EINLEITUNG.

Niemals hat eine politische Schrift so gewaltiges Aufsehen erregt, und so

viel gewirkt, als _Macchiavelli’s_ hochberühmtes _Buch vom Fürsten_. Der

Name des Verfassers ist durch die sogar in Staatsschriften als

Kunstausdruck übliche Benennung des _Macchiavellismus_ auch der großen

Menge bekannt geworden, die das Buch selbst nicht gelesen hat. Aber unter

den Großen und ihren Ministern haben sich Viele danach gebildet. Hier

glaubten sie das, was sie in einzelnen schlimmen Augenblicken gethan, oder

noch zu thun Lust hatten, durch zusammenhängende Grundsätze gerechtfertigt

zu finden. Die es so benutzten, mögen oft ungehalten darüber geworden

sein, daß Alles, was sie sich, aber auch nur sich selbst, und als Ausnahme

von der Regel erlauben wollten, in allgemeinen Maximen öffentlich

aufgestellt, und dadurch Verdacht gegen ihre Absichten erregt ward. Daher

ist es am lautesten von denen angeklagt, die am meisten daraus gelernt

hatten. Andere Leser sind durch den Widerspruch, in welchem dieser

Inbegriff fürstlicher Weisheit mit der gewöhnlichen Moral steht, zu dem

Zweifel veranlaßt worden, ob das Buch wol im Ernste geschrieben sei? Da

sie die Bewunderung, welche der durchdringende Beobachtungsgeist und das

treffende Urtheil des Verfassers Jedem abnöthigt, der politische

Verhältnisse zu beurtheilen vermag, mit ihrem Widerwillen gegen die freche

Immoralität, zu welcher seine Grundsätze führen, nicht zu vereinigen

wußten, so haben sie geglaubt, Macchiavelli möge wol das vollständige

Gemälde der Tyrannei und der Mittel zu ihr zu gelangen, in der Absicht

entworfen haben, um den Tyrannen in der verabscheuungswürdigsten Gestalt

darzustellen.

Mehrere italienische Schriftsteller haben diese Auslegung sehr früh

gemacht, um dem Geschrei zu begegnen, das sich bald nach der öffentlichen

Bekanntmachung des Werkes erhob. Die Vermuthung erhält einigen Anschein

durch den Widerspruch, in welchem die Gesinnungen, welche in diesem Buche

herrschen, mit andern Schriften des Verfassers zu stehen scheinen, und der

um so auffallender ist, da das Buch vom Fürsten und die Betrachtungen über

den Livius offenbar nicht in ganz verschiedenen Perioden seines Lebens

geschrieben sind. Er bezieht sich in jeder derselben auf die andere, und

hat sie also, wenigstens späterhin, zugleich wieder überarbeitet. Aber man

kann dieser Erklärung durchaus keinen Beifall geben, sobald man das Buch

selbst unbefangen liest. Es ist mit solchem Ernste geschrieben, mit

solchem Nachdruck, und was noch mehr ist, es enthält auf jeder Seite so

viel Wahrheit, daß man das Ganze unmöglich für Ironie halten kann. So

treffende Lehren können nicht aus republikanischem Hasse gegen die

Tyrannei gegeben sein, damit der Tyrann ins Verderben renne: diesen Zweck

hätten sie sicherlich verfehlt! Wer den Verfasser aus der Geschichte

kennen gelernt hat, wird auch nicht durch die Erklärung befriedigt, daß er

hier die Naturgeschichte der Tyrannei gezeichnet habe, so wie er die

Theorie der Republik in den Discursen über den Livius abhandelt.

Macchiavelli war kein gleichgültiger Zuschauer und bloßer Beobachter der

politischen Welt. In allen seinen Schriften herrscht ein praktischer

Geist. Seine Discurse beweisen das lebhafteste Interesse an der Erhaltung

und der Größe einer Republik. Sie sind ganz im Tone eines Mannes

geschrieben, der selbst dazu mitwirken möchte, sie zu errichten oder zu

befestigen. Eben so kräftige Rathschläge für den, der sich auf der

errungenen Stelle eines Regenten erhalten will, eben so nachdrückliche

Empfehlungen der wirksamsten Mittel, eben so lebhafte Verachtung des

Zweckwidrigen, findet man in dem Buche vom Fürsten.

Die Auflösung dieses räthselhaften Widerspruchs ist in dem Zustande

Italiens und in der Lebensgeschichte des Verfassers zu suchen.(1) Man

versteht ja überhaupt keinen ausgezeichneten Schriftsteller vollkommen,

wenn man nicht eine lebendige Kenntniß von seiner Nation und seinem

Zeitalter, und ein feineres Gefühl für ihre Art zu empfinden, aus den

einheimischen Geschichtschreibern erlangt hat, welche selbst die

Gesinnungen ihrer Nation theilen, und nicht blos die Handlungen der

Menschen, sondern ihre Quelle, die eigenthümliche Gemüthsart, darstellen.

Aus solchen erhält man eine ganz andere Einsicht in den Zusammenhang der

Begebenheiten, als aus der genauesten und sorgfältigsten Erzählung eines

Fremden.

Die italienische Nation zeichnet sich durch eine ungemeine Lebhaftigkeit

aller Empfindungen und Leidenschaften aus, die ihren Gegenstand mit dem

Feuer unauslöschlicher Begierde ergreift, und nie abläßt. So wie man von

den Franzosen nicht ohne Grund sagt, daß sie aus allem Ernste Scherz

machen, und dadurch so oft selbst ein Spiel ihrer eignen witzigen Laune

werden, so machen die Italiener aus allem Scherze Ernst. In allen

Handlungen der Franzosen erscheint ein feines und unaufhörlich reges

Ehrgefühl als die herrschende Triebfeder. Dieses zeigt sich in den

schlechtesten, wie in den vorzüglichsten Individuen der Nation, auf

verschiedene Art, aber immer gleich stark. Alle französischen

Raisonnements über sittliche Gegenstände erhalten dadurch eine ganz eigne

Farbe, und in der Geschichte des Volks spielt es die Hauptrolle. Aus der

Verbindung dieses äußerst reizbaren Ehrgefühls, und der feinen Beobachtung

aller Convenienzen des Augenblicks, worin die Franzosen allen Andern so

sehr überlegen sind, mit ihrer launigen Gemüthsstimmung, entspringt eine

Versatilität, von der man in der Geschichte der Italiener keine Spur

findet. Diesen kommt es immer auf die Sache an, die sie wollen. Die

bürgerlichen Unruhen, die ganz Italien so viele Jahrhunderte lang

zerrissen haben, wären durch bloße Begebenheiten und Zufälle nicht so

lange unterhalten. Ihr Charakter ist wesentlich verschieden von dem

Factionsgeiste in der französischen Geschichte. Mit der Tenacität der

Italiener ist eine tiefe Verschmitztheit nahe verwandt, die mit der

Falschheit eines versatilen Menschen, der sein Vergnügen daran findet, mit

andern zu spielen, und schon dadurch befriedigt wird, wenn er sie äfft,

durchaus keine Aehnlichkeit hat. Es ist bekannt, daß nichts in der Welt

mit der Politik des römischen Hofes verglichen werden kann, und daß die

geistliche Intrigue, als ein zusammenhängendes System die Zwecke der

Herrschsucht zu erreichen, für das vollkommenste Erzeugniß des

menschlichen Geistes in seiner Art angesehen werden muß. Dies Meisterstück

eines feinen und dauerhaften Gewebes konnte nur in Italien zu Stande

gebracht werden, und hat wieder einen großen Einfluß auf die Denkungsart

der italienischen Staatsmänner gehabt, die ihre Aufmerksamkeit

unaufhörlich auf den päpstlichen Stuhl richten mußten, welcher durch seine

Bemühungen, die christliche Kirche zu beherrschen, zugleich mit in alle

weltlichen Händel von Italien verwickelt ward.

In diesem ganzen Lande ist von Alters her ein republikanischer Geist

verbreitet gewesen, und hat viele Jahrhunderte lang einen unaufhörlichen

Kampf mit der Herrschsucht einzelner Häupter geführt, die in den innern

Bewegungen übel geordneter Gemeinden die Mittel fanden, sich zu erheben.

