Der wichtige Fund.
Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden.
Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen
zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reiben
ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und
seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden
labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie;
der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden.
Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein:
»Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei _unserm_ Schicksal
verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede
Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren
Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich
vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei
wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller
Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu.
»_Allen_ Armen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und
verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aber _etwas_ für Jene zu
thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde,
der so eben durch Franzens Aeußerung in mir seine Entstehung erhielt.
Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben
Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine
Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes
Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und
Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so
meine Lieben?« -- Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du
hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« --
»Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes
Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit
schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle
Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von
unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine
Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter
Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher
Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen
Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche
Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen
die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur
denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau,
sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als
es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich
zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher
augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel
erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast
angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten,
Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch
plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal
irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete
sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen
Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde
darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit
zweckmäßig zu belohnen.
Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize
über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen
Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden
Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die
Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein
würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab:
daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein
Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche
mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft
die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den
Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles
anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß
oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust
wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die
Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes
gesittete Mädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden,
daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler
Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und
anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der
Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott
gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls
loben und danken!« -- Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche
waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick
zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum
aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der
ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen,
sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten
Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen
Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten
Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme
Kinderchen ein, und fühlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht
den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch
für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie
unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in
ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem
anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen
Tanze drehen.
Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder
auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, -- kurz es war ein Festtag für
sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die
Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und
zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder
selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch
auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene
artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah
man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt
und eine milde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen
nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes,
und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem
fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man
sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in
die Seele zurück rief.
Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben
überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr
Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn
noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen,
es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan
zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich
darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden,
allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr
geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums
zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber
konnte es lange, lange nicht verschmerzen.
Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden
Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem
Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte
ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies
ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen,
denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher,
besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber
entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf
dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als
Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte
der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen
verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr
gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war
es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und
konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und
Furcht rühre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister
Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde,
von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn,
welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag
begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch
unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber
vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu
kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma,
und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie
einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit,
wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen
hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die
Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu
Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter
Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr
die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.
Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den
gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie
in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch
dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das
Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe,
welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort,
»damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe
gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich
so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das
Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt,
gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es
wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte
ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte;
besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein
Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag
das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben,
dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie
fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen
Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen,
und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon
weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und
Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen,
daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach
Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte
Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz
ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu
gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so
frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf
einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer
Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter
verdient machten? Mir fällt ein Plan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und
nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und
Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen
zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht,
wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in
diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und
Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um
keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie
älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die
Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft,
welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So
oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so
entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«
Die Blumenfreundin.
Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der
freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres
Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog.
Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres
Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren
wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar
Blumenstöcke kaufen wollte.
Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen
worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch
treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr
vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine
große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken
ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den,
früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von
brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen,
heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen
Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während
dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie
freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O
daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden,
bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten
hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir
einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« -- Das Kind
that, wie die Mutter gebot, und Emma -- nicht um mit Bertha's Verdienst zu
prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus
Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ
sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt;
nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei
ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm
gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze
ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham
gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber
sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in
dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr
empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht
in _dem_ Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts
angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das
Orangenstöckchen in _ihre_ Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie
sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt,
die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie -- o Himmel! -- dennoch
dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder
hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden
Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer
Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin
starben, -- das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt
darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast
es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen;
dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch
nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante
Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu
gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein
aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. --
An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene
Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt
sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach
der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen.
Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's
glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den
verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen:
_ich_ sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr
Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals
die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein
Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen,
mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit
folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte
nicht _die_ Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es
keine _reine_ Gabe war! und dann -- denke sie nur liebe Frau,« sprach sie,
wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind
dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb
zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so
pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte
sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche
sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann
reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau
Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach
gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse
von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie
hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen
lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern
der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen
hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und
sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres
geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein
offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler
auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe
Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese
Begebenheit mit nach Hause nehmen.« -- Er suchte unter einer Menge Blumen
eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit
dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich
der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma
aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die
unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese
Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« --
Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und
versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von
Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die
freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen
und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte,
entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise
beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt,
als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere
Garnison rief.
Der Flüchtling.
»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher,
aber ärmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende
Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand,
und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit
melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch
wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie
eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um
hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen.
Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der
erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend
um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich
fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die
Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank
das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte
und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's
naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben,
und fragte, Bertha für Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der
böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte
gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin
sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und
verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde
Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben
gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein
die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm
ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der
Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter
Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre,
und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein
mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war
nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen;
zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und
heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabe brachte
die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich
ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl
war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der
Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit
seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise
unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor
Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er
sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer
Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon
längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte
sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu.
Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über
das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm
zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei
Kranken geht -- sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sich mein
armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den
reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete,
sehnlich eine, ach nur _eine_ Frucht desselben. Ich nahm es über mich, den
Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch
ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit
solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin,
in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und
einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr
stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines
Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter,
und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu
flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den
Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur
das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu
verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich
ihn nur behalten, und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er
mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht
hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu
lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und
sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und
hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es
auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem
Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir
gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs;
und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß
erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden
Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für
dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des
Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn
schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht
ein Stück Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den
menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal
da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich
eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er
wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn
sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung
versorgt. -- Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen,
und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu
einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft
zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes
bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so
hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet
in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser
liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß
ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige
Bertha hinzu, und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.
Der Gevatterbrief.
Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer,
aber ehrlicher Taglöhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst
zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er
bei diesem noch in großer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten,
und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner
Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu
gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die
Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft
lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermäulchen öfter in
Bewegung sezte als Emma. Sie ließ es sich nicht nehmen, Paul das Frühstück,
und sein Mittageßen zu bringen, und erbat sich oft für ihm von der Mutter
eine aussergewöhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt
war, eine Erwärmung in einem Glas Brantewein. Dabei ließ sie sich dann von
ihm erzählen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und
tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und
Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine
Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Küche und Garten, im
Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre
zerbrochenen kleinen Besitzthümer wieder herstellte und sich kurz jedem
gefällig machte. »Am liebsten,« gestund er lachend, »am liebsten war es
mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem
Wirthe einquartirt wurde, da ließ es sich Paul schmecken, daß es eine Lust
war.« Dieser Versicherung mußte man Glauben beimessen, denn noch jezt war
Paul's größter Fehler, die Liebe zum Trunk. -- In einem solchen Zustand, wo
er nicht ganz seiner Geisteskräfte Herr war, schrieb er einmal, als seine
Frau mit einem Mädchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den
er eigentlich _Bertha_ zugedacht hatte. Allein die Freude, daß er nach 4
Jungen, ein nettes Mädchen erhielt, ließ ihn das gehörige Maß vergessen,
und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tüchtig zu. Als er
darauf nach Haus kam, und, da er zu schüchtern war, sein liebes Fräulein
persönlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er
in der Adreße die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene
war höchlich darüber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die
Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche
Gönnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, daß
sie von ihm vernachläßiget zu werden schien; da sagte Jene als sie dies
bemerkte: »weißt du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2
Pathen statt einer für sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei
der Taufhandlung gegenwärtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie,
den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten.« Bertha hüpfte über diesen
Vorschlag vor Freuden in die Höhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn
vollkommen.
Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz
begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten
sich neugierig vor der kleinen Hütte, als die Staatskarosse daher fuhr,
und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte,
riefen mehrere der versammelten Zuschauer: -- »Ei, was ist denn das, die
Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist?« -- Paul aber und
sein Weib waren ganz erstaunt, die _beiden_ Fräuleins bei sich zu sehen
in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau
befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Während der
Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm,
und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen
Mädchen zu zu haben; späterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stübchen
ein Geschäft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb
schmollend: »Ich sollte eigentlich recht böse auf dich seyn, alter Paul,
daß Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma.
Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht
freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegönnt?«
»Poz Bliz! ich weiß nicht wie mir geschieht!« antwortete der Taglöhner,
faßte bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das
durch die offene Thüre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr
forschend ins Antliz. »Sagen Sie mir nur« -- fuhr er fort, »sind Sie denn
Fräulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind
meine liebe lustige Fräulein Bertha, und _Sie_ habe ich auch gemeint.«
»Aber du hast ja den Brief an Emma überschrieben« -- wandte jene ein. »Hab
ich das wirklich?« frug Paul. »O ich alter Schöps! da war es einmal wieder
nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere
mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber
die Freude, Papa von einem lieben Mädel zu werden, nachdem mir 4 wilde
Jungen oft tüchtig warm machen, führte mich zum Trunk, wo ich nicht zur
rechten Zeit aufhörte. Doch nun ists gut. _Sie_ erwiesen ja auch meinem
Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich
selbst gut. Nun habe ich _zwei_ herzige Gevattern statt einer, denn
Fräulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst.« Diese trat eben aus der
Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die
Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie
dankbar er dem Schwesternpaar für ihre _vereinte_ Pathenschaft sey,
verscheuchte bei jener jeden Argwohn, daß er seinen Irrthum bereue. Auch
in Zukunft fand er nur Ursache, sich über die Art und Weise, wie sich
die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem
Pathchen Liebe und Fürsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude
an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleiße und allen Guten
erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie
größer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen
Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhänglichkeit.
