Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der
Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen
Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir
ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir
machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine
hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens
und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit,
der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie
Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit,
hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge.
Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der
Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat,
nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir
schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,
ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir
keinen Trost gefunden!
Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in
Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir
überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort
nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist,
sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber
zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen
Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir
darüber.
Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige,
aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten,
von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die
gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,
fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld
das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber
jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren
nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in
ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und
selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die
wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der
Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so
daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu
erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken
zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein
trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber
gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen
die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die
altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und
fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein.
Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der
alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten
Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den
alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen
herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene
Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«.
Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles
Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen
einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und
treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die
Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese
Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst
unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen
unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer
einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit
einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise
ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz
offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit
den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als
bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich,
daß wir uns darüber grämten und erschraken:
»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher
Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe
ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir
sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein
Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.
Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung
seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage
ihm:
»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«
Und er antwortet:
»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«
»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und
versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei
versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon
eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«
Aber Lewontij antwortet:
»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«
»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.
»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«
Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich
ihn wieder auf:
»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«
Aber er verneigt sich rührend und bittet:
»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.«
»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer
mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner
Hilfe, mein Täubchen.«
»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich
nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden
über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«
Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins
Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend
hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie
widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit
mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone
verkauft und ging weg; der andere aber sagte:
»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.«