Er stelzte mit seinen vom langen Reiten und langen Sitzen
steifgewordenen Beinen aus dem Schutze des Zeltdachs heraus, dem
Regimentskommandeur entgegen, der heute das Detachement führte.
Durch den Nebel kam's von der Chaussee herangetrabt ... der
Regimentsstab, die Herren in Mützen ...
Oberst von Weizsäcker, neben ihm, unnahbar wie immer, Herr von
Schoenawa, sein Adjutant, und Oberleutnant Menshausen, der als
Ordonnanzoffizier zum Regimentsstabe kommandiert war -- ein paar
Trompeter und Meldereiter von den Deutzer Kürassieren in ihren
mattblinkenden Stahlhelmen.
Der Oberst, stattlich und rosig, mit den braunweißen, beständig
zuckenden Schnurrbartflämmchen, nahm die Meldung des Biwakskommandanten
entgegen, tat ein paar Fragen über Nachrichten vom Feind,
Sicherheitsmaßregeln, Verfassung und Gesundheitszustand der
Mannschaften ...
Da hatte er unterm schützenden Dach des Stabszeltes die hellen
Regenmäntel, die wehenden Schleier der Damen erspäht.
Neugierig, in ritterlicher Haltung trabte er heran und begrüßte die
errötenden Gäste des Biwaks.
»Meine Damen -- allerhand Respekt! Bei dieser Sintflut im rauhen
Kriegsgetümmel?«
Einen hämischen Zug um die Mundwinkel, hielt Oberleutnant Menshausen
zur Linken des Obersten.
Schau, schau, die schöne Frau Cäcilie im Biwak -- und die beiden
Fräulein von Sassenbach ... und selbstverständlich in der Nähe der
schönen Frau der Herr Sommerleutnant und Maler aus Düsseldorf ... und
neben dem schlanken Majorstöchterlein die Karikatur, der Gehirnfatzke
aus Bonn ...
Ein Skandal, daß man durch das an sich ja sehr ehrenvolle Kommando
verhindert war, die Entwicklung dieser interessanten Ereignisse aus der
Nähe zu verfolgen.
Aber warte -- nächstens im Korpsmanöver ... was sagte die
Manöverquartierverteilungsliste? Samstag, den neunzehnten September bis
Sonntag, den zwanzigsten September: Regimentsstab -- Schloß Hettstein
-- Erstes Bataillon -- Bataillonsstab, erste und zweite Kompagnie: Dorf
Hettstein --
Dann werden wir also die ganze Gesellschaft dicht beisammen haben ...
dann werden ja die Dinge mehr oder weniger zum Klappen kommen ... dann
könnte man vielleicht gar ein bißchen nachhelfen ...!
Wie ... das würde sich finden! -- Jedenfalls irgend etwas würde sich
dann ereignen ... ein kleiner Spaß ... eine kleine Abwechslung in
diesem verflucht eintönigen Kommißdasein ...
Dann würde man sich entschädigen können für so manchen Ärger, den man
hatte schlucken müssen ...
Inzwischen mußte man freilich die Karre laufen lassen, wie sie laufen
wollte ...
Wenn man nur einen Vertrauensmann wüßte --?
Ah -- Quincke -- auch in dieser Wildnis das unvermeidliche Monokel ins
fahle Gesicht geklemmt ...
Menshausen winkte den jüngern Kameraden an die Seite seines Gaules,
streckte ihm die braunbehandschuhte Rechte hin: »Sie, lieber Quincke
-- im Interesse unseres Offizierkorps -- beobachten Sie doch mal die
beiden Herren des Beurlaubtenstandes, den Flamberg und den Frobenius,
ein bißchen genauer, wenn die Damen in der Nähe sind ... Brandeis hat
ja ein Schlößchen hier in der Nähe gekauft -- also werdet ihr wohl
öfter das Vergnügen haben -- Mir kommt's vor, als ob die beiden fremden
Herren -- --«
»Selbstverständlich, lieber Menshausen, hab's längst gemerkt ... Denken
Sie, ich schlafe mit offenen Augen?!«
Leise tuschelten die beiden Herren ...
-- Und Quincke paßte auf, als nun der hohe Stab von dannen getrabt war
...
Immer tiefer sank die Dunkelheit ... die Damen, von den Herren
geführt, unternahmen noch einen Rundgang durchs Biwak, während die
Azetylenlampen des Mercedes, vom Chauffeur entzündet, bereits weiße,
gleißende Lichtkegel in die Abenddünste zeichneten ...
Aha ... Frau von Brandeis wieder zwischen ihrem Mann und Herrn Flamberg
... ja, ja, immer +à trois+ ... unbegreiflich diese eselhafte
Vertrauensduselei des Kapitäns ...
Und Fräulein Nelly von Sassenbach natürlich Seite an Seite mit dem
hagern Landwehrleutnant ...!
Quincke schlich hinter den beiden her und lauschte ...
