entgegen, man blickt zurück, um Abschied zu nehmen von dem freundlichen
Thale, das eine so abschreckende Pforte besitzt; kaum bemerkt man das
Oertchen Mayerhof, welches schon im Felsenkessel gelagert, von der Ache,
Klippen und Schneelavinen nur geduldet zu werden scheint. Die _Clam_ ist
bekannt, sie war bis vor drei Monaten die schrecklichste Passage, welche
Deutschland aufzuweisen hatte; die Kluft ist noch fürchterlich, wird
ewig merkwürdig bleiben: so lange die 300 Klafter hohen Felsenwände sich
hinbiegen über den Wanderer; so lange die Ache donnernd und brausend
herauf schäumt aus dem tiefen Beet auf die Strasse, den Staub ihr
abzuspühlen; so lange die Sonne stiefmütterlich das Thal übersetzt, es
fortwährend der Dämmerung zu überlassen. Keine Macht kann hier Aenderung
treffen, in den wilden Formen dieses sonderbaren Felsenlabyrinths, nur
Rütteln des Erdballs kann die Wände wieder schließen, die über ihr
voriges Nichts -- das Chaos zusammenstürzen, die Welt mit ihren Trümmern
zu begraben. Die Reste des alten Schlosses _Clamstein_ -- der Thurm und
Wohnort des ehemaligen Wachpostens, alles, alles wurde durch die Fluthen
verschlungen und Schneelavinen begraben, kaum beweist eine einzelne
Thorsäule beim Eingange in die _Clam_, deren ehemalig unnütze Existenz!
-- Aber schönere Werke sind hier seit Wochen ins Leben getreten; eine
Strasse, werth daß sie ein gütiger Kaiser begnehmigte, wurde den Felsen
und der Ache abgezwungen! Statt den über Abgründe schaukelnden
Bretelwegen, die vormals den Reisenden mehr, als die lockeren Bäume und
Felsen, welche über seinem Haupte balanzirten, erschütterten: wölben
sich nun mächtige Quaderbögen aus der Ache empor, Geländer darauf von
Stein oder festem Holze, sichern die größtentheils für zwei Wägen breite
Strasse; wo der Fluß nichts hergeben konnte, mußte sich der Felsen zum
Weichen bequemen; den Gießbächen und Wasserfällen, welche den Höhen
entstürzen, und sonst den elenden Weg stückweis verschlangen, wurden nun
unter der Strasse gemauerte Kanäle zur Ache hinab angewiesen; die
niedrigeren überhängenden Klippen, die täglich hundertmal den Tod
drohen, sind durch Meissel und Pulver von ihrem Punkte verbannt. Auf
alles wurde gedacht, die Festigkeit des Willens, und Sicherheit der
Strasse zu bekräftigen; nur läßt sich nicht wiederbringen, was die
Vorfahren unsinnig verdarben: Die Bäume, deren Wurzeln noch an den
Steinwänden ihre ehemalige Kraft und Anzahl versichern, wurden aus
Unverstand und blöder Gewinnsucht gefällt, sie waren Schutz im Winter
gegen andringende Lavinen, wenn nicht ganz, doch gegen gefährlichere
Explosionen. Nun vergeht kein Winter, wo nicht diese zerstörenden Gäste
die Bahn einige Zeit hemmen, Steine entlösen und Menschen zu Grunde
richten.
In Reflexionen, wie jeder Stein von diesen ewigen Schanzen, die für
Gemsen unersteiglich scheinen, Tod und Verderben dem Wanderer bereite,
wurde ich durch Glocken-Geläute gestört; ich glaubte meinen Augen nicht
trauen zu dürfen! Jenseits der Ache, hoch auf den zackigen Vorsprüngen,
sah ich Senner hinter Hornvieh niederschweben; klein, wie Kaninchen,
schienen die Kühe mit Fittigen herabzugleiten, immer grösser wurden sie
und die Gefahr ihrer Wanderung. Ich frug einen Wegmacher, wer diese
Thiere dort hingezaubert hatte? Mit Lachen erwiederte er: es wäre ein
Steigel von einer Alm, auf dem die, welche hinauf kletterten, nun wieder
hinab müßten; es sey freilich unham (unsicher) zu gehen, aber für
gewöhnte Füsse nicht tödtlich. Ich wollte hier kein wahrscheinliches
Unglück abwarten, sondern zog eiligst davon, Jedem herzlich wünschend,
der Welt verhängnißvolle Pfade glücklich zu überschreiten. Minder
furchtbar schienen mir nun die donnernden _Cataracten_, die sich tief
unter meinen Füssen in finsterer Kluft tumelten und nicht verstummten,
bis sich die _Clam_ nach einer Stunde im anmuthigen Salzathale endigt.
