Erlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern, daß seit dem
Beginn meiner Geschichte ziemlich viel Zeit verflossen war und es schon
auf Weihnachten ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem
unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal verbringt man
diesen Feiertag bei Winterwetter, das anderemal vom Regen durchnäßt; den
einen Tag friert es, den nächsten taut es; bald ist der Fluß mit
schmutzigem Eise bedeckt, bald schwillt er an und führt Eisschollen wie
beim Hochwasser im Frühling. Mit einem Wort, es herrscht dort um diese
Zeit ganz unbeständiges Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt:
»Schlackwetter«, -- und so war es auch jetzt.
In dem Jahre, in das meine Erzählung fällt, war diese Unbeständigkeit
sehr verdrießlich. Während ich mit dem Ikonenmaler auf dem Wege war,
hatten wir, ich weiß nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was
unseren Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben Pfeiler
fertig waren und eben die Ketten von einem zum anderen Ufer gespannt
wurden. Unsere Arbeitgeber wollten natürlich die Ketten so schnell wie
möglich miteinander verbinden, um an ihnen eine Notbrücke zur
Materialbeschaffung während des Hochwassers aufzuhängen. Es gelang aber
nicht, denn kaum hatte man die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost
einsetzte, daß man die Arbeit an der Brücke einstellen mußte. So blieb
es auch, die Ketten hingen ohne Brücke. Dafür schuf Gott eine andere
Brücke: der Fluß war zugefroren, und unser Engländer fuhr über das Eis
des Dnjepr, um sich um unsere Ikone zu bemühen. Als er zurückkam, sagte
er zu mir und Luka:
»Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.«
Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht! Zuerst wollten wir es
geheim halten und nur dem Ikonenmaler mitteilen; aber kann denn das
Menschenherz so etwas für sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu
wahren, liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen,
flüsterten miteinander und bemerkten gar nicht, daß wir von Hütte zu
Hütte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost wie Edelsteine, und am
klaren Himmel funkelte der Hesperus.
In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze Nacht, und in der
gleichen begeisterten Stimmung erwarteten wir den Tag. Vom frühen Morgen
ab wichen wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wußten kaum,
wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn jetzt war die Stunde
da, in der alles von seiner Kunst abhing. Er brauchte nur einen Wunsch
über eine Handreichung oder etwas ähnliches laut werden zu lassen, als
schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer übereinander
stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich die Absätze von den Stiefeln
weg. Nur der Ikonenmaler selbst war ruhig, da er ähnliches schon mehr
als einmal erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner
Arbeit vor: er rührte Eiklar mit Kwas an, prüfte den Lack, legte ein
altes Brettchen in der Größe der Ikone zurecht, richtete eine scharfe,
haarfeine Säge her, spannte sie in einen starken Bogen, setzte sich dann
an das Fensterchen und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben
auf der Handfläche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor dem Ofen
gewaschen, reine Hemden angezogen, und standen nun am Ufer und schauten
nach der Stadt hinüber, aus der unser segenbringender Gast kommen
sollte. Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt.
Ach, was waren es für Augenblicke, und sie dauerten vom Morgengrauen bis
gegen Abend. Endlich sehen wir, wie von der Stadt her der Schlitten des
Engländers auf dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle
überläuft ein Schauer, wir werfen die Mützen zur Erde und beten:
»Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen Knechten gnädig!« Und
während des Gebetes fallen wir nieder auf den Schnee und breiten voll
Verlangen die Hände aus, als wir plötzlich über uns die Stimme des
Engländers hören:
»He, ihr Altgläubigen, da habe ich euch was mitgebracht!« Und er
übergibt uns ein kleines Bündel in einem weißen Tuch.
Luka empfängt es und erstarrt: er fühlt etwas zu Kleines und zu Leichtes
darin. Er lüftet die eine Ecke des Tuches und sieht, daß es nur der
Beschlag von unserer Ikone ist und nicht der Engel selbst.
