf
Seiten der Verschwornen. Die Erfahrung zeigt, daß viele Verschwörungen
gemacht, wenige aber gelungen sind; denn wer sie unternimmt, kann allein
nichts ausrichten; Hilfe kann er nur bei denen suchen, die er für
unzufrieden hält. Sobald du aber einem Mißvergnügten deine Absichten
entdeckt hast, so gibst du ihm das Mittel, seine eignen Wünsche zu
befriedigen, denn er mag von der Verrätherei des Anschlags allen Vortheil
hoffen. Wenn er sichern Gewinn von dieser Seite sieht, und von der andern
Ungewißheit und Gefahr, so muß er eine seltne Treue der Freundschaft gegen
seinen Mitgenossen, oder eingewurzelten Haß gegen den Fürsten haben, wenn
er dir Wort halten soll. Kurz, auf Seiten der Verschwornen ist nichts als
Furcht, Eifersucht, Argwohn, welche Alles lähmen; auf Seiten des Fürsten
ist das Ansehn der fürstlichen Würde, die Gesetze, Schutz der Freunde und
der öffentlichen Gewalt, so daß, wenn hier noch die Zuneigung des Volks
hinzukommt, es unmöglich ist, daß Jemand so tollkühn sei, eine
Verschwörung anzufangen. Gewöhnlich haben die Verschwornen vor der
Ausführung ihres Anschlags Uebles zu fürchten: nach derselben müssen sie
auch noch alsdann, wenn Alles gelingt, das Volk fürchten, und es bleibt
ihnen daher keine Zuflucht. Ich könnte unzählige Beispiele davon anführen;
es ist aber mit Einem genug, welches sich zur Gedenkzeit unsrer Väter
ereignet hat. Annibal Bentivoglio, Fürst von Bologna und Großvater des
jetztlebenden Herrn Annibal, ward von der Partei der Canni in einer
Verschwörung ums Leben gebracht. Er hinterließ ein einziges Kind in den
Windeln, den Giovanni. Gleich nach dem Morde stand das Volk auf und
brachte die ganze Partei der Verschwornen um. Das war die Wirkung der
Zuneigung des Volks von Bologna gegen die Familie Bentivoglio, welche
damals so groß war, daß die Bologneser, in Ermangelung eines Andern von
der Familie, der nach Annibals Tode den Staat hätte regieren können, nach
Florenz kamen, wo ein Sprößling des Hauses Bentivoglio sich aufhielt, der
aber für den Sohn eines Schmieds galt, um diesem die Regierung zu
übertragen, die er auch wirklich geführt hat, bis Herr Giovanni das
hinreichende Alter erreicht hatte.(20) Ich schließe also, daß ein Fürst
Verschwörungen wenig zu fürchten hat, so lange ihm das Volk gewogen ist.
Wenn er demselben aber verhaßt ist, so muß er Alles und jeden Menschen
fürchten. Wohlgeordnete Staaten und weise Fürsten haben daher immer mit
der größten Sorgfalt zu vermeiden gesucht, daß die Großen nicht in
Verzweigung fallen, das Volk aber zufrieden bleibe; denn dieses ist eine
der wichtigsten Sorgen des Regenten. Unter den wohlgeordneten und
regierten Reichen unsrer Zeit ist Frankreich zu nennen, wo sich unzählige
gute Anstalten finden, von denen die Sicherheit und Freiheit des Königs
abhängt. Unter diesen ist die erste das Parlament und sein Ansehn. Wer
dieses gegründet hat, kannte den Uebermuth der Großen und ihre
Dreistigkeit: er sah die Nothwendigkeit, ihnen einen Zaum anzulegen. Auf
der andern Seite kannte er den Haß des Volks gegen die Großen, der von der
Furcht herrührt. Um dasselbe sicher zu stellen, dem Könige aber die üblen
Folgen abzunehmen, die von den Großen zu besorgen waren, wenn er das Volk
begünstigte, und von dem Volke, sobald er die Großen begünstigte, so
ordnete er einen dritten Richter an, der ohne Beschwerde des Königs die
Großen niederhalten und das Volk schützen konnte. Es ließ sich keine
bessere Ordnung für die Sicherheit des Reichs und des Königs ausdenken.
