Die Maskerade.]

Das Pathengeschenk.

Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine

auswärts, welche die vertraute Freundin der Majorin in früherer Zeit war.

Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig

abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwähnung

geschah. Nach der Schilderung der zärtlichen Mutter hatte Frau v. Weißmann

eine sehr gute Meinung von Bertha gefaßt, und ihr Bildniß, das sie einst

von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes

Besizthum. Gerne hätte auch sie öfters Jener einen Beweiß ihres liebenden

Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch

der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich,

daß ein, in Weißmanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt

wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenüzt vorbeistreichen, und

Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten, einen Auftrag zu übernehmen.

Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war überdieß ein großer

Kinderfreund; und Frau v. Weißmann brachte bei seinem Abschiedsbesuch

Berthas Bildniß herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht

anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das für sie bestimmte Geschenk

gewiß erhielt, und nicht die, ihr sehr ähnliche Emma, obgleich für diese

auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Züge

recht eingeprägt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs

Beste zu übergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war,

überfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und

er mußte längere Zeit, das Bett hüten; durch jemand Anderm aber wollte er

nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Töchterchen einhändigen

lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurück; der

Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder

erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Höchsten

für seine Hülfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in

einem untern Kirchenstuhl zwei Mädchen, die er sogleich für die

Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine

bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die

Mädchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin

am besten bestehen würde, müsse Frau v. Weißmanns Pathin seyn, so sehr

hatte er für Letztere, durch die Schilderung jener ein günstiges Vorurtheil

gefaßt. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mädchen selbst in der

Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und

da entging es ihm nicht, daß das eine still und voll Aufmerksamkeit schien,

hingegen das Andere unruhig hin- und herrückte, bald da, bald dorthin

schaute, das Sacktuch, das Gesangbuch fallen ließ, und von dem

Schwesterchen erst darüber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche,

wo Halten den Kindern auf dem Fuße folgte, sah und hörte er, wie ein armer

Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug

das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Münze heraus, und

reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefährtin suchte auch in

ihrem Gesangbuch nach, doch -- o weh! als sie es in der Kirche fallen ließ,

mußte das Geld dadurch verloren worden seyn, -- sie fand es nicht, schien

sich aber leicht darüber zu trösten. Dies Alles gab dem Hauptmann

Aufschluß über den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die

verständige und milde, mußte nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte

Pathchen seyn, dem er ein so schönes Geschenk zu übergeben hatte. -- Noch

an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrüßte den

Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weißmännischen Familie und

seines Auftrags zu erwähnen; aber als die beiden Mädchen nach einer Weile

Hand in Hand ins Zimmer traten, begrüßte er sie freundlich, und sagte: »Ich

habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine

Lieben!« Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit großen Augen an.

Er aber fuhr fort: »Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andächtige

Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau

unterscheiden zu können, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir

dennoch unmöglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so

ruhig und anständig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den

armen Greis mit einer Gabe?« Die Mädchen standen verlegen vor ihm; eine

Purpurröthe übergoß ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde.

Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: »ich war die Unruhige, meine

Schwester ist viel artiger als ich.« Halten über diese Offenheit gerührt,

stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug

einräumen, welches er für das Pathchen seiner Freundin erklären sollte.

Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein

lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschöpfchen bezeichnete, und schon wollte

er Ersterer die bestimmte Gabe einhändigen; aber nun kam ihm der Gedanke:

die Kleinen noch strenger zu prüfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche,

übergab das Größere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha,

indem er sagte: »meine Freundin Weißmann, Euch wohl bekannt, sendet Euch

durch mich viele herzliche Grüße, und diese Geschenke.« Begierig öffneten

die Kinder die Päckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schönes seidenes

Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hölzernen

Frucht, die man öffnen konnte, niedliche kleine Kämmchen, Täßchen,

Tellerchen, Töpfchen, u. s. w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's

Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kästchen voll Dewisen.

