Weiherhof

ragt der schwarze Kirchthurm mit seinem spitzigen Schindeldache wie ein

Zahnstocher für Giganten. Er ist in die Ruinen eines alten Schlosses

gebaut, von dem nur noch ein mit Birken bewachsener Thurm erübrigt.

Weniger konnte ich den einstigen Namen, (_Weiher_, _Wieher_, oder

_Wildschloß_ wie man es verschiedentlich angab,) als eine Volkssage

darüber erfahren: Einst sollte hier ein gar arger Raubritter hausen, dem

nebst Wildjagd, Menschenpein seine angenehmste Erlustigung gewesen. Die

Bauern, welche dazumal im Walde zerstreut ihre Hütten besassen, konnten

ihm nie genug arbeiten, und dennoch war er niemals zufrieden; er schwur

endlich, sie statt der bereits ziemlich ausgerotteten Bären und Wölfe

hetzlustig zu erlegen. Zu diesem himmelschreienden Vorhaben lud er

einige seiner Zechbrüder und Lastergenossen.

Es fügte sich vorher, daß, wie er eines frommen Burschen Braut verführen

wollte, dieser und ihr Bruder ihm zu hart auf den Leib gingen, und den

Ritter zur Flucht zwangen, deßhalb befahl er nun das Mädchen und die

beiden Bursche in den Burgzwinger zu bringen, selbe in Häute von Bären

zu nähen, und dazu zwei wirkliche Bären, welche im Forste einst jung

gefunden, und zur Kurzweil des Ritters auf dem Schlosse ernährt wurden,

einige Tage abgehungert, dann gegen die Unglücklichen auszulassen.

Das Schreckensfest begann mit der Ankunft der gräßlichen Zuseher.

Wüthend fielen die zwei großgezogenen Schloßbären über die drei

Fremdlinge her; der Kampf blieb eine Zeitlang zum Erstaunen der

Anwesenden unentschieden. Endlich stürzte einer, und dann der zweite der

genährten Raubzöglinge mit fürchterlichem Gebrülle an die Einfriedung

des Burgzwingers, daß ihre Rippen brachen und Mauerschutt die todten

Riesenkämpfer überdeckte. Rachentflammt über das unglaubliche Glück und

Kraftzeichen der vermeinten drei Delinquenten, eilte der wohlbewaffnete

Satansritter, unerhörte Flüche wider sein Daseyn und den Schöpfer

ausstossend, wenn er nicht diese Masken erlege, mit zweien seiner

verdorbensten Spießgesellen in den Kampfplatz. Wuth und Blutgier schwang

höher ihren blitzenden Stahl, jeder Streich hätte eine Eiche überwunden,

und doch drang er nicht durch bei den blutenden Vierfüßlern; sie rangen

und schwiegen, wenn auch schon die Stimme der Ritter erstarb! Jetzt aber

hoben sie sich, fürchterlich brüllend wie der Nordsturm, wenn er die

Bäume ihren Wurzeln entreißt, und die Felsen sammt deren Lavinen

hinabschleudert, in die tiefen Gräber der Alpen, um über die Menschheit

Gräber zu bauen!

Mit Zettergeschrei flohen die barbarischen Zuseher von ihren gefälligen

Plätzen. Die Ritter wollten auch das Weite suchen; Todesangst hatte

ihnen bereits das Mark zerronnen und die Haare steif empor gestreift:

jedoch näher drangen die zottigen Ungeheuer auf die um Hülfe rufenden

Schlachtbolden. Einer um den Andern wurde besiegt; man sah die Panzer

zersprungen, das Eingeweide aus dem Leibe gerissen, den Kopf vom Genick

gedreht, und die Gliedmassen einzeln auf dem Kampfplatz zerstreut.