Die Erbschaft.
Emma war die erklärte Günstlingin einer alten reichen Bürgersfrau, welche
in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen
Dienst erworben, den sie ihr nicht vergaß. Es fiel nämlich einmal im Winter
Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig
nach Haus trippelte sah sie Frau Günther an den Häusern fortschleichen, an
der Mauer sich ängstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene
Gefahr vergeßend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mühe
empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu führen. Es wurde
dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glücklich zu
erreichen. Hier mußte die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein
wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wünschte, auf der Stelle ihrer
lieben Führerin die Dankbarkeit, die sie für sie fühlte, mit der That
beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf länger zu ihr zu kommen.
Frau Günther wohnte in einem Stübchen zu ebener Erde, und nach ein paar
Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster
ihren gewöhnlichen Plaz in dem grüngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie
gedachte eben, eine Einladung für Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da
sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha
vorüber ging, welche sie für Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst
jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren
kleinen und größern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts
zu rühmen, und so wußte Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der
Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser
einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon länger in ihrer Nähe,
und hatte noch nie etwas von sich hören lassen. Bei ihrer Nachhausekunft
erzählte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma
still und heimlich für sich lächelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was
sie beschäftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf
bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Günther zu besuchen,
da _sie_ ja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das
Stubenmädchen hörte es, und sagte: »O Fräulein! wie gut wird es Ihnen da
ergehen! Frau Günther bewirthet ihre Gäste vortrefflich, sie werden nicht
genug eßen und trinken können.« Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche
wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u. d. gl. kennen zuzureden, die Ehre,
die ihr rechtmäßig zustehe, zu genießen. »Nun wohl,« sagte diese. »Diesmal
will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Günther wieder eine
Einladung, so mußt Du sie benüzen. Bei unserer großen Aehnlichkeit wird die
gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.«
Emma begab sich also hin, und wurde aufs freundlichste empfangen. Es war
ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch
seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stübchen herrschte die größte
Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hölzerner
Teller, Tische, Sessel und Schränke glänzend gebahnt, in den grünen
Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten
reine Vorhänge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein
grünes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schränkchen mit Glasthüren,
hinter dem allerlei hübsche Geräthschaften von Glas und Porzelan, auch
ein paar Salzfäßer, Messer, Gabeln und Löffel von Silber, ja sogar ein
vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelöffel
befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem
geblümten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett,
drei Tassen vom blau und weißen Dresdner Porzelan, und auf einer gelben
Schale ein ziemlich großer köstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige
Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor
schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Pläzen, welche die
Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden
Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer
mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei.
Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe-
und Milchkanne, und Frau Günther nöthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und
bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und
jenem, und die Zeit verstrich so schnell und angenehm für beide, daß
die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu
wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich für Bertha
es zu sagte.
Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der
freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon
Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte
nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so
liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise
an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein
Unterscheidungszeichen der Mädchen war, indem Emma's sanfterer Charakter
im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Günther aber litt', wie
gewöhnlich alte Personen, am Gehör, und also machte sie obige Bemerkung mit
vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes öffnete sie auch
diesmal ihr Glasschränkchen, nahm ein Kästchen heraus, das aus Ebenholz
fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die
Kostbarkeiten der Greisin befanden; nämlich silberne und goldne Ketten,
Perlen, Ohrringe und Halsgehänge von ächten Korallen, von Perlen und
Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u. a. m.
Die purpurrothen schönen Granaten gefielten dem Mädchen besonders wohl, und
sie äusserte es auch gegen die Eigenthümerin; da sagte diese gütig: »nun
warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem
Testamente.« »O stille doch gute Frau Günther,« erwiederte Bertha. »Von
Ihrem Tode mag ich nichts hören, sie sollen noch lange, recht lange leben!«
Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und
küßte herzlich ihre faltige Wange. Diese drükte sie aber mit vieler Liebe
an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: daß ihr jenes Andenken nun ganz
gewiß von ihr bestimmt sey. -- Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu
bald für Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten
sie abwechselnd fleißig besucht, und wohl späterhin sich ihr als
Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die
Geisteskräfte der guten Frau doch etwas geschwächt, und ihr geschah
häufiger, was schon jüngern und kräftigern Personen oft widerfuhr, daß sie
die Mädchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit
derselben an geläufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr größtentheils
für Erstere. -- Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, daß sie auch Emma
den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser
eingehändigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen
den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der
Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber
wandte ein: daß Frau Günther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte,
ausdrücklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine
große Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und
freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten
beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie
und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer
Gespräche.
