von heftigem Jucken belästigt, an die Bahn. Dort hatte ich, da der
Omnibus zu einem ganz andern Zug gefahren war -- noch 37 Minuten
Zeit und begann nun auf dem Perron, auf meinem Handkoffer sitzend,
die Dichtung zu lesen. Ich „las“ ist eigentlich nicht das passende
Wort. Maruschka Anastasia hatte die Gewohnheit fast jedes Wort
durchzustreichen, dieses durchgestrichene Wort durch ein anderes,
noch undeutlicheres zu ersetzen, das dann häufig wieder durch ein
drittes querdurchgeschriebenes abgelöst wurde. Jedenfalls liest sich
eine Urkunde Karls des Dicken oder ein Liebesbrief Ottos des Großen
an die burgundische Adelheid heute noch bedeutend leichter, als eine
Original-Handschrift Maruschka Anastasias.
Daß die poetischen Schönheiten einer Dichtung durch ihre
Unleserlichkeit erhöht werden, ist nicht zu behaupten. Ich las an dem
vierseitigen Manuskript eine halbe Stunde auf dem Perron, las die
zweieinhalb Stunden der Bahnfahrt daran, las weitere neun Minuten in
der Droschke vom Bahnhof bis zu meiner Wohnung, las eine halbe Stunde
in meinem Studierzimmer weiter und hörte erst auf zu lesen, als Herr
Jädicke kam, um mich unter vielen vortrefflichen Reden über das Reisen
im allgemeinen und Fragen nach meiner Reise im besonderen zu rasieren.
Der Anfang des Poëms ist mir in Erinnerung geblieben. Ich gebe ihn
hier wieder ohne die unzähligen Gedankenstriche, die sich wie die
gestrichelten Linien des gewissenhaften Schnittmusters für ein
besonders kompliziertes Ballkleid durch die vielfach verwischten Zeilen
wanden:
„Heut Nacht -- ich kam von einem Ball und Schmaus --
„Die welken Rosen hingen mir im Haare --
„Da stand -- o Gott! der Geist im Treppenhaus
„Des Manns, den ich gelegt auf schwarze Bahre ...“
Ich bemerke, daß mir persönlich hier die Konstruktion mißfiel. Indem
man nicht weiß, ob das Treppenhaus zu dem Geist oder zu dem Mann oder
ob der Mann zu dem Treppenhaus oder der Geist zu dem Mann und dem
Treppenhaus gehört. Aber ich bin schließlich nicht kompetent. Es ging
dann weiter:
„Im weißen Laken -- gräßlich -- ein Gespenst,
„Moder im Rauschen seiner Totenkleider --
„Er hob die Knochenhand: ‚Ob du mich kennst --?‘
„Und bebend sprach ich: Leider -- leider -- +leider+!“
Die sehr bedeutende Steigerung der folgenden Verse ist mir entfallen.
Auch wurden die Rhythmen so kühn in ihrer trotzigen Unregelmäßigkeit,
daß ich manchmal nicht sicher war, ob +ich+ mich verlesen oder ob +sie+
sich verschrieben oder ob das gerade die höchste Kunst der Neutöner
war. +Eines+ war jedenfalls bewundernswert: Das Geschick, mit dem sie
selbst in die Person des Hausknechts in Posen geschlüpft war, und die
Grausamkeit, mit der der harmlose Michael Monkebach getötet, aufgebahrt
und begraben, als Gespenst auf eine Treppe gesetzt und von ihr dann in
Versen hitzigster Anklage über die Maßen schlecht behandelt war. Das
Gedicht endete denn auch damit, daß sich der unsaubere Geist Michael
Monkebachs beschämt in sein Grab zurückzog und schwur: nie wieder die
Wege des endlich befreiten Weibes zu kreuzen, dem seine schmähliche
Tyrannei „Wermut in alle Becher des schäumenden Lebens gegossen hatte“.
Das ist mir im Gedächtnis haften geblieben, weil es mir bezeichnend
schien, daß Maruschka Anastasia das schäumende Leben gleich aus
+mehreren+ Bechern trank ...
Der nächste Tag war ein Freitag.
