Der lustige Waffentanz begann. --

* * * * *

In hellen Massen waren die Schützen des feindlichen Detachements aus

den dunkeln Hängen des Idarwaldes herausgetreten, verstärkt durch

zwei Flaggenbataillone, das heißt: Bataillone, die in Wirklichkeit

nicht existierten, sondern nur durch je eine blaue Flagge statt

einer Kompagnie markiert wurden, und hatten mit dieser künstlich

hergestellten Übermacht die »Niederländer« und ihr Schwesterregiment

bis weit hinter Kempfeld zurückgeworfen.

Hier fand das Süddetachement an den bewaldeten Hängen des »Sandkopfes«

und der »Marscheider Burr« einen Stützpunkt.

Darüber war es vier Uhr nachmittags geworden.

Allmählich war das lärmhafte Duett der Geschütze von hüben und drüben

verstummt und die Verfolgung ermattet. Gegen fünf Uhr hatten die

»Niederländer« jenseits des Höhenrückens Biwak bezogen.

Das zweite Bataillon hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Vorposten

zu stellen, die sich nun auf den felsigen Kuppen des Höhenrückens

aufbauten. Dahinter biwakierte geschlossen das erste und dritte

Bataillon in einer schmalen Lichtung der Waldes auf dem langsam sich

senkenden Abhang gen Herborn zu.

Mit Zauberschnelle bauten sich hinter den Gewehrpyramiden die niedern

braunen Zugzelte auf ... Kochlöcher wurden geschaufelt ... lange Züge

zum Wasserholen, die klappernden Kochgeschirre der ganzen Kompagnie

in der Hand, stiegen zum entfernten Dorf herunter; bald rollten auf

der Chaussee die bereits während der Gefechtspause vorsorglich an den

vorbestimmten Biwakplatz dirigierten Wagenkolonnen heran. Ganze Berge

von Stroh und Holz wurden abgeladen. Der Küchenunteroffizier empfing

schmunzelnd seine Portion Blechbüchsen mit Pökelfleisch, seinen Stapel

Pappkartons mit Preßgemüsekonserven, seinen Anteil Salz und Kartoffeln

...

Rasch wurde alles in eine Leinwandplane gewickelt: denn der Regen

drohte die ganze Herrlichkeit schon vor der Zeit zu einem Brei

zusammenzurühren ...

Und bald knisterten und qualmten überall die Flammen, umschwelten

das durchnäßte Stroh, das triefende Reisig, das die Füsiliere

zusammengeschleppt.

Martin Flamberg hockte auf den Knien dicht neben dem just einen Meter

hohen braunen Zelte, das die Burschen für die Herren der ersten

Kompagnie aufgeschlagen hatten, und pustete mit aufgeblasenen Backen

das immer wieder erlöschende Feuer an ... aus dem Kessel stieg der Duft

zerkrümelter Erbswurst, die mit würfelförmig geschnittenem Cornedbeef

vermengt und mit einem dicken Büschel kleingeschnittener Küchenkräuter

vermischt war -- die hatte Martins gerissener Bursche, der Füsilier

Klomprich, beim Vorbeimarsch durch die Stakete der Bauerngärten

hindurch erwischt ... das duftete verdammt appetitlich ...

Wenn nur das Feuer endlich mal ordentlich durchbrennen wollte ... Die

sämtlichen Burschen hatten schon ihren letzten Atemzug verpustet ...

nun pustete der Herr Leutnant selber ...

Er fühlte sich persönlich verantwortlich für das leibliche Wohlergehen

seines Kompagniechefs, seines Kameraden Carstanjen und der beiden

Gäste des Offiziertisches, des Kompagniefeldwebels und des jungen

Fahnenjunkers von Erichsen.

Er pustete, pustete, pustete. -- Dunkelrot schwoll ihm das Gesicht ...

Aschenflocken stoben ihm um die Nase ...

Gott sei Dank! Endlich schwelte ein schwaches Flämmchen auf, qualmig

fauchte es in das nasse Stroh hinein ... »Sauerei verfluchte --!« ...

