DREIZEHNTES KAPITEL

Wir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in den Hof einfuhren, war

vom ersten Schlitten, auf dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu

sehen. Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich ins Verhör:

wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei?

Ich sage ihnen:

»Auch nicht einen Augenblick!«

Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, daß mich nicht der

Geliebte, sondern der Verhaßte bekam. Diesem Schicksal entging ich

nicht. Als ich in meine Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen

vergrub, um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten furchtbares

Stöhnen.

Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten im ersten Stock des

hölzernen Hauses, unten war aber ein großes, hohes Zimmer, in dem wir

singen und tanzen lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging,

hören. Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen den Gedanken

ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer zu foltern.

Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur Türe, um zu ihm

zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen ... Ich wußte selbst nicht,

was ich tun wollte ... und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles

noch viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel und kein

Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ... Und ich nahm meinen

Zopf, und wickelte ihn mir um den Hals, und ich drehte ihn mir um den

Hals, und ich drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich nur

ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den Augen, und alles erstarb

in mir ... Und als ich zum Bewußtsein kam, sah ich mich an einem Ort,

den ich gar nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber waren

um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ... So freundlich waren

sie: das eine nach dem andern kam auf mich zu, schnupperte mit kalten

Lippen an meiner Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ...

Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich sehe mich um

und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: eine ältere große Frau kommt

herein, ist ganz in blaue Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um

den Kopf, und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll.

Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, fängt sie

freundlich zu sprechen an und erzählt mir, daß ich mich im Kälberstall

am Grafenhause befinde ... Siehst du, dort stand dieser Stall --

erklärte Ljubow Onissimowna, mit der Hand auf den entferntesten Winkel

des halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 65 / 79 题