Unter der großen Zahl italienischer Republiken war allein Venedig schon

früh zu einer festen Verfassung und innern Ruhe gelangt. In allen übrigen

verfolgten und vertrieben einander Parteien: eben so wie vormals in den

griechischen Freistaaten einzelne Geschlechter mit ihrem Anhange, und

Factionen, von Optimaten, von Bürgern, und von kleinem Volke, Alles unter

einander kämpfte, und sich wechselweise austrieb. Solchem innern Zwiste

war ganz vorzüglich das Vaterland des Macchiavelli unterworfen; eine der

stürmischsten Republiken, die jemals existirt haben.

Die Geschichte der letzten hundert Jahre, wo Florenz als Freistaat

bestand, von 1432 an, da Cosmus der Große von Medici zurückberufen ward

und die Leitung aller öffentlichen Angelegenheiten ergriff, bis zu der

endlichen Ernennung eines seiner Seitenverwandten, Cosmus des Ersten, zum

Herzog, im Jahre 1536, gehört zu den interessantesten Partien der ganzen

Weltgeschichte. Vorzüglich ist die letzte Hälfte dieses Zeitraums äußerst

lehrreich, wegen der mannichfaltigen Abwechselungen der Verfassung, die

beinahe zu allen Lehrsätzen der Politik Beispiele wirklicher Erfahrung

bieten.(2)

Florenz war während des fünfzehnten Jahrhunderts durch das überwiegende

Ansehen zweier Männer aus dem _Hause Medici_ beruhigt, und in die Zeiten

des letztern von ihnen fiel Macchiavelli’s Jugend. Cosmus der Große und

Lorenzo, sein Großsohn, hatten als einfache Bürger die Angelegenheiten

ihres Vaterlandes geleitet, und großen Einfluß auf das Schicksal von ganz

Italien gehabt. Macchiavelli kannte den ganzen Umfang ihrer Talente und

Verdienste: er redet von ihnen mit Wärme und mit dem Wohlgefallen, welches

Niemand, ungeachtet aller Verschiedenheit der Grundsätze und Gesinnungen,

Demjenigen versagen kann, durch welchen das Vaterland zu Ehre, Macht und

Reichthum gelangt ist. Die Größe des letzten von jenen beiden

ausgezeichneten Männern hatte Macchiavelli selbst noch gesehen. Er war

etwas über zwanzig Jahre alt, als Lorenzo von Medici starb, dessen Tod

allgemein als die Epoche angegeben wird, mit welcher die Zeit des Genusses

und des Ruhms aufhörte, und eine endlose Reihe von Unglück und Elend

begann, das der Ehrgeiz fremder Monarchen, die unverständige und

leidenschaftliche Herrschsucht einheimischer Großen, der unbändige Geist

kühner Abenteurer und schamloser Emporkömmlinge über Italien gebracht

hatten. _„Mit dem Tode Lorenzo’s von Medici fing der Same des Uebels an

aufzugehen, wodurch, da Niemand mehr lebte, der ihn auszurotten verstand,

Italien zu Grunde gerichtet ist, und noch immerfort zu Grunde gerichtet

wird.“_ Mit diesen Worten schließt Macchiavelli seine florentinische

Geschichte. Guicciardini beginnt seine Geschichte von Italien mit

derselben Bemerkung. Die Schriftsteller aller Parteien stimmen darin

überein.

Nach des großen Mannes Tode ward sein unfähiger Sohn Piero mit seinen

vornehmsten Anhängern vertrieben. Achtzehn Jahre lang war Florenz ein

Spiel republikanischer Unruhen. Die Republik, die unter der Leitung des

Lorenzo auf die Verhältnisse der großen Mächte von Europa so großen, oft

entscheidenden Einfluß gehabt hatte, ward mit allen übrigen italienischen

Staaten in den allgemeinen Strudel hineingezogen, den der Ehrgeiz der

französischen Könige erregte. Von den Heereszügen Karl des Achten und

Ludwig des Zwölften ward ganz Italien wie von Meereswellen verschlungen.

Während dieser Periode war Macchiavelli Staatssecretair der

florentinischen Republik, und mehr als zwanzig Mal Gesandter an großen und

kleinen Höfen, in den wichtigsten Angelegenheiten. Diese Aufträge führten

ihn zu intimen Verhältnissen mit den mächtigsten Männern der Zeit: unter

Andern mit dem Pandolfo Petrucci, der sich in Siena vom Führer einer

Partei bis zum Oberhaupte des Staats emporgeschwungen hatte, und denselben

von 1487 bis an seinen Tod, 1512, ungefähr durch Künste, wie sie

Macchiavelli lehrt, fast unumschränkt beherrschte. Dieser Petrucci hatte

den Anfang seiner Größe damit gemacht, zwei der wichtigsten Personen der

Gegenpartei aus dem Wege zu räumen, und ließ darauf seinen eignen

Schwiegervater, den Giovanni Borghese, einen sehr angesehenen und wegen

seiner Gelehrsamkeit berühmten Mann, dessen Einfluß er fürchtete,

ebenfalls ermorden. Er hielt es seinem Interesse angemessen, sich mit den

Florentinern zu verbinden, und überließ ihnen Monte Pulciano, über dessen

Besitz sie mit den Sienesern in einen alten Streit verwickelt waren. Bei

der politischen Freundschaft zwischen dem Pandolfo und dem damaligen

Gonfaloniere Piero Soderini, war Macchiavelli nicht allein der

Mittelsmann, sondern er unterhielt auch selbst eine genaue Verbindung und

freundlichen Briefwechsel mit dem Tyrannen von Siena, wie der

Geschichtschreiber desselben(3) ausdrücklich bemerkt. Die Medici wurden

1512 in Florenz wieder eingeführt. Gleich im ersten Jahre entspann sich

eine Verschwörung gegen sie, deren Häupter Nicolo Valori und Giovanni

Folchi, mit dem Leben büßten. Macchiavelli gerieth als Theilnehmer in

Untersuchung, ward gefoltert und verbannt, bald darauf aber von der

Familie, welche die Oberhand behalten hatte, wegen seiner großen Talente

gesucht. Nicht volle zwei Jahre darauf zog ihn Papst Leo X. durch seinen

Freund, den gemeinschaftlichen Landsmann und florentinischen Gesandten zu

Rom, Veltori, über die verwickelten Angelegenheiten Italiens, und über die

Verhältnisse zu den fremden Mächten, welche er als Staatssecretair der

Republik und als Gesandter so genau kennen gelernt hatte, zu Rathe, wie

aus den Briefen des Vettori erhellt. Aber noch näher als Alles dieses lag

dem Macchiavelli die Frage, wie die Medici das wieder erlangte

Uebergewicht in ihrem Vaterlande benutzen würden?

Die Ahnherrn ihres Geschlechts hatten, wie gesagt, als einfache Bürger die

öffentlichen Angelegenheiten desselben aus ihrem Cabinet geleitet, ohne

die äußere Decoration einer höhern Würde zu verlangen. Aber die Zeiten

hatten sich geändert. In Frankreich, in Spanien, in Deutschland hatten

sich seit Kurzem kräftige Monarchien erhoben. Italien hingegen ward von

innern Zwistigkeiten zerrissen. Insbesondere war Mittelitalien voll

kleiner Herren, die sich Alles erlaubten, um zu der höchsten Gewalt in

ihrer Vaterstadt, und zu der Herrschaft über kleine Districte umher, zu

gelangen. Mehrere Päpste hatten mit einigem Erfolge gesucht, in ihren

Familien Herrschaften zu gründen, die dahin führen konnten, die

italienischen Freistaaten und Fürsten zu einem Bunde unter Leitung eines

angesehenen Oberhauptes zu vereinigen. So hatte sich das Haus della Rovere

durch zwei Päpste, Sixtus den Vierten und Julius den Zweiten, aus dem

Staube zu der herzoglichen Würde von Urbino emporgeschwungen. Mit größerem

Nachdrucke hatte Alexander der Sechste seinen Sohn Cäsar Borgia zu einem

gefürchteten Herrn in Romagna gemacht. Leo der Zehnte konnte seinen

Verwandten noch mit ganz anderer Kraft unterstützen, als Alexander den

seinigen. Denn was der Spanier Borgia blos durch sein päpstliches Ansehn

zu Stande bringen mußte, das unternahm Leo mit dem ganzen Gewichte des

Hauses Medici, welches im mächtigen und reichen Florenz so tiefe Wurzeln

geschlagen hatte. Ein Kind seiner Zeit war er nicht damit zufrieden,

seinem Geschlechte die Lage im Vaterlande zu sichern, in der sich seine

Vorfahren befunden hatten. Der große Lorenzo war schon von der Lebensart

derselben etwas abgewichen: er hatte sich mit einer Prinzessin Orsini

vermählt, und seinen Reichthum angewandt, Landgüter zu kaufen, die mehr

der Grundlage eines Fürstenthums, als Privatbesitzungen eines Bürgers

glichen. Leo X. machte seinen Neffen Lorenzo zum Herzoge von Urbino, und

legte es darauf an, diesem und nach ihm immer dem Haupte der Familie einen

Antheil an der Regierung von Florenz zuzuwenden, der in seinem Umfange und

in der Art der Ausübung einige Aehnlichkeit mit der Herrschaft hatte, die

Augustus in Rom nach der Auflösung der Triumvirate führte.