Er richtete sich auf.

In diesem Augenblick scholl hinter seinem Rücken ... scholl -- -- was

--?! Das mußte ein Traum sein -- scholl ein silbern schmetterndes,

dreistimmiges Frauenlachen -- --

Er fuhr herum.

Bei Gott ... da standen drei schlanke Gestalten ... drei glühende,

regenfeuchte Gesichter strahlten aus den aufgeklappten Kragen der

Gummimäntel unter unförmlichen Wachstuchmützen ... in nasse Strähnen

zusammengepappt hingen die rötlichblonden Haare der einen, die

weißblonden der beiden andern über die erhitzten Wangen ... Nelly und

Molly von Sassenbach und ... sie.

»-- Hahaha, Herr Leutnant Flamberg ... nein -- wie Sie bloß aussehen

... einfach zum Wälzen, Herr Flamberg!«

Wahrhaftig -- er sah ein bißchen anders aus als beim Ball unter den

flimmernden Kerzen des Kasinosaales.

Die hohen Stiefel, die Kniee, die Schöße des Waffenrocks

lehmüberkrustet, in steifen, groben Falten hing der graue Umhang um

seine Schultern; der hochgeklappte Kragen zeigte sein schmutzig rotes

Futter, die weiche Feldmütze saß beiderseits auf dem Ohr, der große,

zerschrammte Schirm tief in der Stirn ...

Aber darunter ... darunter leuchteten die braunen Augen aus dem nun

tiefgebräunten Gesicht so verwettert, so kriegerisch in sieghafter

Männlichkeit ...

Frau Cäcilie war jählings verstummt, als diese braunen Augen mit

ungewollter heißer Huldigung sich in die ihren gesenkt hatten ... als

die heißen Lippen sich tief auf ihre regenfeuchte Hand niederbeugten

...

»Gnädige Frau -- meine Damen -- -- wahrhaftig, die Sonne geht auf!!«

»Sie sehn, wir haben's nicht lange ausgehalten da unten in unserer

Dreieinsamkeit auf Schloß Hettstein,« sagte langsam, stockend die

schöne Frau.

»Nee wahrhaftig -- wir hatten direkt krampfhafte Sehnsucht nach roten

Kragen und blanken Knöpfen!« bestätigte Nelly Sassenbach.

»Na, und da konnte Ihnen geholfen werden -- nicht wahr, meine Damen?

Aber nun sagen Sie bloß, wie in aller Welt haben Sie sich denn hier

heraufgefunden in diese gottverlassene Wald- und Bergesöde?«

Frau Cäcilie wies nach der Chaussee hinüber. Da blinkte durch die

Nebelschwaden ein funkelnagelneues, schneeweißes Automobil: »Ein sehr

nobles Geschenk meines Vaters zu unserm Einzug auf Schloß Hettstein!«

»Reizend von dem alten Herrn -- was sagen Sie, Herr Flamberg? Ja, ja,

solchen Vater muß man haben!« lachte Nelly.

Aber ihre Augen schweiften dabei ruhelos suchend über das buntwimmelnde

Bild des muntern Biwaktreibens hin ..

»Wo ist mein Mann?« fragte Frau Cäcilie.

»Der sorgt für seine hundertzwanzig räudigen Schäflein!« meldete der

kleine Carstanjen, der inzwischen herangekommen war und die Damen

begeistert begrüßte. »Aber sieh -- da kommt er ja schon!«

Ja, da kam er.

Die Hand im braunen Feldhandschuh am breiten Schirm der Manövermütze

-- sein gutes, ehrenfestes Gesicht strahlend in Glückseligkeit: »Welch

seltner Glanz in unserer Hundehütte, meine Damen! -- Na, komm her,

Alte!«

Ehe Cäcilie sich's versah, hatte er sie an beiden Schultern

gefaßt, unbekümmert um die ringsum gaffenden Füsiliere, Burschen,

Unteroffiziere --

»Aber Fritz --!«

»Teufel auch -- armer, verdursteter Landsknecht! -- Ja, da lachen Sie,

kleiner Carstanjen! Ist aber nur der Neid der besitzlosen Klasse!«

Flamberg lachte nicht ... er hatte sich abgewandt ... starrte einen

Moment in die Nebelschwaden hinein, die um die Bergkuppen geisterten

...

