Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin
von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein
einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den
Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und
nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu
machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen
Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor
der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er
mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen
und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die
schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die
fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor
gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause
gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten
saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die
Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit
etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie
einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen
verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers:
Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,
Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.
Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den Vers vor sich hin
und zittert am ganzen Leibe.
Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, daß diese sie
gerade noch mit den Tatzen berühren konnten.
Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als
er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den
Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht
mehr ...
Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen fühlte. Ich will die
Beine einziehen und merke, daß ich in einen Pelz aus Wolfs- und
Bärenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich
rase auf einer Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir
sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine -- es ist Arkadij
Iljitsch -- hält mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der
Schnee sprüht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten
schüttelt mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens säßen und
uns nicht mit den Händen festhielten, so wären wir längst
hinausgeflogen.
Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe nur das eine:
»Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!«
Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, beugt
er sich über mich und sagt:
»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben,
wenn sie uns einholen?«
Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde.
Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon
viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren.
Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne tauchte etwas wie
eine menschliche Behausung auf, und wir hörten Hundegebell. Der Kutscher
hieb tüchtig auf die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um,
Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde
und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.
Arkadij sagt:
»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns
gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es für drei Dukaten
übernommen, dich zu entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner
eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf
Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die gewagtesten
Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen
hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht über bei sich
behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher
wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.«