Der meine ... wer war das, der meine? -- --

Ach, sie wußte es selber nicht zu sagen ... nur bang ... grenzenlos

bang und ahnungstrüb zitterte nun auf einmal ihre einsame Seele, die

sich niemandem -- niemandem anvertrauen konnte in der Qual ihrer

Zerrissenheit.

Drittes Kapitel.

»Ja, lieber Sassenbach -- Sie können sagen, was Sie wollen, es war ein

direkter Blödsinn vom General von Ketteler -- ein direkter Blödsinn!

Statt sich einfach auf der Höhe zwischen Mackenrodt und Hettenrodt mit

seiner ganzen Division aufzubauen und unsern Angriff abzuwarten, geht

er über das Aubachtal hinüber bis Nockental uns entgegen --«

»Aber -- Verzeihung, Herr Oberst! -- die Stellung bei Nockental war

wesentlich besser als die bei Mackenrodt -- namentlich seine Artillerie

hatte er hinter den flachen Höhen hier beim R von Rötzweiler ganz

glänzend placiert --«

»Zugegeben!« sagte der Oberst und neigte sich tiefer über die Karte,

die mitten zwischen den zartgeschliffenen Weingläsern, den über die

ganze Tafel verstreuten, nun schon halbverwelkten Astern auf der

Damastdecke lag, dicht neben dem Teller der Hausherrin, die müde

und gelangweilt sich fruchtlos Mühe gab, an dem endlosen Streit

ihrer beiden Tischnachbarn über den Verlauf der gestrigen Übung

pflichtschuldigen Anteil zu heucheln. -- »Zugegeben! -- aber bei der

Wahl einer Verteidigungsstellung kommt's doch vor allem darauf an, daß

man sich anständig aus dem Staube machen kann! Na ... und nun sehen

Sie sich mal diese Rückzugslinie hier an ... zwischen seiner Stellung

und dem Punkt, den er zu decken hatte, der Stadt Idar nämlich, liegen

zwei -- sage zwei! -- Talsenkungen ... zweimal hat er mit seinem

ganzen Schwamm im vollen Bereich unseres Feuers dreihundert Meter über

kahle Höhenzüge hinauf und wieder herunter gemußt! -- und wie sich

die Infanterie massierte auf dem Rückmarsch -- so etwas von einem

Wurschtkessel ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! Erinnern Sie

sich ... unter dem Berg -- wie hieß er doch --?«

»Der Galgenberg!« lachte der Major.

»Ja, ja ... und wissen Sie auch, wer an dem Galgen baumelt --?«

»Na -- nach ~der~ Kritik versteht sich das wohl am Rande!«

»Allerdings,« erklärte der Oberst, »der Zylinder für Herrn von Ketteler

dürfte fällig sein --!«

»-- und die Brigade frei werden!« lächelte geschmeidig und

beziehungsvoll der Major, der, wenn er wollte, in seiner rauhen Form

ein richtiger Höfling sein konnte.

»Aber nun Schluß mit der Kommißsimpelei, lieber Sassenbach -- unsre

verehrte Frau Gastgeberin wird sonst bereuen, daß sie sich zu uns alten

Knaben gesetzt hat, statt zur Jugend, wohin sie von Gottes und Rechts

wegen gehört --!«

»Oh, bitte recht sehr, Herr Oberst, es hat mich natürlich ganz

außerordentlich interessiert,« log Frau Cäcilie, »nun kann ich mir bei

alle dem, was ich gestern gehört und gesehen hab, auch etwas denken --

dieser heitre Vorbeimarsch gestern abend, das war in Wirklichkeit die

zügellose Flucht eines geschlagenen, fast vernichteten Heeres -- wie

mir übrigens Ihre Nelly, Herr Major, ganz richtig erklärt hat!«

»Ja, die Nelly -- die hat Ahnung!« schmunzelte der Vater.

»Ganz gewiß, meine gnädigste Frau«, sagte der Oberst. »Und gerade

über Ihr niedliches Schlößchen hinweg tobte der Endkampf der beiden

Artillerien ... im Ernstfalle würde von diesem entzückenden Nestchen

wohl nicht mehr viel übrig geblieben sein!«

»Gott ja ... das sieht alles so lustig ... so frisch und freudig

aus, und man vergißt gar zu leicht, was für ein schauerlicher Ernst

dahintersteckt --«

»Ja, ja -- gut wär's, wenn sich unsre jungen Dächse da unten das auch

manchmal ein bißchen mehr zu Gemüte führen wollten -- wir Alten, wir

wissen's ja freilich und werden's nie vergessen! -- was meinen Sie,

Sassenbach?!«

Zärtlich schielten die beiden alten Kämpfer nach dem Bande des

Eisernen Kreuzes im Knopfloch ihrer Überröcke ... zu gleicher Zeit

hoben beide die Gläser und tranken auf das Gedächtnis der großen Zeit

vor neununddreißig Jahren, die sie beide als blutjunge Leutnants mit

durchlebt und mit durchfochten ...