Lorenzo ward Oberhaupt der Kriegsmacht, und führte den Titel: _Il

Magnifico_ (der Prächtige). In den öffentlichen Angelegenheiten durfte

nichts ohne seine Genehmigung geschehen. Dennoch bestanden alle

republikanischen Formen, und er überließ die gesammten Stellen in der

Verwaltung Bürgern, die jedoch nur unter seinem Einflusse gewählt wurden.

Im Wesentlichen war es eben so schon damals zugegangen, als seine großen

Vorfahren regierten. Seit undenklichen Zeiten war aus republikanischer

Eifersucht die obrigkeitliche Gewalt nur auf wenige Monate verliehen.

Jahrhunderte lang bildeten bald acht, bald zehn, bald zwölf Personen,

unter dem Titel: „_Priori dell’ arti_“, „_Priori della Libertà_“, „_Otto

della pratica_“, oder andern Namen, den obersten Rath der Republik, der

unter dem Vorsitz des Gonfaloniere meist alle zwei Monate wechselte. Die

Personen, welche bestimmt waren, nach und nach einzutreten, wurden von

einem Ausschusse von Bürgern auf eine Reihe von Jahren im Voraus gewählt.

Diesen Ausschuß aber setzte die mächtigste Partei des Augenblicks, die

sich unter dem Namen „balia“ eine außerordentliche Gewalt anmaßte,

willkürlich zusammen. Bei diesem beständigen Wechsel der Staatsbeamten

ward eine geheime Direction der öffentlichen Angelegenheiten nothwendig.

Diese ging lange von dem Cabinette der Medici aus, und eben in jenen

unaufhörlichen äußern Veränderungen, wodurch die Verfassung den Anschein

einer Demokratie erhielt, lag ein Mittel, das Ansehn der Familie zu

befestigen, welche sich durch ihren Reichthum, ihre Verwandtschaften, den

Verstand und die Regierungsweisheit einiger ausgezeichneten Häupter, einen

so großen Anhang gemacht hatte. So oft die Medici nach einem kurzen Exil

in ihr Vaterland zurückgekehrt waren, hatten sie die republikanischen

Formen, die sie für sich selbst so vortheilhaft fanden, beschützt. Es

scheint, Leo X. wollte ungefähr auf gleiche Art sein Vaterland

beherrschen. Aber der ehrgeizige eitle Neffe, der mehr auf seinen Vater,

den Piero, der wegen seines unverständigen Leichtsinns vertrieben war, als

auf seinen weisen Großvater Lorenzo artete, verlangte mehr. Macchiavelli,

der ihn daran nicht hindern konnte, der weder in Florenz eine Partei

hatte, die mächtig genug gewesen wäre, die Republik herzustellen, noch

Einfluß genug auf den Papst, um die Angelegenheiten seines Vaterlandes auf

diesem Wege zu leiten, wandte sich an den neuen Herzog von Urbino und gab

ihm in dem Buche, welches er ausdrücklich für diesen Zweck schrieb,

Rathschläge, wie er sich zum Herrn machen und wie er die Herrschaft

behaupten könne. Von seiner persönlichen Verbindung mit diesem Fürsten ist

übrigens nichts Näheres bekannt. Sein ganzes Leben in dieser Zeit ist

beinahe noch völlig im Dunkeln.

Der frühe Tod des Herzogs von Urbino unterbrach 1519 die Pläne, die

Macchiavelli auf den unternehmenden Geist desselben gebaut haben mochte;

nun benutzte er seine Verbindung mit dem Papst Leo, diesem einen Entwurf

vorzulegen, wie Florenz durch eine neue Verfassung beruhigt werden könne,

indem die Liebe der Einwohner zur Republik befriedigt, und zugleich dem

Papst Leo ein dauernder Einfluß auf dieselbe für die Zeit seines Lebens

gesichert würde. Diesen Entwurf wird Jeder, der die Geschichte von Florenz

seit dem Tode des großen Lorenzo, die Parteien, die das Gemeinwesen

zerrissen, ihre Wünsche und die Bedürfnisse des Staats aus den Quellen

kennen gelernt hat, für ein Meisterstück erkennen. Der Verfasser desselben

hatte nicht die Befriedigung, seine Ideen ausgeführt zu sehen, die

vermuthlich dem Ehrgeize der Medici noch nicht genug einräumten.

Lorenzo war so jung gestorben! Papst Leo folgte ihm bald darauf in seinen

besten Jahren. Dennoch entstand keine Veränderung in der Lage des

florentinischen Staates. Das Schicksal rief viele Generationen hindurch

die einzelnen Häupter der Medici frühzeitig ab: der Familie hatte es die

Herrschaft von Florenz bestimmt. Seit dem großen Cosmus war kein

bedeutender Medici fünfzig Jahre alt geworden; aber so oft einer aus

diesem Hause den Schauplatz verließ, trat allemal ein anderer wieder auf,

freilich mit sehr verschiedenem Maße von Talenten ausgerüstet, und mit

abwechselndem Glücke. Jetzt traf die Reihe den Julius, der zuerst als

Cardinal und bald darauf als Papst Clemens der Siebente Haupt der Familie

ward. Von ihm hing nunmehr das Schicksal der Republik ab. Eine Partei, die

aus den vorzüglichsten jungen Männern von Florenz bestand, mit denen

Macchiavelli in der intimsten Verbindung lebte, und zu deren Belehrung er

seine Betrachtungen über den Livius geschrieben, die zweien derselben, dem

Zanobi Buondelmonti und Cosimo Ruccellai, zugeeignet sind, – dieser Club,

der von den Gärten Ruccellai, wo er sich versammelte, benannt ward, machte

Pläne zu einer Herstellung der Republik, die dem Cardinale Giulio

vorgelegt wurden. Die Hoffnung, die man auf seine anscheinende Mäßigung

gebaut hatte, ward vereitelt. Er bewies auch hier die furchtsame

verschlossene Falschheit, die sein ganzes Leben charakterisirt. Er hatte

nie die Absicht gehegt, zu willfahren, oder er änderte seine

Entschließung, als er sah, wohin die Pläne, die man ihm angab, führen

würden. Aber der Patriotismus jener Freunde der Freiheit war ernstlich

gemeint. Sie machten (1523) Anstalt, ihren Entwurf mit Gewalt auszuführen,

und den Cardinal, der im Wege stand, wegzuräumen. Die Verschwörung ward

entdeckt. Luigi Alamanni und Jacopo da Diaceto verloren das Leben auf dem

Blutgerüste. Zanobi Buondelmonti, ein andrer Ludovico Alamanni, (dem

Macchiavelli sein Leben des Castruccio Castracani zugeeignet hat), Batista

della Palla, Anton Bruccioli und einige ihrer Anhänger geringeren Standes

wurden verbannt. Macchiavelli war ebenfalls in diese Unternehmung

verwickelt: er entfloh.(4) Die Medici fühlten sich noch nicht stark genug,

den republikanischen Geist der Florentiner zu unterdrücken: sie versuchten

es, ihn einzuschläfern, indem sie die letzten Vorfälle möglichst geschwind

vergessen ließen. Der Cardinal fürchtete Erbitterung zu erregen, die

seinen Absichten auf den päpstlichen Stuhl hinderlich gewesen wäre. Als er

diesen ein Jahr darauf wirklich bestieg, suchte Macchiavelli sich wieder

an ihn anzuschließen, und erhielt Aufträge von Wichtigkeit, von ihm und

von der florentinischen Regierung. Wenige Jahre darauf erlaubten die

Umstände noch einen Versuch zur Wiederherstellung der Republik zu machen.