Hieraus ist noch eine Lehre zu ziehen: daß die Fürsten alle harten
Maßregeln durch Andre ausführen lassen, Gnadensachen aber für sich selbst
behalten müssen. Ferner schließe ich, daß ein Fürst den Großen mit Achtung
begegnen solle, jedoch ohne das Volk zum Hasse zu reizen. Es mag
vielleicht Manchem scheinen, daß das Beispiel der römischen Kaiser diesem
widerspreche, da doch mehrere, die vortrefflich regiert und vorzügliche
Kraft des Geistes gezeigt hatten, durch Verschwörungen den Thron oder gar
das Leben verloren haben. Diesem Einwurfe zu begegnen, will ich den
Charakter einiger Imperatoren durchgehen, und die Ursachen ihres Falles
anzeigen, welche demjenigen nicht widersprechen, was ich oben gesagt habe.
Dabei werde ich zum Theil erinnern, was dem, der die Geschichte jener Zeit
liest, bemerkenswerth sein muß. Es ist für mich hinreichend, die
Imperatoren, welche vom Marcus Antoninus an bis auf Maximinus regiert
haben, durchzugehen. Marcus, sein Sohn Commodus, Pertinax, Julianus,
Severus, Antoninus Caracalla, Sohn des Vorigen, Macrinus, Heliogabalus,
Alexander und Maximinus. Zuerst ist zu bemerken, daß, wenn in andern
Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und die Zügellosigkeit des Volks zu
bekämpfen ist, die römischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit
vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht
bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, daß sie Ursache des
Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten
zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wünscht Ruhe
und liebt deswegen die Fürsten von gemäßigter Denkungsart: die Soldaten
aber lieben kriegerische, übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie
verlangten Personen von solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten
Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen.
Daher mußten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre
Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im
Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen,
insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese
Schwierigkeiten fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und
achteten wenig auf die Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig. Denn
wenn Fürsten es nicht vermeiden können, den Haß des einen oder andern
Theils auf sich zu laden, so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß
es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von
einer Partei gehaßt zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der
mächtigsten. Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und
desfalls außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber
einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur
in so fern etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten
vermochten. Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder
Gemüthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt,
menschenfreundlich und leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und
Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus
allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen
hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war
er durch so viele Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner
ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt
oder verächtlich. Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten
gewählt, welche unter dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das
ordentliche Leben, welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden.
Dies erzeugte Haß. Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so
ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist
bemerkenswerth daß Haß durch gute Handlungen sowol als durch schlechte
erregt werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf
daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die
Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren
er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne
folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft
schädlich sind. Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt,
daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in
einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt
worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für
weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es
entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das
Leben kam. Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des
Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir
finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen,
enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks. Dennoch kamen
sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben.
Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die Herrschaft dadurch
glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten zu Freunden behielt,
obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen Eigenschaften machten
ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß dieses erstaunt und
demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen
dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen
sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Löwen zu spielen
verstand, was ich vom Fürsten verlangt habe. Da Severus die Feigheit des
Kaisers Julianus erkannte, überredete er das Heer, welchem er in Slavonien
vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den
die Leibwache getödtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in
Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte
in Italien an, ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in
Rom erwählte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch
blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich
hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde
des Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen
Beide zu erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus
aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle
die Würde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den
Senat zu seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als
Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er
nach Rom zurück und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus,
der ihn verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er
wegen seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in
Frankreich auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte
aufmerksam erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs
erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim
Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser
neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen
großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine Neuerungen
beim Volke hätten erzeugen können. Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls
ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei
den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht
achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste verachtete,
welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und
Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen Gelegenheiten einen
großen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tödtete.
Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt, und flößte auch denen, die um ihn
waren, Furcht ein, so daß ein Centurio ihn mitten in seiner Armee
umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten solchen gewaltsamen
Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden können.
Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht
achtet. Doch hat der Fürst sie eben nicht zu fürchten, weil solche
Handlungen äußerst selten sind. Er muß sich nur hüten, diejenigen, die um
ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschäften bedient, nicht
gröblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio
hatte tödten lassen, und ihm selbst täglich drohte, trotzdem aber die
Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte ein schlechtes Ende
nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist. Wir kommen zum Commodus,
der die Herrschaft gar leicht hätte behalten können, die er als Sohn des
Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Fußtapfen seines Vaters treten,
so hätte er Volk und Soldaten Genüge gethan. Da er aber ein grausames und
thierisches Gemüth hatte, veranlaßte er selbst in der Armee allerlei
Complotte, und ließ sie zügellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen
und das Volk auszuplündern. Auf der andern Seite behauptete er seine Würde
schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu
kämpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Würde schlecht
anstanden; er ward also bei den Soldaten verächtlich. Auf einer Seite
gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwörung.
Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst kriegerisch, und da die Armee
einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von
dem ich oben geredet habe, tödteten sie diesen und wählten jenen zum
Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn
verhaßt und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thracien
das Vieh gehütet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen
Augen herabsetzte); das andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft
verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Würde zu
nehmen; daneben in üblen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in
Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die
ganze Welt voll Unwillen über seine niedrige Herkunft, und andrerseits
voll Haß und Furcht wegen seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der
Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes
Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung
fand, seiner Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die
ganze Welt haßte, ihn umbrachte. Ich will weder vom Heliogabalus, noch vom
Macrinus, noch Julianus reden, welche so niedrige Geschöpfe waren, daß sie
sofort zu Grunde gingen: sondern ich komme zum Schlusse und sage, daß die
Fürsten unsrer Zeit sich weniger in jener Verlegenheit befänden, auf
außerordentliche Mittel denken zu müssen, um die Soldaten zu befriedigen.
Wenngleich auf diese Rücksicht genommen werden muß, so hat es doch damit
so viel nicht zu bedeuten; denn die heutigen Fürsten haben keine Heere
beisammen, die mit der Regierung und Verwaltung der Provinzen so verwebt
wären, als die römischen. War es damals nöthiger, das Kriegsheer zu
befriedigen, als das Volk, weil jenes mächtiger war, als dieses; so ist es
gegenwärtig für alle Fürsten (mit Ausnahme der Sultane von Konstantinopel
und Egypten) notwendiger, das Volk zufrieden zu stellen, weil selbiges
heutigen Tages mehr vermag, als die Soldaten. Ich nehme den türkischen
Kaiser aus, der ungefähr zwölftausend Mann zu Fuß und fünfzehntausend zu
Pferde hält, von denen die Sicherheit und Stärke seines Reiches abhängt,
und die er daher nothwendig ohne alle Rücksicht auf die andern Unterthanen
zu Freunden behalten muß. Eben so ist es mit dem Sultan von Egypten, der
ganz in den Händen seiner Soldaten ist, und diese daher zu Freunden
behalten muß, es koste was es wolle. Es ist dabei zu bemerken, daß dieser
Sultan von allen andern Fürsten verschieden ist, und Aehnlichkeit mit dem
Papste hat, der weder Erbfürst ist, noch für einen neuen Fürsten gelten
kann; denn es werden jedesmal nicht die Söhne des verstorbenen Regenten
Erben und Nachfolger, sondern der Fürst wird von denen gewählt, die dazu
befugt sind. Da diese Ordnung der Dinge alt ist, so kann es nicht für eine
neue Herrschaft gelten, indem keine von den Schwierigkeiten vorhanden
sind, die ein neuerrichtetes Fürstentum drücken. Wenngleich der Fürst aus
dem Privatstande zu der Würde erhoben wird, so sind doch die Anordnungen
alt, und Alles ist darauf eingerichtet, ihn als einen Erbfürsten zu
empfangen. Auf meine Behauptung zurückzukommen, so wird Jeder, der die
obige Erzählung erwägt, einsehen, daß Haß und Verachtung die Ursachen des
Unterganges jener Imperatoren gewesen. Es wird dadurch begreiflich, wie es
zugegangen ist, daß, da einige auf diese, andre auf entgegengesetzte Weise
handelten, dennoch einige von jenen und einige von diesen ein glückliches,
andre ein unglückliches Ende genommen. Dem Pertinax und Alexander half es
nichts, dem Marcus nachzuahmen, weil sie sich auf den Thron geschwungen
hatten, dieser aber ein Erbfürst war; dem Caracalla, Commodus und
Maximinus war es sehr nachtheilig, es so zu machen wie Severus, weil es
ihnen an den erforderlichen Tugenden fehlte, in seine Fußtapfen zu treten.