Der Schluß.
Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und
dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit
nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern
und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne
länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres
Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir
nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen
jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich
das Schicksal der _erwachsenen_ Emma und Bertha gestaltete; deshalb
überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle
Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht
hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre
Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden
ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne
riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte
gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit
erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und
demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das
Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche
unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange,
sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern
alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Engländer
die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte
mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war
unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu
viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn
nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie
Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und
also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere
Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu
suchen, genöthigt wurden. -- Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen
paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig
ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint
wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder
einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den
Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die
Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin
fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern
begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer
frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung
laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre
ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. -- Gräfin
Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre
Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam
fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt
von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht
hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches
Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich
nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen
und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der
dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein,
überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute
waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und
sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die
Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch
viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten
werden.«
Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie
beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen,
daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er
sandte also nach _Bertha_ Falkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo
gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch
die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den
zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.
Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der
Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter
jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber
überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der
ihr Schicksal entschied eine _Verwechslung_ der Schwestern Statt fand. Die
Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in
einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der
Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe.
Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder
Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:
»Bewahre dir in Freud und Schmerz
Des Glaubens Kraft o Menschenherz!«
Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer
sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, daß
der Gastwirth Emma für Berta gehalten, und _dieser_ das Glück mit Gräfin
Sternfeld in so schöne Verhältniße zu treten, aus _Irrthum_ verschafft
hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es
weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, daß es
eine höhere Fügung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen müßten. Bald
aber wurde Bertha _ganz_ zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die
Kunde erhielt, daß ein würdiger Mann um die Hand der Schwester geworben
habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei
dem sie ihn öfter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien.
Nun hatte er eine kaufmännische Reise zurückgelegt, begründete in W* eine
eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte,
auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die
achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflößt hatte, und er fand
nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefährtin gewählt
zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Gräfin einer
verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem
jungen Paare zugehörigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den
alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte,
da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem
kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende
Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewährte die Verwechslung
der Zwillingsschwestern, in ihrem spätern Leben, keinen nachtheiligen,
sondern einen beglückenden Einfluß auf ihr Geschick. Beide aber blieben
auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und
Theilnahme verbunden.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
wird gesperrt gesetzte Schrift "_gesperrt_" wiedergegeben, und Textanteile
in kursiver Schrift sind "~hervorgehoben~".
Die Illustrationen wurden jeweils an das Ende des Kapitels verschoben.
Fehlende oder überzählige Anführungszeichen wurden still korrigiert.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aeltern" -- "Ältern",
"Dokter" -- "Doktor", "drückte" -- "drükte", "erschrack" -- "erschrak",
"getrocknetem" -- "getroknetem", "glücklich" -- "glüklich", "Hausapothecke"
-- "Hausapotheke", "jetzt" -- "jezt", "kan" -- "kann", "priesen" --
"prießen", "verschafft" -- "verschaft", "weis" -- "weiß", "zuletzt" --
"zulezt",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 6:
"," nach "Schwester" entfernt
(und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte)
Seite 7:
"rohen" geändert in "frohen"
(bei der frohen Aussicht auf jenen Tag)
Seite 9:
"Oelinnhalt" geändert in "Oelinhalt"
(der Oelinhalt des Lämpchens)
Seite 12:
"freute" geändert in "freuten"
(erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten)
Seite 12:
"ihn" geändert in "ihr"
(auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand)
Seite 13:
";" geändert in ","
(die bei ihnen Statt fand, anhören)
Seite 15:
"hofte" geändert in "hoffte"
(Emma flog zur Thüre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rückkehr)
Seite 20:
"nahstehenden" geändert in "nahstehende"
(mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten)
Seite 21:
"auszezeichneten" geändert in "ausgezeichneten", "Fleis" in "Fleiß"
(»dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.«)
Seite 21:
"Irthum" geändert in "Irrthum"
(durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum)
Seite 21:
";" eingefügt
(sie schwieg und ihr Blick wurde feucht;)
Seite 23:
"." eingefügt
(meine Empfindlichkeit besser beherrschen.)