1527 wurden die Medici aufs Neue vertrieben und die Freiheit proclamirt.

Macchiavelli erschien sogleich in seiner Vaterstadt. Allein die Bemühungen

seiner Freunde Zanobi Buondelmonti und Luigi Alamanni, ihn in den Rath von

zehn Männern wählen zu lassen, dem die Leitung der öffentlichen

Angelegenheiten übergeben werden sollte, wurden durch die allgemeine

Abneigung vereitelt, die das Volk gegen den Rathgeber der Medici und den

Verfasser des Buchs vom Fürsten gefaßt hatte. Vergeblich suchte er die

Schrift zu unterdrücken, welche seine Gesinnungen so verdächtig machte.(5)

Der Verdruß über die fehlgeschlagenen Versuche, sich wieder zu heben,

hatte vermuthlich Antheil an seinem Tode, der bald darauf erfolgte.

Die Republik, die der Enthusiasmus des Volks unter günstigen Umständen

errichtet hatte, unterlag nach zwei Jahren der vereinten Macht des Papstes

und des Kaisers. Nachdem Clemens der Siebente sie durch Unterstützung Karl

des Fünften bezwungen hatte und mit ihr nach Gefallen walten konnte,

erneuerten die Freunde des Macchiavelli zum letzten Male ihre Bemühungen.

Sie baten den Papst, neben der ersten Stelle in der Republik, die er

seinem angeblichen Neffen Alessandro zuwenden wollte, die Hauptzüge einer

republikanischen Verfassung bestehen zu lassen, welche schon Macchiavelli

dem Papste Leo X. empfohlen hatte. Das Wesentliche dieses Entwurfs,

wodurch die Bürger einen wirklichen Antheil an der Verwaltung des Staats

erhalten hätten, verwarf Clemens: den Anschein behielt er anfangs bei,

nahm bald aber auch dieses Schattenbild eines Gemeinwesens weg. Alessandro

ward 1531 unumschränkter Herr, und genoß seine Größe als ein ächtes Kind

des Glücks, das weder durch Talente, noch durch eigne, seien es rühmliche,

seien es ruchlose Unternehmungen, sondern blos durch die Macht eines

Andern erhoben war. Mit Dirnen und Buhlknaben, wie Tacitus vom Domitian

sagt, spielte er den Fürsten, zog Schmausereien und Maskenbälle

fürstlichen Beschäftigungen vor, zu denen es ihm mehr an Lust als an

Geschicklichkeit fehlte, und erhielt nach fünf Jahren von einem Vetter

Lorenzino von Medici den Lohn seiner Nichtswürdigkeit, ohne daß dieser

Mord den florentinischen Republikanern zu Gute gekommen wäre. Ein andrer

Medici, Cosmus, ward 1536 zum Herzoge ausgerufen, und nach einem Siege

über die republikanische Partei, die sich zum letzten Male unter Anführung

des Filippo Strozzi erhob, wirklicher Beherrscher von Florenz. Dieser

beruhigte endlich das Volk: er bezähmte die Widerspenstigen, besänftigte

die Gemüther, lähmte jede gefährliche Kraft, schmeichelte dem Talente,

beschenkte, versorgte, ehrte Alle, die berechtigte oder unberechtigte

Ansprüche machten;(6) und erstickte damit das ganze Geschlecht

vorzüglicher Männer aller Art, wodurch Florenz bis auf seine Zeiten als

der hellste Stern in der neuern Geschichte der Cultur des menschlichen

Geistes geglänzt hatte.

In die Mitte dieser Periode fällt das Leben des _Macchiavelli_ (von 1469

bis 1527). In der an Talenten, Künsten und Wissenschaften aller Art

reichen Stadt, in einem Volke, das sich durch den lebhaftesten Verstand

und die heftigsten Leidenschaften auszeichnete, unter den Stürmen einer

unsichern Verfassung und den häufigen Katastrophen derselben war er selbst

unaufhörlich thätig. Die Geschäftswelt hatte ihn gebildet. Der eignen

Erfahrung verdankte er es, daß er aus den großen Schriftstellern des

Alterthums mehr lernte, als Andere darin finden. Sie gab seinem Urtheile

über die frühere Geschichte und über die Ereignisse seiner Zeit die

treffende Schärfe, die man immer mehr bewundert, je mehr man seine

Bemerkungen mit dem vergleicht, was seinem Vaterlande nach seinem Tode

widerfuhr. Die Verhältnisse, in die er verwickelt war, hatten ihm das

Innere der Republiken und die Geheimnisse der Fürsten aufgedeckt. Er

verstand sich auf die Politik jeder Partei. Man findet ihn aber auch in

den entgegengesetztesten Factionen.

Er liebte die Verfassung, in der er geboren und so lange Zeit auf die

glänzendste Art thätig gewesen war. Aber er mochte wol in gewissen

Augenblicken daran verzweifeln, eine dauernde Republik in Florenz

hergestellt zu sehen. Er zeigt selbst im siebzehnten Kapitel des dritten

Buchs seiner „_Discorsi_“, daß ein verdorbenes Volk sich schwerlich bei

der Freiheit erhalten könne; und im folgenden Kapitel, daß es eben so

schwer sei, die verlorne Freiheit wieder herzustellen. Er sagt es gerade

heraus, einem solchen Volke sei es besser, daß sich seine Staatsverfassung

der Alleinherrschaft eines Einzigen nähere: und die Anwendung auf sein

Vaterland liegt nahe genug!

Im Anfange des siebenten Buchs seiner Geschichte bemerkt er, daß die

innern Uneinigkeiten das Leben der Republiken ausmachen, und ihre Stärke

vermehren, so lange sie nicht in Anhang einzelner Häupter oder Familien

ausarten; sobald aber dieses eintritt, den Staat schwächen und das Wesen

der Republik vernichten. In Florenz, sagt er selbst, waren alle innern

Zwistigkeiten von dieser verderblichen Art. _„Daher wissen die Florentiner

die Freiheit nicht zu behaupten, und können die Knechtschaft nicht

ertragen.“_

In der That, wenn man die innere Geschichte von Florenz überdenkt, deren

letzte Katastrophen oben angegeben sind, so findet man, daß die Republik

in den schlechten Zeiten nur elende Anarchie, in den besseren maskirte

Monarchie gewesen war.

Von der frühern Zeit sagt Macchiavelli im Anfange des dritten Buchs seiner

Geschichte: „Die innern Uneinigkeiten, welche in Rom Wetteifer und Streit

erregten, sind in Florenz sehr frühe in Factionen und innern Krieg

ausgeartet. In Rom veranlaßten sie neue Gesetze, um abzuhelfen: in Florenz

endigten sie stets mit Mord und Verbannung angesehener Bürger. In Rom

dienten sie dazu, daß einzelne große Häupter sich erhoben. In Florenz

haben sie Alles gleich gemacht. In Rom wollte das Volk der größten Ehren

gleich dem Adel theilhaft werden. In Florenz wollte es ausschließlich

herrschen. Die neuen erzwungenen Gesetze waren daher ungerecht gegen den

Adel. In Rom wurden die Niedriggebornen immer edler und fähiger, die

Stellen zu bekleiden, nach denen sie strebten. Durch ihre zunehmende Kraft

und Talente ward der Staat groß. In Florenz wurden die Edlen aus den

öffentlichen Aemtern vertrieben, und mußten dem niedrigen Volke gleich

werden, um zu jenen zu gelangen. Die edeln Eigenschaften, wodurch die

Männer aus dem Volke in Rom den Edelgebornen gleich zu werden trachteten,

wurden in Florenz auch im Adel ausgelöscht. So ward der Staat immer

niedriger und verächtlicher. So wie Rom durch den Uebermuth der Bürger

dahin gerieth, daß es nicht mehr ohne einen Herrn bestehen konnte, so kam

es mit Florenz dahin, daß jede Verfassung durch eine geschickte Hand

aufgedrungen werden konnte.“

Die alten Zwistigkeiten des Adels mit dem Volke, von denen Macchiavelli

hier redet, endigten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts mit der