Ich nahm die teuren, in eine eigens dafür gekaufte kleine Mappe
gesteckten Blätter mit in den illustren Kreis der „Schaffenden“, die
mich ihres Umgangs würdigten. Sie empfingen mich mit großen Ehren. Als
habe ich den schwarzen Erdteil entdeckt oder Andrées Knochen gefunden.
Ich mußte erzählen, erzählen, erzählen, bis mir der Hals trocken war.
Und da schließlich so +sehr+ viel gar nicht zu erzählen war, die
märchentiefen Augen eines schweigend lauschenden Mädchens aber
glücklich und begierig an meinen Lippen hingen, so tat ich etwas
sehr verwerfliches. Ich +log+. Aus einer kurzen Zusammenkunft wurden
drei lange, inhaltschwere Nachmittage. Aus einem Rittmeister wurde
ein halbes Offizierkorps. Michael Monkebach wurde schlankweg ein
Übermensch. Und ich --? O, ich hatte mich vortrefflich benommen! Der
gute Eckermann hat aus dem alten Goethe in den neun Jahren von 1823 bis
1832 nicht so viel unerhörte Dinge über Welt und Menschen, über Ruhm
und Unsterblichkeit herausgefragt, wie ich in diesen drei Unterredungen
aus Maruschka Anastasia. Und es befriedigte mich sehr, daß alle ihre
angeblichen Aussprüche bejubelt wurden. Meine persönlichen Einwendungen
fand man dagegen recht unbedeutend.
Zum Schlusse küßte mich der verbotene Dramatiker auf Stirn, Mund
und Wangen. Er sagte, daß er so umständlich +nie+ jemanden vor mir
ausgezeichnet habe. Egon Felix Gundelmann versprach mir sein Bild.
Ein gelegentlicher Mitarbeiter des Marsyas, der auf der Redaktion gar
nichts zu sagen hatte, bot mir sieben Spalten der ersten Nummer des
nächsten Quartals an, um das eben Gehörte dort für alle Gebildeten
niederzulegen.
Dann deklamierte der Reformator der Rezitationskunst, der seit
anderthalb Stunden in einem Nebenraum das Manuskript studiert hatte,
mit einer erschreckenden Grabesstimme die Gespensterdichtung. Einige
weinten; andere starrten entgeistert in die Gläser.
An Maruschka Anastasia wurde dann ein enthusiastisches Nachttelegramm
aufgesetzt, das sie von der tiefen, lähmenden, entkörpernden Wirkung
ihrer Dichtung benachrichtigte. Ich durfte als erster unterschreiben.
Dann sprang plötzlich der durch reichlichen Lethegenuß seelisch
gehobene Reformator der Rezitationskunst mit gleichen Füßen auf den
ächzenden Tisch, und die Feiernden überbrüllend verkündete er: da sich
gewiß niemals wieder eine +so+ herzerhebende Weihestunde finden werde,
so habe er beschlossen, schon heute Nacht, jetzt gleich, in +dieser+
Minute seine Verlobung mit der Schwester seines lieben Freundes, des
Neutöners und Erneuerers der deutschen Lyrik bekannt zu geben.
Mit diesen Worten hüpfte er vom Tisch und schloß die tiefblauen
Märchenaugen meiner heimlichen Liebe mit den schmatzenden Küssen seines
wulstigen Mundes ...
Ich bin niemals mehr zu den Freitagsfesten gegangen.
Der Reformator hat heute, glaube ich, in Merseburg ein kleines
Zigarrengeschäft.
Die ferneren Dichtungen Maruschka Anastasias sind mir fremd geblieben.
Bloß Egon Felix Gundelmann sah ich in den folgenden Jahren noch
zuweilen. Er hat sogar einen gewissen Einfluß auf mich gewonnen. Es
ist seiner erstaunlichen Beredsamkeit gelungen, mein Leben für den
Todesfall, meine Möbel gegen Feuer, mein unglückseliges Grundstück
in Bimmlingen gegen Hagel und meine Winterkleider gegen Motten
zu versichern. In Literatur macht er nämlich nicht mehr. Bloß in
Versicherungen.
* * * * *
Michael Monkebach aber habe ich noch einmal wiedergesehen.
Ein halbes Jahr mag’s jetzt her sein, da zwang mich ein abscheulicher
Platzregen -- mein Schirm fuhr gerade in einer Elektrischen allein
weiter in der Richtung des Spittelmarkts -- in ein Café am Potsdamer
Platz zu flüchten.
