eingenommen, beschloß ich einer dahin fahrenden Gesellschaft mich
anzuschliessen. Auf einem herrlichen Wege des Zollfeldes, beiderseits
mit den schönsten Konturen begränzt, die zu schnell dem brausenden Wagen
entflohen, erholten wir eine große Menschenmasse, die nach der rechts
von malerischer Berghöhe winkenden Gnadenkirche _Maria Saal_
wallfahrteten. -- _St. Veith_, die alte Hauptstadt _Carniens_, blickte
düster uns entgegen; schwarz wie die Häuser, umschleiert die
Vergangenheit deren Schicksale. Burgen, Wartthürme und alte Denkmähler
-- des Faustrechts sattsame Zeugen, bereiten den Pilger vor, das Antlitz
der keuschen unbesiegten Jungfrau zu schauen. Rechts bog sich der Weg
von der Hauptstrasse, mannhafte Vesten erheben das Haupt, kommenden
_Säculen_ trotzend, sie überblickte mit höhnender Miene das erprobte
_Osterwitz_. Ueber bewaldeter Höhe gelangten wir zu Fuße nach _St.
Sebastian_, einem Dörfchen, dessen paradisische Lage sanfte Ruhe erhöht;
vor Jahren soll der hiesige Kirchenpatron der Pestverhüthung wegen viele
Wallfahrter zugezogen haben. Nicht achtet man des friedfertigen, sich
mit des Herrschers Namen freuenden Dörfchens Neuosterwitz, das demüthig
den Wanderer einen Blick der Huld durch sein reines Antlitz abzulocken
strebt. Jedoch kein Ausdruck kann schildern, welche Ueberraschung
_Hochosterwitz_ jedem Fremden abzwingt, auch bin ich zu weit entfernt,
die Vorzüge der allbekanntesten und bestens erhaltenen Veste, die zu oft
trefflich geschildert wurden, entweder nachzukauen, oder matter
darzustellen. Bekannt ist, daß der kegelförmige, theilweis überhangende
Schloßfelsen, welcher kahl nur am Fusse mit Nadelholz bewurzelt ist,
800′ mißt, daß man auf dem schneckenförmigen den Felsen umwindenden
Fahrtwege zum Schloß hinauf, 14 Wachthäuser und Thürme, die in der
Vorzeit eben so viele Schlösser bildeten, und drei Brücken über tiefe
Klüfte überschreiten muß; daß die Veste, obgleich ein halbes Jahrtausend
überlebend, noch immer rüstig der Zeiten Schläge erträgt, und nun der
meisten Waffen gegen Feinde entblößt, doch nimmer dem Feinde erlag. Von
den zwei oben Wasser sammelnden Zisternen ist eine zur Dunggrube
verwendet, doch erhält der 50 Klafter in Felsen gehauene Brunnen
rühmlichst seinen vorigen Werth. Die Kapelle, viele Wohn- und
Waffenzimmer, Prunksäle und sämmtliche Gemächer werden als
fideicommis-Gut von der gräflichen Familie _Khevenhüller-Metsch_
ziemlich gut erhalten.
Stunden kann man verwenden mit Untersuchung der Schwerter, Schilde,
Sturmhauben, Streitkolben etc., deren hinlängliche Anzahl sich wohl
geordnet präsentirt; wenn man diese schweren Waffen ihrer einst rüstigen
Führer schwingt, durchglüht stolzes Gefühl für die Vorzeit den Mann, der
damals kraftvoll auch wußte, daß er zu wirken vermöge, ohne durch einen
entnervten Weichling kaum des Blickes werth, Tod durch verrätherisches
Pulver zu besorgen.
Die unterirdischen Gänge, Keller und Kerker, die bis über die Hälfte des
Felsens hinabreichen, jedoch hie und da vermauert sind, wurden
mehrentheils in Felsen gehauen, und gewähren im Sommer eine besondere
Kühlung, mögen aber einstens manchen armen Gefangenen Schweißtropfen
erpreßt haben. So sind jedem Jahrhunderte traurige Stürme beschieden,
vor deren Spuren die Nachwelt erbleicht.
Von der Aussicht, welche stolz die Umgebung beherrscht, liessen sich
Bogen anfüllen, wenn Wortkram Werth hätte; doch vergißt man nicht
leicht, wie nördlich das gleichfalls erhaltene Schloß _Mannsberg_[15]
vom bewaldeten Berge stolzen Willkomm entbiethet; wie an den Ufern der
Gurk im Norden und Süden, und westlich gegen _St. Veit_ von höheren
Bergen umringt, Vesten den Feinden zu schwach, ihre mißhandelten Mauern
enthüllten; wie südlich über Gebirge, Klagenfurts spitziger Thurm
neckend die Hauptstadt verrathet; östlich küsset die Gurk für tapferen
Schutz stiller Dörfer, dankbar des Felsens Fuß. Die Bewohner des
Dörfchens _St. Martin_, an _Osterwitzens_ Glocke gewohnt, erkennen die
Töne genau, die ihnen Arbeit des Tages und Heimkehr zum Imbiß verkünden.