Tyrannei des Herzogs von Athen,(7) der den Florentinern durch

neapolitanische Waffen aufgedrungen ward. Aber nach der Vertreibung

desselben theilte sich das Volk aufs Neue in Factionen der Bürger und des

gemeinen Pöbels, welche abermals den Staat zerrissen, bis die Familie

Medici im fünfzehnten Jahrhunderte mächtig genug ward, ihm Festigkeit und

innere Ruhe zu geben, die jedoch von Zeit zu Zeit durch gewaltsame

Katastrophen unterbrochen ward. Als dieser Zustand 1492 mit dem Tode des

Lorenzo von Medici endigte, und das ganze Geschlecht desselben vertrieben

ward, lebte der demokratische Geist wieder auf. Aber in einem Staate, in

dem man so wenig Bürgergeist, dafür desto mehr Parteiwuth kannte, war es

nicht möglich, einen dauerhaften Zustand zu begründen. Die Familie der

Medici, welche sechzig Jahre lang (von 1432 bis 1492) mit so großem eignen

Ruhme ihr Vaterland zu Größe, Ehre und Ruhm geführt, und innerlich

einigermaßen ruhig gehalten hatte, konnte dies nur dadurch bewirken, daß

sie den Staat durch eine Partei regierte, die sich hinter republikanische

Formen versteckte, ohne dem Volke wahren Antheil an der Verwaltung zu

verstatten. Sie hatte beständig, wie man sich in unsern Tagen ausdrücken

würde, eine Art von revolutionärer Regierung geführt. Sie behaupteten

nämlich, wie Macchiavelli ihnen vorwirft, daß Florenz nicht anders regiert

werden könne, als durch eine von fünf zu fünf Jahren zu wiederholende

außerordentliche Maßregel, („_Ripigliar lo Stato_“ genannt), wodurch die

gefährlichen Bürger willkürlich aus der Stadt oder von öffentlichen

Aemtern entfernt, diese aber eben so willkürlich mit Hintansetzung aller

vorgeschriebenen Formen besetzt wurden: das heißt, sagt Macchiavelli, alle

fünf Jahre den Schrecken und die Furcht erneuern, wodurch das erste Mal

diejenigen Menschen in die Flucht geschlagen waren, welche, mit den Medici

zu reden, _schlecht_ gehandelt hatten.

Wahrlich, eine schöne Republik, in welcher die Formen, Gleichheit und

Theilnehmung so vieler Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten

vorspiegeln, in der That aber Eine Familie unumschränkter herrscht, als

ein Fürst nur immer könnte; wo diese Familie um desto eifersüchtiger Alle

entfernt, deren Ansprüche sie fürchtet, weil sie das öffentlich anerkannte

Recht allezeit gegen sich hat! Cosmus ist ein großer Mann, Lorenzo ein

noch größerer Mann gewesen. Aber ist der Staat frei zu nennen, wo solche

Männer ausschließlich regieren, und die andern alten Geschlechter

angesehener reicher Bürger, in der Verzweiflung ihr Recht nicht

durchsetzen zu können, zu verräterischen Anschlägen ihre Zuflucht

nehmen?(8) Wo die Soderini sich herablassen müssen, Clienten zu werden,

und den Pazzi, unterdrückten Nebenbuhlern, nur Meuchelmord übrig bleibt,

um sich Luft zu machen: wo daher selbst ein Mann wie Lorenzo von Medici

seines Lebens nicht sicher ist!

So dachte Macchiavelli über die Verfassung seines Vaterlandes vor dem

Exile der Medici: das beweist der ganze Ton aller seiner Schriften, in

denen er von den großen Männern aus jenem Hause stets mit Lobe redet, ihre

Nebenbuhler und die Verschwörungen gegen sie nie tadelt.

Nach der Vertreibung dieser herrschenden Partei, 1494, war zwar eine

republikanische Verfassung hergestellt, allein es hatte weder der

demokratische Fanatiker Savonarola, den das Volk eine Zeit lang als einen

Propheten verehrte, und als er einige Prophezeiungen vorbrachte, die nicht

gefielen, mit Jubel verbrennen sah; noch der redliche Freund

republikanischer Gleichheit und allgemeiner Gerechtigkeit, Piero Soderini,

der einige Jahre als Gonfaloniere vergebliche Bemühungen anwandte, die

Verfassung zu befestigen, etwas Dauerndes zu Stande bringen können. Dem

Letzten wirft Macchiavelli vor, daß er sich die eitle Hoffnung gemacht,

allen gährenden Stoff im Staate durch Geduld und Güte zu beruhigen, die

Feindschaften mit Wohlthaten auszulöschen, und die Republik dadurch zu

befestigen, daß er selbst das Beispiel gab, die Gesetze nie zu übertreten.

Ein solcher Charakter kann nicht verfehlen, die allgemeinste Hochachtung

zu erregen: er wird sogar von den Feinden der öffentlichen Ruhe gepriesen,

– von diesen aber eigentlich, weil seine Tugenden ihnen selbst ihr Spiel

erleichtern. Etwas kräftiger noch drückte Macchiavelli sein Urtheil in

einem Sinngedichte aus, das er in einer launigen Stunde auf seinen

demokratischen Freund und Gönner machte.

„In der Nacht, da Piero Soderini starb, fuhr die arme Seele zur

Hölle hinab. Thörichter Geist, rief Pluto ihr entgegen, was willst

du in der Hölle? Geh du zum unschuldigen Kinderteich!“

Macchiavelli behauptet, und das wol nicht mit Unrecht, daß Soderini eine

außerordentliche Gewalt hätte anwenden müssen, um sich in den Stand zu

setzen, für die Zukunft eine Herrschaft der Gesetze zu gründen. „Wenn in

einem verdorbenen Zustande der Dinge noch etwas zu hoffen ist,“ sagt er,

„so ist es von einem mächtigen Manne, der sich vorläufig zum Herrn

aufwirft, um eine freie Verfassung vorzuschreiben. Auf andere Art ist es

unmöglich.“

Wer die Eigenschaften besitzt, wodurch man sich zur Herrschaft

emporschwingt, der wird sich freilich nicht dazu verstehen, einen solchen

Gebrauch von ihr zu machen: und das wußte Macchiavelli selbst sehr gut.

Indessen könnte er dennoch wol einen Plan entworfen haben, durch einen

Andern und auf andere Art auszuführen, was damals fehlgeschlagen war. Den,

der geboren ist zu handeln, kann sein eignes treffendes Urtheil, die

vollkommenste Kenntniß der Welt, die lebendigste Ueberzeugung, daß nichts

mehr auszurichten stehe, nicht abhalten, Versuche zu machen, die ihm

selbst vergeblich scheinen. Er sieht ein, daß es besser wäre, alle Pläne

aufzugeben, wenn die Werkzeuge zu ihrer Ausführung nichts taugen. Er

verspottet vielleicht die eitle Hoffnung derer, die es unternehmen, mit

schwachen thörichten Menschen Dinge auszurichten, wozu Kraft, Verstand,

Beharrlichkeit nöthig sind. Und in demselben Augenblicke entwirft er

selbst wieder Pläne, die Verstand, Muth, Beharrlichkeit erfordern: weil

der Mann von kräftigem Verstande immerfort unwillkürlich solche Entwürfe

gebiert, wie ein tüchtiger Baum gute Früchte trägt.

Das ist nicht poetische Schwärmerei. Es gibt solche Menschen, und die

größten Dinge geschehen durch solche, die sich nicht lange besinnen, ob

ein edler Entwurf ausführbar sei; die nicht warten zu beginnen, bis der

Zufall und andre Menschen das Beste gethan haben; sondern die im Vertrauen

auf die gute Sache wagen, und hoffen, die Umstände werden ihnen zu Hilfe

kommen. Diese finden denn auch oft unerwartete Unterstützung: denn sie

selbst beleben Andere, und wecken Kräfte, deren Dasein man nicht ahnte,

weil sie ohne solchen Antrieb nie erwacht wären.