»Na, sag bloß, wie kommt ihr denn an den weißen Quietschkasten da

hinten?«

Frau Cäcilie gab Aufklärung.

»Donnerwetter -- geht doch nichts über 'nen nobeln Schwiegeralten! --

Na warte, werden wir ihm gleich eine Meldekarte schreiben mit unserm

gehorsamsten Dank! -- Na, Flamberg, und da werden Sie wohl noch ein

paar Erbswürste und ein paar Büchsen Cornedbeef mehr spendieren

müssen!«

»Ach was -- Erbswürste, Cornedbeef! -- Wir haben euch viel was Besseres

mitgebracht!«

Umringt von den staunenden Füsilieren schleppte der Chauffeur einen

wuchtigen Korb heran ... goldbekapselte Flaschenhälse ragten daraus

hervor ... aus appetitlichen Papierhüllen entwickelte sich kaltes

Geflügel ... alle möglichen Blechbüchsen mit Pasteten und Ragouts ...

»Pfui Teufel -- total unkriegsmäßig! -- Luxus und Wohlleben greifen um

sich!«

»Halt, halt -- nicht alles wegnehmen! -- Der hohe Bataillonsstab muß

auch was mithaben!«

Das Automobil hatte natürlich das ganze Biwak auf die Beine gebracht.

Von allen Seiten strömten die Herren der beiden Bataillone heran,

die Damen zu begrüßen, und in respektvoller Entfernung starrten die

Unteroffiziere, glotzten die Füsiliere herüber zu den liebreizenden

Gästen ihrer Herren, die nun, von Geplauder und Lachen umschwirrt, ihre

Schritte dem Bataillonsstabszelt zulenkten.

Als die Gruppe am Biwak der zweiten Kompagnie vorüberkam, hemmte Nelly

ihren Schritt ... schon von weitem sah sie, den ihr Blick suchte ...

Frobenius hatte seine Kompagnie beim Gepäck antreten lassen und hielt

Gewehrappell ab ... gewissenhaft ging er von Mann zu Mann ... jeder

mußte mit ausgestreckter Rechten die Waffe, aus der die Verschlußteile

entfernt waren, in die Höhe halten, und der Kompagnieführer schielte

durch den Lauf hindurch, ob er auch gründlich gesäubert sei ...

Tausend, wie er sich verändert hatte in den paar Manövertagen! --

Ordentlich militärisch sah er aus ... ordentlich kriegerisch, der

gelehrte Herr, trotz seiner großen Brille ... mit den kotbespritzten

Reitstiefeln, dem kurzverschnittenen Bart, der zerknitterten Feldmütze

überm tiefgebräunten Gesicht ...

Nelly wußte: jetzt durfte sie nicht stören! Und schnell folgte sie

ihren Reisegefährtinnen, die, von einer ganzen Schar Offiziere

umschwärmt, ihren Vater zu begrüßen gingen. --

Wo aber die Unteroffiziere der Zweiten um ihr Feuerchen hockten und

sich ihre Erbswurstsuppe zurechtbrutzelten, da war ein junger Bursch

halbleibs emporgeschossen ...

Himmel! -- die Oreade, die lauschend hinterm Felsen schwieg! die Heldin

all der zahllosen Lieder, welche ihm zugeflogen waren auf den Märschen

der letzten Tage ...

Auf! -- auf! ihr entgegen! -- aber, Teufel nein, wer war man denn?

-- Ein armer Kommißknabe ... nichts als ein ganz gewöhnlicher

Kaldaunenschlucker ...

Er in seiner schirmlosen Feldmütze, in seinem geflickten Tressenrock,

mit seinen ungewaschenen Händen ... und sie ... sie wandelte fern, fern

und unerreichbar ... wie ein leibhaft gewordener Dichtertraum ...

Sommerleutnants · 第 28 / 52 题