Alle Marmortischchen waren besetzt von nassen, schimpfenden Leuten,
die, trostlos in einer Tasse Kaffee rührend, hinausstarrten auf die
Straße, die sich langsam in einen venetianischen Kanal zu wandeln
schien.
An einem Tisch zu vier Personen saßen bereits zwei Schachspieler.
Behäbige, alte Herren, die schweigend und schnaufend unter Benutzung
zahlreicher Zahnstocher eine Partie des königlichen Spieles erledigten;
wobei der eine jedesmal, wenn der andere nach langem Besinnen eine
Figur vorwärts schob, ingrimmig brummte: „+Dacht+’ ich mirs doch!“ „Ob
ich’s nicht +kommen+ sah!“ Es war eines jener merkwürdigen Spiele, bei
denen jeder voraus weiß, was der andere tun wird und eigentlich bloß
mit sich selbst spielt. An demselben Tisch hatte noch ein Herr Platz
genommen in einem sehr weiten und für die Jahreszeit reichlich warmen
Mantel, wie ich ihn zuletzt bei alten Schäfern im Spessart gesehen
habe. Ihm gegenüber ein hochaufgeschossener, knochiger Jüngling von
etwa fünfzehn Jahren, der in seinem schon etwas verwachsenen dunklen
Matrosenkostüm mit dem breit herausgeschlagenen hellblauen Kragen nicht
sehr glücklich verkleidet aussah. Der Herr hielt krampfhaft eine alte
rindslederne Reisetasche zwischen den Beinen und machte den Eindruck,
als ob er ausschließlich zur Bewachung dieses unscheinbaren Schatzes
engagiert sei. Nur ab und zu gönnte er sich einen unruhigen Blick auf
eine große Taschenuhr, die er unter dem leisen Geläute vieler goldener
Petschaften tief aus dem Schäfermantel hervorzog. Der Matrosenjüngling
aber fing nicht ohne Kunstfertigkeit, mit der behutsam vorgeschobenen
knochigen hohlen Hand sein Opfer auf der Marmorplatte überlistend,
Fliegen von einem vergessenen Stückchen Zwetschenkuchen, das herrenlos
zwischen den braunklebrigen Kringeln und bekluckerten Kaffeetassen lag.
An diesem Tische stand noch ein überzähliger fünfter Stuhl, den mir
als einzigen, der im ganzen Lokale noch frei war, ein diensteifriger
Pikkolo mit herablassender Handbewegung anwies. Ich hielt zwei
feindlich drohende Blicke der gestörten Schachspieler aus, wehrte
den von dem Matrosenjüngling vom Zwetschenkuchen gescheuchten
Fliegen, die sich alsbald auf meinem kurzgeschorenen Haupte von dem
gehabten Schrecken zu erholen trachteten, und bestellte bei einem
atemlos vorüberfliegenden Kellner einen schwarzen Kaffee und einen
Kognak. Dann brannte ich mir eine Zigarre an und vertiefte mich,
meiner darniederliegenden Lebensfreude aufzuhelfen, in ein spaßiges
Leitgedicht Alexander Moszkowskis in den „Lustigen Blättern“.
„Hast du auch deine wollenen Socken im Koffer, Karl?“ fragte plötzlich,
wie von schrecklicher Ahnung belästigt, der Mann im faltenreichen
Schäfermantel.
„Aber +ja+, Papa“, antwortete der Mückenfänger unwirsch und tat mit
sicherer Hand einen gewaltigen Fang.
„Ich nehme jetzt Ihren weißen Läufer“, meldete der eine Schachspieler.
„Ob ich mir’s nicht +gedacht+ habe!“ zischte der andere ingrimmig.
Dann war wieder eine Weile tiefe Stille an unserem Tisch. So eng
wir saßen, er war eine Oase der Ruhe in dem Lärm und Getriebe des
verrauchten, unruhigen Lokals.
„Du hast doch hoffentlich deine Zahnbürste nicht vergessen, Karl?“ Aus
der Tiefe des Schäfermantels kam die bekümmerte Frage.
„Aber nein, Papa“, gab der Matrose ärgerlich zurück und köpfte
mit einem Zahnstocher eine Gefangene auf dem Tellerrand, was sehr
unappetitlich anzusehen war.
