Aber die neuen Herrschaften sind ganz andern Schwierigkeiten unterworfen.
Und zwar erstens, wenn nicht das ganze Reich neu ist, sondern nur ein
Theil davon, und es also ein vermischtes Reich genannt werden könnte, so
entstehen gewaltsame Veränderungen aus natürlicher Schwierigkeit, welche
allen neuen Herrschaften gemein ist, und daher rührt, daß die Menschen
gern ihren Herrn verändern, in Hoffnung, daß es besser werden könne, und
die Waffen hierauf ergreifen: darin aber irren sie, indem sie bald
erfahren, daß es schlimmer wird. Und das liegt wieder in der Natur der
Dinge: weil der neue Herr seine Unterthanen mit Soldaten und auf manche
andre Art zu bedrücken genöthigt ist, blos weil die Herrschaft neu ist. Du
wirst also alle diejenigen zu Feinden haben, die du durch die Eroberung
selbst beleidigt hast, ohne diejenigen, durch deren Hilfe du Herr geworden
bist, zu Freunden zu behalten, weil du sie nicht nach ihren Wünschen
befriedigen kannst, und auch keine kräftigen Heilmittel anwenden darfst,
wegen der Dankbarkeit, die du ihnen schuldig bist. Denn auch der
Mächtigste bedarf der Begünstigung von Einheimischen, um in das Land
einzudringen. Aus dieser Ursache hat Ludwig der Zwölfte von Frankreich
Mailand so geschwind erobert, und so geschwind wieder verloren. Das erste
Mal war die eigne Kraft des vertriebenen Herzogs Ludwig Sforza
hinreichend, weil das Volk, das jenen eingeführt hatte und sich in seiner
Hoffnung getäuscht fand, den Widerwillen gegen die neue Herrschaft nicht
ertragen mochte. Es ist wahr, daß so zum zweiten Male eroberte Länder
nicht wieder so leicht verloren gehen, weil der Herr von der Rebellion
Veranlassung nimmt, sich durch strenge Maßregeln zu sichern, Verbrecher zu
strafen, Verdacht aufzuklären, und an den schwachen Stellen Vorkehrungen
zu treffen. Wenn es, um Mailand den Franzosen zu entreißen, das erste Mal
hinreichend war, daß ein Herzog Ludwig an der Grenze Rumor anfing, so
mußte sich zum zweiten Male die ganze Welt dagegen vereinigen, um die
französischen Heere zu vernichten oder zu vertreiben. Die Ursachen sind
oben angegeben. Dennoch verlor Frankreich das mailändische Gebiet zum
zweiten Male. Die allgemeinen Veranlassungen der ersten Begebenheit sind
erzählt; es bleibt also noch übrig, die Ursachen der zweiten zu
betrachten, und die Mittel anzugeben, wie man sich in solcher Lage besser
behaupten kann, als der König von Frankreich gethan hat. Ich sage also,
daß solche Provinzen, welche erobert und mit den alten Staaten des
Eroberers verbunden werden, entweder zu demselben Lande gehören und
dieselbe Sprache reden, oder nicht. In dem ersten Falle ist es sehr
leicht, sie festzuhalten, vorzüglich, wenn sie nicht an Unabhängigkeit
gewöhnt gewesen sind. Um sie mit Sicherheit zu beherrschen, ist es
hinreichend, die Familie ihrer vorigen Beherrscher auszurotten; denn weil
die Einwohner ihre alten Gewohnheiten und Verhältnisse beibehalten, auch
übrigens gleiche Sitten mit ihren neuen Mitunterthanen haben, so leben sie
ruhig; wie man es in der Bretagne, Gascogne, Normandie gesehen hat, welche
schon lange mit Frankreich verbunden sind. Wenngleich zwischen diesen
Provinzen und dem übrigen Frankreich in der Sprache geringer Unterschied
ist, so kommen doch die Sitten überein, und daher vertragen sie sich
leicht mit einander. Wer solche Provinzen erobert hat und sie behalten
will, muß auf zwei Dinge Rücksicht nehmen. Erstens: die Familie der
vorigen Regenten zu verlöschen; zweitens: die alten Gesetze und
Verfassungen nicht abzuändern: so werden alte und neue Staaten
baldmöglichst zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Aber wenn Provinzen eines
Landes erobert werden, das an Sprache, Sitten, Verfassung verschieden ist,
so entstehen Schwierigkeiten, und es gehört viel Glück und große Bemühung
dazu, sie zu behalten.(11) Eines der kräftigsten Mittel ist, daß der
Eroberer selbst sich hinbegebe, um daselbst seinen Wohnsitz aufzuschlagen.
Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben es die Türken
mit dem griechischen Reiche gemacht, welches sie trotz aller andern
angewandten Bemühungen nicht hätten behaupten können, wenn sie nicht die
Residenz in Konstantinopel genommen hätten. Denn wenn der Regent sich
selbst da befindet, so sieht er alle Unordnungen in ihrer Entstehung und
kann geschwind abhelfen. Ist er nicht gegenwärtig, so vernimmt er sie
erst, wenn sie schon sehr angewachsen sind, und keine Hilfe mehr ist.
Außerdem wird das Land nicht von den Beamten des Regenten ausgeplündert:
es beruhigt die Einwohner, zu ihm selbst seine Zuflucht nehmen zu können.
Ist er gut, so wird er geliebt; wo nicht, so wird er doch gefürchtet.
Fremde, die den Staat angreifen möchten, haben mehr Rücksicht zu nehmen.
So lange der Regent da wohnt, ist es schwer, ihn dessen zu berauben.
Das zweite vorzügliche Mittel ist, Colonien an einen oder zwei Orte zu
senden, die Schlüssel des Landes sind. Dies ist nothwendig. Wer es
unterläßt, muß wenigstens hinreichende Kriegsmacht daselbst halten. Die
Colonien kosten dem Fürsten nicht viel. Er besetzt sie ohne vielen Aufwand
und beleidigt nur diejenigen, die von Haus und Hof vertrieben werden, um
neuen Bewohnern Platz zu machen. Dies ist immer nur der kleinere Theil.
