SECHZEHNTES KAPITEL

Und ich lese:

»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für meinen Kaiser gefochten,

habe mehr als einmal mein Blut vergossen und bin dafür mit dem

Offiziersrang und dem Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur

Heilung meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in der

Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden und Kreuze an, gehe

zum Grafen, gebe ihm mein ganzes Geld, die fünfhundert Rubel, die man

mir zur Heilung meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich

freizulassen, in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar des

Höchsten trauen lassen können.«

-- Und weiter hieß es in dem Briefe, -- fuhr Ljubow Onissimowna mit

unterdrückter Erregung fort: »Was aber die Schmach betrifft, die Sie

über sich ergehen lassen mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück

und rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott allein mag

Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber nur Achtung.« Und der

Brief ist unterschrieben: »Arkadij Iljin.«

Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im Ofen, sagte keinem

Menschen etwas davon, selbst der Alten nicht, und betete die ganze Nacht

zu Gott. Sie betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war

zwar Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte sich aber

gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln würde, als früher.

Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 68 / 79 题