Hierauf erbrachen sich die Waldheroen den Ausgang, und blutige Spuren

bewiesen noch mondenlang ihr jüngst schreckliches Daseyn. Aus der

vernachlässigten Schloßkapelle aber traten bleichen Antlitzes, Hand in

Hand die zwei Freunde mit dem ehrbaren Mädchen; unbewußt des Herganges,

benützten sie den Augenblick als das Pförtchen sich aufthat, zu ihrer

Rettung. Nun erkannten sie die gräßlichen Spuren des Mordes, sahen die

zwei Bären erlegt, gegen die sie hätten kämpfen sollen, und vor welch

sicherem Verderben sie eine verschleierte Jungfrau entzog. Das Mädchen

aber wiederholte knieend ihr früheres Gelobniß: »wenn sie von diesem

schrecklichen Untergange die heil. Jungfrau bewahre, in einem Kloster

ihre Tage zuzubringen.« Traurig, aber ehrend diesen Entschluß, knieten

die Jünglinge neben ihr, und versprachen, im gelobten Lande in den

Reihen der Knappen, für die Ehre des Heilandes zu bluten.

So geschah es; das Schloß blieb geschieen von menschlicher Welt, nur der

willkommne Sammlungsort wilder Raubvögel, Eulen und Nattern, die sich

hier im bunten Vereine Feste gaben. Wagte auch bisweilen ein kühnerer

Wanderer, durch Ungewitter oder Hoffnung zum Gewinn geleitet, in den

öden Hallen eine Nacht zuzubringen; so wurde er bei fürchterlichem Lärm,

mit Gold und Silbergefässen, herrlichen Speisen u. d. gl. schadenfroh

gefoppt, und wenn er von etwas Gebrauch machen wollte, mit tüchtigen

Schlägen zum Schlosse hinausgejagt. Nach vielen Jahren kam der einstige

Bräutigam zurück; der Nonne Bruder hatte den Heldentod unter den Säbeln

der Sarazenen empfangen. Dem Ankömmling war der gleiche Wunsch nicht

vergönnt; er stürzte sich in der Schlachten blutigste Reihen, eroberte

Trophäen, rettete seine mit Gefahren umdrohten Anführer, ward nie

gefangen und that Wunder der Tapferkeit! Auf dem Schlachtfelde wurde er

von dem fürstlichen Heeresführer zum Ritter geschlagen, besiegelte diese

Auszeichnung durch spätere Kampfwunder, und kehrte endlich zurück, um im

heimischen Pinzgau die asiatischen Wunden zu heilen. Doch auch hier

bluteten sie, und zwar im Herzen -- durch Erinnerung! Die Veste, welche

ihm von Kaiser und Reich zugesprochen wurde, gab ihm keinen Ersatz für

sein verlorenes Glück, er bezog sie nicht, schenkte aber die Umgebung

armen Ansiedlern, mit dem Wunsche: wenn sie oder ihre Nachkommen einst

zu Vermögen kommen sollten, in die Nähe des Schlosses eine Kirche zu

bauen; er selbst zog sich in die Wildniß und lebte als Einsiedler, von

Jedermann verehrt. Kurze Zeit nach seinem Tode stürzte die Veste, welche

wie vor und eh unbewohnt, aber noch im ziemlich guten Zustande sich

befand, in einer Gewitternacht zusammen. Weniges Gemäuer und der Thurm

erübrigten; in den Schutt theilten sich die Umbewohner, und sieh -- es

fand sich ein Kästchen mit Gold- und Silbermünzen, zum herrlichsten Baue

einer Kirche hinreichend. Man baute und baute, aber das Werk wollte

nicht von der Stelle gehen; endlich strebte er, wölbte sich und stand da

voll Ansehen und Pracht der Gott geweihte Tempel, von dem Volke

angestaunt! Auf Maria Geburt sollte darin das erste Hochamt gefeiert

werden; schon war alles vorbereitet! aber Tags vorher, den 7. September

lag die Kirche durch unergründliche Macht -- im Schutt. »Der Herr läßt

nicht durch Sündengeld sich Tempel bauen,« sprach ein frommer Greis,

»erworbene Baarschaft durch unserer Hände wackern Fleiß, sollen Ihm die

Kirche gründen!« und mit der Jahre späten Frist stand durch der Kreuzer

karg erworbne Zahl, das Kirchlein zu Weiherhof.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#77458) · 第 43 / 47 题