kommt man wieder zur Salza. Im Widerspruche mit der Sanduhr des Lebens,
ist sie jünger geworden seit dem letzten Abschiede; der schnellere Lauf
und die Sprünge dieser kleinen Nymphe, lassen zu sehr auf den Muth der
stärkeren Jungfrau schliessen, mit dem sie als solche bei _Lueg_ die
Felsen sich brach, und dann die Ufer majestätisch ausdehnte. Ich gab
diesen Wellen Grüsse mit nach Hallein, und -- allen Lieben zu Wien!
Häufige Vogelbeerbäume sind hier, so wie bei Niedersill, das links
bleibt, und um die Ortschaft _Lengdorf_ gepflanzt. Sie sollen für das
Vieh sehr zuträglich seyn, und vor Ueberschreiung desselben bewahren!
Einige Saatfelder und Kleeäcker erschienen mir bei _Uttendorf_ als
besondere Seltenheit; desto bekannter dunsteten wieder die Sümpfe zu
Dorf _Uggl_ und _Dobersbach_. Schöne Waldberge umsäumen fortwährend auch
die Dörfer _Uettendorf_ und _Stuhlfelden_. Im Markte
Mittersill,
wo rechts auf der Anhöhe im ehemaligen Schlosse das Pflegamt sich
befindet, genoß ich vollkommene Mittags-Erholung. Die bereits heute
zurückgelegten fünf Meilen hatten mir das mässige Mahl herrlich gewürzt,
und den minder guten Wein erträglich gemacht. Die Dienstfertigkeit des
braven Wirthes verschaffte mir für nicht übertriebene Kosten das zu
Saalfelden vergebens zum Kaufe gesuchte neue Beinkleid. Es erheiterte
mich ungemein, jenes mit einigen Blessuren der Alpenreise behaftete,
weggeben zu können, weil ich mit dergleichen Anzuge mich zu behelfen
noch nie das Mißgeschick hatte. Von Mittersill führt der gewöhnliche Weg
nach Tirol über den grossen Kettenstein und Trattenberg nach Kützbüchl,
und dann ins Innthal nördlich nach Kufstein, südwestlich über Rattenberg
nach Innsbruck. Das Innthal sollte mir zum Rückwege dienen; daher wählte
ich itzt _den_ über die wilde Gerloshöhe in das durch sein Hornvieh
berühmte Zillerthal.
Bauern-Oekonomie.
Ich schritt also abermal der Salza aufwärts, sie links lassend auf der
Strasse, welche eigentlich ein Fahrweg, alljährig hundert Verwüstungen
Preis gegeben, alle Unbilden einer viae malae dem Wanderer empfinden
läßt. Die häufigen Gießbäche, welche allenthalben der Salza zueilen, und
ihre Geburt in de Gebirgen entlehnen, wandern nicht selten auf der
Fahrstrasse umher, und nehmen mit, was ihnen gefällt, und lassen zurück,
was sie nicht brauchen. Diese Rudera eines Wagen- und Wasserpfades
ermüdeten schon weit unter Mittersill, und dauern mit zeitweiliger
Verbesserung bis zum Dorfe _Wald_. Mit den hölzernen Häuschen des Dorfes
Hollersbach geben schöne Waldberge und Saatfelder ein reitzendes Tableau
an der Salza; desto widerwärtiger erbittern den Oekonomen die
allenthalben Holzvertilgung drohenden Umzäunungen, welche das Vieh vor
Eindringen zu bewahren, hie und da doppelt eine elende Wiese oder
versandeten Brachacker umstricken. Wenn man annimmt, daß diese aus
dünnen Tannen und Föhrenbäumchen bestehenden Einfriedungen den jungen
Nachwuchs der Wälder ausmachen, und bei solcher Verwendung nach etlichen
Jahren verfault, nicht einmal zur Feuerung benützt werden, sondern der
Verwesung überlassen, frische Stämme an ihre Stelle treten: so wird man
nicht einstimmen in die Behauptung der albernen Bauern, welche ihre
Wälder für zu groß, und im Vergleiche mit der geringen Nutzziehung
daraus, in gar keinem Vergleiche halten. Müßten sie nur wenige Jahre um
geringen Preis Holz kaufen, die Lücken im Forste würden weniger, die
Aecker aber fleissiger mit Steinen und lebendigen Zäunen verwahrt
werden.