Auf Macchiavelli möchte dies Alles freilich nicht recht anwendbar sein.

Der dachte immer zunächst daran, was ausgeführt werden könnte.

Wenn es nun aber durchaus unmöglich war, die Verfassung aufrecht zu

halten, auf die sich alle Entwürfe in glücklichen Zeiten bezogen, und die

Nothwendigkeit einleuchtete, sich neuen Verhältnissen zu unterwerfen, so

konnte auch wol ein redlicher Freund der bürgerlichen Gleichheit dahin

gebracht werden, ihr nicht blos zu entsagen, sondern selbst Hand

anzulegen, etwas Erträgliches zu schaffen, um nicht das Unerträgliche

unthätig zu leiden. So haben auch in Florenz späterhin, als das Schicksal

durch den Untergang des Filippo Strozzi die letzten Auswege zur

Herstellung der Republik versperrt hatte; als Alles, was sich auf das Alte

bezog, Entwürfe des Staatsmannes und Verpflichtungen des Bürgers, gleich

Träumen verschwanden; als nichts mehr existirte, worauf eine Hoffnung

gegründet werden konnte, und die neuen Verhältnisse unter der schnell

entwickelten Uebermacht Karls des Fünften es durchaus erforderten, daß

Florenz einen Herrn erhalte, der sich des mächtigen kaiserlichen Schutzes

sicher halten konnte, die geistvollsten und angesehensten Männer der

Republik den Herzögen gehuldigt.

Unter allen diesen Umständen, aber auch nur unter solchen, konnten Männer

von Ehre zu der neuen herrschenden Partei übertreten. Macchiavelli that

diesen Schritt sehr früh, und wie es sich bald zeigte, voreilig.

Es war zwar schon zu seiner Zeit Manches geschehen, das eine innere große

Veränderung in Italien nothwendig nach sich ziehen mußte. Franzosen,

Spanier, Deutsche kämpften um den Besitz dieses schönen Landes. Durch

innere Uneinigkeit war es dahin gekommen, daß es schien, die Frage könne

nur sein, welche auswärtige Macht Herr werden solle. Das Volk haßte alle

diese Fremden in dem Grade, wie die südlichen Völker hassen, und wie der

Unwille unterdrückter und mißhandelter Völker haßt. Aber wie konnten die

Italiener die Unabhängigkeit wieder erlangen, die für jedes Volk, das

eigenthümliche Denkart, Sitten, Sprache, Gesetze und Verfassung hat, das

höchste Gut, und die Bedingung aller Glückseligkeit ausmacht? Dazu mußten

die gesammten Kräfte der Nation in Verbindung gebracht werden, und eine

einzige Richtung erhalten. Dies konnte im damaligen Augenblicke schwerlich

durch einen Andern geschehen, als durch einen Medici. Wenn denn Italien

der Herrschaft der Barbaren auf keine andere Art entrissen werden kann,

und er das Vaterland nicht anders erlösen will, als wenn Florenz sich

unterwirft, – nun so herrsche Lorenzo über Florenz und über Italien. Wenn

er das Land befreit haben wird, so mögen sich die Florentiner selbst

wieder von ihren Tyrannen befreien und die Republik herstellen, – wenn sie

können. So mag Macchiavelli gedacht haben, als er dem Lorenzo den Weg

zeigte, zur Herrschaft zu gelangen: damit mag mancher Italiener

einverstanden gewesen sein.

Eine solche Entsagung konnte ihm lange nicht so viel kosten, als andern

Anhängern der Republik. Seine Liebe zu ihr war ernstlich: aber sie beruhte

nicht auf dem tiefen Gefühle des Bürgers, dem Gleichheit das erste Gut

ist, und der Alles lieber duldet, als Jemanden über sich zu sehen. Sie

entsprang nicht aus unerschütterlicher Anhänglichkeit an väterliche Sitte

und ererbte Verhältnisse. Das Nachdenken über vergangene Zeiten und

Beobachtung der neuen hatte ihn gelehrt, daß in republikanischen Staaten

die Leidenschaften geistvoller Männer den größten Spielraum erhalten. Aus

diesem Gesichtspunkte beurtheilt er in seinen „Discursen über den Livius“

die römische Republik. An der Erhaltung des Bestehenden lag ihm wenig. Ihm

kam es nur darauf an, seinen Trieb zu unruhiger Thätigkeit zu befriedigen.

Fand in seinem Vaterlande die Verfassung nicht mehr statt, die er selbst

vorgezogen hätte, so ergriff der von Catonischem Eigensinne weit entfernte

praktische Geist, dem auf ächt Italienisch „virtù“ nur Thatkraft und

Verstand sie zu leiten bedeutete, mit eben der Lebhaftigkeit die Idee, die

den neuen Umständen und den Gesinnungen der Mächtigen angemessen war, und

ließ sie eben so geschwind wieder fahren. Macchiavelli hat nicht etwa in

einer großen Katastrophe seine Grundsätze verändert und ist zu einer

Gegenpartei _einmal_ übergetreten: sondern er hat sich bald der einen,

bald der andern ergeben, und nur darauf gedacht, für den Augenblick den

Entschluß zu fassen, der ihm der klügste dünkte, weil er in den

Verhältnissen des Tages der ausführbarste schien. Er hielt es damals für

unvermeidlich, daß Florenz sich unterwerfe: so gab er dem Lorenzo

Rathschläge, um ihm die Herrschaft zuzuwenden, damit Er es sei, dem der

neue Fürst sie, wenigstens zum Theil, verdanke.

Wer das wollte, durfte nicht vielen Bedenklichkeiten über die Wahl der

Mittel Gehör geben: und Alles, was in der Zeit vorging, hätte auch wol

einen Mann von strengerer Sittlichkeit, als Macchiavelli, verleiten

können, sich über das Gefühl der Menschlichkeit, die gewissenhafte

Redlichkeit und die Scheu vor moralischen Geboten wegzusetzen, um einen

großen Plan zum Besten des Volks auszuführen. Auch ein solcher hätte wol

sagen können: es muß einmal regiert werden, damit das Volk der Erfüllung

seiner eignen Wünsche theilhaft und glücklich werden könne; welches

Letztere wieder in Macchiavelli’s und seiner Zeitgenossen Sinne nichts

Anderes heißt, als politische Leidenschaften befriedigen. Da sich aber die

Völker nicht demjenigen unterwerfen, der durch sittliche Vorzüge über sie

hervorragt, und durch diese verdiente zu regieren, so möge denn derjenige,

der zu herrschen versteht und die Herrschaft zu ergreifen vermag, sich

derselben auf jedem Wege bemächtigen, auf dem man zu ihr gelangt.

Die Geschichte der Zeit enthält nichts als Mord, Treulosigkeit,

Verrätherei, Gewaltthätigkeit durch gedungene Streiter. Was zur Herrschaft

führt, ist gut: so der allgemeine Wahlspruch. Jeder erlaubte sich Alles,

was den Weg dazu bahnen konnte: Alle aber verfehlten ihren Zweck, weil sie

nicht Einsicht genug hatten, die rechten Mittel zu wählen, und weil es

ihnen in der gefährlichen Unternehmung an der Selbstbeherrschung fehlte,

die dem Mächtigen so schwer wird, und doch so nöthig ist, zu verfolgen. So

ging jeder Gewalthaber zu Grunde, die ganze Nation ward eine Beute fremder

Eroberer. Macchiavelli sah, daß der neue Herzog von Urbino denselben Weg

betreten würde, auf dem so Viele vor ihm verunglückt waren. Wenn denn

Niemand Anstand nimmt, Verbrechen zu begehen, wodurch er zur Herrschaft zu

gelangen hofft, so begeht, ruft Macchiavelli dem zu, der danach strebt, so

begeht Eure Unthaten doch nur so, daß sie auch wirklich zum Zwecke führen.

