ZEHNTES KAPITEL

Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der

Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen

Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir

ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir

machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine

hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens

und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit,

der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie

Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit,

hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge.

Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der

Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat,

nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir

schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,

ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir

keinen Trost gefunden!

Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in

Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir

überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort

nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist,

sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber

zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen

Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir

darüber.

Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige,

aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten,

von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die

gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,

fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld

das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber

jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren

nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in

ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und

selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die

wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der

Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so

daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu

erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken

zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein

trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber

gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen

die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die

altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und

fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein.

Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der

alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten

Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den

alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen

herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene

Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«.

Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles

Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen

einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und

treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die

Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese

Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst

unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen

unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer

einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit

einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise

ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz

offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit

den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als

bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich,

daß wir uns darüber grämten und erschraken:

»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher

Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe

ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir

sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein

Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.

Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung

seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage

ihm:

»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«

Und er antwortet:

»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«

»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und

versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei

versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon

eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«

Aber Lewontij antwortet:

»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«

»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.

»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«

Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich

ihn wieder auf:

»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«

Aber er verneigt sich rührend und bittet:

»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.«

»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer

mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner

Hilfe, mein Täubchen.«

»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich

nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden

über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«

Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins

Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend

hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie

widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit

mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone

verkauft und ging weg; der andere aber sagte:

»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 13 / 79 题