Der Reisende. Christoph.
Der Reisende. Daß man Euch doch allezeit eine Stunde suchen muß, wenn
man Euch haben will.
Christoph. Sie scherzen, mein Herr. Nicht wahr, ich kann nicht mehr,
als an einem Orte zugleich sein? Ist es also meine Schuld, daß Sie
sich nicht an diesen Ort begeben? Gewiß Sie finden mich allezeit da,
wo ich bin.
Der Reisende. So? und Ihr taumelt gar? Nun begreif ich, warum Ihr so
sinnreich seid. Müßt Ihr Euch denn schon frühmorgens besaufen?
Christoph. Sie reden von Besaufen, und ich habe kaum zu trinken
angefangen. Ein paar Flaschen guten Landwein, ein paar Gläser
Branntwein, und eine Mundsemmel ausgenommen, habe ich, so wahr ich ein
ehrlicher Mann bin, nicht das geringste zu mir genommen. Ich bin noch
ganz nüchtern.
Der Reisende. Oh! das sieht man Euch an. Und ich rate Euch, als ein
Freund, die Portion zu verdoppeln.
Christoph. Vortrefflicher Rat! Ich werde nicht unterlassen, ihn,
nach meiner Schuldigkeit, als einen Befehl anzusehen. Ich gehe, und
Sie sollen sehen, wie gehorsam ich zu sein weiß.
Der Reisende. Seid klug! Ihr könnt dafür gehn, und die Pferde
satteln und aufpacken. Ich will noch diesen Vormittag fort.
Christoph. Wenn Sie mir im Scherze geraten haben, ein doppeltes
Frühstück zu nehmen, wie kann ich mir einbilden, daß Sie jetzt im
Ernste reden? Sie scheinen sich heute mit mir erlustigen zu wollen.
Macht Sie etwa das junge Fräulein so aufgeräumt? Oh! es ist ein
allerliebstes Kind.--Nur noch ein wenig älter, ein klein wenig älter
sollte sie sein. Nicht wahr, mein Herr? wenn das Frauenzimmer nicht
zu einer gewissen Reife gelangt ist,--
Der Reisende. Geht, und tut, was ich Euch befohlen habe.
Christoph. Sie werden ernsthaft. Nichtsdestoweniger werde ich warten,
bis Sie mir es das drittemal befehlen. Der Punkt ist zu wichtig!
Sie könnten sich übereilt haben. Und ich bin allezeit gewohnt gewesen,
meinen Herren Bedenkzeit zu gönnen. Überlegen Sie es wohl, einen
Ort, wo wir fast auf den Händen getragen werden, so zeitig wieder zu
verlassen? Gestern sind wir erst gekommen. Wir haben uns um den
Herrn unendlich verdient gemacht, und gleichwohl bei ihm kaum eine
Abendmahlzeit und ein Frühstück genossen.
Der Reisende. Eure Grobheit ist unerträglich. Wenn man sich zu
dienen entschließt, sollte man sich gewöhnen, weniger Umstände zu
machen.
Christoph. Gut, mein Herr! Sie fangen an zu moralisieren, das ist:
Sie werden zornig. Mäßigen Sie sich; ich gehe schon--
Der Reisende. Ihr müßt wenig Überlegungen zu machen gewohnt sein.
Das, was wir diesem Herrn erwiesen haben, verlieret den Namen einer
Wohltat, sobald wir die geringste Erkenntlichkeit dafür zu erwarten
scheinen. Ich hätte mich nicht einmal sollen mit hieher nötigen
lassen. Das Vergnügen, einem Unbekannten ohne Absicht beigestanden zu
haben, ist schon vor sich so groß! Und er selbst würde uns mehr Segen
nachgewünscht haben, als er uns jetzt übertriebene Danksagung hält.
Wen man in die Verbindlichkeit setzt, sich weitläuftig, und mit dabei
verknüpften Kosten zu bedanken, der erweiset uns einen Gegendienst,
der ihm vielleicht saurer wird, als uns unsere Wohltat geworden. Die
meisten Menschen sind zu verderbt, als daß ihnen die Anwesenheit eines
Wohltäters nicht höchst beschwerlich sein sollte. Sie scheint ihren
Stolz zu erniedrigen;--
Christoph. Ihre Philosophie, mein Herr, bringt Sie um den Atem. Gut!
Sie sollen sehen, daß ich ebenso großmütig bin, als Sie. Ich gehe;
in einer Viertelstunde sollen Sie sich aufsetzen können.