„Ich sage jetzt: Schach der Königin. Mit dem Springer“, meldete der
eine Schachspieler.
„Ob ich das nicht +kommen+ sah!“ brummte der andere und schob wütend
sein Kaffeebrettchen in den blauschillernden Zwetschenkuchen.
Dann war’s wieder stille.
Plötzlich -- ich war gerade auf die Pointe meiner Lektüre sehr
neugierig -- beugte sich der Mann im Schäfermantel vertrauensvoll zu
mir herüber:
„Verzeihung, wenn ich Sie störe ...“
„Bitte.“
„Wie lange fahren wir wohl mit der Droschke nach dem Lehrter Bahnhof?“
... Es gibt merkwürdige Momente im Leben; Momente, in denen man sich
von einer sanften Riesenwelle erfaßt glaubt und sich weit, weit
zurückgeschleudert fühlt in längst verrauschte Strudel der eigenen
Vergangenheit. Die Seele schlägt ihre großen, erstaunten Augen
auf, sieht sich um und erkennt Menschen, die sie längst in einem
Gedächtniswinkel begraben hatte; Dinge, die seit Jahren zerbeult
und zerschlagen und unkenntlich in einer andern Gedächtnisecke beim
wertlosen Gerümpel lagen; Situationen, die wie groteske neblige
Gespenster froher, heller Erlebnisse aus einem fernen, fernen Frühling
wirken.
Solch ein Moment war es, als ich in ganz mechanischer Arbeit meines
Sprechapparates dem Fragenden erwiderte: „Bis zum Lehrter Bahnhof
fahren Sie mit einem Kutscher, der nicht betrunken ist, ungefähr
fünfzehn Minuten.“
Und dabei sah ich unverwandt in dieses fragend auf mich gerichtete
Gesicht, in dem es jetzt auch wie aufzuckende Erinnerung zu
wetterleuchten begann ... Ganz so dicht bei diesem fremden Manne,
dessen Gliederbau der viel zu weite Schäfermantel wie eine schwarze
Glocke verbarg, mußt’ ich schon einmal irgendwo gesessen haben.
Bestimmt an einem Tische, tafelnd, lächelnd, konversierend. Auf seiner
linken Seite, wie jetzt. Aber damals hatten keine alten Herren Schach
spielend uns gegenüber gesessen. Auch kein Matrosenjüngling fing damals
Mücken. Damals -- damals -- Und plötzlich +wußt+’ ich’s wieder. Damals
saß uns eine dicke Dame gegenüber, eine Rentiere aus Stettin mit einem
pfundschweren Bernsteinschmuck und neben ihr im funkelnagelneuen
Zivil, das ihn wie einen Zuschneider am Sonntag erscheinen ließ, der
Rittmeister, der sich so gern reden hörte und dazu so erstaunliche
Quantitäten Moselwein trank. Damals im Bade an der ~Table d’hôtes~ -- --
„Herr Michael Monkebach -- nicht wahr?“
„Das ist aber eine Freude, +lieber+ Herr Doktor. Ihr Gesicht kam mir
doch gleich so bekannt vor. Erst dacht’ ich an einen Stationsvorsteher
auf der Strecke Weimar-Apolda, der mich mal so furchtbar grob
angefahren hat vor sechs Jahren -- natürlich, wie konnt’ ich nur ...
Wie ist’s Ihnen denn ergangen? Sind sie noch an der Stuhlbeinfabrik in
Heiligenstadt beteiligt, ja? Geht sie noch immer so glänzend?“
Da ich niemals an einer Stuhlbeinfabrik in Heiligenstadt beteiligt war,
so konnte ich ihm darüber keinerlei Auskunft geben. Aber er schien
auch gar keine Antwort zu erwarten. Seine Fragen waren lediglich
nervöse Entladungen seiner Freude; waren rethorische Vergnügungen
seines frohbewegten Herzens. So erkundigte er sich noch, ob ich noch
immer Karlsbader Wasser trinke, ob ich mir die Zigaretten nach wie
vor direkt aus Kairo kommen lasse, ob ich noch so leidenschaftlich
Briefmarken sammle und ob ich noch immer als Wanderredner des Vereins
für Feuerbestattung tätig sei. Lauter Dinge, an die ich nie in meinem
Leben gedacht habe.