Beim Dorfe _Mühlbach_ kann der Reisende, wenn er Zeit und Lust hat, das
schöne Kupferbergwerk besehen. Eine halbe Stunde bringt ihn dann nach
Dorf
Braunberg,
bei dem sich auf gleiche Entfernung, rechts in der Bergschlucht, eine
der schönsten _Cascaden_ tumelt. Ich habe über hundert Wasserfälle
betrachtet, und glaube so ziemlich ihren Werth aus deren Wassermenge,
Steinformen, Sturzhöhen u. dgl. abnehmen zu können; demnach wage ich
diesen in beiden ersten Eigenschaften vorzüglich, und in letzteren
bedeutend auszuzeichnen. Am Bache fortwandernd, wachsen bald höher und
enger die Thalwände; im Sturmmarsche dringen die Wogen heraus, und
wälzen sich Steine im Felsenbeete zum Vertilgungskampfe mit der Salza;
kühler athmet die Luft beim hitzigen Krieg der Tritonen, den man lange
schon mit Erstaunen vernahm, und endlich übertäubet ersieht. Hoch vom
chaostischen Felsengebäude entstürzt der schneeige Fluß, bald in ganzer
Masse, bald in Arme getheilt, die Kluft stärker zu rütteln. Bäume, die
er der Heimath entriß, ihnen die Fremde zeigen, hat sein zu rasches
Toben in die Risse der Felsentreppe verschlagen, aus der sie ewig zum
Spiel seiner Laune, doch nimmer entfliehn! Moos hat sich hie und da um
die zitternden Stämme geschlungen, es sind die grünen Flecken, welche
herrlich die silbernen Wasserbögen durchsticken und zeitweilig vom
Sonnengott einen Huldblick zu erflehen scheinen. Aber sprühend
überziehet die Fluth ihren Fall; kein Auge, kein Blick vom Himmel soll
spotten über die tief Gesunkene; Staubregen von oben herab sie
begleitend, und von unten empor sich wirbelnd, decket den donnernden
Kampf und nässet reichlich die Runde, um selbst in der Ferne die Neugier
zu bannen. Jedoch entzückt durch der Natur zauberische Seltenheit,
weichet der Mensch nicht bei Gefahren, und Traufe sollte ihm diesen
Neptunstempel schließen?
Auf einem Felsenstücke gelagert, dem zartes Moos und duftende Blumen
holdern Schmuck bringen, als dem goldverbrämten Ruhebeete seine
elastischen Stahlfedern, schöpft man hier aus der Brunnenquelle der ewig
schönen Natur frische Labung! Mit der Städte lästig Geräusch vergleicht
man dieses Anmuthige der Natur, mit der Dekoration prunkvoller Säle,
diese des Orkus -- Seelengefühl schildert den Preis! Ein Windstoß zerriß
itzt die Wasserkunstdünste und wehte den Himmel blau, unter dem sich die
Schnellsegler der Erde -- einzelne Wolken hinzogen, als Plänkler zum
beginnenden Treffen, der Sonnendiamant aber blitzte zwischen dem
beweglichen Triumphbogen der Najaden, und sah mit abgehärteten Alpen
eine Zeitlang als Sieger in die erboßte Kluft, bis sie neue Kraft
gesammelt, die vorige Uebermacht errang. Von Gefühlen bestrickt, sinnet
der Mensch und staunet der Geist, wie die Wunder sich häufen, wo man
Zauber nicht wähnte! --
Taub vom Gebrülle der Wogen verläßt man das felsige Beet, die Schlacht
ist vorbei, es lachet der Friede in Salza’s grünerem Thale. Höher rücken
darin beiderseits hölzerne Häuschen auf die mit Wäldern besäumten Berge;
man fürchtet, daß sie heruntergleiten müßten im Winter, wenn zunehmender
Schnee sich neben ihnen die Bahn ins Thal wälzt. Ueber dem Dörfchen