Ein neuer Fürst kann dem Marcus nicht nachahmen und braucht nicht dem
Severus zu folgen: sondern er muß vom Severus annehmen, was nöthig ist,
seine Herrschaft zu gründen; vom Marcus aber das, was ruhmwürdig und
nützlich ist, einen bereits festgegründeten Staat zu erhalten.
20. Ob Festungen und andere Sicherheitsanstalten den Fürsten nützlich oder
schädlich sind?
Einige Fürsten haben ihre Unterthanen entwaffnet, um ihre Herrschaft
sicher zu stellen, andre haben es darauf angelegt, daß die Parteien in den
ihnen unterworfenen Städten fortdauern sollten, andre haben Feindschaften
gegen sich selbst unterhalten, andre haben sich bemüht, diejenigen, welche
ihnen zu Anfang verdächtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen
erbaut, andre haben sie niedergerissen und zerstört. Obgleich über alle
diese Dinge kein allgemeines Urtheil stattfindet, sondern es auf die
besondern Umstände des Staates ankommt, in welchem eine Entschließung zu
fassen ist, so will ich doch im Allgemeinen so viel davon reden, als die
Natur der Sache verstattet. Es ist einem neuen Fürsten niemals zuträglich
gewesen, seine Unterthanen zu entwaffnen. Vielmehr hat ein solcher sie
allemal mit Nutzen bewaffnet, wenn er sie unbewaffnet fand: denn wenn er
sie bewaffnet, so werden diese Waffen Sein, Verdächtige werden treu, die
Getreuen können sich erhalten, und die Unterthanen werden Anhänger ihres
Herrn. Da es aber unmöglich ist, alle Unterthanen zu bewaffnen, so sind
diejenigen, welche dazu ausersehen werden, mit gewissen Vorzügen
auszuzeichnen: mit den andern aber kann man ganz sicher nach Belieben
verfahren. Diese Verschiedenheit in der Behandlung sichert die Ergebenheit
derer, die hervorgezogen werden; die andern aber entschuldigen das
Verfahren, weil sie die Nothwendigkeit einsehen, diejenigen, welche mehr
Verpflichtung und Gefahr übernehmen, zu belohnen. Wer hingegen damit
anfängt, das Volk zu entwaffnen, beleidigt es, und zeigt Mißtrauen in
ihren Muth oder ihre Treue: solche Gesinnungen erregen beide Haß. Weil der
Fürst nicht ganz ohne Kriegsmannschaft sein kann, so muß er zu
Miethstruppen greifen, von deren Beschaffenheit oben gehandelt worden.