Einen Augenblick schöpfte er Atem, um dem Matrosenjüngling einen
pantomimischen Verweis zu geben, weil ihn sein Jagdeifer in bedenkliche
Nähe des Schachbrettes gebracht hatte und der eine Spieler, nach
den Störenfried hinblickend, seine dicken Finger schon seltsam
aggressiv bewegte. Diesen Moment benutzte ich, dem Wiedergefundenen
zu versichern, daß er mich zwar richtig wiedererkannt habe, was mir
natürlich äußerst schmeichelhaft sei, daß er mich aber in Bezug auf
meine Lebensgewohnheiten offenbar mit einem, wahrscheinlich sogar mit
mehreren seiner Bekannten verwechsle.
Michael Monkebach rieb sich nachdenklich die nicht unbedeutende Nase.
Der vergrämte Zug, den ich früher schon zuweilen bemerkt hatte, kehrte
unter diesen Strichen seiner nervösen Finger, tiefer, melancholischer
wieder.
„Sie müssen schon entschuldigen,“ sagte er. „Was so im Laufe der Jahre
alles uns besuchen kam ... Es war wirklich ... Ich erinnere mich eines
Ungarn, der kein Wort deutsch sprach, der zwei Tage lang, eigentlich
unaufgefordert, zu Tisch blieb, immer nur Maruschka Anastasia anstarrte
und schließlich von ihrem Schreibtisch ein Falzbein aus Elfenbein mit
großem, leider unverständlichem Wortschwall, offenbar als ‚Erinnerung‘
einsteckte. Ich entsinne mich eines kleinen, krummbeinigen Polen,
der uns durch seine französische Konversation viel Mühe machte.
Er hatte Maruschka Anastasias Gedicht ins Polnische übersetzt und
deklamierte uns zwei Stunden lang seine Übertragungen vor. Es klang
sehr merkwürdig, war aber doch ein bischen langweilig, da wir ja keine
Silbe verstanden. Er regte sich furchtbar auf dabei, der Gute. Und
wir mußten ihm später viel Rotwein einflösen, damit er einen Anfall
von Herzschwäche überwand. Einer der letzten war ein sehr blasser und
schweigsamer Herr aus Chemnitz, der künstlerische Dichterporträts --
als Amateur -- aufnahm. Er brachte einen großen Apparat mit, auch eine
sehr eigentümliche Vorrichtung für Blitzlicht. Mit dieser Vorrichtung,
die seine Erfindung war, hat er uns die Gardinen in Brand gesteckt. Wir
hatten einen großen Schrecken. Und das übelste war, auf dem Bilde hat
Maruschka Anastasia später zwei Köpfe.“
„Wie geht es ihrer verehrten Frau Gemahlin?“ unterbrach ich den Strom
seiner Erinnerungen.
„Wie es ...“ Er sah zerstreut auf die Uhr. „Ich denke gut. Ich hoffe
es. -- Fünfzehn Minuten sagten Sie? Dann werden wir wohl ... Karl, laß
doch die Fliegen in Ruh! Du genierst die Herren da.“
„Ich nehme ihren Turm mit der Königin,“ annonzierte der eine
Schachspieler und warf dabei einen wütenden Blick nach dem unentwegten
Mückenfänger.
„Ob ich das nicht die ganze Zeit +kommen+ sah!“ hohnlächelte der
andere, als ob ihm sein Gegner einen großen ingrimmigen Spaß mit dieser
Mitteilung gemacht habe.
„Um fünf Uhr dreizehn geht nämlich unser Zug nach Hamburg,“ sagte
Michael Monkebach, indem er einen vorüberhuschenden Kellner an seiner
weißen Jacke festhielt, daß sie in allen Nähten krachte. „Bitte, laufen
Sie nicht +wieder+ vorbei! Also ich habe eine Tasse schwarzen Kaffee
und ein Hörnchen, -- eigentlich nur ein halbes, denn es war eine
Schwabe darin eingebacken -- der Junge hat drei Tassen Schokolade und
drei Stück Zwetschenkuchen. Es waren doch drei, Karl?“
„Vier“, korrigierte der tapfere und gewissenhafte Esser.
„Pardon, ja -- +vier+,“ entschuldigte sich Michael Monkebach, der unter
dem ungnädig strafenden Blick des Kellners errötete.
