Gleich nach der Unterredung begann die Aktion. Am Morgen setzten wir die
große herrschaftliche Barkasse in Stand und fuhren den Engländer ans
andere Ufer. Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in eine
Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten Stunde sehen wir unseren
Ikonenmaler dahereilen mit einem Blatt in den Händen.
Wir fragen:
»Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt nachmachen?«
»Ich habe sie gesehen,« antwortet er, »und werde sie genau treffen,
vielleicht, daß sie etwas lebhafter in den Farben wird, aber das ist
kein Unglück, denn wenn die echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu
das Leuchten der Farben dämpfen.«
»Väterchen,« bitten wir, »gib dir Mühe!«
»Schon gut,« erwidert er, »werde mich schon bemühen.«
Und kaum hatten wir ihn zurückgerudert, als er sich auch gleich an seine
Arbeit setzte, und um die Dämmerung war der Engel auf dem Täfelchen
fertig und glich unserm versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern,
nur die Farben schienen etwas frischer.
Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschläge, und nun kam die
gefährliche Stunde unseres Diebstahls.
Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und warteten auf den
gegebenen Augenblick. Kaum ließen sich vom anderen Ufer her die ersten
Glockenklänge zur Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot
bestiegen, ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meißel,
eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um mehr einem Diebe zu
gleichen. Wir steuerten gerade auf die Klostermauer zu.
Die Dämmerung bricht um diese Jahreszeit früh an, und obwohl es
Vollmondwoche war, blieb die Nacht pechschwarz, eine richtige
Diebesnacht. Am anderen Ufer angelangt, ließen Maroi und Luka mich im
Boot zurück und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld.
Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich an einem Strickende am
Ufer festhielt, und war bereit abzustoßen, sobald Luka seinen Fuß ins
Boot setzen würde. In der Besorgnis, wie alles gelingen würde und ob wir
die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen könnten, erschien
mir die Zeit schrecklich lang. Es dünkte mir, es sei schon viel Zeit
verstrichen. Die Dunkelheit war entsetzlich, der Wind fegte nunmehr
anstatt des Regens nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich
treuloser Knecht begann, mich allmählich in meinem Mantel erwärmend,
einzuschlummern. Plötzlich beginnt das Boot unter einem Stoß zu
schwanken, ich zucke zusammen und sehe den Onkel Luka im Boote stehen,
der mit fremder, gepreßter Stimme sagt: »Rudre!«
Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht in die Dollen
einlegen. Schließlich gelingt es mir, ich stoße vom Ufer ab und frage:
»Onkel, habt ihr den Engel bekommen?«
»Ich habe ihn, rudre stärker!«
»Erzähle doch,« forsche ich weiter, »wie habt ihr ihn bekommen?«
»Genau wie es geplant war.«
»Werden wir noch rechtzeitig zurückkommen können?«
»Wir müssen es können: eben erst haben sie mit der großen Litanei
begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?«
Ich sehe mich um: Großer Gott, ich rudere wirklich nicht in unsere
Richtung, und doch scheint es mir, daß ich richtig quer über die
Strömung halte, aber unsere Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und
Sturm schrecklich daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult der
Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Fluß weht es wie von Eis her.
Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen beide aus dem
Boot und laufen, was wir laufen können. Der Ikonenmaler ist schon
bereit; er handelt kaltblütig und entschlossen. Vor allem nimmt er die
Ikone, und als alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, läßt er sie
den versiegelten Engel küssen und schaut selbst bald auf ihn, bald auf
die Kopie und sagt: »Sie ist gut! Man muß sie nur ein wenig mit Safran
dämpfen und etwas mit schmutziger Farbe tönen.« Damit nimmt er die
Ikone, spannt sie in den Schraubstock, richtet die Säge her ... und dann
fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen voller Angst zu, ob er
die Ikone nicht beschädige. Stellen Sie sich vor, wie er mit seinen
übergroßen Händen das Bild, welches kaum stärker als ein Blättchen
dünnsten Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da ein
Unglück geschehen: wenn die Säge nur um ein Haar schief geht, so
schneidet sie es durch und zerreißt das Antlitz! Der Ikonenmaler
Ssewastjan aber verrichtete die schwierige Arbeit mit solcher
Kaltblütigkeit und Kunstfertigkeit, daß es einem, wenn man ihn dabei
betrachtete, gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dünnste
Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick das Ausgesägte
aus den Rändern heraus, nimmt seine Kopie, zerknittert sie in der Faust
und schlägt sie dann auf die Tischkante, als wolle er sie zerreißen und
vernichten; schließlich betrachtet er die Leinwand gegen das Licht, und
nun ist das neue Bildchen voller Sprünge wie ein feines Sieb, Ssewastjan
klebt es nun auf das alte Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand,
mischt sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art Kitt
und reibt damit kräftig, mit der vollen Handfläche das zerknitterte
Bildchen ein. Dies alles hatte er mit großer Schnelligkeit vollführt,
und nun sah die neue Ikone aus wie eine alte und glich aufs genaueste
der echten.
Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt, und wir setzten sie
in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan das echte, vom Brett abgetrennte Bild
und verlangte so schnell wie möglich einen Fetzen von einem alten
Filzhute.
Damit begann der äußerst schwierige Prozeß der Entsiegelung.
Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerriß ihn sofort über dem
Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem einen den versiegelten Engel und
schrie: »Das heiße Plätteisen!«
Im Ofen lag auf sein Geheiß ein schweres Schneiderbügeleisen. Michailiza
packte es mit der Ofengabel und reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte
den Griff mit einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf den
Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein böser Gestank auf, aber der
Ikonenmaler wiederholt es noch und noch einmal und nimmt es dann
plötzlich weg. Seine Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon
in einer Säule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen: mit der einen
Hand dreht er langsam den Filzlappen und mit der anderen führt er
geschickt das Eisen. Mit jedemmal fährt er langsamer, aber fester
darüber und dann wirft er plötzlich den Fetzen und das Eisen weg und
hält die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wäre es nie
dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten, der Siegellack
ist vollständig verschwunden, nur ein schwacher feuerroter Tau ist
zurückgeblieben, aber das leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu
sehen.
Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich über die Hände
des Ikonenmalers, um sie zu küssen, nur Luka Kirillow vergißt seine
Aufgabe nicht, sondern kargt mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die
Kopie und sagt:
»Nun, mach schneller fertig!«
Aber jener antwortet: »Mein Werk ist beendet, ich habe alles getan, was
ich übernommen habe.«
»Und das Siegel aufdrücken?«
»Wohin?«
»Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es bei jenem alten
war.«
Aber Ssewastjan schüttelt den Kopf und antwortet:
»Nein, ich bin kein Beamter, daß ich mich erfrechen würde, so etwas zu
tun.«
»Was sollen wir nun anfangen?«
»Ja, das weiß ich doch nicht. Ihr hättet dafür einen Beamten oder einen
Deutschen herbitten sollen. Das habt ihr jetzt versäumt, nun tut es
selbst.«
Luka erwidert:
»Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden wir uns dazu
erfrechen.«
Und der Ikonenmaler antwortet:
»Auch ich werde mich nicht erfrechen.«
Während der wenigen Minuten dieses Streites stürzt plötzlich die Frau
Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins Zimmer und spricht:
»Seid ihr denn noch nicht fertig?«
Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht fertig: das
Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit vermöchten wir nun nicht.
Sie erwidert: »Auf was wartet ihr denn? Hört ihr denn nicht, was sich
draußen tut?«
Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer Sorge hatten
wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit geschenkt, und nun hören wir es
draußen toben: das Eis geht!
Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon über den ganzen Fluß
treibt, wie die Schollen krachend und berstend übereinander springen.
Besinnungslos stürze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr da,
alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge im Munde, so daß ich kein
Wort über die Lippen bringe, und mir scheint es, ich versinke in die
Erde ... Ich stehe da ... rühre mich nicht ... und gebe keinen Laut von
mir.
Aber während wir hier im Dunkeln umherirren, hatte die Engländerin, die
mit Michailiza in der Stube zurückgeblieben war, die Ursache der
Verzögerung erfahren, die Ikone ergriffen ... und einen Augenblick
später eilt sie, in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild
auf die Treppe hinaus und schreit:
»Nehmt! Fertig!«
Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist das Siegel!
Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und schreit:
»Das Boot!«
Ich eröffne ihm, daß kein Boot da ist, daß alle fortgetrieben sind.
Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde, zerschellt an
den Pfeilern und erschüttert die Brücke, so daß die armdicken Ketten
dröhnen.
Wie die Engländerin dies hört, wirft sie die Hände empor und schreit mit
unmenschlicher Stimme: »James!« Und sie fällt in Ohnmacht.
Und wir stehen dabei und fühlen nur das eine: »Wo bleibt jetzt unser
Wort? Was wird jetzt mit dem Engländer, was mit dem alten Maroi?«
Eben ertönt vom Glockenturm des Klosters das dritte Läuten.
Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Engländerin zu:
»Komm zu dir, Gnädige, deinem Manne wird nichts geschehen. Vielleicht
wird der Henker das alte Fell unseres Maroi peitschen und sein ehrliches
Gesicht mit dem Brandzeichen entehren, aber das soll erst nach meinem
Tode geschehen.« Dabei bekreuzigt er sich und geht.
Ich schreie ihm zu: »Onkel Luka, wo willst du hin? Lewontij ist
umgekommen, auch du wirst es!« Und ich eile ihm nach, um ihn
aufzuhalten. Allein er hebt das vor seinen Füßen liegende Ruder auf, das
ich bei unserer Ankunft auf die Erde geworfen habe, schwingt es über
mich und schreit: »Fort, oder ich schlage dich tot!«
Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzählung offen genug als
kleinmütig bekannt, als ich den verstorbenen Knaben Lewontij auf der
Erde seinem Schicksal überließ und selbst auf einen Baum kletterte; aber
ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich hier vor dem Ruder Onkel Lukas
nicht erschrocken und auch nicht zurückgewichen wäre ... aber, ob Sie es
mir glauben oder nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens
Lewontijs erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jünglings zwischen mir
und Luka in der Dunkelheit erstand und drohend gegen mich die Hand
erhob. Diesen Schrecken konnte ich nicht ertragen und wich zurück. Aber
Luka stand schon am Ende der Kette und rief uns plötzlich, den einen Fuß
auf die Kette setzend, zu:
»Stimmt den Chor an!«
Unser Vorsänger Arefa steht bei uns, vernimmt es und beginnt sogleich:
»Ich öffne die Lippen«. Die anderen fallen ein, und so schreien wir den
Chor dem Sturmgeheul entgegen, und Luka bangt nicht vor den
Todesschrecken und schreitet über die Brückenketten weiter. Binnen einer
Minute hat er das erste Joch zurückgelegt und steigt zum zweiten nieder
... Und weiter? Die Dunkelheit umfängt ihn, er ist nicht mehr zu sehen:
ob er noch geht oder schon herabgestürzt ist und von den verfluchten
Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es nicht, wir wissen
nicht, ob wir für seine Rettung oder für die ewige Ruhe seiner starken,
liebenswerten Seele beten sollen.