Der Baron. Der Reisende.
Der Baron. War nicht meine Tochter bei Ihnen? Warum läuft denn das
wilde Ding?
Der Reisende. Das Glück ist unschätzbar, eine so angenehme und muntre
Tochter zu haben. Sie bezaubert durch ihre Reden, in welchen die
liebenswürdigste Unschuld, der ungekünsteltste Witz herrschst.
Der Baron. Sie urteilen zu gütig von ihr. Sie ist wenig unter
ihresgleichen gewesen, und besitzt die Kunst zu gefallen, die man
schwerlich auf dem Lande erlernen kann, und die doch oft mehr, als die
Schönheit selbst vermag, in einem sehr geringen Grade. Es ist alles
bei ihr noch die sich selbst gelaßne Natur.
Der Reisende. Und diese ist desto einnehmender, je weniger man sie in
den Städten antrifft. Alles ist da verstellt, gezwungen und erlernt.
Ja man ist schon so weit darin gekommen, daß man Dummheit, Grobheit
und Natur für gleich viel bedeutende Wörter hält.
Der Baron. Was könnte mir angenehmer sein, als daß ich sehe, wie
unsre Gedanken und Urteile so sehr übereinstimmen? Oh! daß ich nicht
längst einen Freund Ihresgleichen gehabt habe!
Der Reisende. Sie werden ungerecht gegen Ihre übrigen Freunde.
Der Baron. Gegen meine übrigen Freunde, sagen Sie? Ich bin funfzig
Jahr alt.--Bekannte habe ich gehabt, aber noch keinen Freund. Und
niemals ist mir die Freundschaft so reizend vorgekommen, als seit den
wenigen Stunden, da ich nach der Ihrigen strebe. Wodurch kann ich sie
verdienen?
Der Reisende. Meine Freundschaft bedeutet so wenig; daß das bloße
Verlangen darnach ein genugsames Verdienst ist, sie zu erhalten. Ihre
Bitte ist weit mehr wert, als das, was Sie bitten.
Der Baron. Oh, mein Herr, die Freundschaft eines Wohltäters-Der
Reisende. Erlauben Sie,--ist keine Freundschaft. Wenn Sie mich unter
dieser falschen Gestalt betrachten, so kann ich Ihr Freund nicht sein.
Gesetzt einen Augenblick, ich wäre Ihr Wohltäter: würde ich nicht zu
befürchten haben, daß Ihre Freundschaft nichts, als eine wirksame
Dankbarkeit wäre?
Der Baron. Sollte sich beides nicht verbinden lassen?
Der Reisende. Sehr schwer! Diese hält ein edles Gemüt für seine
Pflicht; jene erfodert lauter willkürliche Bewegungen der Seele.
Der Baron. Aber wie sollte ich--Ihr allzu zärtlicher Geschmack macht
mich ganz verwirrt.--
Der Reisende. Schätzen Sie mich nur nicht höher, als ich es verdiene.
Aufs höchste bin ich ein Mensch, der seine Schuldigkeit mit Vergnügen
getan hat. Die Schuldigkeit an sich selbst ist keiner Dankbarkeit
wert. Daß ich sie aber mit Vergnügen getan habe, dafür bin ich
genugsam durch Ihre Freundschaft belohnt.
Der Baron. Diese Großmut verwirrt mich nur noch mehr.--Aber ich bin
vielleicht zu verwegen.--Ich habe mich noch nicht unterstehen wollen,
nach Ihrem Namen, nach Ihrem Stande zu fragen.--Vielleicht biete ich
meine Freundschaft einem an, der--der sie zu verachten--
Der Reisende. Verzeihen Sie, mein Herr!--Sie--Sie machen sich--Sie
haben allzu große Gedanken von mir.
Der Baron (beiseite). Soll ich ihn wohl fragen? Er kann meine
Neugierde übelnehmen.
Der Reisende (beiseite). Wenn er mich fragt, was werde ich ihm
antworten?
Der Baron (beiseite). Frage ich ihn nicht, so kann er es als eine
Grobheit auslegen.
Der Reisende (beiseite). Soll ich ihm die Wahrheit sagen?
Der Baron (beiseite). Doch ich will den sichersten Weg gehen. Ich
will erst seinen Bedienten ausfragen lassen.
Der Reisende (beiseite). Könnte ich doch dieser Verwirrung überhoben
sein!--
Der Baron. Warum so nachdenkend?
Der Reisende. Ich war gleich bereit, diese Frage an Sie zu tun, mein
Herr--
Der Baron. Ich weiß es, man vergißt sich dann und wann. Lassen Sie
uns von etwas andern reden--Sehen Sie, daß es wirkliche Juden gewesen
sind, die mich angefallen haben? Nur jetzt hat mir mein Schulze
gesagt, daß er vor einigen Tagen ihrer drei auf der Landstraße
angetroffen. Wie er sie mir beschreibt, haben sie Spitzbuben
ähnlicher, als ehrlichen Leuten, gesehen. Und warum sollte ich auch
daran zweifeln? Ein Volk, das auf den Gewinst so erpicht ist, fragt
wenig darnach, ob es ihn mit Recht oder Unrecht, mit List oder
Gewaltsamkeit erhält.--Es scheinet auch zur Handelschaft, oder deutsch
zu reden, zur Betrügerei gemacht zu sein. Höflich, frei, unternehmend,
verschwiegen, sind Eigenschaften, die es schätzbar machen würden,
wenn es sie nicht allzusehr zu unserm Unglück anwendete--(Er hält
etwas inne.)--Die Juden haben mir sonst schon nicht wenig Schaden und
Verdruß gemacht. Als ich noch in Kriegsdiensten war, ließ ich mich
bereden, einen Wechsel für einen meiner Bekannten mit zu
unterschreiben; und der Jude, an den er ausgestellet war, brachte mich
nicht allein dahin, daß ich ihn bezahlen, sondern, daß ich ihn sogar
zweimal bezahlen mußte.--Oh! es sind die allerboshaftesten,
niederträchtigsten Leute.--Was sagen sie dazu? Sie scheinen ganz
niedergeschlagen.
Der Reisende. Was soll ich sagen? Ich muß sagen, daß ich diese Klage
sehr oft gehört habe--
Der Baron. Und ist es nicht wahr, ihre Gesichtsbildung hat gleich
etwas, das uns wider sie einnimmt? Das Tückische, das Ungewissenhafte,
das Eigennützige, Betrug und Meineid, sollte man sehr deutlich aus
ihren Augen zu lesen glauben.--Aber, warum kehren Sie sich von mir?
Der Reisende. Wie ich höre, mein Herr, so sind Sie ein großer Kenner
der Physiognomie, und ich besorge, daß die meinige--
Der Baron. Oh! Sie kränken mich. Wie können Sie auf dergleichen
Verdacht kommen? Ohne ein Kenner der Physiognomie zu sein, muß ich
Ihnen sagen, daß ich nie eine so aufrichtige, großmütige und gefällige
Miene gefunden habe, als die Ihrige.
Der Reisende. Ihnen die Wahrheit zu gestehn: ich bin kein Freund
allgemeiner Urteile über ganze Völker--Sie werden meine Freiheit nicht
übelnehmen.--Ich sollte glauben, daß es unter allen Nationen gute und
böse Seelen geben könne. Und unter den Juden--