Die Lehren, welche Macchiavelli hierzu ertheilt, haben den eigenthümlichen

Charakter, der Alles auszeichnet, was aus dem wirklichen Leben geschöpft

ist. Sie sind nicht bloße Erzeugnisse des Nachdenkens, Resultate

allgemeiner Beobachtungen. Sie haben die ergreifende Wahrheit der Gemälde,

dergleichen das überlegenste Talent nicht hervorbringt, ohne durch

wirkliche Anschauung belebt zu sein. Man hatte in Italien oft genug

gewaltige Menschen auftreten sehen, die sich in dem leidenschaftlichen

Streben nach der Herrschaft über jede Beschränkung durch Gesetz,

sittliches Gefühl und menschliche Empfindung gänzlich wegsetzten. Aber

keiner von ihnen hatte das Maß des Verstandes besessen, ohne den die

Immoralität sich selbst zu Grunde richtet. In Cäsar Borgia, mit dem

Macchiavelli durch Verhandlungen über die Angelegenheiten seines

Vaterlandes in genaue Verbindung gerathen war, glaubte er das vollendete

Ideal eines Mannes zu erkennen, der das wirklich leisten könnte, wonach so

Viele vergeblich gestrebt hatten. Von dieser Vorstellung war er ergriffen.

Alles, was er über die Gesinnungen und Talente geschrieben hat, die zur

Befriedigung der Herrschsucht führen können, ist durch das Bild von jenem

Unholde, der durch die Schärfe des Verstandes und Entschlossenheit des

Geistes andern eben so schlechten Menschen so sehr überlegen war, beseelt.

Lorenzo von Medici war nicht der Mann, etwas Aehnliches zu leisten. Er

konnte wol durch den Einfluß seines Oheims, des Papstes Leo, Herzog von

Urbino werden, aber nicht Herr von Florenz, noch weniger Haupt eines

italienischen Bundes. Hat Macchiavelli ihn nicht genug gekannt? Oder hat

er ihm den Rath, sich zur Herrschaft emporzuschwingen, vielleicht so

gegeben, wie er selbst im dritten Buche seiner Discurse im

fünfunddreißigsten Kapitel sagt, daß man den Großen rathen müsse?

„Diejenigen,“ heißt es hier, „welche einer Republik oder auch einem

Fürsten rathen, kommen in ein Gedränge, indem sie ihre Pflicht verletzen,

wenn sie nicht ohne alle andere Rücksicht den Rath ertheilen, der ihnen

für den Staat oder den Fürsten der nützlichste scheint; so oft sie aber

wirklich solche Rathschläge angeben, Gefahr laufen, das Leben oder doch

ihre Stelle zu verlieren: weil alle Menschen doch darin blind sind, daß

sie jeden guten oder schlechten Anschlag nur nach dem Ausgange beurteilen.

Ich sehe keinen andern Ausweg, als seine Meinung ohne Leidenschaft und mit

Mäßigung vorzutragen, so daß der Fürst, wenn er sie befolgt, seinen eignen

Willen zu thun glaube, und daß er nicht vom Rathgeber mit Ungestüm

verleitet zu werden scheine. Wenn du auf diese Art deinen Rath ertheilt

hast, so ist es nicht wahrscheinlich, daß Volk oder Fürst dir übel wollen

werden, da dein Rath nicht gegen den Willen Andrer durchgesetzt worden.

Die Gefahr entsteht, wenn Viele widersprechen, die, wenn die Sache übel

ausfällt, sich vereinigen, den Rathgeber zu stürzen. Bei jenem Verfahren

geht freilich der Ruhm verloren, der einzuernten ist, wenn man Rathschläge

gegen den Willen Vieler durchsetzt, und die Sache gut ausfällt: aber

dagegen entstehen zwei Vortheile. Erstens wird die Gefahr vermieden, und

zweitens kannst du große Ehre einlegen, wenn du einen Rath mit Mäßigung

ertheilst, derselbe nicht befolgt wird wegen des erhobenen Widerspruchs

und der Rathschläge Andrer, und alsdann großes Ungemach entsteht.“

Hat Macchiavelli vielleicht seine Anschläge, zur Herrschaft zu gelangen,

dem Lorenzo von Medici in diesem Sinne gegeben? Hatte derselbe Verstand

genug, sie ganz zu fassen, Urtheil genug, sie richtig anzuwenden,

Dreistigkeit und Beharrlichkeit, sie auszuüben – gelang Alles: gut, so

verdankte er seine Größe dem Unterrichte, und der Rathgeber konnte auf

alle Belohnungen Anspruch machen, die einen solchen Dienst bekrönen.

Fehlte es in irgend einem Stücke, so fiel Lorenzo durch seine eigne

Schuld. Er hatte nicht recht begriffen, nicht recht angewandt, oder die

Ausführung war unvollkommen gewesen. Warum unternahm er ein so schweres

Werk, dem er nicht gewachsen war, und dessen ganze Schwierigkeit

Macchiavelli ihm selbst so lebendig vor Augen gestellt hatte? Diesem blieb

alsdann immer noch übrig es zu machen, wie der Graf von Shaftesbury, der

dem Könige Karl dem Zweiten Rathschläge gab, die die Freiheit der

englischen Nation untergruben, und darauf selbst diesen übermüthigen,

leichtsinnigen und dennoch hinterlistigen Fürsten, da er seine Sache

verdorben hatte, im Parlamente wegen jener Verräthereien gegen die Nation

anklagte.

Warum hätte Macchiavelli Bedenken tragen sollen, selbst mit einem Fürsten

eben so umzugehen, wie er diesen lehrt, andre Menschen zu behandeln, die

ihm zu Werkzeugen dienen? Wir haben keinen Timoleon vor uns, keinen Junius

Brutus, keinen Hampden, keinen Wilhelm Tell: sondern den verschmitzten

Unterhändler am französischen Hofe, Freund des Tyrannen von Siena,

Verehrer des Königs aller Teufel seiner Zeit, des Cäsar Borgia. Der

Staatsmann muß auch mit solchen Menschen umzugehen wissen. Er muß sich

darauf verstehen, sie zu behandeln; er muß seine Gefühle in sich

verschließen können, um unvermeidliche Verhältnisse mit ihnen zu benutzen,

oder doch unschädlich zu machen. Aber das unaufhörliche Treiben in solchen

Verbindungen ist stets gefährlich. Es ist sehr schwer, dabei sein eignes

Gemüth unbefleckt zu erhalten. Die Gewohnheit, seine Empfindungen zu

verläugnen, stumpft sie ab. Man vergißt am Ende die natürlichsten

Gesichtspunkte, die einfachsten Wahrheiten, und wird durch die Kunstgriffe

seines eignen Verstandes aus seinem wahren Charakter herausgeworfen: man

weiß selbst nicht, wie.

Ein Werk, wie das Buch vom Fürsten, einem großen Herrn vorzulegen, und es

von sich bekannt werden zu lassen, daß man solche Rathschläge gebe, war

ein gewagtes Stück. Aber Macchiavelli überließ sich der politischen

Intrigue mit vollkommner Zuversicht zu sich selbst. Er glaubte damit

spielen zu können, weil er sich auf seine Kraft des Verstandes, die

Sicherheit seines Urtheils und seine dreiste Entschlossenheit verließ. Wie

manche Menschen, denen Niemand diese Vorzüge zugestehen wird, möchten ihm

dennoch gern nachahmen! Alle, die sich ihn zum Muster nehmen und mit einer

Geschmeidigkeit des Verstandes, die sie macchiavellisch nennen, die

Schwäche ihres Charakters, ihre Eitelkeit, ihren Leichtsinn zu beschönigen

suchen, mögen sich zur Warnung dienen lassen, was ihrem angeblichen

Vorbilde begegnete, als der Tod des Herzogs von Urbino Gelegenheit zu

neuen Versuchen für die Herstellung der Republik gab, und einer derselben

endlich gelang. Welchen häßlichen Contrast damit bildete das Buch vom

Fürsten! Der Verfasser hätte das Meisterstück seiner Feder gern

unterdrückt: aber es hatte sogleich, nachdem er es aus den Händen gegeben,

zu viele Bewundrer gefunden: so verlor er den endlichen Lohn so vieler

gefahrvoller und mit schwerem Leiden verbitterter Unternehmungen, weil er

nicht, einer Partei standhaft ergeben, mit Beharrlichkeit hatte erwarten

mögen, ob das Schicksal ihr vergönnen würde, das Haupt wieder zu erheben.