Seite 24:
"zukränken" geändert in "zu kränken"
(Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken)
Seite 29:
"," nach "Auftrags" entfernt
(pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen)
Seite 43:
"den" geändert in "denn"
(denn es saß das kleine Bärbchen fortwährend auf der Straße)
Seite 43:
"den" eingefügt
(und lief wieder in den Garten hinein)
Seite 44:
"Muter" geändert in "Mutter"
(über ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten)
Seite 51:
"znr" geändert in "zur"
(und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Fröhlichkeit)
Seite 52:
"Pfarres" geändert in "Pfarrers"
(des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie)
Seite 53:
"den" geändert in "denn"
(denn Schwesterchen Bertha beträgt sich recht gut)
Seite 54:
"kan" geändert in "kann"
(ich kann ihm nicht widerstehen)
Seite 61:
"Schreken" geändert in "Schrecken"
(In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen)
Seite 62:
"gegönt" geändert in "gegönnt"
(hätte ich Bertha den Antheil an der schönen That gegönnt)
Seite 62/63:
"," eingefügt
(auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand)
Seite 63:
Bildunterschrift "Entdekung" geändert in "Entdeckung"
(Die Entdeckung.)
Seite 68:
"treflich" geändert in "trefflich", "schmeken" geändert in "schmecken"
(mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen)
Seite 69:
"Farth" geändert in "Fahrt"
(er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle)
Seite 70:
"vorans" geändert in "voraus"
(der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte)
Seite 72:
"im" geändert in "in"
(mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen)
Seite 73:
"-" eingefügt
(näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen)
Seite 79:
"Hauptmaan" geändert in "Hauptmann"
(und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten)
Seite 86:
"den" geändert in "denn"
(denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen)
Seite 93:
"können" geändert in "kennen"
(dessen Inhalt sie zu kennen wünschte)
Seite 94:
"Zimmer-Thüre" geändert in "Zimmerthüre"
(und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte)
Seite 95:
"nnd" geändert in "und"
(und Jene dachte nichts arges dabei)
Seite 98:
"den" geändert in "denn"
(und so öffnete denn Emma den Behälter)
Seite 99:
"," eingefügt hinter "Kammerzofe"
(als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft)
Seite 104:
"," verschoben von "seufzte," nach "mit,"
(Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele)
Seite 106:
"seinem" geändert in "seinen"
(von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen)
Seite 107:
"war" geändert in "was"
(Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte)
Seite 108:
"angehme" geändert in "angenehme"
(waren nicht die alleinige angenehme Folge)
Seite 115:
"gewähnte" geändert in "gewöhnte"
(und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine)
Seite 116:
"," geändert in "."
(sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen)
Seite 117:
"hinter bracht" geändert in "hinterbracht"
(und Bertha hinterbracht zu haben)
Seite 120:
"." eingefügt
(zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern.)
Seite 132/133:
"daß" geändert in "das"
(nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein)
Seite 137:
":" geändert in "."
(abgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.«)
Seite 139:
"fer-fertige" geändert in "fertige"
(erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend)
Seite 139:
"," eingefügt
(Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz)
Seite 141:
"zn" geändert in "zu"
(Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen)
Seite 142:
"Gros" geändert in "Groß"
(Groß war die Freude und Erwartung)
Seite 144:
"Kurkäste" geändert in "Kurgäste"
(und noch hinzukommenden Kurgäste)
Seite 146:
"," eingefügt hinter "zollte"
(welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten)
Seite 151:
"folgereiche-Badereise" geändert in "folgereiche Badereise"
(und an ihre genuß- und folgereiche Badereise)
Seite 152:
"," eingefügt
(Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch)
Seite 162:
"folgengen" geändert in "folgenden"
(Gleich am folgenden Tag erschien Walther)
Seite 164:
"konnte" geändert in "konnten"
(konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen)
Seite 164:
"den" geändert in "denn"
(denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts)
Seite 165:
"," entfernt hinter "gefolgt"
(dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben)
Seite 173:
"Einnerung" geändert in "Erinnerung"
(wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte)
Seite 176:
"zu-behalten" geändert in "zu behalten"
(war ich so gottlos, dasselbe zu behalten)
Seite 182:
"," entfernt hinter "ihr"
(welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen)
Seite 190:
"Urilchen" geändert in "Ulrichen", "." eingefügt
(Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen.)
Seite 191:
"den" geändert in "denn"
(denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte)
Seite 193:
"denn" geändert in "den"
(einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich)
Seite 194:
"zn" geändert in "zu"
(ihr Kind aus der Taufe zu heben)
Seite 195:
"," eingefügt, "»" eingefügt, "den" geändert in "denn"
(fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma)
Seite 201:
"Zwilligsschwestern" geändert in "Zwillingsschwestern"
(Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr)
Seite 201:
";" geändert in ","
(oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen)
Seite 202:
"dennn" geändert in "denn"
(großen Verlust erfahren müssen, dennn nicht alle)
Seite 202:
"nnd" geändert in "und"
(das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen)]