Man hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man glaubte, sie sei
verrückt geworden. Geisteskranke Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken
waren, pflegte man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn
die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als berufen,
Geisteskranke zu beobachten.
Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna zu sich kam,
hieß Drossida und war sehr gutherzig.
Am Abend -- fuhr die Kinderfrau fort -- machte sie mir ein Lager aus
frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, so daß es so weich wie Daunen
war, und sagte mir: »Ich will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was
kommen mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer diese blaue
Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein anderes Leben gesehen. Ich
mag daran gar nicht zurückdenken, dir will ich aber nur dieses sagen:
gräme dich nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in der
Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor diesem schrecklichen
Placon in acht ...«
Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen und zeigt es mir.
Ich frage:
»Was ist das?«
Und sie antwortet:
»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal nicht beherrschen
können ... gute Menschen hatten es mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne
den Placon gar nicht leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst,
und verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, denn es ist
mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch einen Trost im Leben
erfahren: Gott hat _ihn_ schon von der Tyrannei erlöst ...«
Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare. Ich erkenne
meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden ... Was ist das?
Und sie sagt mir:
»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich aus deinem Zopf
befreite, weiß geworden; er aber lebt und ist von der Tyrannei erlöst:
der Graf hat ihm eine Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn
die Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich noch ein
wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz brennt mir so ...«
Und sie sog solange daran, bis sie einschlief.
Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen Drossida wieder
auf, ging, ohne Licht zu machen, ans Fenster, sog wieder am Placon,
versteckte ihn und fragte mich leise:
»Schläft der Gram oder schläft er nicht?«
Und ich antwortete:
»Der Gram schläft nicht.«
Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf den Arkadij nach der
Züchtigung zu sich berufen und ihm gesagt habe:
»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt hatte. Da du
mein Favorit warst, werde ich dir meine Gnade erweisen: morgen stecke
ich dich unter die Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den
durchlauchtigsten Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast,
will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, -- ich will nicht, daß du tiefer
als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst mit deinem edlen Geiste
gestellt hast. Ich will einen Brief schreiben, daß man dich sofort in
den Krieg schickt, und du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern
als Sergeant kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt nicht
mehr unter meinem Willen, sondern unter dem Willen des Zaren.«
»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und hat nichts zu
fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: in der Schlacht zu fallen;
die Tyrannei des Grafen ist er aber los.«
Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang jede Nacht von
Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte.
So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig: man schickte mich
nicht mehr ans Theater, sondern ließ mich bei der Tante Drossida im
Kälberstall als ihre Gehilfin. Hier hatte ich es gut, und die Frau tat
mir sehr leid. Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie
mir nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte sich noch
erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen Leuten erstochen worden
war. Sein Kammerdiener war der Haupttäter gewesen, -- die Leute hatten
seine Grausamkeit einfach nicht länger ertragen können. Ich trank aber
noch immer nicht und tat mit großer Freude die Arbeit für Tantchen
Drossida: die Kälbchen waren mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß,
wenn man eines aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch zu
schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und dann drei Tage lang
beweinte. Fürs Theater taugte ich nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr
richtig die Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen leichten
Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte ich mir wohl die Füße
erkältet und hatte nicht mehr die einstige Kraft in den Spitzen. Ich
kleidete mich in die gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott
allein weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines Abends bei
Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze und Garn aufwickele, fliegt
zum Fenster ein Steinchen herein, und das Steinchen ist in ein Papier
eingeschlagen.