Wer unter allen Umständen etwas bedeuten will, jedem Herrn und zu jedem

Zwecke dient, nur damit Er etwas gelte, verfehlt das Ziel, nach dem er mit

allzu großer Begierde sich übereilt. Aller Aufwand von Verstand und

Talenten ist unzureichend, um eine wirklich große Rolle zu spielen: dazu

gehört ein großer Charakter. Durch die allzu rege unruhige Eitelkeit wird

das schärfste Urtheil irre gemacht, und die Dreistigkeit im Denken ist oft

nur eine Versuchung mehr, sich verderblichen Anschlägen zu überlassen.

Ueberhaupt hat derjenige, der mit besonnener Mäßigung nach dem Besitze

äußerer Güter strebt, weit mehr Wahrscheinlichkeit sie zu erhalten, als

der, dem sie um keinen Preis zu theuer sind, und der sie unter jeder

Bedingung besitzen will. Der Eigensinn der rastlosen Begierde erregt

gemeiniglich selbst unüberwindliche Schwierigkeiten. Sogar die öffentliche

Achtung, welche den Gegenstand des edelsten Triebes ausmacht, darf nicht

allzu begierig gesucht werden. Sie ist von der freien Gesinnung der

Menschen, mithin auch von ihrer Laune abhängig. Sie läßt sich nicht

abbringen, folgt aber freiwillig dem, der sie verdient, ohne sie zu

begehren. Bemerken die Menschen, daß man sich ängstlich um ihren Beifall

bemüht, so widerstrebt ihre Selbstsucht. Der Neid versteckt sich hinter

dem Vorwand, es sei nur auf die Befriedigung des Ehrgeizes und der

Herrschsucht abgesehen. Wer sich aber nicht in seinen Bemühungen für

Zwecke, die den Beifall der Menschen verdienen, durch die Begierde nach

dem Genusse dieses äußern Lohns irre machen läßt, und niemals seinem

eignen Bewußtsein die fremde Bewunderung vorzieht, dem wird auch diese

letzte nicht entgehen.

Wenn man das Buch vom Fürsten richtig schätzen will, so muß man nicht

vergessen, daß der Verfasser nirgends in der Geschichte als Hauptperson

erscheint, sondern immer nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es rührt

von einem trefflichen Beobachter her, der in die handelnde Welt mit

eingegriffen hatte, sich aber nicht berufen fühlte, seine Lehren selbst in

Ausübung zu bringen. Die Schriften solcher Männer, welche die Grundsätze,

die sie aufstellen, aus ihren eignen Handlungen nehmen, haben einen ganz

andern Charakter. Vielleicht ist mehr Wahrheit in den Erzählungen

einfacher Beobachter; denn es hat doch schwerlich jemals ein Mann, der

große Dinge geleistet hatte, von sich selbst geschrieben, ohne daß sein

Wunsch, der Welt etwas anders zu erscheinen als in seinem eignen

Bewußtsein, einigen Einfluß auf seine Darstellung gehabt hätte. Aber

dagegen sprechen die Empfindungen mit mehr Lebendigkeit in den Werken

derer, die von eignen Handlungen reden. Es ist doch etwas Andres, zu

sagen, was man selbst gethan, oder in allem Ernste bereit ist zu thun;

oder Pläne anzugeben, die Andre ausführen sollen. Bei diesen Spielen des

Verstandes setzt man sich über Alles weg: sobald man aber selbst handeln

soll, erscheinen die Dinge ganz anders, und alsdann lassen die

Einwendungen des Gewissens sich nicht so abweisen. Es ist noch immer die

Frage: ob Macchiavelli, wenngleich er nach den Aussagen von

Schriftstellern, die ihm nicht aus politischen Gründen abgeneigt waren, im

Privatleben ein „schlechter Mensch“ gewesen sein soll, das Alles hätte

thun mögen, was er, der wohl wußte, daß er nicht Fürst werden würde,

demjenigen rieth, der danach strebte.

Es gibt Menschen, bei denen alle Kräfte in den Kopf treiben; die mit der

durchdringendsten Schärfe des Verstandes Alles durchschauen und zu jedem

möglichen Zwecke die Mittel auf das Treffendste anzugeben wissen: die aber

in der Beurtheilung der Zwecke von ihrer eignen Einbildungskraft oder von

Vorspiegelungen Anderer leicht irre geführt werden. Solche Männer sind

recht gemacht, als Rathgeber zu glänzen. Man hört sie gern, weil sie

nichts gegen die Absichten einwenden, die die Neigung einflößt und sich so

gut darauf verstehen, diese Zwecke zu erreichen. Aber sie sind gefährliche

Rathgeber. Denn weil die Zweckmäßigkeit aller Mittel sie weit mehr

interessirt, als die Beschaffenheit der Zwecke selbst, so überlassen sie

sich dreist allen Combinationen des Witzes; und das um so viel mehr, wenn

sie nicht selbst ausführen sollen, was sie ausgedacht haben. Man findet

daher auch bei ihnen mit dem bewunderungswürdigsten Verstande eine

Versatilität in den Grundsätzen und Absichten, die unbegreiflich scheint,

bis man bemerkt, daß es nicht die Sachen selbst sind, an denen sie Freude

finden; daß es in einem wie im andern Falle nur das Spiel des Verstandes

ist, das sie interessirte. Ist vollends das Talent des Redners oder

Schriftstellers mit jenen Vorzügen verbunden, so werden leicht die

edelsten Gesinnungen und größten Ideen nur als Mittel angesehen, Pläne des

Augenblicks auszuführen, und nach der Wirkung, die der Ausdruck derselben

auf den Zuhörer oder Leser macht, geschätzt.

Der Umstand, daß Macchiavelli einen großen Theil der Achtung seiner

Zeitgenossen seinen schriftstellerischen Talenten verdankte, ist sehr

wichtig. Wenn aus dem Bisherigen klar wird, wie er ein solches Buch hat

schreiben können, so ist noch etwas Unbegreifliches darin, daß er es

bekannt gemacht hat. Derjenige, dem der Rath gegeben wird, sein Wort zu

brechen, und der es eingesteht, daß er diesen Rath befolgen wird, kann

sich schwerlich versprechen, Glauben zu finden. Das Buch vom Fürsten ist

voll solcher Anschläge, die vereitelt sind, sobald sie bekannt werden.

Aber Macchiavelli konnte sich nicht enthalten, das Lieblingskind seines

Geistes, das Meisterstück seines Scharfsinns und seiner unvergleichlichen

Feder, zur Bewunderung aufzustellen; und es war der allgemeinen Denkart

der Großen so angemessen, daß selbst diejenigen, für die es zunächst

bestimmt war, kein Arg daraus hatten, es könne ihnen schaden. Es ging also

aus einer Hand in die andere.

Gedruckt ward es indessen erst nach des Verfassers Tode.(9) Papst Clemens

der Siebente, ein Medici, naher Verwandter des Lorenzo, dem es zugeeignet

ist, verstattete unbedenklich die öffentliche Bekanntmachung durch den

Druck; und eben dies beweist sehr deutlich, wie sehr die darin herrschende

Gesinnung mit der allgemeinen Denkart der Nation übereinstimmte. Eben so

hat Gregor der Dreizehnte kein Arg daraus gehabt, was seine Billigung der

Pariser Bluthochzeit für eine Wirkung in der christlichen Welt thun würde.

In beiden Fällen sah der päpstliche Hof, der nie zurückgeht, sich durch

die allgemeine Stimme genöthigt, einen öffentlichen Schritt zu thun, um

das Aergerniß zu heben. Als das Geschrei über Macchiavelli’s Fürsten laut

wurde, verdammte Paul der Vierte das Buch 1559. Der Scandal dauerte fort,

und ward so arg, daß 1592 einem Enkel des Verfassers, dem Niccolo

Macchiavelli, in Gemeinschaft mit einem Neffen desselben, Giuliano de’

Ricci, der Auftrag gegeben ward, das Tadelnswürdige aus dem Werke

wegzuschaffen. Da aber Niemand Interesse daran hatte, sie zu einer Arbeit

anzutreiben, deren Absicht durch die Ankündigung schon erreicht war, so

unterblieb sie, und das Buch ward bis heute unzählige Male unverändert so

aufgelegt, wie es hier folgt.

Macchiavellis Buch vom Fürsten · 第 3 / 32 题