Als der Hauptmann den Namen, Weißmann, nannte rief Bertha hoch erfreut:

»Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin!« und die Mutter, die

während des Gesprächs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des

Zimmers ein Geschäft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich

den Kindern, begierig, welchen Beweiß ihres Andenkens die entfernte

Freundin gesendet haben würde. Als nun die schönen Sachen ausgepackt waren,

überzeugte sich Emma sogleich, daß sie das unrechte Packett erhalten habe,

und äusserte bescheiden gegen den Hauptmann: »Sie haben sich geirrt, lieber

Herr! dies Geschenk gehört Bertha.« »Nein, nein!« fiel ihr diese in die

Rede. »Der Herr hält Dich für vorzüglicher, und meint also, Du verdienst

das schönere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so

gehört es Dein, ich trete es Dir feierlich ab.« Emma wollte nichts davon

hören, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied

Halten dahin: daß Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten,

Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin,

und durchaus _ihr_ bestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu:

»Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen

meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigennützigkeit hat

mich wahrhaft gerührt. O bleibt dieser schönen Denk- und Handlungsweise

stets getreu, und seyd gewiß, daß Gottes Segen sie begleitet.« Nach diesen

Worten umarmte er die Mädchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und

sagte: »Jetzt erst, nachdem ich mein Vorhaben ausgeführt, und den Werth und

Charakter Ihrer Töchterchen selbst geprüft habe, kann ich meinen erhaltenen

Auftrag ganz genügen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin,

Ihnen viel, recht viel erzählen, so wie von deren würdigem Gatten, meinem

lieben Major. Wo ist er denn hingekommen?« dieser war vor einer Weile aus

dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurück; seine Gattin

bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde

Plaz genommen. Dann begann eine, für den ganzen kleinen Kreis wichtige

Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weißmännische Familie war. Bertha

blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden

Ring, und sie und Emma vergnügte oft späterhin in Friede und Eintracht das

niedliche, von der gütigen Pathin erhaltene Spielzeug.

Der kranke Zahn.

»Ach Mutter!« jammerte an einem Morgen Emma. »Diese Nacht ließen mich meine

bösen Zähne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das

mich von dem argen Schmerz befreit.« »Warte mein Kind;« tröstete sie die

Baronin; »heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen

wir ihn um Rath fragen.« Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte

zuversichtlich Hülfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen

getäuscht; denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor

dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurück, und

ließ sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. »Haben

sie den gar kein anderes Mittelchen?« fragte Frau v. Falkensee; und Ziegler

erwiederte: »Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie

und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich

schon sagte, man macht mit dem Friedensstörer kurzen Prozeß, und giebt ihm

den Laufzettel.« »Nein, dazu versteh ich mich nicht,« entgegnete Emma und

der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer ärger

mit dem armen Mädchen. Der Schmerz preßte ihr bittere Thränen aus dem

Auge, und sie vermochte weder zu arbeiten, noch zu spielen, sondern

lag größtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zärtliche

Schwester, fühlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter

andern: »Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund,

und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen,

ob er sich gleich nicht rebellisch beträgt, wenn es meiner Emma etwas

nützte.« Die Mutter kam herzu, hörte diese Aeusserung, und sagte: »Dies

Opfer verlange ich nicht, aber Du könntest zu Ziegler gehen, und ihn um

seine Tinktur bitten; ich weiß nicht warum der wunderliche Mann dieselbe

nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat.« Ungesäumt eilte

Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat

unter herzlichen Lachen ins Zimmer. »Rathet einmal rathet, was mich so

lange aufhielt!« rief sie, »es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!«

darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzählung

kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer.

Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und ein Blick auf die leidende

Schwester, mäßigte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem

Sacktuch das kranke Zähnchen, dessen sie vorhin erwähnte. »Wie?« fragte die

erstaunte Mutter. »Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen,

und den Zahn herausnehmen lassen?« »Freilich,« erwiederte das muthvolle

Mädchen. »Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich

bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist

vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzählen, wie es mir erging.« Sie

fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, während die Mutter bei derselben

das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. -- »Unsere schon oft angestaunte

Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen

Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine

eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu

lassen. Indeßen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu:

»Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir führt; der Bösewicht in

ihrem Mäulchen läßt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sich nur, sie

sollen gleich von ihm befreit werden.« »Hollah« dachte ich. Der grimmige

Helfer hält mich für mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den

Kopf nicht mit dem Zahn abreißen, und ich kann dann meiner lieben Emma

beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu

folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente

herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig

setzte, und ruhig erwartete, was über mich ergehen würde. Seine Magd sollte

mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck,

ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein

bischen Blut, und als dies auch vorüber war, erklärte ich dem guten Freund

seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prieß meinen Muth, und meinte, Du liebe

Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergnügen machen, und dich von

deinem schlimmen Zähnchen auf solche Weise befreien.« Emma schüttelte das

Köpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: daß der Schmerz der Operation

schnell vorübergehend sey, der ihrige sie aber noch lang quälen würde. So

war es auch, sie litt' noch mehrere Tage und Nächte, und zuletzt mußte sie

sich doch noch den Händen des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen,

welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte;

und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie

durch die entschloßene Aufopferung des kranken Zahn's die übrigen gesunden

vor Ansteckung schützte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln

gehörte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.

Versuchung und Reue.

Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2

Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter

dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas

erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie

beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm

zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und

besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie

auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel,

wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu

erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche

werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie

Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und

dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden

zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten,

herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn

sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre

Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes.

Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel

beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten

einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt

für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden

Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und

Nervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige

Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel

Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. -- Als sie in

Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so

ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und

waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei

kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum

Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an,

der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen

war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der

sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war

Bertha höchst angenehm; den _Neugierde_ war ein Hauptfehler des Mädchens,

und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in

ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken

kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich

darin befinden, genau untersuchen und durchblättern, und Dich damit recht

angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach

Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre

Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß,

denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern

nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und

länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern,

dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen

im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard

mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich

Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach

dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie

sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie

Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen

hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster,

vor welchem schöne Blumen in Töpfen standen, womit man Hildegarden bei

ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas

Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene

traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du

für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen

buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das

Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte

fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch

den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht,

und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die

Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte:

und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen

Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte,

verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so

leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe -- ihrer Kammerjungfer -- nach.

Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eine Wäsche für ihre

Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im

Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem

Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom

unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um

das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in

der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände

darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und

legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre

Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem

Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig

das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da

die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten,

so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts

arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen --

(sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) -- und nach Gewohnheit noch eine

Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie

besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die

Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht

ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und

geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung

derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was

meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der

Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen!

Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft,

Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von

verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke,

die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der

Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre

Neigung zur _Naschhaftigkeit_ hatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen,

ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung

machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr

sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten

Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem

Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich

in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's

Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im

Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit,

die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard

lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre

Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an

Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden

und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie

schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war

sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr

muthig widerstehen sollte.

»Ach nur _sehen_ will ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick

weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, es ist Sünde!«

sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir

doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den

Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft

zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten

entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch

so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder

an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des

Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder

Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie

hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles

verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten

und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine

Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl

sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach

zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachheriges vergrößertes

Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand

forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer

Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl,

wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme

Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge:

»Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen,

und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie,

»du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen

Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies

recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen

Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der

Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben,

sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin

Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht

berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche

Töchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür

sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als

Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte

die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme,

brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin

gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu

haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre

Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch

derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines

verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von

der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma

sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden

hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie,

seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran,

ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das

schändlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung

und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie

kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe,

allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen.

Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer

nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger

aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der

Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen

Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen -- sie fiel, als dies

einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser

weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus

flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie

sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen

Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges

Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder

Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach.

Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber

dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch

höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den,

im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch

verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. --

Belohnte Gastfreundschaft.

Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das

Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha

Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin

Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht

hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen

plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig,

daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten

konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß aus der Hand, und jagte

ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt.

Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer

auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin

erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot

sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und

sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte

dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem

Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;«

versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber

ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha

schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie!

Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere

Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's

Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und

so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf

der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den

Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank

geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch

aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern,

allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden

vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht

ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute

Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie

sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief

seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein

Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte.

Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine

Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für

diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt,

bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins

Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit

eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth.

Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde,

so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen

betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der

Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten

Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon

die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern

Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich.

Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha

weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit

so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen

immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den

geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege

wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern

darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund

treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, die _ihr_

angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie

zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm

von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern

von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich

die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil

geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben

geschildert ward. Bald erschien von Volkmar -- so hieß Heinrichs Vater

-- ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die

Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur

Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt.

Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts

angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern

den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen

Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau

v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, für

den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha

(wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus

kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte

einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete

Brieftasche.

Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein

schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus.

Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf

dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen

Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte,

diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles

jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und

zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie

deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern

Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja

die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite

ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später

viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn:

die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch

noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon

Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den

Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern

Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie

freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr

bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren

nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie

bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner

des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht

bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter

Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden

des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen,

die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen

Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die

genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen,

die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen,

und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel

Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde

aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der

Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und

Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem

und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab

sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich

allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche

damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer

Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte.

Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte,

eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis

überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der

erste, der es versuchte, und -- siehe da -- des Wassersspiegels Decke

krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein

entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« --

rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter

am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! -- Wohl

erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der

Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten,

und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die

nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle

die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener

aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir

verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn,

und nachher waren -- wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern

Umstände des Ereignisses gar bald vergessen. Späterhin aber dachte ich

öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler

konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen

Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen

ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!«

fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der

Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles

Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha

dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar

verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber

bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob

abtrat.

Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden

wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser

Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied

von ihnen.

Die plauderhafte Dienerin.

So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung

gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner

lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten

von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal

_ihre_ Hoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein,

in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu

berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des

Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens

und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im

Geiste ein -- »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein

Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich

entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir

kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde

Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters, und

endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und

es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen,

und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies

wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem,

von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er

unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers

Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend

darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten

anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem

Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr

unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief,

sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen

in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn

wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch

erfüllt wurde.

Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine

Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre

Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge,

und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre

vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen

Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für

Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie

ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders

aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener.

Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl

nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit

bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn

Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch

den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den

Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht

ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe,

ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und

ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern,

vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin

noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen

gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche

sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.

Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus

einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz

auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau

v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin

wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward,

und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie,

noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit

Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der

Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu

fördern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war,

so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar

Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun

ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit

der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem

Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von

Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war

gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben,

und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem

Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein

Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also

Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung

obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie

allein zu treffen. -- Einmal sah sie Bertha -- ihrer Meinung nach -- im

Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und

eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr

Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her,

und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein

Geheimnis! -- Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht

verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« --

Emma (denn _sie_ war die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und

wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf

nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das,

was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze

Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt

und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf,

trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh

mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir

die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk

gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.«

Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um

Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid

mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen,

stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen

verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie

sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies

half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle

Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha

wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde,

wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie

Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war

der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die

geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die

Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.

Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.

Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die

Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr

es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies

in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer

gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller

Hausgenoßen war unbeschreiblich. -- Emma und Bertha wichen nicht von dem

Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein

viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem,

durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha

ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der

Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen

noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden,

denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie

die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr

leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle

Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben

sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und

dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und

viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden

Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und

besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz

erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen;

und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen

sie jezt nur _eine_ Seele zu seyn. -- Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und

Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig

die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug

zu geben. -- Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die

geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit

der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung, und hob das

schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise

umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies

Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind

nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des

Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm

berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der

beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich

nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie

ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange

einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig

werden konnte: ob Emma oder Bertha.

Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche

Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte.

Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges

Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war.

Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth

drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung

des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und

menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine

einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch

manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber

dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern

wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus.

Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause,

welchen _vor_ der Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand,

durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann

durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter

einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die

sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus

dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht

kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließen es sich nicht nehmen, jedes

aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das

ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut

ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter,

als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen,

jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde

habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es

zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's

Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße

zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches

Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten

konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen,

und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde

lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete

einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit

zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mädchen staunte über

die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch

Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen,

und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit

mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie

erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth

und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und

eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig

theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß

Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem

Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger

Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten

Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes

Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer

ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in

welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich

befanden.

Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit

einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach

einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren,

aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.

Das Genesungsfest.

Mehrere Monate gehörten dazu, bis Frau v. Falkensee sich völlig erholte.

Unterdessen war die glückliche Veränderung mit Tellheims vorgegangen,

und durch die Töchter veranlaßt, traten die Mütter ebenfalls in ein

freundschaftliches Verhältnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth,

die Freundin einer so vorzüglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden,

diese und jene schmerzte es nur, daß der Genuß des persönlichen Umgangs

bald für sie verloren ging, weil die Verhältnisse der Ersteren, wie schon

gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.

Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten

sie noch ein schönes Fest, welches sie Wollmanns thätiger Theilnahme

hauptsächlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und

Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besaß für

alles Gute und Schöne ein reges Gefühl, und dieser Sinn sprach sich

bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer

glücklichen Ehe lebend, gehörte er und seine würdige Gattin zu Falkensee's

Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glück, wie ehedem im

Unglück auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen.

Seine Freude über ihre ihm gelungene Herstellung, so wie über die der

Majorin war innig und aufrichtig, und sie drängte ihn, auch öffentlich

dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten ärztlichen Besuche,

welche er bei Frau v. Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling

-- Emma -- bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der

Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier,

in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen

Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan,

und versprach mit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen

zu befriedigen. Herr v. Falkensee wurde natürlich auch mit in den Rath

gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann

bot seine Wohnung zur Ausführung ihres Unternehmens an, und er und seine

Gattin sorgten unermüdet thätig für alle Erfordernisse dazu. An dem dazu

bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft.

Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren

Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da

er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf

die, einiger Söhne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit

ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt

gemacht. -- Als Alles gehörig vorbereitet war, und die jungen Leute sich

schon länger entfernt hatten, führte der Hauswirth die Väter und Mütter

in einen geräumigen Saal, welcher sehr zweckmäßig in ein Schauspielhaus

umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang

in die Höhe; und Emma stand da in wunderlieblicher, mädchenhafter

Schüchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich

die gehörige Faßung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne

Anstoß folgende Strophen:

Ihr lieben Herrn und Damen!

Vernehmt, was Euch hieher berief: --

Der Schreckenszeit entronnen

Wo Angst und Gram das Herz ergriff

Empfinden wir nun Wonne

Daß die Gefahr entschwunden ist.

Und was aus tiefer Seele

In Freudenströmen überfließt,

Das bitten wir zu theilen

Mit uns, die wir alleine nicht

Im Stande sind zu tragen

Des Glückes Sonne strahlend Licht.

Drum hört geneigt, und tadelt strenge nicht

Was ungekünstelt Kindesliebe spricht.

Mit einer anständigen Verbeugung endigte sie, und der Vorhang sank. »War

dies Emma oder Bertha?« So ging ein Flüstern durch die Versammlung der

Zuschauer und selbst Herr und Frau v. Falkensee waren ihrer Sache nicht

gewiß. »Dem sey, wie ihm wolle,« ließ sich wieder eine leise Stimme

vernehmen -- »Emma oder Bertha -- gleich viel! Die Kleine lößte

unbestreitbar ihre Aufgabe recht gut.« »Ja, ja!« bestättigten mehrere; und

Jedermann harrte mit gespannter Erwartung des weitern Erfolgs. Da wurde

abermals der Vorhang aufgezogen und es erschien Franz, welcher mit einem

tiefen Bückling dem Publikum verkündigte daß --

die Mädchengesandtschaft

Ein Schauspiel in 3 Aufzügen gegeben würde.