Dann fand eine sehr merkwürdige und sehr unleserliche Addition auf der
Marmorplatte statt. Der Kellner wechselte sein Silberstück, dankte
kühl und verschwand eilfertig nach dem Buffet, schon von weitem eine
umständliche Bestellung brüllend.
Michael Monkebach schüttelte den Kopf, während er die wenigen
Nickelstücke in sein Portemonaie zurücklegte. „Hatte ich ihm nicht ein
Fünfmarkstück hingelegt? Mir war’s doch so als ob ... Er hat mir nur
auf einen Taler herausgegeben.“
„So rufen Sie ihn doch zurück“, mahnte ich. „Ich hatte +auch+ den
Eindruck, daß es ein Fünfmarkstück war.“
„Zurückrufen? Ach nein.“
Es war, als ob Michael Monkebach körperlichen Schmerz beim Ausdenken
dieser gefährlichen Eventualität empfinde. Er war noch der Alte,
zutraulich, hilflos, ängstlich, ein prädestiniertes Versuchsobjekt für
alle kleinen Spitzbübereien einer verschlagenen Menschheit. Alt war er
geworden. Ganz grau an den dickgeäderten Schläfen. Sein Gang hatte den
letzten Rest von Elastizität eingebüßt. Er bewegte sich mühsam und
müde, als ob der faltenreiche Schäfermantel mit Bleistücken gefüllt
sei, die ihn sacht aber unaufhaltsam niederzögen.
„Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie,“ schlug ich vor. „Drei haben ja
bequem im Taxameter Platz.“
„Ich steige auf den Bock“, entschied der Jüngling, indem er, die Hände
in den Hosen, seinem Vater die Reisetasche überlassend, sehr laut und
sehr falsch pfeifend voranschritt.
„Du -- --“ Michael Monkebach wollte offenbar diese verwegene und
gefahrvolle Unternehmung nicht zugeben; aber er sah die unwirsch
aufgeworfenen Lippen des trotzigen Bubengesichts und änderte alsbald
seinen strengen Entschluß: „Du -- mußt dich aber +fest+halten, mit
beiden Händen,“ sagte er. „Ich werde dem Kutscher auftragen, daß er gut
acht gibt und nicht zu rasch fährt.“
„Also kommen Sie.“
Es hatte aufgehört zu regnen. Der Platz lag wie eine einzige,
spiegelnde Riesenpfütze da.
Wir nahmen uns einen Taxameter. Michael Monkebach gab dem Kutscher
so ausführliche Anweisungen, als ob es sich um eine Reise durch
die entlegensten Teile der Mandschurei und nicht um eine Fahrt vom
Potsdamer Platz nach dem Lehrter Bahnhof handele. Er bat ihn auch,
dem jungen Herrn alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Insbesondere den
Zoologischen Garten und das Schloß.
„Soll ick vielleicht über Potsdam fahren?“ gab der Kutscher als
einzige Antwort zurück, nahm dem bereits auf den Bock gekletterten
Jüngling die Peitsche aus der Hand, klatschte ermunternd über den
nassen Rücken des melancholischen Fliegenschimmels und fuhr halblaut
vor sich hinmurmelnd die Königgrätzerstraße entlang.
„Sie werden Ihre Frau Gemahlin in Hamburg treffen --?“
Michael Monkebach wäre beinahe aus dem Wagen gefallen vor Schreck. „Ich
werde -- meine ...? Wieso? Ist sie dort? Haben Sie Nachrichten von
Maruschka Anastasia?“
Nun war die Reihe der Verblüffung an mir. „+Ich+? Wieso -- ich? Ich
meinte blos, ob Ihre Frau Gemahlin ...“
Er lächelte verlegen und mit dem Zeigefinger diskret auf den auf dem
Bock hin- und herschaukelnden Jungen deutend dämpfte er seine Stimme
zu einem säuselnden Flüstern, das er nur zu einigen eingestreuten
Ermahnungen für den Sohn erheblich verstärkte.
„Sie müssen nämlich wissen, lieber Freund, ich habe mich von Maruschka
Anastasia -- ja, wie sag’ ich doch gleich -- getrennt. Das ist wohl
das rechte Wort. Oder eigentlich +sie+ hat sich von +mir+ getrennt.