Wären diese aber auch tadellos, so kann man doch ihrer nicht genug
unterhalten, um sich gegen mächtige Feinde und verdächtige Unterthanen
zugleich zu vertheidigen. Neue Fürsten haben daher allemal, wie ich
bereits gesagt habe, in ihren neuerworbenen Ländern Kriegsmannschaft
eingeführt. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. Wenn aber ein Fürst
ein Land erwirbt, welches als ein neues Glied mit seinen Besitzungen im
alten Staatskörper vereinigt wird, so ist es nothwendig, diese Provinz zu
entwaffnen, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die sich bei der Eroberung
für ihn erklärt haben. Und auch diese ist es rathsam, mit der Zeit und bei
guter Gelegenheit schlaff und weichlich zu machen, und die Sachen so
einzurichten, daß alle Soldaten aus dem alten Lande seien. Unter unsern
Vorfahren pflegten die Weisesten zu sagen, die Herrschaft müsse über
Pistoja durch innere Uneinigkeit, über Pisa durch Festungswerke behauptet
werden. Sie unterhielten daher in jener untergebenen Stadt die innern
Zwistigkeiten, um sie sichrer zu beherrschen. Dieses mochte zu der Zeit
gut sein, als ein gewisses Gleichgewicht in Italien vorhanden war:
gegenwärtig aber scheint mir der Rathschlag nicht mehr tauglich. Ich
glaube vielmehr, daß aus angestifteten Uneinigkeiten niemals Gutes kommt:
vielmehr müssen Städte, die innerlich entzweit sind, bei Annäherung eines
Feindes bald fallen; denn der schwächste Theil wird sich immer an den
auswärtigen Feind hängen, der andre aber nicht im Stande sein, sich zu
behaupten. Diese Ursachen haben, wie es mir scheint, die Venezianer
bewogen, die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den ihnen
unterworfenen Städten zu unterhalten. Wenn sie es gleich nicht bis zum
Blutvergießen kommen ließen, so unterhielten sie doch diese Zwistigkeiten,
damit die Bürger beschäftigt und abgehalten würden, sich gegen sie
aufzulehnen. Dieses schlug aber nicht so aus, als beabsichtigt war; denn
sie waren nicht sobald bei Vaila geschlagen, so faßte eine der Parteien
Muth und stürzte die venezianische Herrschaft. Aehnliches Verfahren deutet
allemal die Schwäche des Fürsten an. Unter einer kräftigen Herrschaft
werden solche Uneinigkeiten nicht gestattet, weil sie nur im Frieden zu
etwas nützen können, indem sie dienen, die Unterthanen nach Gefallen zu
behandeln; entsteht aber Krieg, so tritt doch zu Tage, wie trüglich eine
solche Art zu regieren ist. Ohne Zweifel dient es zur Größe eines Fürsten,
Schwierigkeiten und Widerstand zu überwinden. Wenn das Schicksal einen
neuen Fürsten, der unstreitig eines guten Rufes mehr bedarf, als ein
Erbfürst, groß machen will, so erweckt es ihm Feinde und reizt dieselben
zu Unternehmungen gegen ihn, damit er sie zu Schanden mache, und auf der
Leiter, die ihm seine Feinde solchergestalt zutragen, noch höher steige.