Diese Beleidigten leben zerstreut und sind arm: sie können wenig schaden,
und alle übrigen werden leicht beruhigt, oder sie fürchten sich, daß es
ihnen so ergehen möchte wie Jenen, wenn sie sich rührten. Wohl zu merken
ist, daß die Menschen entweder zur Ruhe geschmeichelt, oder vernichtet
werden müssen. Denn wegen geringer Beleidigungen rächen sie sich; wegen
großer vermögen sie das nicht. Jede Verletzung muß also so zugefügt
werden, daß keine Rache zu besorgen ist. Wird statt der Colonien Besatzung
gehalten, so kostet das so viel, daß die Einkünfte des neuen Staats
daraufgehen. Die Eroberung schlägt also zum Schaden aus und verletzt weit
mehr, weil sie den ganzen neuen Staat trifft. Jeder fühlt die Last der
Einquartierung, und Jeder wird Feind; diese Feinde aber bleiben, wenn sie
geschlagen sind, in ihren eignen Wohnungen. Nach allen Seiten also ist
diese Besatzung schädlich: die Colonien hingegen sind nützlich. Ferner muß
der Herr einer solchen für sich bestehenden abgesonderten Provinz sich zum
Oberhaupte und Beschützer der schwächern Nachbarn machen, und die
Mächtigen unter ihnen zu schwächen suchen: vor allen Dingen aber
verhindern, daß kein andrer Fremder, der so mächtig wäre als er selbst,
hereindringt. Solche werden immer von Unzufriedenen, aus Ehrgeiz oder aus
Furcht hereingelassen. Man hat einst gesehen, daß die Römer durch die
Aetolier nach Griechenland gelassen wurden. Eben so sind sie in alle
Länder, in die sie gedrungen, durch die Einwohner hereingerufen. Es geht
damit also zu. Sobald ein Fremder in einem Lande Fuß faßt, so hängen sich
alle Mindermächtigen in demselben an ihn, aus Neid gegen denjenigen, der
im Lande selbst der Mächtigste war. Gegen jene Mindermächtigen ist also
nur wenig zu thun. Sie sind leicht gewonnen, und machen gemeinschaftliche
Sache mit dem neu eingedrungenen. Dieser hat nur zu sorgen, daß jene nicht
mächtiger werden; und er kann leicht diejenigen, welche das Haupt
emporheben, niederdrücken, und also selbst die Oberhand behalten. Wer
diese Verhältnisse nicht gut zu regieren weiß, verliert seine Eroberung,
und hat unendliche Mühe und Verdruß, so lange er sie behält. Die Römer
führten ihre Sache in den eroberten Provinzen sehr gut, sandten Colonien
hin, unterstützten die Schwachen, ohne sie zu stark werden zu lassen,
demüthigten die Mächtigen, und ließen das Ansehen mächtiger Fremden nicht
aufkommen. Griechenland dient hinlänglich zum Beispiele. Sie hielten die
Achäer und Aetolier aufrecht, sie erniedrigten die Könige von Macedonien,
vertrieben den Antiochus. Achäer und Aetolier konnten durch alle ihre
Verdienste um sie doch nicht die Erlaubniß auswirken, irgend einen Staat
mit sich zu verbinden; durch alle Schmeicheleien des Philipp ließen sie
sich nicht verleiten, seine Freunde zu sein, ohne ihn niederzuhalten;
Antiochus konnte mit aller seiner Macht nicht bewirken, daß sie ihm
zugestanden hätten, in Griechenland festen Fuß zu fassen. Die Römer thaten
in diesen Fällen, was alle vorsichtigen Regenten thun müssen, welche nicht
allein auf die gegenwärtigen, sondern auch auf die künftigen Unruhen
achten und diesen begegnen. Was man von ferne kommen sieht, dem ist leicht
abzuhelfen; wenn man aber wartet, bis das Uebel da ist, so kommt die
Arznei zu spät,(12) und es geht, wie die Aerzte von der Lungensucht sagen:
daß sie zu Anfang leicht zu heilen, aber schwer zu erkennen; wenn sie aber
im Anfange verkannt worden, in der Folge leicht zu erkennen und schwer zu
heilen sei. Eben so geht es dem Staate. Auch in ihm sind die Uebel, die
man von fern erkennt, (das vermag aber nur der, welcher Verstand hat)
leicht und geschwind geheilt; hat man sie aber so weit anwachsen lassen,
daß Jeder sie erkennt, so ist kein Mittel mehr dagegen zu finden. Die
Römer also sahen die Verlegenheiten, ehe sie entstanden, von ferne, und
ließen sie nicht näher kommen, um einen Krieg für den Augenblick zu
vermeiden. Denn sie wußten, daß man einem Kriege nicht so entgeht, wol
aber nur zum Vortheile des Gegners aufschiebt. Sie beschlossen also mit
Philipp und Antiochus in Griechenland Krieg zu führen, um ihn nicht in
Italien selbst bestehen zu müssen. Sie konnten ihn zu der Zeit wohl
vermeiden; aber es gefiel ihnen nicht, was die Weisen unsrer Zeit im Munde
führen: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie verließen sich vielmehr auf
ihre Tapferkeit und Klugheit. Denn die Zeit treibt Alles vor sich her,
Gutes wie Schlimmes; Schlimmes führt sie aber auch eben so leicht herbei
als Gutes.
Jetzt wende ich mich zu Frankreich und will untersuchen, ob es eine
ähnliche Politik beobachtet habe, und zwar rede ich von Ludwig dem
Zwölften, und nicht von Karl dem Achten, weil jener sich länger in Italien
gehalten hat, und der Gang seiner Unternehmungen daher klarer vor Augen
liegt. Wir werden also sehen, wie er das Gegentheil von Allem gethan hat,
was geschehen muß, um in einem fremden Lande Provinzen zu behaupten.
Ludwig der Zwölfte ward in Italien durch den Ehrgeiz der Venezianer
eingeführt, welche die Hälfte von Mailand dadurch zu erwerben hofften. Ich
will diese seine Unternehmung nicht tadeln; denn da er einmal in Italien
Fuß fassen wollte, und wegen des Betragens seines Vorfahren, Karl des
Achten, keine Freunde in diesem Lande hatte, so mußte er wol die
Verbindungen knüpfen, die sich anboten: und die Sache wäre auch gelungen,
wenn er keinen anderweiten Fehler gemacht hätte. So wie der König die
Lombardei eroberte, ward der Ruf, den Karl verloren hatte, bald wieder
gewonnen; Genua fiel, und die Florentiner traten auf seine Seite. Alles
kam ihm entgegen, der Marchese von Mantua, der Herzog von Ferrara,
Bentivoglio (welcher Bologna inne hatte), die Dame von Forli, die Herren
von Faenza, von Pesaro, von Rimini, von Camerino, von Piombino, die
Republiken Lucca, Pisa, Siena, Alles bewarb sich um seine Freundschaft.
Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie unüberlegt sie
gehandelt hatten, als sie, um selbst zwei Städte zu erlangen, ihn zum
Herrn von zwei Dritttheilen von ganz Italien gemacht hatten. Jeder kann
sehen, wie leicht es dem Könige gewesen wäre, sein Ansehen in Italien zu
behaupten, wenn er die erwähnten Grundsätze befolgt, und dem großen Haufen
seiner Freunde durch seinen Schutz Sicherheit gewährt hätte. Die große
Zahl derselben mußte ihm wol anhängen, denn sie waren insgesammt schwach
und fürchteten, einige den heiligen Stuhl, andere die Venezianer; durch
sie aber konnte er wieder Alles, was noch groß und mächtig im Lande war,
im Zaume halten. Kaum aber war er Herr von Mailand, so that er das
Gegentheil, indem er dem Papst Alexander dem Sechsten zur Herrschaft in
der Provinz Romagna verhalf. Er bemerkte nicht, daß er durch diese
Entschließung sich selbst Freunde und Anhänger nahm, und den Papst erhob,
da er diesem zu seinem so kräftigen geistlichen Ansehen noch so viel
weltliche Macht gab. Dieser erste Fehler zog andere nach sich, so daß er
am Ende selbst nach Italien kommen mußte, um der Macht Alexanders Grenzen
zu setzen, und zu verhüten, daß dieser nicht Herr von Toscana werde. Nicht
genug, daß er den Papst auf seine eignen Unkosten groß gemacht; aus
Begierde, das Königreich Neapel zu erlangen, theilte er es mit dem Könige
von Spanien. Das Schicksal von Italien war bis dahin ausschließlich in
seinen Händen. Hiermit aber gab er sich selbst einen Genossen, an den
Alle, die mit ihm unzufrieden waren, sich wenden konnten. Statt in jenem
Reiche einen König zu lassen, der von ihm abhängig gewesen wäre, zog er
einen hinein, der ihn selbst daraus vertreiben konnte. Sie ist in der That
eine natürliche und gewöhnliche Sache, die Begierde zu Eroberungen: und
die Menschen werden immer gelobt und nicht getadelt, die so etwas
unternehmen, wenn sie es ausführen; wenn sie das aber nicht vermögen und
doch unternehmen, es koste was es wolle: da liegt der Fehler, und darüber
werden sie getadelt. Konnte Frankreich Neapel mit eignen Kräften
angreifen, so mochte es dies thun: konnte es das nicht, so mußte es das
Land nicht theilen. Und wenn die Theilung der Lombardei mit den
Venezianern zu billigen war, weil man dieser Maßregel den Eingang in
Italien verdankte, so verdient jene zweite Theilung Tadel, weil sie nicht
nothwendig war. Ludwig beging also fünf Fehler. Er vernichtete die
Mindermächtigen; vermehrte die Macht eines Mächtigen; rief einen sehr
mächtigen Fremden herein; schlug selbst seinen Wohnsitz nicht im Lande auf
und führte keine Colonien ein. Bei seinem eignen Leben hätten trotzdem
diese fünf Fehler nicht geschadet, wenn nicht der sechste hinzugekommen
wäre, die Venezianer herunterzubringen. Hätte er nicht den päpstlichen
Stuhl so mächtig gemacht, und die Spanier nicht hereingerufen, so war es
vernünftig und nothwendig, die Venezianer zu erniedrigen. Aber nachdem in
jenes Erstere eingewilligt worden, durfte das Letztere nicht geschehen;
denn so lange die Venezianer mächtig waren, hätten sie immer die Andern
abgehalten, die Lombardei anzufallen. Sie hätten darin nie unter andrer
Bedingung eingewilligt, als daß das Land ihnen selbst überliefert würde;
die Andern hätten es aber nie den Franzosen nehmen mögen, um es den
Venezianern zu geben, und beide zugleich zu bekriegen, hätte man nicht
gewagt. Wendet man ein, König Ludwig habe dem Papst Alexander die Romagna,
und Neapel den Spaniern zugestanden, um einen Krieg zu vermeiden, so
antwortete ich: man muß aus den Gründen, die oben bereits angegeben
wurden, niemals ein übles Verhältniß einreißen lassen, um einen Krieg zu
vermeiden; denn er wird gar nicht vermieden, sondern nur zu deinem
Nachtheile aufgeschoben. Sollte man mir aber etwa das Wort entgegensetzen,
das der König dem Papste gegeben hatte, daß er ihm die Unternehmung auf
die Romagna verstatten wolle, zum Lohne für die Einwilligung in Ludwigs
Ehescheidung und für den erbetenen Cardinalshut des Erzbischofs von Rouen,
so berufe ich mich auf das, was ich hiernächst über Treu und Glauben der
Fürsten sagen werde, und über die Art, wie sie Wort halten müssen. König
Ludwig hat also die Lombardei verloren, weil er nichts vom Allem
beobachtet hat, wodurch Andere Länder erobert und behalten haben. Und so
ist es gar nicht zu verwundern, sondern vielmehr sehr begreiflich und
natürlich. Ich sprach darüber zu Nantes mit dem Cardinal d’Amboise,
Erzbischof von Rouen, als der Herzog von Valentinois (wie der Cäsar
Borgia, Sohn des Papstes Alexanders des Sechsten, gewöhnlich genannt zu
werden pflegte), sich zum Herrn von der Romagna machte. Der Cardinal warf
mir vor, die Italiener verständen sich nicht auf den Krieg. Ich erwiderte
ihm aber, die Franzosen verständen sich nicht auf die Politik: sonst
würden sie den heiligen Stuhl nicht so mächtig werden lassen. Die
Erfahrung hat es bewiesen. Frankreich hat den Papst und die Spanier in
Italien groß gemacht, und hat es selbst darüber verloren. Hieraus ist eine
allgemeine Regel zu ziehen, die niemals oder doch selten trügt: Derjenige,
der einen Andern groß macht, geht selbst zu Grunde. Denn es kann von ihm
nur durch zwei Dinge bewerkstelligt werden: durch kluge Bemühung, oder
durch Gewalt, und beides ist dem, der mächtig geworden ist, verdächtig.
4. Warum das Reich des Darius nach Alexanders Tode gegen seine Nachfolger
nicht aufstand?
Wenn man die Schwierigkeiten erwägt, welche es hat, eine neu errungene
Herrschaft zu behaupten, so könnte man sich wundern, wie es zugegangen,
daß das ganze von Alexander dem Großen innerhalb weniger Jahre eroberte
asiatische Reich, welches er kaum in Besitz genommen, als er starb, und
wovon man deswegen hätte glauben sollen, daß es gegen seine Nachfolger
aufstehen werde, von diesen dennoch behauptet wurde, ohne alle andern
Schwierigkeiten, als die, welche ihre eignen Uneinigkeiten erzeugten. Ich
antworte darauf, daß alle Herrschaften, von denen man Kunde hat, auf
zweierlei Weise regiert worden sind. Entweder durch einen Herrn, der sich
nur solcher Diener bediente, die vermöge der ihnen aus Gnaden verliehenen
Gewalt, blos als Werkzeuge, zu der Verwaltung mitwirkten; oder durch einen
Herrn und kleinen Fürsten, die ihre Stellen nicht der Gnade des Herrn,
sondern ihrer eignen Abkunft verdankten. Solche hohe Beamten haben eigne
Länder und Untertanen, von denen sie als Herrn anerkannt werden, und die
ihnen anhängen. Die Regenten, welche blos mittelst ihrer bestellten
Beamten regieren, haben weit größeres Ansehn, weil Niemand im ganzen Lande
ist, der nicht dieses Ansehn anerkennt: und wenn er einem Andern gehorcht,
so ist es nur als dem Stellvertreter und Diener des Oberherrn. Solchen
Personen sind aber die Unterthanen nicht sonderlich zugethan. Beispiele
von beiden Arten von Regierungsform geben die Türken und die Franzosen.
