FÜNFTES KAPITEL

In den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle äußerst

unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und möblierten Zimmer suchen nach

Kräften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen

baldigen Tod befürchten läßt.

In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und

wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten

verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn

fortgebracht.

Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange kommen nur sehr selten

vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah

es zum erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit

unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders

unter den Damen, panischen Schrecken hervor.

Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den führenden

Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, die aufgeregten Gemüter zu

beruhigen, überboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten

zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das Kind

behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache tatsächlich Diphtherie

gewesen sei, erklärten aber, daß gegen die Ansteckungsgefahr alle

notwendigen Maßnahmen getroffen worden wären, daß sie in besonderen

Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich nachher sorgfältig

desinfiziert hätten. Zwei von ihnen ließen sich sogar die Bärte

abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nähmen. Die anderen

aber, die überwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich

zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten

ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise übertrieben zu

haben. Daraus entstand eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um

ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen

Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion

mißbilligte das rücksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung

gegen Frau N., der man das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte,

fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch bevor

die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese

Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte die Aufmerksamkeit des Publikums

von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat

ungewöhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der

menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders

widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der

traurigen Lage der unglücklichen Mutter auch nur ein wenig

Aufmerksamkeit geschenkt hätte. -- War es tatsächlich Diphtherie

gewesen, so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener und

fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch

nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für

das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht hatte.

Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den

schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man früher den Heilschlamm für die

Bäder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,

diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge übergossen

worden. Sorgfältiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen

Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus

dem fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme der

Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das für den Monat

vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mußte desinfiziert

werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie

die anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert werden,

durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der

die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine

sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert Gulden,

weil man es auch für notwendig hielt, die Polstermöbel der drei

Appartements zu verbrennen und in den anderen Räumen die Gardinen,

Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß wurden

an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die

Stadtvertreter unterstützten die Rechte des Besitzers und behaupteten,

daß er trotz der geforderten Entschädigung einen Verlust erleiden werde,

da viele Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. Auch für

die Zukunft riskiere der Wirt einen großen Teil seiner Gäste zu

verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren hätten, daß in dem

Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden würden.

Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, und alle

interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen

fanden die Forderung schikanös, die anderen gerecht, jedoch viel zu

hoch. Überall sprach man darüber, und Herr N. wurde zu einer

interessanten Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht

fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, daß er als kranker

Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen

hatte und bis zu dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau

erkundigte sich niemand, und sie war während einiger Tage nicht zu

sehen. Man nahm an, daß sie abgereist oder krank sei. Für die Leute, die

sich für die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine

sehr interessante Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche

Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet hätte.

Er stellte nicht in Abrede, daß der Hotelinhaber Verluste erlitten habe

und daß der Tod des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei,

aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung an ihn,

die er nicht ohne Gerichtsbeschluß begleichen wolle.

»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, aber das darf mir

nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbürger erklärt werden,

sondern durch einen formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen

kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schön, wenn

ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber

nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich

an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.«

Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, und um Herrn N.

bildeten sich in einemfort Kreise, die über seine Rechte und die ihn

beschäftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber

wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht

vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede über den

Diphtheriefall noch größeren Umfang angenommen hätte, und man

entschloß sich, die Angelegenheit durch ein friedliches

Übereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des

Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wäre die Angelegenheit

erledigt gewesen, doch da trat plötzlich ein neues Ereignis ein: Frau

N., die acht Tage in dem großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging

täglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres Kindes

geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht

zurück. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im

Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der

Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren

auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann

Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und

begann dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe

ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme später auch bestätigt.

Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche gekommen war, hatte der Sumpf

wieder hinuntergezogen. So kam sie um.

Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die

Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau

N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen

ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N.

erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte sich bescheiden in ein kaltes

und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn

er abreisen würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die

die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab.

Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir

Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um

das Geheimnis seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen sollen, ihn

zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, als seine Frau, die sich

an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine

Annäherung mit ihm zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen

Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit und erwähnte

in den Gesprächen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine

verstorbene Frau.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 78 / 79 题