Es haben daher Einige geurtheilt, daß ein weiser Fürst, wofern die
Gelegenheit sich darbietet, einige Feinde schlauer Weise anfeuern müsse,
um durch ihre Besiegung größer zu werden. Die Fürsten, und insbesondere
neue, haben mehr Treue bei denen gefunden, und mehr Nutzen von denen
gezogen, die ihnen im Anfang verdächtig waren, als bei denen, die sich
gleich anfangs zu ihnen schlugen. Pandolfo Petrucci, Fürst von Siena,
regierte seinen Staat mehr durch Jene, als durch die Andern. Aber es ist
nicht viel davon zu sagen, weil es allein auf die Umstände ankommt. Ich
will nur noch dieses Einzige anführen, daß diejenigen, welche einer
Herrschaft anfangs feind waren, wofern sie so beschaffen sind, daß sie
sich nicht ohne Unterstützung halten können, vom Fürsten leicht gewonnen
werden, und genöthigt sind, ihm treuere Dienste zu leisten; da sie
einsehen, daß sie etwas thun müssen, um die nachtheiligen ersten Eindrücke
auszulöschen. Der Fürst zieht also von ihnen größern Nutzen, als von
denen, welche sich in seinem Dienste ganz sicher halten und daher seine
Sache vernachlässigen. Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht
verabsäumen, die Fürsten, die ein Land durch Hilfe ihrer Anhänger unter
den Einwohnern erobern, zu erinnern, daß sie wohl erwägen, welche Ursachen
jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht aus einer
natürlichen Zuneigung, sondern blos aus Mißvergnügen mit dem vorigen
Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mühe schwerlich zu
Freunden behalten, weil es beinahe unmöglich ist, sie zufrieden zu
stellen. Wenn man alte und neue Geschichten erwägt, so wird man finden,
daß es leichter ist, diejenigen zu gewinnen, welche bei dem vorigen
Zustande der Dinge zufrieden, und deswegen dem neuen Herrn feind waren,
als diejenigen, welche unzufrieden waren und diesen deswegen begünstigten.
Die Fürsten pflegen wol zu ihrer Sicherheit Festungen anzulegen, welche
ihnen als Zaum und Gebiß ihrer Gegner dienen, und bei einem Ueberfalle
eine Zuflucht für den ersten Anlauf anbieten. Ich kann diese Weise nicht
mißbilligen, da es von Alters her so geschehen. Doch hat Herr Nicolo
Vitelli zu unsrer Zeit zu Città di Castello zwei Burgen niedergerissen, um
diesen Ort zu behaupten. Guid’Ubaldo, Herzog von Urbino, zerstörte nach
seiner Rückkunft in sein Land, aus welchem ihn Cäsar Borgia vertrieben
hatte, alle festen Plätze in demselben, weil er es auf diese Art leichter
zu behaupten dachte. Eben so machten es die Bentivogli nach ihrer Rückkehr
in Bologna. Festungen sind daher nach Umständen nützlich oder schädlich,
und wenn sie auf einer Seite helfen, so schaden sie auf der andern. Dies
beruht auf Folgendem: der Fürst, der mehr sein eignes Volk als Fremde zu
fürchten hat, muß Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor fremden, als
vor seinen eignen Leuten fürchtet, unterlasse es. Dem Hause Sforza hat das
Castell von Mailand, welches Francesco Sforza erbaut hat, mehr Schaden
gethan, als irgend ein andrer Umstand. Die beste Festung ist, seinem Volke
nicht verhaßt zu sein; denn wen das Volk haßt, dem helfen Festungen nicht,
weil es nie an Fremden fehlt, die dem Volke zu Hilfe kommen, sobald es die
Waffen ergriffen hat. Zu unsern Zeiten hat man kein Beispiel gesehen, wo
sie einem Fürsten Nutzen gebracht hätten, außer der Gräfin von Forli;(21)
welche sich bei einem Volksaufstande nach dem Tode ihres Gemahls, des
Grafen Girolamo, dahinein rettete, bis Hilfe von Mailand kommen konnte und
sie wieder einsetzte: dabei verstatteten die damaligen Umstände den
Fremden nicht, dem aufrührerischen Volke zu Hilfe zu kommen. Nächstdem
aber, da Cäsar Borgia sie angriff, und das Volk sich mit Fremden gegen sie
verband, diente die Festung zu nichts. Allemal wäre es ihr mehr werth
gewesen, von ihrem Volke nicht gehaßt zu werden, als Festungen zu haben.
In Erwägung alles dessen will ich gern denjenigen loben, der Festungen
anlegt, und den, der keine anlegt; tadle aber denjenigen, der sich darauf
verläßt, und deswegen den Haß des Volkes nicht achtet.(22)