Das ganze türkische Reich wird von einem Monarchen regiert: die andern
sind seine Diener. Es ist in Bezirke getheilt, die von einzelnen Personen
verwaltet werden, welche der Sultan nach Willkür ein- und absetzt. Der
König von Frankreich hingegen ist von einer großen Zahl von alten
Fürstenhäusern umgeben, deren Herrschaft von ihren Unterthanen anerkannt
und geliebt wird. Diese Fürsten haben Vorrechte, die der König nicht ohne
Gefahr antasten kann. Wer diese beiden Regierungsformen betrachtet, wird
finden, daß es schwer ist, das türkische Reich zu erobern: sobald es aber
erobert wäre, würde es leicht sein, es zu behaupten. Die Schwierigkeiten
der Eroberung sind folgende. Der Eroberer kann nicht durch inländische
Fürsten hereingerufen werden, und darf nicht auf Unterstützung von
Rebellen hoffen, aus oben angeführten Gründen. Da sie alle Knechte sind,
so ist es schwer, sie zu bestechen, und wenn sie bestochen wären, so würde
es wenig helfen, weil sie aus den angegebnen Ursachen nicht im Stande
sind, das Volk mit in ihr Interesse zu ziehen. Wer also die Türken
angreift, muß erwarten, sie einig zu finden, und darf nur auf seine eignen
Kräfte rechnen, wenig auf die Uneinigkeit des Gegners. Wenn der Feind aber
überwunden ist, so daß er keine Armee wieder aufzustellen vermag, so ist
nichts mehr zu fürchten, als die regierende Familie, nach deren Untergange
kein Mensch mehr Ansehn genug im Volke hat, mit Erfolg aufstehen zu
können. So wie der Sieger vor dem Siege auf Niemand hoffen konnte, so hat
er nach demselben Niemand mehr zu fürchten. Das Gegentheil findet statt
bei Reichen, die so regiert werden, wie Frankreich, in die es leicht ist
einzudringen, sobald man einen von den hohen Reichsbeamten gewonnen hat,
unter denen sich immer Unzufriedne und Neuerungssüchtige finden. Diese
vermögen es, aus oben angeführten Ursachen, den Weg ins Land zu öffnen,
und den Sieg zu erleichtern. Nachdem aber hat es unendliche
Schwierigkeiten, sich darin fest zu setzen: sowol mit denen, die Beistand
geleistet haben, als mit den Ueberwundenen. Es ist alsdann nicht genug,
das regierende Haus zu vertilgen: denn die Reichsherren bleiben übrig, die
sich zu Häuptern aufwerfen, und das Land dem Eroberer bei erster
Gelegenheit entreißen, wenn er sie weder zu vertilgen, noch zufrieden zu
stellen weiß. Wenn man nun erwägt, von welcher Beschaffenheit das
persische Reich war, so wird man viele Aehnlichkeit mit dem heutigen
türkischen finden. Alexander brauchte also nur Schlachten zu gewinnen, und
sobald Darius todt war, behielt der Sieger das Reich mit vollkommner
Sicherheit. Auch seine Nachfolger hätten es in völliger Ruhe behalten
können, und es entstanden in dem weiten Lande keine andern Unruhen, als
die sie selbst durch ihre Uneinigkeiten erregten. Aber Länder, die solche
Verfassung haben, wie Frankreich, kann man nicht so ruhig besitzen. In
Spanien, in Frankreich, in Griechenland entstanden unaufhörliche
Empörungen gegen die Römer, wegen der vielen einheimischen Fürsten. So
lange das Angedenken an diese währte, blieb der Besitz ungewiß. Nachdem
dieses aber erloschen war, erhielten sich die Römer durch ihre Macht und
die Länge der Zeit in ruhigem Besitze. In der Folge, als die Römer unter
sich selbst zerfielen, vermochte sogar jeder von ihnen einen Theil der
Provinzen, nach Maßgabe des darin erlangten Ansehns, in sein Interesse zu
ziehen, weil sie ihre eignen Fürsten ganz verloren hatten und keine andre
Oberherrschaft anerkannten, als römische. Erwägt man dies Alles, so wird
sich Niemand wundern, daß es Alexander so leicht wurde, Asien in
Unterwürfigkeit zu halten, dagegen Andre, wie z. B. Pyrrhus, so viele
Schwierigkeiten fanden, ihre Eroberungen zu behaupten. Der Grund liegt
nicht sowol in der Heldenkraft des Eroberers, als in der verschiedenen
Beschaffenheit der Eroberungen.
5. Wie Städte oder Fürstenthümer zu behandeln sind, die vor der Eroberung
ihre eigne Verfassung hatten.
Wenn Staaten, welche erobert worden, wie wir angenommen haben, gewohnt
gewesen sind, nach eignen Gesetzen und in Unabhängigkeit zu leben, so gibt
es drei Wege, sie zu behandeln. Der erste ist, sie zu Grunde zu richten;
der zweite, daß der Fürst seinen Wohnsitz daselbst aufschlage; der dritte,
sie unter ihren eignen Gesetzen fortleben zu lassen, sich mit einer
jährlichen Steuer zu begnügen, und die Regierung einer Oligarchie zu
übergeben, vermittelst deren das Land in Unterwürfigkeit erhalten werde.