(Bis zum Anfang des Stücks, und in den Zwischenräumen unterhielt

-- ebenfalls auf Wollmanns Veranstaltung -- eine hübsche Musik die

Versammlung, doch immer waren die Blicke nach dem Vorhang gerichtet, mit

dem geheimen Wunsch, daß er sich öffne, und die kleinen Schauspieler

sich zeigen möchten.) Endlich erscholl die Klingel und der _erste Aufzug_

begann:

Franz erscheint im Feströckchen, und besieht sich mit Wohlgefallen im

Spiegel, mustert jedes Stück seiner Kleidung, bürstet sie sorgfältig und

reibt das braune Lockenhaar. Dabei hält er folgendes Selbstgespräch:

»Gewiß, es ist nicht zu läugnen -- Franz ist ein bildschöner Junge, und der

Anzug paßt und steht ihm allerliebst! Aber es verlohnt sich auch der Mühe

sich zu putzen. Ein _Abgesandter_ zu seyn -- das ist keine kleine Ehre!

und wem gilt die Aufwartung? -- Einem weltberühmten Manne! Wie muß es ihm

schmeicheln, daß selbst die Jugend seine Verdienste anerkennt! Gut ist

es übrigens, daß meine Mitschüler mich gewählt haben, ich werde ihnen

als Redner keine Schande zuziehen -- Allons Franz! wiederhole deine

Aufgabe.« --

Er übt sich vor dem Spiegel in Reverenzen, räuspert sich einige male und

beginnt: »Angestaunter, preiswürdiger, hochverehrter Meister aller Meister

in der Tonkunst!« --

(Bertha war schon länger, Franz unbemerkt, ins Zimmer geschlichen, und

hatte ihn belauscht; jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr zurückhalten,

und Franz erschrack, daß seiner Hand der Hut entfiel, und er ein lautes:

»Ach!« hervorsties.)

Bertha: »Aber sag mir nur einmal Brüderchen, was in aller Welt soll

dies bedeuten? Was hast Du denn vor, und wie eitel geberdet sich das

Herrchen?«

Franz, zürnend: »Verlaß mich du unnüzes Ding! Gerade jezt kommst du mir

in die Quere, und erschreckst mich, daß ich zittere.«

Bertha, schmeichelnd: »Sey nicht böse Franz! ich that dies nicht mit

Absicht, aber schon eine ernstere Person als ich hätte deine Grimassen

und steifen Krazfüsse nicht ohne Lachen mit ansehen können, und nun

erst die lachlustige Bertha! -- nein, um keinen Preis wäre es mir

möglich gewesen. Doch erkläre mir nur, warum Du Dich so stattlich

aufgepuzt hast und Dich aufbläst wie ein Truthähnchen. Wer ist denn

der Glückliche dem Du deinen Besuch abstatten, und so hochtrabend

ansprechen willst?«

Franz: »Ei was verstehst Du davon, was sich schickt, und was sich nicht

schickt. Wenn ich als Abgesandter einem berühmten Virtuos aufwarte,

dann kann ich nicht im Alltagsjäckchen hinlaufen, und ohne Wahl im

Ausdruck mich gegen ihn aussprechen. Dazu muß man vorbereitet seyn, und

den Anstand beobachten.«

Bertha: »Freilich, wann Du erwachsen wärst, ließ sich dies hören, aber

ein Knabe, und ein Abgesandter, wie reimt sich wohl das? und wer sendet

dich denn?«

Franz: »Meine ganze ansehnliche Schule, die gestern mit mir dem Conzert

beiwohnte, das der große Violinspieler Marko im Gasthaus zur goldnen

Rose gab. Wir Alle waren entzückt über das Spiel des unvergleichlichen

Meister, und beschlossen nun, daß eine Gesandschaft von uns zu jenem

sich heute begeben, und ihm unser Wohlgefallen versichern solle. Mich

-- (er wirft sich in die Brust) erkohr einstimmige Wahl zum Redner, und

eben wollte ich meine Aufgabe wiederholen, als Du mich störtest.«

Bertha: (rückt Franz vertraulich näher; legte die Hand auf seinen Arm

und raunt ihm halb laut ins Ohr:)

»Du gehst auf Stelzen Fränzchen! Gieb Acht daß Du nicht purzelst. Höre,

ich bin nur ein einfältiges Mädchen, aber das sehe ich wohl ein: daß

ihr Knaben eingebildete Herrchen, und euer Einfall eine Thorheit ist.