»-- Ja, mein altes Mütterchen, gnädiges Fräulein -- eine ganz, ganz
einfache, einsame alte Frau! Sie hat sich nicht entschließen können,
nach meines Vaters Tode das Dörfchen droben auf dem Westerwald zu
verlassen, wo ihr Mann dreißig Jahre lang die Buben und Mädel in die
Geheimnisse des ABC eingeweiht hatte ... ach ja, eine einfache Frau!
Aber was für Augen, gnädiges Fräulein ... Augen wie so ein altes
wundertätiges Waldweiblein aus dem Märchen ...«
»Ach ja ... die möcht ich wohl kennen lernen --!«
Feine Zusammenstellung, grinste Quincke: junge Dame von Stand,
passionierte Reiterin und Tänzerin ... Tochter eines preußischen
Stabsoffiziers -- -- und eine Bauernschulmeisterswitwe in einem
Waldnest! -- Na ja ... wenn die Menschen verrückt werden, fängt's im
Kopf an --!
Aber es kam noch toller.
Im Halbdunkel gewahrte Quincke, daß das jüngere Fräulein von Sassenbach
unauffällig zurückzubleiben suchte ...
Und wahrhaftig! -- Da tauchte aus der Mitte der Mannschaften, die um
ihre Lagerfeuer rasteten, die Gestalt eines Unteroffiziers auf ...
Aha, der Einjährige, der den langweiligen Quatsch zum Regimentsfest
verbrochen hatte! --
Weiß der Himmel -- er begrüßt sie wie ein Kavalier ... sie plaudert mit
ihm ... und nun zieht der Einjährige ein Notizbuch aus der Tasche ...
nimmt eine beschriebene Meldekarte heraus ... reicht sie der Dame ...
Die errötet tief ... legt sie sorgsam zusammen und steckt sie in die
innere Tasche ihres Regenpaletots ...
Warte, Bürschchen ... dich wollen wir mal auf deinen Standpunkt
zurückbringen ...!
»Nun, gnädiges Fräulein ... wollen Sie sich nicht Ihrem Fräulein
Schwester anschließen? Die Damen begeben sich bereits zum Auto zurück
... Bitte übrigens einen Moment um Verzeihung! -- Sie, Einjähriger,
hier haben Sie zwanzig Pfennige ... gehen Sie doch mal zum Marketender
an den Kantinenwagen und holen Sie mir ein Schinkenbutterbrot ... Sie
können's mir ans Offizierzelt bringen ...!«
Hans Friesen war einen Augenblick starr ... dann faßte er sich, wandte
sich kurz herum, spähte in die Gruppe der Füsiliere hinein, die ums
Lagerfeuer saß: »Makowiak!«
Der Angeredete, ein hübscher, polnischer Rekrut, stand sofort in
strammer Haltung neben dem Unteroffizier: »Zur Stelle!«
»Herr Leutnant Quincke wünscht ein Schinkenbutterbrot vom Marketender
ans Offizierzelt. Hier ist das Geld!«
»Einjähriger, ich habe Sie selber beauftragt, wie Sie gehört haben! --
Ist das vielleicht unter Ihrer Würde, was?!«
»Jawohl, Herr Leutnant --!«
Quincke biß sich auf die schmalen Lippen: »Na -- dann erteile ich Ihnen
also hiermit den dienstlichen Befehl, mir das Butterbrot zu holen!«
Hans Friesen stand stramm ... regungslos ...
»Wollen Sie sich vielleicht der Gehorsamsverweigerung vor versammelter
Mannschaft schuldig machen --?!«
Hans Friesens Lippen bebten ...
Er erinnerte sich der Strenge der militärischen Gesetze: der
Vorgesetzte hat in dem Augenblick, in dem er befiehlt, immer recht --
-- Er nahm dem Füsilier das Geld wieder ab, machte stramm kehrt und
stapfte ins Dunkel, dorthin, wo die Laternen des Marketenderwagens
gelblich aufleuchteten -- -- --
Dafür sollte der Frechling ihm Rede stehen -- in vierzehn Tagen, wenn
der bunte Rock abgestreift war ... Warte, du Affe! -- Wollen sehen, wer
am besten schießt von uns zweien! --
-- Tränen der Wut und Empörung in den Augen, sprachlos hatte Molly dem
Auftritt zugeschaut: »Das ist abscheulich, Herr Quincke!«
»Wieso?« näselte der Leutnant, »is doch höchstens 'ne Ehre für den
Unteroffizier, wenn er seinem Zugführer einen Gefallen tun kann!«
»Ich sag' es meinem Vater -- verlassen Sie sich drauf!«
* * * * *
Das Auto war von dannen gerattert ... und jählings sank die Nacht ...
sank die Stille über das nebelumsponnene Feldlager ...
Schweigend, fest in ihre Mäntel gehüllt, saßen Brandeis und Flamberg
auf den umgestürzten Wein- und Menagekisten vor dem niedern Zelt -- --
Der kleine Carstanjen und der Fahnenjunker schnarchten bereits drinnen
im Stroh -- --
Beider Männer Blicke hingen an dem phantastischen Schauspiel der
mählich verglimmenden Lagerfeuer, deren rötliches Glosten allein noch
die Schwärze der Nebelnacht durchdrang -- --