Denn eine solche Regierung weiß wohl, daß sie sich nicht ohne
Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muß Alles thun, um ihm die
Herrschaft zu sichern. Eine Stadt, die gewohnt gewesen ist, frei zu leben,
wird am leichtesten durch ihre eignen Bürger im Gehorsam erhalten. Als
Beispiele können hier die Spartaner und die Römer dienen. Die Spartaner
hatten Athen und Theben inne, übergaben die Herrschaft derselben einigen
Wenigen, und verloren ihre Eroberung trotzdem. Die Römer zerstörten Capua,
Carthago, Numantia, und behaupteten sich daselbst. Sie versuchten es,
Griechenland so zu beherrschen, wie die Spartaner es gemacht hatten, indem
sie die Freiheit proclamirten und die einheimischen Gesetze bestehen
ließen – und es mißlang; so daß sie gezwungen wurden, viele Städte im
Lande zu zerstören, um die Herrschaft in demselben zu behaupten. Denn es
gibt in der That kein sicheres Mittel dazu, als zu zerstören. Und wer sich
zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu
leben, und sie nicht ganz auflöst, mag nur erwarten, selbst von ihr zu
Grunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer zum
Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über der
Länge der Zeit noch über Wohlthaten vergessen. Was man aber auch immer für
Vorkehrungen treffen mag, so kommen, wenn die Einwohner nicht getrennt und
zerstreut werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum
Vorschein, so wie in Pisa nach so langen Jahren, die es unter der
Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder
gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen
genommen und sein Geschlecht verlöscht; sind sie also gewohnt einen
Fürsten zu haben, und haben doch keinen alten, so vertragen sie sich nicht
darin, Einen aus ihrer Mitte zu erheben; frei leben aber können sie gar
nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst
bemächtigt sich ihrer ohne Mühe, und behält sie auch leicht im Gehorsam.
Aber die Republiken bergen mehr Haß und das Andenken an die verlorne
Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten oder man wählt sie zur
Residenz.
6. Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit errungen
werden.
Niemand wundre sich, wenn ich bei Allem, was ich von ganz neuen
Herrschaften und von Regenten und Staaten überhaupt sagen werde, große
Beispiele anführe. Denn da die Menschen fast immer in gebahnten Wegen
gehen, und in ihren Handlungen Andre nachahmen, so muß bei allem
Unvermögen, denen gleich zu kommen, die man nachahmt, ein Mann von Geist
doch immer sich die edelsten Muster vorsetzen, damit er wenigstens, wenn
seine Tugenden gleich das Ziel nicht erreichen, doch einigen Wohlgeruch
von sich gebe; er muß es machen, wie kluge Schützen, die erkennen, daß das
Ziel zu weit entfernt und der Bogen zu schwach sei, und deswegen die
Richtung höher nehmen: nicht um durch Anstrengung bis dahin zu gelangen,
sondern um dadurch das Ziel wenigstens zu erreichen. Ich sage also, daß
ein neuer Fürst mehr oder weniger Schwierigkeit findet, sich in der
Herrschaft zu behaupten, je nachdem er mehr oder weniger Geisteskräfte
besitzt. Und da sowol Tapferkeit als Glück einen Privatmann auf den
Fürstenstuhl erhebt, so können auch die Schwierigkeiten in der Behauptung
der neuen Würde auf beiderlei Art vermieden oder vermindert werden. Oft
hat der sich am längsten erhalten, der doch das wenigste Glück hatte. Es
wird das Geschäft auch oft dadurch erleichtert, wenn der gänzliche Mangel
andrer Staaten den Fürsten nöthigt, in seinem neuen Gebiete zu wohnen.
Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne Tapferkeit mehr als durch
Glück auf einen Thron erhoben sind, so sage ich, daß Moses, Cyrus,
Romulus, Theseus und ähnliche die vorzüglichsten gewesen sind. Von Moses
ist hier nicht viel zu sagen, weil er nur ausführte, was ihm von Gott
aufgetragen war, und er also nur deswegen bewundert zu werden verdient,
weil Gott ihn seiner Aufträge würdigte. Wenn wir aber den Cyrus und
Andere, die neue Herrschaften gegründet haben, betrachten, so finden wir
sie selbst wirklich bewunderungswerth: auch sind sie wenig in ihrer
Handlungsweise von Moses verschieden, dem göttliche Belehrung zu Statten
kam. Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so finden wir, daß
sie dem Glücke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten, das auszuführen,
was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt hätte, so wäre die
Kraft ihres Geistes verhaucht: hätte es aber an dieser gefehlt, so wäre
die Gelegenheit vergeblich dagewesen. So mußte Moses das israelitische
Volk in egyptischer Sklaverei finden, damit es bereit sei, ihm zu folgen.
Romulus mußte ausgesetzt werden, um den Gedanken zu fassen, Rom zu gründen
und König zu werden. Cyrus mußte die Perser mit der medischen Herrschaft
unzufrieden, und die Meder durch den langen Frieden weichlich und weibisch
finden. Theseus konnte seinen Geist nicht beweisen, wenn er die
Athenienser nicht zerstreut vorfand. Diese Gelegenheiten haben jene großen
Männer glücklich gemacht: durch die Größe ihres Geistes aber erkannten sie
die Gelegenheit, und dadurch ward ihr Vaterland glücklich und berühmt.
Diejenigen, welche durch ähnliche Kraft Fürsten werden, haben
Schwierigkeiten zu überwinden, um die Herrschaft zu erlangen: behaupten
sie aber sehr leicht. Die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden haben,
entstehen zum Theil von den neuen Einrichtungen, die sie genöthigt sind
einzuführen, um die neue Verfassung und ihre eigne Sicherheit zu
begründen. Dabei muß man erwägen, daß es gar keine Sache von größerer
Schwierigkeit und von zweifelhafterem Erfolge gibt, als sich zum Haupte
einer neuen Staatsverfassung aufzuwerfen. Denn Alle die, welche sich in
der alten Ordnung der Dinge wohl befanden, sind der neuen feindlich; und
diese hat nur laue Verteidiger an denen, welche dabei zu gewinnen hoffen:
theils, wegen der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze für sich
haben; theils, weil die Menschen von Natur mißtrauisch sind, und an eine
neue Sache nicht glauben, bis sie sie wirklich klar vor sich sehen. Daher
kommt es, daß diejenigen, die der neuen Ordnung feindlich sind, sie bei
jeder Gelegenheit theilweise angreifen, die Freunde derselben sie aber mit
solcher Lauheit vertheidigen, daß das Oberhaupt sammt ihnen in Gefahr
gerathen kann. Um hier ein richtiges Urtheil zu fällen, muß man wohl
untersuchen, ob die Neuerer auf eignen Füßen stehen, oder von Andern
abhängen; ob sie mithin ihr Unternehmen mittelst guter Worte oder durch
Gewalt durchsetzen können. Im ersten Falle geht es ihnen stets schlecht,
und sie gelangen zu nichts. Wenn sie aber auf eignen Füßen stehen und
durch eigne Kräfte mit Gewalt durchsetzen können, so mißlingt es selten.
Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen; die
unbewaffneten aber sind zu Grunde gegangen; denn zu jenen Ursachen kommt
noch der Wankelmuth des Volks hinzu, welches sich leicht etwas einreden
läßt, aber sehr schwer dabei festzuhalten ist. Und der Plan muß so
angelegt sein, daß, wenn sie aufhören zu glauben, man sie mit Gewalt dazu
anhalten kann. Moses, Cyrus, Theseus, Romulus hätten ihre Anordnungen
nicht lange aufrecht erhalten können, wenn sie nicht Gewalt der Waffen
hätten gebrauchen können; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo
Savonarola gegangen ist, der mit sammt seiner neuen Staatsverfassung zu
Grunde ging, als das Volk aufhörte ihm zu glauben, und er keine Mittel
hatte, seine Jünger beim Glauben festzuhalten, und die Ungläubigen zu
überführen. Solche haben daher große Schwierigkeiten zu überwinden, und
müssen dies Abenteuer durch ihre eigne Tapferkeit bestehen. Sobald sie
aber gesiegt haben und anfangen hohes Ansehn zu erlangen, ihre Neider
daneben aus dem Wege geschafft sind, so bleiben sie mächtig, sicher,
geehrt und glücklich. So großen Beispielen will ich noch eins hinzufügen,
das zwar geringer ist, aber doch damit verglichen werden kann, und statt
aller andern ähnlichen dienen soll. Dies sei Hiero von Syracus. Er ward
aus einem Privatmann Fürst von Syracus, und das Glück hatte keinen weitern
Antheil daran, als daß es die Gelegenheit herbeiführte: denn die
Syracusaner, welche unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer, und
in dieser Stelle erwarb er sich durch Verdienste die fürstliche Würde.
Seine Eigenschaften waren so edel, daß von ihm erzählt wird, es habe schon
als Privatmann ihm nichts zum Herrschen gefehlt, als die wirkliche
Herrschaft selbst. Er löste die alte Armee auf und schuf eine neue;
verließ seine alten Verbindungen und knüpfte neue an. Zahlreiche Freunde
und Krieger hingen ihm an, mit deren Hilfe er jede Verfassung einrichten
konnte: also, daß er zwar viele Mühe hatte aufwenden müssen, um zu
erwerben, aber nur wenig, um das Erworbene zu behaupten.
7. Von neuen Fürstenthümern, die durch fremde Unterstützung und durch
Glücksfälle erworben werden.
Diejenigen, welche durch bloßes Glück Fürsten werden, gelangen dazu ohne
sonderliche Mühe; aber sich auf dem Throne zu erhalten, wird ihnen schwer.
Auf dem Wege fanden sie keine Schwierigkeiten; denn sie wurden
hinaufgehoben: aber wenn sie oben sind, so beginnen jene. Dieses trifft
diejenigen, welche für Geld oder durch die Gnade eines Andern Fürsten
geworden sind: zum Beispiel manche Griechen sind vom Darius zu Fürsten in
Ionien und am Hellespont gemacht, damit sie seine Sicherheit und sein
Ansehn beförderten. So auch sind viele Kaiser durch Bestechung der
Soldaten zu ihrer Würde gelangt. Diese hängen lediglich vom guten Willen
und dem Schicksale derer ab, welchen sie ihre Erhebung verdanken; Beides
aber gehört zu den wandelbarsten Dingen auf Erden. Sie verstehen sich
nicht darauf, und sie vermögen es auch nicht, sich auf einer solchen
Stelle zu erhalten; denn wenn es nicht etwa ein Mann von großem Geiste und
Kraft ist, so kann man nicht voraussetzen, daß derjenige, der immer im
Privatstande gelebt hat, zu befehlen wisse: sie vermögen es auch nicht,
weil sie keine Mannschaft haben, die ihnen ergeben und treu wäre. Ferner
können plötzlich entstandene Herrschaften, gleichwie Alles, was geschwind
entsteht und wächst, keine tiefen Wurzeln schlagen; mithin reißt der erste
Sturm sie aus: es sei denn, daß derjenige, den das Glück erhoben hat, so
viel Verstand und Talent habe, das, was ihm der Zufall in den Schooß
geworfen hat, zu bewahren, und die Unterlage nachzuholen, die Andre sich
angeschafft haben, ehe sie Fürsten wurden. Von jeder der beiden
angegebenen Arten dazu zu gelangen, will ich je ein Beispiel aus der
Geschichte unsrer Tage anführen. Diese sind _Francesco Sforza_ und _Cäsar
Borgia_. Der Erste ward durch große Tapferkeit und überlegte Anwendung der
gehörigen Mittel Herzog von Mailand. Was er mit vieler Mühe erworben
hatte, ward ihm durch die Umstände leicht zu bewahren. Der Andre, Cäsar
Borgia, (insgemein Herzog von Valentinois genannt), gelangte zu seiner
hohen Stelle durch den Glücksstern seines Vaters, und verlor sie zugleich
mit diesem, trotzdem er alle mögliche Bemühung anwandte und Alles that,
was ein kluger und muthiger Mann zu thun hat, um in dem Staate, den er
durch die Waffen und das Glück eines Andern erhalten hatte, feste Wurzeln
zu treiben. Denn wie schon gesagt ist, wer nicht damit angefangen hat,
Grund zu legen, kann es allenfalls durch große Anstrengung nachholen,
allemal aber doch mit Gefahr des Baumeisters und des Gebäudes. Bei der
Betrachtung aller Fortschritte des Herzogs wird man finden, wie viel er
gethan, um zu seiner künftigen Größe festen Grund zu legen. Ich halte es
nicht überflüssig, dieses ausführlich darzuthun, weil ich einem neuen
Fürsten keinen bessern Rath zu geben weiß, als seinem Beispiele zu folgen:
und wenn seine Anstalten den Zweck dennoch verfehlten, so lag die Schuld
nicht an ihm, sondern an einem ganz außerordentlichen und höchst
widerwärtigen Schicksale.