[15] War bis zum Jahre 1628 ebenfalls ein Eigenthum des Freiherrn von
Khevenhüller’schen Hauses, wurde aber damals von _Sigmund_ dem
Domkapitel zu Gurk verkauft, welches bis jetzt Mannsberg besitzet.
Hat man die Nähe durchirrt, und sucht dann der Ferne Ziel, so endigt es,
wie der schmeichelhafte Wunsch des Menschen, groß und ausgezeichnet.
Westlich erheben die Villacher-Alpen ihre 1000 Klafter hohen Häupter, im
Süden die 20 Meilen fortlaufenden _Caravancas_, welche mit ihren
befrosteten Himmelsspitzen Kärnthen und Illirien unabänderlich trennen;
im Norden über die mit heldigem Blute der Deutschen ruhmgekrönten
Felder[16] hinaus, blicken Steiermarks Alpen herüber, und gönnen kaum
etwas im Westen -- auf ebneren Wegen die Feinde des Landes schneller zu
bannen!
[16] Zoll- und Krapffeld, welche sich von Klagenfurt über _St_. _Veit_
gegen _Althofen_ ausbreiten, waren seit undenklichen Zeiten immer die
Schlachtbänke der kärnthnerischen Kriege. Gegenwärtig, wo jeder Fleiß
sich des Besitzes freuen kann, sind es wogende Aecker und Wiesen, die
um den Vorzug dort sich streiten. Am Zollfelde geschah auch die
Huldigung der alten Herzoge von Kärnthen. Auf einem noch vorfindigen
grossen Steine (Herzogsstuhl genannt) sitzend, wurden sie nach einigen
Ceremonien zu Herzogen ausgerufen, hier wurden dann vom neuen
Landesherrn Ritter geschlagen, und Lehen ausgetheilt.
Im Schlosse werden zum Theile sehr alte Denkbücher gezeigt; eine
ungeheuere Menge Namen und passende _Vota_ bestätigen den zahlreichen
Besuch. Man sieht, daß nebst hohen Herrschaften und durchlauchtigsten
Prinzen, auch unser geliebter Monarch diese Veste 1810 mit seinem
Besuche beehrte.
Ich wollte nun den Rückweg antreten, allein meine galanten Gefährten,
Kaufleute aus Klagenfurt, die mit dem Schloßinspector befreundet waren,
nöthigten mich, hier zu übernachten. Nichts Erwünschteres hätte man mir
anbiethen können; mir war die Veste zu lieb, längeres Verweilen schien
doppelt Gewinn.
Um einen runden Tisch im Prunkgemache sassen wir aufgeräumt durch
mässigen Genuß edlen Luttenbergers, betrachteten die in gleichzeitiger
Tracht mit und ohne Knebelbart stolzierenden Bildnisse der Ritter,
welche diese Burg besassen, oder im Lande sich Ruhm erwarben; Freunde
und Feinde zierten in holder Eintracht die Wände, wie im besseren
Jenseits, wo Neid und Kriege verstummen. Jeder von uns erzählte nun
etwas, und opferte ein Gläschen den Manen seiner Helden. Lächelnd oder
finster, je nachdem sie die Sage schilderte, schienen die Köpfe auf uns
nieder zu blicken. Da waren nebst den Ahnen der im Reiche immer
ausgezeichneten Fürst Khevenhüller’schen Familie, Conrad der II. von
Kraig, der 1395 Friedrichen von _Auffenstein_, Burkharden von
_Schärfenberg_, Ruprechten von _Gradenegg_, und Ulrich von _Weissenegg_,
am Krapffelde schlug und gefangen nahm; zwei Grafen von _Cilly_, die
Kärnthens Schrecken gewesen, _Dietrichsteine_ und _Welzer_, Ritter in
Kärnthen gleich rühmlich und zahlreich; Rudolph von _Habsburg_ und sein
gedemüthigter Rivale, der stolze _Ottokar_, beide für Kärnthen
unvergeßlich; dort das kriegerische Weib Margaretha _Maultasche_ im
ritterlichen Harnisch, wie sie 1334 nach ihrem verstorbenen Vater Herzog
_Heinrich_, Kärnthen gewaltsam in Besitz zu nehmen, mit einem
Tiroler-Heere Dörfer und Burgen verwüstete, bis am Felsen von
_Osterwitz_ derer Glück und Kräfte sich brachen; ihr tapferer und
fintenreicher Gegner Adalbert von _Schenk_ schien auch itzt als Herr der
Veste zu gebiethen; Leonhard _Lohner_ zu _Liebenfels_, läugnet im
dreihundertjährigen Harren nicht den Feuerblick, mit dem er 1529
zweihundert gepanzerte Reiter nach Wien gegen die gewaltigen Feinde der
Christenheit kampflustig leitete. Von denen, welche mit ihrem Leben das
Merkwürdigste verloren, kein Wort! diese Portraite entstellen die
nachbarlichen!