Cäcilie aber hatte nur mit dem Aufgebot ihrer ganzen Haltung dem

Gespräch der beiden alten Herren folgen können ... in ihr schrie die

unverbrauchte Glückssehnsucht ... schrie all das Verlangen, das Fritz

von Brandeis nicht hatte stillen können ...

Gott, wie wunderlich ... wie verrückt ... wie unheimlich rätselschwer

das Leben ... Wie wirbelte es die Schicksale, die Herzen der Menschen

durcheinander ...

Da unten bei lautem Gelächter und Geplauder saßen sie nun einander

gegenüber, die beiden Männer ... saßen inmitten der Kameraden,

schwatzten, tranken, tauschten hundert harmlose, lustige und

tragikomische Manövererlebnisse aus ...

Und wenn dann einmal einer von ihnen beiden in einer unbewachten

Sekunde sich vergaß ... dann sank urplötzlich die glatte Maske ... und

der eine jetzt, der andere nun, starrte tief versonnen in sein Sektglas

... und auf eines jeden Gesicht lag dann plötzlich Spannung, Kampf und

Qual ...

Und das alles ging um sie.

Martin Flamberg hatte einmal in einem solchen Moment der Versunkenheit

rasch und heimlich ein Briefchen aus der Tasche des Überrocks gezogen

und es unterm Tisch mit hastigen Blicken überflogen ...

Cäcilie wußte: ein Brief seiner Braut ... ein Brief des fernen, bang

und selig harrenden Mädchens, dem in wenigen Tagen in Wirklichkeit die

Hochzeitsglocken läuten sollten ...

Gewiß ... das Briefchen sprach von heißer Sehnsucht ... von kaum

stillbarer Erwartung ... von einer süßen Ungeduld, welche die Tage und

Stunden zählte, die sie noch von der Erfüllung trennten ...

Heute war Sonntag, morgen und übermorgen die beiden letzten Manövertage

... und schon Mittwoch sollte Martin Flambergs, des Heimgekehrten,

Hochzeitstag sein ...

Über-übermorgen ... dann war er ihr verloren ... verloren für alle Zeit

--

Aber ... während er das Briefchen überflog, hatte da auf seinem Gesicht

auch nur ein leises, flüchtiges Leuchten des Glücks, der Hoffnung

geflammt --? nein -- quälendes Bangen ... herbe Gewissensnot ...

finsterer Zwiespalt der Gefühle ...

Sie hatte es gesehen und hatte nicht hindern können, daß ihr Herz

aufjubelte vor schamvoller Lust ... vor sündig grausendem Triumph ...

Ja, er sehnte sich nicht nach ... über-übermorgen ... er sehnte sich

-- -- nach einem Tage, der niemals kommen würde -- niemals -- -- oder

nur, wenn wilde, schreckliche Dinge geschehen wären ... lange Monde des

Kampfes überstanden ... Monde der Finsternis ... der Einsamkeit ... des

Elends ...

Und ringsherum in dem kleinen Kreise der lachenden schmausenden

Menschen, der festlich weiß geputzten beiden Mädchen, der

sonnengebräunten wettergestählten Männer konnte ihr heimlich und

ruhelos beobachtender Blick überall den Widerschein innern Erlebens

verfolgen -- --

Finster lauernd wanderten die eiskalten Augen des Regimentsadjutanten,

hämisch funkelnd die des fatalen Oberleutnants Menshausen die Reihe der

Tafelnden entlang ...

Mit zärtlichem Bangen hingen des Backfischleins Blicke an der

stattlichen Gestalt der Schwester, die mit ihrem Tischnachbarn, dem

rotbärtigen, bebrillten Gelehrten im verjährten Landwehrrock, so

versunken und weltvergessen über große und ferne Dinge sprach, als

säßen die beiden zwei einsam auf einer weitentlegenen seligen Insel

und nicht inmitten eines Kreises, in dem jeder jeden kontrollierte, in

dem jede Bewegung, jeder Blick überwacht wurde, ob er auch der strengen

Satzung der Kaste entspreche ...

Ja, selbst unten, wo die ganz jungen Herren saßen, schossen aus dem

fahlen Gesichte des monokeltragenden Herrn Quincke gehässig lauernde

Blicke hinüber ... herüber ...

Nur der blutjunge Avantageur und der kindlich harmlose Carstanjen

freuten sich ohne Hinterhalt der Gunst der Stunde ... futterten mit

Knabenappetit von all den guten, langentbehrten Sachen ... kosteten

mit glänzenden Augen die edeln Weine ... stopften, genäschig wie

Pensionsmädel, Konfekt und Obst ...

Und mit der unerschütterlichen Gemütsruhe einer wohlgeordneten

Daseinsführung, die keine Leidenschaft, keine Herzensstürme kannte,

nichts als brave Pflichterfüllung und maßvoll harmlosen Lebensgenuß

-- selbstgenügsam und selbstzufrieden saß der Leutnant Blowitz

inmitten der Tafelrunde, auch er wachsam, beobachtend, doch innerlich

unbeteiligt ... nichts als Soldat ... nichts als eine Uniform mit einem

Etwas darin, dessen ganzer Ehrgeiz nur war, Ehre zu machen dem Rock, in

dem es steckte ...