Ganz kurz nach Ihrem lieben Besuch damals -- ich entsinne mich
jetzt sehr wohl, wann das war. Maruschka Anastasia hat damals jenes
schauerlich-schöne Gedicht geschaffen, in dem ich ihr als Wasserleiche
-- nein doch, das war vorher -- ich weiß schon: in dem ich ihr als
nachtwandelndes Gespenst erschien.“
„Ganz recht. Durch eine Erzählung des Rittmeisters ...“
Michael Monkebach machte eine Bewegung, als ob er einen Schüttelfrost
erwarte. Er zog den Schäfermantel fester um seinen Leib und sah nun
ganz aus wie ein schwarzer Sack, auf dem als unscheinbarer Knopf und
verunglückter Zierrat das blasse Haupt eines schlechtrasierten alten
Herrn angebracht ist. Ich erinnere mich, in meiner Jugend solche
Lichthütchen im Hause eines frommen Onkels gesehen zu haben.
„Der Rittmeister“, sagte der Kopf auf dem schwarzen Sack, „ja sehen
Sie, er war doch eigentlich +keine+ Vollnatur. Es war ein Blender,
ein im Grunde genommen sittlich +nicht+ hochstehender Mensch. Ich
denke mir, der ständige, fast ausschließliche Umgang mit Pferden
und rassereinen Foxterriers -- er hatte drei Stück, die uns viel
Last machten -- hat das Edle, Reinmenschliche in ihm -- Karl, sitze
+ruhig+, halte die Beine +bei+ dir! -- was wollt’ ich sagen? Ja so, das
Reinmenschliche hat der Rittmeister im Stall wohl verloren. Sie glauben
nicht, was er für rohe, unzarte Briefe schrieb.“
„An Sie?“
„An mich? Aber nein. Wie sollte er wohl an mich ...? An Maruschka
Anastasia natürlich. Ich fand diese odiösen Blätter durch einen Zufall
-- Karl, das ist das Brandenburger Tor, sieh es dir genau an, mein
Sohn, hier links geht es in den Tiergarten -- Ja, durch einen Zufall.
Mein Gott, Maruschka Anastasia war sorglos, wie ein Kind. Das war eine
ihrer liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie hat auch nie gemerkt, wenn
uns eine Köchin betrog. Und ich denke, +jede+ Köchin betrog uns. Sie
gab mir selbst die Mappe, in der einige von diesen Briefen offen lagen.
Ich sollte ein sehr langes Gedicht von ihr abschreiben -- das ist der
Reichstag, Karl, Begas hat ihn gebaut --“
„Walloth, bitte,“ verbesserte ich.
„Richtig ja, Walloth. Sieh ihn dir genau an, mein Sohn, da werden die
Gesetze gemacht -- -- Ja, ja die Gesetze!“ Er lächelte sonderbar vor
sich hin. „Maruschka Anastasia hielt nicht viel von Gesetzen. Als ich
damals die Briefe gefunden und gelesen hatte -- sie lagen ganz offen
in der Mappe und die Überschriften waren so sonderbar -- da sagte ich:
Maruschka Anastasia“, sagte ich, „das ist doch wider alles Gesetz und
alle Ordnung. Du beschimpfst mich in deinen Gedichten, schön. Ich weiß
ja doch, daß du es nur in deiner herrlichen Phantasie tust, und daß
es in unserem Vaterlande viel Leute gibt, die das gerne lesen. Also
warum soll ich der Literatur meinen bescheidenen Anteil weigern? Ich
gebe sogar zu, das ich +stolz+ darauf bin, einen gewissen persönlichen
Einfluß auf die moderne Dichtung zu gewinnen, obschon mir selbst das
Talent versagt ist. Auch daß ich dir als Gespenst erscheine, ist aus
solchen Gesichtspunkten gewiß in Ordnung. Obschon es vielleicht nicht
jedem angenehm wäre, sich selber als Gespenst zu sehen. Aber daß du dir
von dem Rittmeister solche Briefe schreiben läßt, Briefe, wie sie ein
verliebter Hausknecht -- Wir fahren jetzt über die Spree, Karl, sieh
sie dir genau an. Es ist kein reißender, aber ein sehr bedeutsamer Fluß
-- Ja, +so+ sprach ich ungefähr zu Maruschka Anastasia.“
„Und sie?“