So von Kärnthens Helden, dessen klassischen Boden und wunderlichen
Mährchen noch manches erzählend, hatten wir uns in die Vorwelt dermassen
verstrickt, daß man uns wiederholt zur Ruhe mahnen mußte. Wir folgten
endlich dem klugen Rathe; dumpf tönten die Schritte durch den langen
Gang, worin Jedem ein Zimmer angewiesen wurde; ohne mich vorher viel
umzusehen, genoß ich der Ruhe.
Wie die lebhaftesten Eindrücke des Tages auf unsere Phantasie wirken, so
haben sie sonder Zweifel ihren Einfluß auf den Schlaf. Ein was immer für
lebhafter Traum hatte mich zu einem Schlage auf die Mauer erbittert. Ich
erwachte, mein Hund (vielleicht wegen des Schlages) winselte und murrte
unterm Bette; ich wollte ihn besänftigen, da rollte mit fürchterlichem
Getöse das Bett gegen die Mitte des Zimmers, mein _Duna_ stürzte hervor,
sein donnerndes Gebell und das Schmettern einer ganzen Scherbenfabrik
hätte selbst die Todten erschreckt, ich sprang auf! -- Vor mir einige
Schritte stand, vom matten Sternenlicht kaum beleuchtet, eine weisse
Gestalt; bedächtig hin und her schwebend, schien sie doch weder näher
noch weiter zu kommen. Ich dachte, es gelte einen Spaß, und geboth
unwillig, anderswo die lästigen Künste zu produziren; -- keine Antwort!
es war zu finster, um Stock oder Stiefel zu finden, die verdiente
Bezahlung zu leisten; da entbrannte mein Zorn, Herr und Hund eilten zu
der Gestalt, und ich packte -- einen Kleiderstock! Beschämt ließ ich ihn
verschont, und überließ dem Tage die Aufklärung. Diese kam auch bald und
natürlich; das Bett, welches nach alter Art mit Rädern in den Füssen
versehen war, wurde sowohl durch einen Ruck von mir, als auch von dem
deßhalb hervorspringenden starken Hunde in Bewegung gebracht, der dann
zum Unglück ein Tischchen umwarf, worauf nebst dem nöthigen Geschirr zum
Reinigen, auch einige Gläser und Flaschen mit Wasser standen. Die
Gestalt endlich war ein langes Handtuch, welches Jemand über den
Kleiderstock zum Gebrauche hing, und das durch den Luftzug der aus
Versehen offen gelassenen oberen Fenstertäfelchen fortwährend bewegt
wurde.
Meine Reisegefährten, die wie natürlich, dieser tumultuarische Kampf
erwecket hatte, frugen scherzend, ob mich die Geister von _Osterwitz_
geplagt, oder die wilden Jäger aus dem verzauberten Forste zum Balle
laden wollten? -- Ich konnte in der Verlegenheit nur die Wahrheit sagen,
und sie würzte bei Lachen das Frühstück.
Mit einem kleinen Umwege über _St. Georgen_ am Lengsee, wo das schöne
Schloß der Grafen von Egger im reinen Wasser sich spiegelt, und viel
lustiger die Gegend kleidet, als da es vorher noch ein herbes
Nonnenkloster war, kehrten wir nach _St. Danat_ zurück, von wo uns der
Wagen leider auf der nemlichen Strasse wieder nach Klagenfurt brachte;
ich wollte zwar das westlich eine Berghöhe beherrschende Schloß
Tanzenberg, den alten Besitz der _Keutschacher_, nun der Freiherrn von
_Schluga_, besichtigen; allein ich glaubte der Versicherung meiner
Gefährten, daß man eben von Osterwitz kommend, ohnmöglich den Weg hinauf
belohnt finden kann.
Ich verließ Klagenfurt und wanderte am Ufer des der Stadt sich
anschliessenden Kanals, welchem aus dem Werder- oder