Alexander der Sechste fand große Schwierigkeiten in dem Plane, seinen Sohn
zu erheben: und das sowol in der Gegenwart als in der Zukunft. Vor Allem
sah er gar keinen Weg, ihm zu andern Besitzungen zu verhelfen, als zu
solchen, die im Kirchenstaate lagen. Er wußte aber wohl, daß der Herzog
von Mailand und die Venezianer das nicht verstatten würden, weil Faenza
und Rimino schon unter venezianischem Schutze waren. Außerdem sah er, daß
die italienischen Waffen, besonders diejenigen, deren er sich bedienen
konnte, denen anhingen, welche die Größe des päpstlichen Stuhls
fürchteten. Sie waren sämmtlich den Orsini und den Colonna ergeben, und
mithin war ihnen nicht zu trauen. Es war also nothwendig, diese
Verhältnisse zu stören, und in den Staaten von Italien Alles aufzurühren,
um sich eines Theils derselben zu bemächtigen. Dies ward ihm leicht, weil
die Venezianer aus andern Ursachen damit beschäftigt waren, die Franzosen
wieder in Italien hereinzuziehen. Alexander widersetzte sich diesem also
nicht, sondern begünstigte es vielmehr durch die Einwilligung, welche er
zu der Ehescheidung des Königs Ludwig des Zwölften ertheilte. Dieser brach
hierauf in Italien ein mit Zustimmung der Venezianer und des Papstes: und
kaum war er in Mailand, so hatte Alexander auch schon wegen des großen
Rufs der französischen Macht hinreichende Mannschaft, um seine
Unternehmung auf Romagna zu beginnen. Als er diese Provinz erobert und die
Partei der Colonna geschlagen hatte, und nunmehro diese Eroberung sichern
und weiter gehen wollte, standen ihm zwei Dinge im Wege. Erstens die
unzuverlässige Treue seiner Soldaten; zweitens die Gesinnungen des Königs
von Frankreich. Er fürchtete, daß die Truppen der Orsini, deren er sich
bedient hatte, von ihm abfallen, und nicht allein an weitern Eroberungen
verhindern, sondern auch die gemachten wieder entreißen möchten. Vom
Könige fürchtete er das Nämliche. Mit den Orsini hatte er es ganz recht
errathen: wie sich bewies, als er nach der Eroberung von Faenza Anstalt
machte, Bologna zu belagern, und sie dabei so schlaff zu Werke gingen. In
Ansehung des Königs ward die Sache klar, als er nach der Besetzung des
Herzogthums Urbino Toscana angriff, und der König ihn nöthigte, von dieser
Unternehmung abzustehen. Hierauf beschloß der Herzog, sich nicht weiter in
Abhängigkeit von fremdem Glücke und fremden Waffen zu setzen. Er fing also
damit an, die Parteien der Orsini und Colonna in Rom zu schwächen, indem
er alle Edelleute, die ihnen anhingen, zu sich überzog, durch Stellen,
Geld und Ehre, welches Alles er ihnen gab. In wenig Monaten war die
Zuneigung zu ihren vorigen Anführern verlöscht und hatte sich ganz zu dem
Herzoge gewandt. Hierauf sah er die Gelegenheit ab, die Orsini zu
vernichten, so wie er schon die Colonna auseinander gesprengt hatte: und
das ging ihm noch besser von statten. Die Orsini hatten sehr spät gemerkt,
daß die Größe des Herzogs und des päpstlichen Stuhls ihnen den Untergang
bereite, und sie kamen darüber zu Magione im Perusinischen zusammen.
Hieraus entstanden die Rebellion von Urbino, die Aufstände in Romagna und
unzählige Gefahren des Herzogs, die er mit Hilfe der Franzosen überstand.
Als er aber dadurch wieder zu Ehren gelangt war und den Franzosen nicht
traute, andern fremden Truppen eben so wenig, sie auch nicht auf die Probe
stellen konnte, so legte er sich darauf, sie zu hintergehen, und wußte
sich wirklich so zu verstellen, daß die Orsini sich mit ihm durch
Vermittlung des Herrn Pagolo Orsini versöhnten. Er versäumte hierauf
nichts, um sie zu gewinnen, beschenkte sie mit Kleidern, Geld und Pferden,
bis sie sich einfältigerweise nach Sinigaglia in seine Hände locken
ließen. Als er hier die Oberhäupter aus dem Wege geschafft und ihre
Anhänger unterwürfig gemacht hatte, so war ein guter Grund zur Herrschaft
gelegt, indem er ganz Romagna und das Herzogthum Urbino in seine
Botmäßigkeit gebracht, und die Völker anfingen, sich darunter wohl zu
befinden. Dieser Theil seines Betragens ist vorzüglich würdig, beachtet
und nachgeahmt zu werden: daher ich mich darüber etwas verbreiten muß.
Nachdem der Herzog die Romagna unter sich gebracht hatte, so fand er, daß
dies Land ohnmächtigen Herren angehört hatte, die ihre Unterthanen mehr
ausgeplündert als regiert, und mehr Unordnung veranlaßt, als öffentliche
Ordnung gehandhabt hatten, so daß diese Provinzen voll von Straßenraub,
Parteigängerei und aller Art von Gewalttätigkeit waren. Er fand also
nöthig, sie zu beruhigen und der Obrigkeit unterthan zu machen. Zu diesem
Ende gab er ihr den Remiro d’Orco zum Vorgesetzten, einen entschlossenen
und grausamen Mann. Ihm ertheilte er volle Gewalt. Derselbe erwarb sich
großen Ruhm, indem er das Land in kurzer Zeit zur Ruhe und Sicherheit
brachte. Hierauf aber schien es dem Herzoge, daß eine so ausnehmende
Gewalt nicht mehr gut angebracht sei, weil sie verhaßt werden möchte. Er
ordnete also unter dem Vorsitze eines ganz vorzüglichen Mannes mitten im
Lande einen Gerichtshof an, bei welchem jede Stadt ihren Vertreter hatte.
Weil die vorige Strenge aber einigen Haß erzeugt hatte, so suchte er
diesen auszulöschen und das Volk vollends dadurch zu gewinnen, daß er ihm
bewiese, alle begangenen Grausamkeiten rührten nicht von ihm her, sondern
von der rauhen Gemüthsart seines Stellvertreters. Er ergriff die erste
Veranlassung, ihn eines Tages zu Cesena auf dem öffentlichen Markte in
zwei Stücke zerrissen auszustellen, mit einem Stücke Holz und einem
blutigen Messer zur Seite. Durch diesen gräßlichen Anblick erhielt das
Volk einige Befriedigung und ward eine Zeit lang in dumpfer Ruhe gehalten.
