Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch bedroht?«

»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er behütet mich.«

»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler Pamwa. Es kann

niemand anders sein, als er, der Zorn- und Neidlose. Jetzt ist das

Unglück da! Er hat uns hieher gebracht und sengt uns jetzt, wie der

Feuerbrand das Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim

Morgengrauen Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen, damit er

nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich an diesen Plan und

beschloß nicht zu schlafen, um den Jüngling beim ersten Morgenschimmer

zu wecken und zu fliehen.

Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen, liege ich da und

spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, wie es der alte Glaube

vorschreibt, und wenn ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu:

»Dieser Glaube ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische,

dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem. Ich weiß nicht,

wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt habe, um nicht

einzuschlafen, aber gewiß waren es viele Male. Und auch der Alte betet

noch immer in seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in

den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. Und plötzlich

meine ich ein Gespräch zu hören, und was für eines ... ein ganz

unerklärliches ... als sei Lewontij beim Starez eingetreten und spräche

mit ihm über den Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander

nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir lange vor Augen, und

ich hatte darüber schon vergessen, mein Glaubensbekenntnis zu

wiederholen. Da glaube ich zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt:

»Gehe und entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich

entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, ob es im Traume

oder in der Wirklichkeit geschehen ist, aber sicher habe ich darauf

lange geschlafen. Wie ich endlich erwache, sehe ich: es ist heller Tag,

und der Starez, unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale

durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien hält. Ich beginne

ihn aufmerksam zu betrachten:

Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein Engel vor mir säße

und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer Gestalt Bastschuhe flechte.

Ich betrachte ihn und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt:

»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans Werk zu gehen.«

Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger Mann? Oder weißt

du alles?«

»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch einen weiten Weg

ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen die Wege Gottes. Helfe dir Gott in

deiner Demut.«

»Was sagst du, heiliger Mann, meine >Demut<? Du bist demütig, aber was

habe ich in meiner Eitelkeit für eine Demut?«

Aber er antwortet:

»Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demütig, ich bin ein großer

Sünder, denn ich wünsche teilzuhaben am Himmelreich.«

Und im Bewußtsein dieser Sünde faltet er mit einem Male die Hände und

beginnt wie ein kleines Kind zu weinen.

»Herr!« betet er, »zürne mir nicht für diesen Eigenwillen, werfe mich

auf den Grund der Hölle und befiehl deinen Teufeln, mich zu quälen, wie

ich es verdient habe!«

»Nein,« denke ich mir, »nein, es ist, Gott sei Dank, nicht der

scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach ein geistesumnachteter

Greis.« Ich dachte mir, daß doch niemand bei gesundem Verstande auf das

Himmelreich verzichten und beten könne, Gott möge ihn zur Peinigung den

Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem ganzen Leben

noch von niemand gehört, und so wandte ich mich von der Klage des

Greises ab, da ich sie für eine Verrücktheit und eine von den Teufeln

geschickte Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, daß ich noch immer

hier liege, während es doch Zeit zum Aufstehen sei; plötzlich sehe ich

aber, wie sich die Türe öffnet und mein Lewontij hereintritt, den ich

ganz vergessen hatte. Er tritt ein, fällt vor dem Starez nieder und

sagt:

»Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!«

Der Starez sieht ihn an und antwortet:

»Friede sei mit dir: ruhe dich aus!«

Und ich sehe, wie sich mein Jüngling vor ihm wieder bis zur Erde

verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler wieder an seinen Bastschuhen

arbeitet.

Da springe ich mit einem Male auf und denke:

»Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort von hier!« Damit

trete ich in den kleinen Vorraum und sehe dort meinen Jüngling

ausgestreckt auf der Holzbank daliegen, die Hände auf der Brust

gefaltet.

Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn laut:

»Weißt du vielleicht, wo ich Wasser schöpfen kann, um das Gesicht zu

waschen?« Und ich setze flüsternd hinzu: »Beim lebendigen Gott beschwöre

ich dich, laß uns so schnell wie möglich von hier gehen!«

Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, daß Ljowa nicht atmet ... Er

ist dahingegangen ... Gestorben ...

Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde klingt:

»Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben getötet!«

Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt freudig:

»Fortgeflogen ist unser Ljowa!«

Mich packt der Zorn:

»Ja,« antworte ich unter Tränen, »er ist fortgeflogen. Du hast seine

Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus dem Käfig.«

Und dann werfe ich mich zu den Füßen des Entschlafenen nieder und stöhne

und weine, bis am Abend die Mönche aus dem kleinen Kloster kommen,

seinen Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen, denn er

war am Morgen, während ich schlief, zur herrschenden Kirche

übergetreten.

Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was hätte ich ihm auch

sagen können: beschimpfte man ihn, so segnete er, -- hätte man ihn

geschlagen, so würde er sich bis zur Erde verneigt haben. Unüberwindlich

war dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch erschrecken,

wenn ihm selbst die Hölle begehrenswert erschien? Nein, ich hatte nicht

umsonst vor ihm gezittert und gefürchtet, daß er uns ansengen werde wie

der Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut würde er selbst alle Teufel

aus der Hölle vertreiben oder zu Gott bekehren. Wenn sie anfingen ihn zu

quälen, würde er sie bitten: »Peinigt mich grausamer, ich habe es

verdient.« Nein, nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan

ertragen. Er würde sich beide Hände an ihm wundschlagen, würde sich die

Nägel abreißen und dann selber seine ganze Ohnmacht vor Dem, der solche

Liebe erschaffen, erkennen und in Scham vor Ihm vergehen!

So sagte ich mir denn, daß dieser Greis mit den Lindenbastschuhen der

Hölle zum Verderben geschaffen sei. Und ich streifte die ganze Nacht im

Walde umher, wußte selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und

dachte unablässig:

»Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen Büchern?« Und

dabei fiel mir ein, daß ich bei ihm kein einziges Heiligenbild gesehen

hatte, bloß ein Kreuz aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen

Stäbchen, und auch keine dicken Bücher.

»Gott!« erdreiste ich mich zu urteilen, »wenn die herrschende Kirche nur

zwei solche Menschen hat, so sind wir verloren, denn dieser Mensch ist

ganz beseelt von Liebe.«

Immer wieder muß ich an ihn denken, und gegen Morgen ergreift mich ein

heftiges Verlangen, ihn vor meinem Weggang wenn auch nur für einen

Augenblick wiederzusehen.

Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe Knistern vernehme,

und der Vater Pamwa wieder mit Beil und Holzbündel aus dem Walde

heraustritt und sagt:

»Was säumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon zu errichten!«

Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte:

»Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte kein Babylon und

scheide mich vom babylonischen Pfuhl.«

Aber er antwortet:

»Was ist Babylon? Eine Säule des Dünkels, schmeichle dir nicht mit

deiner Rechtschaffenheit, sonst verläßt dich dein Engel.«

Ich sage: »Vater, weißt du denn, weshalb ich wandere?« Und ich erzähle

ihm unser ganzes Leid. Und er hört alles an, hört und antwortet:

»Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es der Herr ihm

befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt, das wirkt er. Also

ist der Engel! Er lebt in der Seele des Menschen, die Unwissenheit hat

ihn versiegelt, aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.«

Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen nicht von ihm

wenden, kann mich nicht bezwingen, falle nieder und verneige mich vor

ihm bis zur Erde. Als ich das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob

ihn nun die Bäume verdeckten, oder ... Gott weiß, wohin er verschwunden

ist.

Ich begann über seine Worte nachzudenken: der Engel lebt in der Seele

des Menschen und ist versiegelt, aber die Liebe wird ihn befreien, und

plötzlich kommt mir in den Sinn: »Wenn er selbst der Engel war, und Gott

ihm befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, -- so werde ich

nun wie Lewontij sterben!«

Von diesem Gedanken erfaßt, entsinne ich mich kaum mehr, wie ich auf

einem Baumstamm über den Bach komme und zu laufen beginne: sechzig Werst

ohne Rast, immer in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu

haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den Ikonenmaler

Ssewastjan finde. Wir verständigten uns bald, besprachen alles und

beschlossen, uns schon am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Aber

unsere Vereinbarung war ohne jede Wärme, und unsere Reise noch weniger,

einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher Mensch war,

und dann wohl noch mehr, weil ich nicht mehr derselbe war, wie zuvor.

Vor meiner Seele stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flüsterten

die Worte des Propheten Jesajas: »Der Geist Gottes spricht aus dem Munde

dieses Menschen.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 22 / 79 题