ZEHNTES KAPITEL

Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin

von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein

einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den

Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und

nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu

machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen

Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor

der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er

mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen

und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die

schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die

fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor

gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause

gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten

saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die

Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit

etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie

einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen

verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers:

Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,

Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.

Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den Vers vor sich hin

und zittert am ganzen Leibe.

Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, daß diese sie

gerade noch mit den Tatzen berühren konnten.

Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als

er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den

Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht

mehr ...

Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen fühlte. Ich will die

Beine einziehen und merke, daß ich in einen Pelz aus Wolfs- und

Bärenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich

rase auf einer Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir

sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine -- es ist Arkadij

Iljitsch -- hält mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der

Schnee sprüht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten

schüttelt mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens säßen und

uns nicht mit den Händen festhielten, so wären wir längst

hinausgeflogen.

Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe nur das eine:

»Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!«

Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, beugt

er sich über mich und sagt:

»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben,

wenn sie uns einholen?«

Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde.

Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon

viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren.

Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne tauchte etwas wie

eine menschliche Behausung auf, und wir hörten Hundegebell. Der Kutscher

hieb tüchtig auf die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um,

Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde

und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.

Arkadij sagt:

»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns

gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es für drei Dukaten

übernommen, dich zu entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner

eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf

Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die gewagtesten

Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen

hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht über bei sich

behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher

wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 62 / 79 题