In den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle äußerst
unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und möblierten Zimmer suchen nach
Kräften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen
baldigen Tod befürchten läßt.
In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und
wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten
verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn
fortgebracht.
Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange kommen nur sehr selten
vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah
es zum erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit
unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders
unter den Damen, panischen Schrecken hervor.
Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den führenden
Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, die aufgeregten Gemüter zu
beruhigen, überboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten
zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das Kind
behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache tatsächlich Diphtherie
gewesen sei, erklärten aber, daß gegen die Ansteckungsgefahr alle
notwendigen Maßnahmen getroffen worden wären, daß sie in besonderen
Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich nachher sorgfältig
desinfiziert hätten. Zwei von ihnen ließen sich sogar die Bärte
abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nähmen. Die anderen
aber, die überwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich
zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten
ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise übertrieben zu
haben. Daraus entstand eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um
ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen
Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion
mißbilligte das rücksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung
gegen Frau N., der man das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte,
fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch bevor
die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese
Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte die Aufmerksamkeit des Publikums
von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat
ungewöhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der
menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders
widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der
traurigen Lage der unglücklichen Mutter auch nur ein wenig
Aufmerksamkeit geschenkt hätte. -- War es tatsächlich Diphtherie
gewesen, so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener und
fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch
nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für
das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht hatte.
Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den
schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man früher den Heilschlamm für die
Bäder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,
diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge übergossen
worden. Sorgfältiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen
Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus
dem fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme der
Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das für den Monat
vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mußte desinfiziert
werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie
die anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert werden,
durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der
die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine
sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert Gulden,
weil man es auch für notwendig hielt, die Polstermöbel der drei
Appartements zu verbrennen und in den anderen Räumen die Gardinen,
Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß wurden
an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die
Stadtvertreter unterstützten die Rechte des Besitzers und behaupteten,
daß er trotz der geforderten Entschädigung einen Verlust erleiden werde,
da viele Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. Auch für
die Zukunft riskiere der Wirt einen großen Teil seiner Gäste zu
verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren hätten, daß in dem
Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden würden.
Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, und alle
interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen
fanden die Forderung schikanös, die anderen gerecht, jedoch viel zu
hoch. Überall sprach man darüber, und Herr N. wurde zu einer
interessanten Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht
fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, daß er als kranker
Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen
hatte und bis zu dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau
erkundigte sich niemand, und sie war während einiger Tage nicht zu
sehen. Man nahm an, daß sie abgereist oder krank sei. Für die Leute, die
sich für die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine
sehr interessante Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche
Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet hätte.
Er stellte nicht in Abrede, daß der Hotelinhaber Verluste erlitten habe
und daß der Tod des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei,
aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung an ihn,
die er nicht ohne Gerichtsbeschluß begleichen wolle.
»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, aber das darf mir
nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbürger erklärt werden,
sondern durch einen formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen
kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schön, wenn
ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber
nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich
an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.«
Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, und um Herrn N.
bildeten sich in einemfort Kreise, die über seine Rechte und die ihn
beschäftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber
wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht
vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede über den
Diphtheriefall noch größeren Umfang angenommen hätte, und man
entschloß sich, die Angelegenheit durch ein friedliches
Übereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des
Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wäre die Angelegenheit
erledigt gewesen, doch da trat plötzlich ein neues Ereignis ein: Frau
N., die acht Tage in dem großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging
täglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres Kindes
geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht
zurück. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im
Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der
Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren
auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann
Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und
begann dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe
ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme später auch bestätigt.
Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche gekommen war, hatte der Sumpf
wieder hinuntergezogen. So kam sie um.
Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die
Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau
N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen
ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N.
erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte sich bescheiden in ein kaltes
und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn
er abreisen würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die
die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab.
Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir
Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um
das Geheimnis seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen sollen, ihn
zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, als seine Frau, die sich
an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine
Annäherung mit ihm zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen
Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit und erwähnte
in den Gesprächen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine
verstorbene Frau.