Aber um wieder auf die Unternehmung des Herzogs zurückzukommen, so fand
sich derselbe mächtig genug und für den Augenblick gegen alle Gefahren
gesichert, da er nach seiner Weise hinreichende Mannschaft angeworben, und
die Truppen derer, die ihm in der Nähe gefährlich werden konnten,
vernichtet hatte. Um weitere Eroberungen versuchen zu können, blieb nur
die Rücksicht auf Frankreich übrig, von woher es schwerlich zugegeben
werden konnte, nachdem der König den Fehler, den er begangen, obwol spät,
eingesehen. Er fing also an, sich um neue Freundschaften zu bewerben, und
mit Frankreich ein zweideutiges Betragen anzunehmen, als ein französisches
Heer sich nach dem Königreiche Neapel zu gegen die Spanier zu bewegen
anfing, die Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich dieser letztern zu
versichern, und das wäre gelungen, wenn nur Alexander VI. leben blieb. So
viel that er in Rücksicht auf die Gegenwart. In der Zukunft hatte er
vornehmlich zu fürchten, daß ein nachfolgender Papst ihm weniger gewogen
sein, und das nehmen möchte, was Alexander ihm gegeben hatte. Hiegegen
hatte er vor, sich durch vier Mittel sicher zu stellen. _Erstens_, durch
Vertilgung aller Geschlechter der ihrer Herrschaften beraubten Großen, um
den Päpsten die Veranlassung zu entziehen, etwas gegen ihn vorzunehmen;
_zweitens_ dadurch, daß er alle Edelleute von Rom zu gewinnen trachtete,
um mittelst derselben den Papst selbst im Zaume zu halten; _drittens_,
indem er sich im Cardinals-Collegium so viele Freunde als möglich machte;
und endlich _viertens_, indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so
große Herrschaft zu erwerben suchte, daß er einem ersten Anfalle mit
eignen Kräften hinlänglich widerstehen könne. Von diesen vier Dingen hatte
er beim Tode Alexanders drei ganz und das letzte beinahe vollführt. Von
den beraubten Herren hatte er, so viel er erreichen konnte, tödten lassen,
und sehr wenige waren entkommen, die römischen Edelleute hatte er
gewonnen, im Cardinals-Collegium hatte er die meisten auf seiner Seite.
Was aber die Eroberungen betrifft, so hatte er es darauf angelegt, Toscana
unter sich zu bringen: Perugia und Piombino aber besaß er wirklich, und
Pisa hatte er unter seinen Schutz genommen. Gleich als wenn er auf
Frankreich gar keine Rücksicht mehr zu nehmen hätte, (und wirklich konnte
er dessen überhoben sein, nachdem die Spanier den Franzosen das Königreich
Neapel abgenommen hatten, und nunmehro beide Theile sich um seine
Freundschaft bewerben mußten) erklärte er sich zum Herrn von Pisa, worauf
Lucca und Siena fallen mußten, theils wegen der Eifersucht gegen Florenz,
theils aus Furcht; Florenz selbst hatte keinen Ausweg. Wenn dies gelungen
wäre (und es mußte in dem nämlichen Jahre gelingen, in welchem Alexander
starb), so erwarb er solchen Namen und solche Kräfte, daß er für sich
selbst bestehen konnte, ohne von dem Schicksale oder der Macht eines
Andern abhängig zu sein, sondern ganz allein von eigner Macht und
Tapferkeit. Aber Papst Alexander starb fünf Jahre nachdem er das Schwert
gezogen hatte. Er hinterließ seinen Sohn in folgender Lage. In Romagna
allein festgegründete Herrschaft; mit allen übrigen noch in der Luft, und
zwischen zwei sehr mächtigen feindlichen Heeren; dazu tödtlich krank. Der
Herzog hatte solchen frechen Muth und solche Ueberlegenheit des Gemüths,
er wußte so gut, wie man Menschen für sich gewinnt, und die Fundamente
seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, waren so fest
gegründet, daß er alle Schwierigkeiten überwunden hätte, wenn er nicht nur
jene beiden feindlichen Heere auf dem Halse gehabt, oder gesund gewesen
wäre. Daß sein Ansehn gut begründet war, dafür dient zum Beweise, daß man
ihn in Romagna über einen Monat lang ruhig erwartete; daß er in Rom selbst
halb todt sicher war, und daß die Baglioni Vitelli und Orsini, die nach
Rom kamen, sich keinen Anhang gegen ihn machen konnten. Er konnte, wo
nicht den neuen Papst machen, doch verhindern, daß Keiner Papst werde, den
er nicht wollte. Wäre er vollends beim Tode Alexanders gesund gewesen, so
war ihm Alles leicht. Am Tage selbst, da Julius der Zweite auf den
päpstlichen Stuhl erhoben ward, sagte er mir, er hätte an Alles gedacht,
was beim Tode seines Vaters vorgehen könne, und Mittel gegen Alles
ausgefunden; nur daran habe er nicht gedacht, daß er zu gleicher Zeit nahe
am Tode sein könne. Wenn ich nun alle Handlungen des Herzogs
zusammennehme, so kann ich ihn nicht tadeln. Vielmehr muß ich ihn allen
denen als Muster aufstellen, die durch Glück und fremde Macht zu einer
Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Geiste und dem Ziele, das er sich
vorgesetzt hatte, konnte er nicht anders handeln. Der frühe Tod seines
Vaters und seine eigene tödtliche Krankheit waren es allein, die seine
Pläne störten. Wer also in seiner neuen Fürstenwürde nöthig findet, sich
gegen Feinde sicher zu stellen, Freunde zu erwerben, zu siegen, sei es
durch Gewalt oder durch List, sich beim Volke beliebt und gefürchtet zu
machen, Anhang und Ansehn unter Soldaten zu verschaffen, vertilgen die
beleidigen könnten, oder es nach ihrer Lage müssen, die alte Ordnung der
Dinge auf eigne Weise erneuern, streng und gnädig sein, großmüthig und
freigebig, untreue Kriegsheere auflösen, neue anwerben, die Freundschaft
von Königen und Fürsten erlangen, so daß sie sich gern gefällig beweisen,
und hüten zu beleidigen, der wird kein lebendigeres Beispiel finden, als
die Handlungen dieses Mannes. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen
kann, ist der Theil, den er an der Wahl Papst Julius des Zweiten nahm.
Denn, wenn er gleich, wie oben gesagt ist, keinen Papst nach seinem eignen
Sinne machen konnte, so vermochte er doch zu verhindern, und durfte nie
einwilligen, daß einer von den Cardinälen erhoben würde, die ihn beleidigt
hatten, oder die ihn, sobald sie den päpstlichen Stuhl bestiegen hatten,
fürchten mußten. Denn die Menschen befeinden, entweder aus Haß oder aus
Furcht. Diejenigen, die ihn beleidigt hatten, waren unter Andern der
Cardinal von San Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgia, Ascania. Alle
andern aber mußten ihn fürchten, sobald sie Papst wurden: nur allein den
von Rouen und die spanischen ausgenommen. Diese wegen Verwandtschaft und
Verbindlichkeiten; Jener, weil er dazu durch seine Verbindung mit dem
Könige von Frankreich zu mächtig war. Der Herzog mußte also vor allen
Dingen darauf dringen, daß einer von den spanischen Cardinälen zum Papst
gewählt würde. Konnte er das nicht durchsetzen, so mußte er seine
Zustimmung dem Cardinal von Rouen geben, und nicht dem von San Pietro ad
Vincula.(13) Denn wer da glaubt, daß neue Wohlthaten bei den Großen alte
Beleidigungen vergessen machen, der irrt sich. Der Herzog beging mithin
bei dieser Wahl einen Fehler, welcher Ursache seines eignen Untergangs
geworden ist.