Ach, wie beneidenswert ein solches Temperament ... ein solch

unsträflicher, Gott und Menschen wohlgefälliger Wandel ...

War nicht ihr Fritz auch so einer gewesen? -- war das nicht eigentlich

seine Natur ... und die bittern Zweifel ... die jähe Wirrnis, in die

das Schicksal ihn gestürzt -- waren sie nicht über seine Kraft?

Frau Cäcilie sah gar wohl, wie tief er litt ... welch unfaßbare

Anstrengung es ihn kostete, die lächelnde Miene des vornehmen

Gastgebers, des allerwärts liebenswürdigen Wirtes zu bewahren, während

er sein Glück, sein Leben wanken -- wanken fühlte -- --

Wie er ihr so leid tat, ihr guter prächtiger Fritz ... sie litt mit ihm

... in seine Seele hinein ... so mußte eine sorgende Schwester mit

einem herzlich geliebten Bruder leiden ... und konnte sie ihm helfen

... konnte sie --?

Ein Blick in Martin Flambergs Gesicht -- und sie wußte -- der da war

der Herr ihres Lebens ... was er erwählen würde, war ihre Wahl ... was

er von ihr fordern würde, das würde sie tun.

* * * * *

Die Hausfrau hatte die Tafel aufgehoben, und der kleine Kreis der Gäste

schwärmte nun in den Schloßgarten, um den Kaffee zu nehmen.

In tiefem Frieden verglomm der Spätsommertag ... sein letzter Abglanz

lag auf den jenseitigen Höhen ... Dunkelheit umschleierte schon das

Dickicht des Schloßparks, der von den gartenartig angelegten Terrassen

der alten Bastionen her sich an den Abhängen des Beiertales, rechts und

links des Baches, hinzog ...

Vorn, wo zwischen den üppig wuchernden Bosketten heimliche Lauben

winkten, deren weißlackierte Stakete fast völlig unterm dicken Gerank

des Jelängerjelieber, des Pfeifenkrauts, des wilden Weins verschwanden,

erhellten bunte Lampions mit mattem Glimmen die Dämmerung ...

Weiter rückwärts, am Berghang lagerten schon tiefe, schwarze Schatten

über den Wegen, die sich ins Dunkel der Parkgehege verloren.

»Kommen Sie, Herr Frobenius,« sagte Nelly, »ich muß Ihnen jetzt den

Aussichtspunkt zeigen, von dem ich Ihnen bei Tisch erzählte ...

er liegt ganz oben am Parkrand ... wir müssen das letzte bißchen

Tageslicht benutzen, sonst wird es ganz finster, und wir kommen

überhaupt nicht mehr hin ... Ihren Kaffee kriegen Sie später, wenn wir

zurückkommen!«

Ihre Stimme hatte leise gezittert bei den hastigen Worten -- und

Wilhelm Frobenius fühlte sein Herz hoch klopfen, genau unter dem Fleck,

wo auf seinem dunkelblauen Waffenrock die Landwehrdienstauszeichnung

zweiter Klasse sich breit machte, diese geschmackvolle Dekoration,

deren Form die Offiziere des Beurlaubtenstandes mit den altgedienten

Unteroffizieren gemein hatten ...

In einer längst nicht mehr gekannten Erregung folgte er der schlanken

Führerin in die Dunkelheit ...

Ja -- nun kam es, das Unabwendbare ... nun würde er die Frage wagen,

die ihm längst das Herz abpreßte! -- Und natürlich würde sie ihn

auslachen ... schneidend und grimmig auslachen, wenn er überhaupt

so weit kam -- wenn nicht schon vorher irgendeine neue unerhörte

Lächerlichkeit ihm das Wort abschnitt -- --

Herrgott, wenn's nur nicht so finster gewesen wäre! -- Kaum wie einen

matten Nebelfleck konnte er noch das weiße Kleid seiner Führerin

erkennen ...

»Nehmen Sie sich in acht!« klang Nellys Stimme aus der Finsternis, »die

Wege sind sehr schmal ... folgen Sie mir nur, ich weiß genau Bescheid!«

Da -- ein dumpfer Krach! -- Feuer und Funken sprühten dem Gelehrten

durch den Schädel --

»Meine Brille -- um Gottes willen, gnädiges Fräulein, meine Brille!«

»Himmel ... was ist denn passiert?!«

»Ich muß gegen einen Baum gelaufen sein ... meine Brille, meine Brille

ist mir abgefallen ... ich wette, sie ist zerbrochen!«

»Nein -- das ist doch aber auch zu arg -- -- so ein Unglücksmensch, wie

Sie sind ... warten Sie, ich werde suchen!«

Tiefe Finsternis zwischen den Gehegen ...

Sommerleutnants · 第 36 / 52 题