Der Künstler bedarf _Eures_ Lobs nicht, und kann Euch unfreundlich

abweisen. Ich bitte dich Brüderchen, nimm nicht Theil an der Sache, Du

erndest keine Ehre davon.«

Franz: »O über die wohlweise Fräulein Schwester! ich muß dich bitten,

deine Rathschläge für dich zu behalten. -- Aha! da kommen sie ja, mich

abzuholen.«

(Er eilt zum Zimmer hinaus, und in der geöffneten Thüre werden mehrere

gepuzte Knaben sichtbar, die jenen in ihrer Mitte fortführen.)

2ter Auftritt.

(Bertha wirft sich auf einen Sessel, legt die gefaltenen Hände in den

Schoos, und blickt lange noch dem entschwundenen Bruder nach. Endlich

spricht sie:)

»Da geht er hin, um sich lächerlich zu machen, der kleine Thor! Nun,

wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Indessen würde er

mich dennoch herzlich dauern, wenn er von seinem Beginnen Aerger und

Verdruß haben sollte. Er ist ja mein Bruder, und alles was ihn betrift,

Freude und Leid fühlt Schwesterchen Bertha lebhaft mit ihm. Doch --

(springt von ihrem Sitz auf) doch warum gräme ich mich um ungewisse

Dinge? Herr Marko kann ja auch artiger seyn als ich denke. Nein ich

will mich in meiner fröhlichen Laune nicht stören lassen. Ist doch mein

Mütterchen wieder gesund und heiter, daher soll und kann mich nichts

verstimmen.«

(Sie reibt sich vergnügt die Hände, und hüpft singend gegen die Thüre.)

3ter Auftritt.

(Lidy tritt herein und sagt:)

»Die Stimme der lustigen Bertha hört man im Hause weit und breit ertönen --

sprich was macht Dich denn so überfroh?«

Bertha: »Und Du kannst noch fragen, _Du_ Lidy die Du eine gleiche

Erfahrung gemacht hast! die Genesung der theuern Mutter ist es, die

mich durch und durch entzückt, daß ich wie ein fröhliches Vögelein eine

Sangesweise um die andere anstimme.«

Lidy: »Ja, ja, du hast Recht liebe Bertha. Wir Alle haben Ursache mit

frohem Muthe Gott zu danken; denn wie ich höre wollen unsere lieben

Mütter nächsten Sonntag den ersten Ausgang in die Kirche unternehmen;

da kam mir der Gedanke: wir sollten, ehe dies geschieht, ihre

Wiederherstellung durch ein kindliches Fest vereint feiern. Wie meinst

Du Bertha?«

Bertha: (Fällt ihr mit stürmischer Freude um den Hals, und ruft:) »o

laß Dich herzen und küssen für diesen goldnen Einfall. Ja, ja! das

wollen wir. Hast Du auch schon mit Emma gesprochen, und was sagt diese

dazu?«

Lidy: »Ich suchte sie, aber fand sie nicht. Komm Bertha wir wollen

beide nach ihr gehen, und unsern Plan und Wunsch ihr mittheilen.«

(Sie gehen ab, und der Vorhang fällt.)

2ter Aufzug.

1ster Auftritt.

(Franz sizt an einem Tisch; den Kopf auf beide Hände gestüzt und seufzt

einigemale laut auf. Dann spricht er in abgebrochenen Sätzen in sich

hinein:)

»Der undankbare Mensch! -- der stolze Künstler! -- Hätte ich mich doch

nicht überreden lassen, mit zu gehen! -- Bertha hatte Recht! -- O wie

schäme ich mich vor ihr!« --

2ter Auftritt.

Emma und Franz.

(Emma nähert sich besorgt dem Bruder, zieht ihm die eine Hand vom Gesichte

weg, und sieht ihm theilnehmend ins thränende Auge. Dann sagt sie:)

»Mein Gott! Brüderchen was fehlt Dir denn, warum bist Du so verstimmt?«

Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern Eine unterhaltende Erzählung für die Jugend · 第 3 / 9 题