Wir stürzen auf den Engländer zu und sagen ihm unter Weinen:
»Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht die Ikone, man hat
Euch nur ihren silbernen Beschlag mitgegeben.«
Aber der Engländer ist auf einmal nicht mehr der gleiche, der er bis
jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn die Langwierigkeit der Sache
verärgert, und er schreit uns an:
»Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt, daß ich nur um den
Beschlag bitten solle, und den habe ich auch erbeten, aber ihr wißt
einfach nicht, was ihr wollt!«
Wir sehen, daß er aufgebracht ist, und versuchen ganz vorsichtig, ihm
klarzumachen, daß wir die Ikone selbst brauchen, um eine Kopie von ihr
herzustellen. Aber er hört uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist
uns einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu schicken.
Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Engländer fährt auf ähnliche
Weise auch ihn an:
»Deine Bauern,« sagt er, »wissen nicht, was sie wollen, sie haben nur um
den Beschlag gebeten und erklärt, daß du, um einen Abriß zu machen, nur
die Maße brauchtest. Jetzt heulen sie, daß er ihnen nichts nütze. Aber
ich kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst nicht
hergibt. Also fälsche rasch das Bild, wir wollen es mit dem Beschlag
bekleiden, und dann stiehlt mir der Sekretär das echte Bild.«
Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verständiger Mensch, ihn mit
milder Rede umzustimmen und antwortete:
»Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre Sache schon; wir
brauchen wirklich das Bild selbst. Das hat man nur zu unserer Kränkung
ausgedacht, daß wir angeblich nur feststehende Nachahmungen malen
könnten. Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausführung ist der
freien Kunst überlassen. So ist uns beispielsweise vorgeschrieben, die
Heiligen Sossima oder Gerassim mit dem Löwen abzubilden; der Phantasie
des Heiligenmalers aber ist es freigestellt, den Löwen nach seiner
Auffassung darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer Taube
abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blümchen, Timofej mit einem
Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa der Stratilate mit Lanzen und
Kondrat mit Wolken, weil er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder
Ikonenmaler hat die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner
Kunstfertigkeit es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht wissen,
wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen will.«
Der Engländer hörte sich das alles an, aber dann jagte er den Ssewastjan
wie uns hinaus; wir hören auch keine weiteren Entschlüsse mehr von ihm,
und so sitzen wir, meine werten Herren, wie die Krähen am Flusse und
wissen nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch hoffen sollen.
Zum Engländer wagen wir uns nicht mehr, und nun beginnt auch noch das
Wetter mit unsrer Stimmung wesenseins zu werden. Ein entsetzliches
Tauwetter bricht an, es regnet ohne Unterlaß, der Himmel sieht tagsüber
wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so finster, daß der Hesperus, der
doch sonst im Dezember kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges
Mal aufglänzt. Alles war düster wie in einem Gefängnis. Und ebenso
begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am Heiligenabend aber brach ein
Gewitter los, und dann setzte ein Gußregen ein, der zwei Tage und zwei
Nächte unaufhörlich niederströmte. Er schwemmte den ganzen Schnee weg
und spülte ihn in den Fluß, auf dem das Eis blau zu werden und sich zu
blähen begann, um am letzten Jahrestag zu bersten und stromabwärts zu
treiben. In den trüben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und
alles staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend türmt sich
das Eis zu Bergen, und dröhnt -- Gott verzeih es mir! -- wie entfesselte
Höllengeister. Daß die Pfeiler diesen Druck aushielten und stehen
blieben, war erstaunlich. Millionen hätten verloren gehen können. Aber
uns war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan wurde
ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in andere Gegenden ziehen,
weil er sah, daß er hier keine Arbeit erhalten werde, und wir konnten
ihn durch nichts zurückhalten.
Auch der Engländer hatte anderes zu tun; das Unwetter hatte auf ihn
solchen Eindruck gemacht, daß er fast von Sinnen gekommen wäre: er ging,
wie man sich erzählte, immer umher und fragte alle, denen er begegnete:
»Wohin bloß, wohin?« Dann hatte er sich plötzlich beherrscht, ließ Luka
zu sich rufen und sagte:
»Weißt du was, Bauer: gehen wir deinen Engel stehlen!«