Den letzten Versuch wagt hier noch die niederstürzende Ache, die
Unabhängigkeit zu erringen, wie der Feind, welcher alles zu gewinnen
oder zu verlieren bereit ist; er überbiethet seine Kraft, erschöpft
sich, und erliegt in plötzlicher Unkraft!
Salzathal.
Dort wo die mächtigere Salza die wildere Ache besiegt, in dem ewigen
Staubregen preiswürdiger _Cascaden_, zwischen Felsen, gleich den Grotten
Neptuns, möge jeder Wanderer sich hinstellen, und ein halbes Stündchen
widmen. Krieg und Frieden zeigen hier so treffend ihre Bilder, daß man
sich geschmeichelt fühlt, die Gränzen von beiden so genau angeben, so
vortheilhaft einsehen zu können. Den Gräuel der Verwüstung um sich und
im Rücken, lagert sich vorwärts das sanfte Thal mit dem Postörtchen
_Lind_, an beiden Seiten der hölzernen Brücke über den mächtigsten Fluß
des Salzburgerlandes. Heiter winket im Westen das niedliche Schlößchen
des Amtes. Mühlen, Hammerwerke, Kohlenmeiler und rege Hände am Flusse
und im Grünen, verkünden Fleiß und Thätigkeit, welche die
Salzathalbewohner allbekannt zieren. Kein Gaul zeigt hier müssig seinen
riesigen Bau, oder verschrumpft bei kärglicher Nahrung auf elenden
Wiesen. Die Berge, so hart sie das Dörfchen bedrängen, entschädigen mit
reichlichem Holze und üppigen Klee; wärmer kräuselt der Osthauch die
Blätter im offenen Thale. Weniger passen sonach die trägen Gemäuer des
aufgehobenen Benediktiner-Klosters _Schwarzach_, in das lebendige
Tableau.
Die Strasse, welche ich nun an der Salza nach _St. Johann_ fortwanderte,
ist ebenfalls neu angelegt, und für Wägen eingerichtet, kein
engbrüstiger Reisender darf ferner sein baldiges Ende in der Salza
vermuthen. Geländer und glänzende Erlen wahren vor Unglück und verhüllen
die Tiefe. Hie und da gibt es zwar steilere Plätzchen, die aber durch
ihr Pitoreskes den Fußreisenden für seine Mühe nur einigermassen
entschädigen.
_St. Johann_ ist ein schöner Markt, die 200 meistentheils hölzernen
Häuser, haben Thürmchen am Dache, in dessen jedem eine Glocke (natürlich
von verschiedener Grösse und Erzbestandtheilen) sich befindet. Diese
Ohren-quälenden und disharmonischen Glocken, welche ein uralter
Hausbedarf im Salzburgischen sind, werden Morgens und Abends zu gewissen
Stunden geläutet, dann aber von jedem Hausbesitzer zur Eß- und
Gebethzeit etc. noch einige Male unter Tags einzeln angestimmt. Da die
Wohnungen weniger beisammen, sondern zerstreut im Gebirge herumstehen,
so ereignet es sich bisweilen, daß man einen ganzen Tag fortwandert, und
diese unwillkommenen Töne beständig anhören muß.
In drei Viertel Stunden erreicht man das, aus 50 größtentheils
gemauerten Häuschen bestehende Dörfchen Bischofshofen, welches sich auf
mässiger Steinhöhe von weiten als etwas Besonderes darbiethet; hier wird
das Thal gegen Werfen hinab breiter, aber nicht langweiliger.
Schießscheiben sind wieder zunehmend grössere Zierde der Häuser, die
Männer müssen entweder Jagdfreiheit geniessen, oder sich hier herum mehr
als anderswo erlauben; dieß bewiesen mir mehrere Burschen, welche stolz
mit ihrem Rohre dem Forste zueilten.
Die Stunde, welche ich von hier nach Werfen benöthigte, schien mir kaum
halb so lang. Von der hohen Strasse sieht man hinab auf die kristallene
Fläche der gekrümmten Salza. Hunderte von grünenden Inseln steigen aus
ihr, wie Felder eines Schachbrets hervor, auf denen die Laune und Anmuth
im Wettkampfe spielen; weiter dehnen sich an den Ufern frische Wiesen,
zwischen denen der knarrende Pflug schwarze Streife zur Saat fürs
kommende Jahr in die geachteten Aecker zieht; dort stehen Hütten am
Saume der Bergabhänge, wo die wollige Herde und haarigen Ziegen den
lästigen Winter vertrauern, reichliche Nahrung häufen dazu lustig die
alles betrillernden Melker. Nördlich erheben sich höher und höher die
eisigen Alpen des würzigen Landes, stolzer als irgendwo droht das hohe
Tänengebirge auf das gesegnete Thal; Nebelwolken sammeln sich auf ihren
ewigen Schneefeldern und bringen dem Tage die Nacht, dumpfer
Glockenschlag scheint dieß zu bestätigen. Ich biege um eine Ecke -- da
entbreitet sich das ansehnliche