Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt er mit dem
Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die Farbschicht ab, und auf
dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er
kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist
wieder ein Teufelchen.
»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen.
»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst«.
Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten und verabredet
hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich ließ ihnen die
Ikone zurück und ging fort, die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß
mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht gesehen
hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stübchens,
das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern höre von dort ein leises,
zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er
singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Tränen badete. Ich
trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hört, vor der Türe
stehen und höre, wie er die Josephsklage singt:
»Wem soll ich meine Trauer sagen,
Wen rufe ich zum Weheklagen?«
Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll,
daß man ihn nicht gleichgültig anhören kann, und Lewontij singt ihn und
weint und schluchzt dabei:
»Meine Brüder haben mich verkauft.«
Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt
weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage über die Sünde der Brüder.
Diese Worte können einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber
jetzt besonders, da ich doch eben von ähnlich streitenden Brüdern
weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst
aufschluchzte. Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!«
»Was denn, mein guter Junge?« sage ich.
»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird?« fragt er.
»Rahel,« antworte ich.
»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber
eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.«
»Wieso geheimnisvoll?« frage ich.
»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.«
»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, was du hier
grübelst?«
»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, daß unser Erlöser
sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen
und einigen Lippen suchen.«
Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich
sage ihm:
»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in
die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu
suchen; ich habe heute gehört, daß er dort umherzieht.«
»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält mich schmerzhaft
ein böser Geist, aber dort sind Wälder, die Luft ist reiner, und dort,
hörte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und
Zorn, den ich gern gesehen hätte.«
»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, »dient der herrschenden
Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?«
»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: »Ebendeshalb will ich
ihn ja sehen, um zu begreifen, was für ein Segen auf der herrschenden
Kirche ruht.«
Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das für ein Segen?,«
aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht hat als ich, da er darnach
drängt, zu erforschen, während ich einfach verwerfe, was ich nicht
kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn
entgegne.
»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, »richten sich in
ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des
Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des
heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt
gemeinsam haben?«
Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott
Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit
geschaffen.«
Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die Kirchlichen trinken
Kaffee«.
»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; »Der Kaffee ist
eine Bohne und wurde dem König David als Geschenk dargebracht.«
»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?«
»Ich hab es in Büchern gelesen.«
»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht geschrieben.«
»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er.
»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß gar nicht mehr, was
ich sagen soll, und poltere los:
»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.«
»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.«
»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von
Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes,
melancholisches Blut erzeugt?«
Aber Lewontij lacht nur und sagt:
»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.«
Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht klar wußte, was in der
Seele dieses gesegneten Jünglings vorging; ich war nur sehr erfreut, daß
er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz
nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte
mir nur, während ich mich niederlegte:
»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir
aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm
zerstreuen.« Für alle Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen,
einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, daß
ich noch sehr zornig auf ihn sei.
Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter nicht die Kraft
auf, mich böse zu stellen, und so begannen wir bald wieder miteinander
zu sprechen, und nicht über göttliche Dinge, weil er viel belesener war
als ich, sondern über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder
anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich, mein Moskauer
Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und entschloß mich, auf der Hut zu
sein und nicht irgendwie auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen,
der Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen Lebenswandel
ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich Gläubigen gehört hatte.
»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen machen, wenn ich
ihm aus dem Wege gehe? Er selbst wird uns doch gewiß nicht suchen.«
Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten und kommen
schließlich in Ortschaften, in denen wir Kunde davon erhalten, daß der
Ikonenmaler Ssewastjan die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von
Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm schon auf
frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können ihn doch nicht
einholen. Wir laufen wie gekoppelte Hunde, legen Strecken von zwanzig
bis dreißig Werst ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen, so
sagt man uns:
»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.«
Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen.
Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij in Streit. Ich sage:
»wir müssen rechts gehen«, und er sagt: »links«. Schließlich hätte er
mich beinahe überredet, aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen
also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht mehr weiß,
wohin wir geraten sind, und daß weder ein Pfad, noch eine Spur
weiterführt.