leitet. Dieses aus neun Häusern bestehende Dörfchen, dem eine Badquelle
Ursprung und Namen erwarb, so unansehnlich und verborgen es in einem
Waldkessel liegt, soll doch eine besondere Einwirkung auf Kranke
besitzen; ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung
des Krankheitsstoffes oder baldigem Tode bestehe? erstere möge
wenigstens dem Gebrechlichen so lange Trost seyn, bis Schwermuth als
natürliche Folge dieses quälenden Wohnortes, letzteren herbeizieht.
Indessen soll den Frauen, welche sich der Unfruchtbarkeit beklagen,
dieses Bad als Remedium dienen.
Eine Strecke noch dauert der Wald, dann treten ergibige Kornfelder
hervor; malerisch erhebt sich über deren grüner wie sanfte Meereswogen
schaukelnder Fläche, nach fünf Viertel Stunden das Dörfchen _Lanach_,
gleich einem im gesegneten Ocean schwimmenden Schiffchen. Der Baron
_Mandl_ hat in seinem schönen Schlosse daselbst genug Gelegenheit, den
Zauber seines Besitzes zu übersehen.
Die Gegend gewinnt an Wärme -- abwechselnde Hügel und Berge machen die
Wanderung noch heisser. Die Oertchen Heuholz, Teipl und Roßegg, aus
wenigen Hütten bestehend, würde ich kaum nennen, wenn nicht ihre Lage
sie zu Ehren brächte; Weinranken umwinden die Häuser, deren Most[11]
zwar nicht unter den guten zu rechnen ist, aber demohngeachtet den
ländlichen Schmuck vervielfacht.
[11] Sogenannter Schilcherwein, von blaß rother Farbe, läßt sich ein,
kaum zwei Jahre erhalten, und wächst in der Umgebung bis Kreuzegg; die
Maß kostete 1825 12 kr. W. W.
Beim Dörfchen Pichlin sah ich die ersten Maisfelder (Türkenwaiz), welche
mit Kürbissen begränzt, nun wenig unterbrochen bis Völkermarkt
fortwährend, und Menschen und Vieh die genügendste Nahrung sichern. Der
Markt
Stainz,
dessen gleichnamiger Bach einige Müller und Lederer beschäftigt, besitzt
rechts auf einer Anhöhe ein nun aufgehobenes ehemaliges
Augustiner-Chorherrnstift, dem ein infulirter Probst vorstand, und das
nun als Kaserne zum Theile benützt wird; _Leutold_ von _Wildon_ hat es
1229 gestiftet, Kaiser _Joseph_ 1785 aufgelöst. Mehrere wohlhabende
Fleischer sind hier zugleich Viehhändler und Gastwirthe; einer von ihnen
erzählte mir, während ich mich etwas restaurirte, wunderliche
Geniestreiche von den berüchtigten Gaunern (sogenannten Stratafiseln)
welche die friedlichen Gebirgsdörfer mit ihren Besuchen seit einiger
Zeit erschrecken, und obgleich schon mehrere von jenen eingefangen
wurden, noch immer diesem Bezirke gewogen bleiben[12]. Ich konnte dem
Erzähler etwas Glauben beimessen, weil ich vor einigen Tagen zu Grätz
zwei dieser Schurken durch den Strang hinrichten sah; allein, mir
deßhalb nach seinem Anrathen einen tüchtigen Führer mitzunehmen, schien,
wenn nicht lächerlich, doch ganz unnöthig.
[12] Den lobenswerthen polizeilichen Vorkehrungen der Regierung ist es
nunmehr gelungen, jene Unholde in der Wurzel auszurotten.
Ich verließ nun, ohne die gutmüthige Warnung ganz zu vergessen, die
Fahrtstrasse; ein schlechter Feldweg über eine Sumpfwiese führte mich in
drei Viertel Stunden zu einigen Häusern des weiten Bergthales,
_Graschuch_ genannt, und dann neben Mais- und Kürbisfeldern bald nach
Laßelsdorf,
einer aus 29 Häuschen bestehenden Gemeinde. Die Gegend war eben nicht
schön, aber milde zu nennen; frischgrüne Hügel trugen auf ihrem lockeren
Rücken Befriedigung der Sorgen vor quälenden Winter; ein Bach,
unschädlich den Ufern und strotzenden Saaten, schleicht unter Schilfrohr
und Weidenbäumen ruhig dahin; glänzend spielt hie und da bei Tage eine
breitere Fläche desselben, doch kein Murmeln verräth ihn, sobald sich
die Sonne ins Meer getaucht; einzelne Linden und Ahorn locken den
Wanderer in ihren wohlthuenden Schatten, ohne ihm dafür die Irrwege
eines Forstes zu bereiten; die Häuschen schon ganz aus Holz gebaut,
zeigen deutlich, wie geringer Besitz zum stillen Glücke hinreiche.
Außer Lasselsdorf beginnt der Wald, bejahrt und düster wie des Menschen
gewöhnliches Ende; ein tiefer Hohlweg macht den Anfang -- so tritt man
ungewiß ins Leben. Bald theilt sich der Pfad, ich wählte den
verläßlichsten links, benöthigte aber anderthalb Stunden, bis ich dem
Dunkel mich entwunden wieder das Freie erblickte. Schon sah ich einzelne
Hütten im Thale glänzen, und hörte das Rasseln eines bergab holpernden
Karrens; wohlgemuth wollte ich mir im Gebüsche ein Stündchen Ruhe
gönnen; doch kaum etwas eingeschlummert, als mich das Gebell meines
Hundes erweckte. Mit lästigen Gedanken schwanger, glaubte ich beim
Anblick dreier mit derben Knitteln bewaffneter Bauern nichts sicherer,
als einige der ungebethenen Gesellschafter zu erblicken; schnell
aufspringend fragte ich nach ihrem Begehren; sie aber schenkten mir kein
Gehör, traten zurück, und pfiffen, daß mir der Schall durch Mark und
Blut wirbelte. Ich wollte mich aus dem Staube machen, nun kamen aber
noch drei und verwehrten mir die Passage; diese Anzahl schien zwar für
gewöhnliche Schelmen zu viel, demohngeachtet konnte ich aber noch immer
nichts Gutes vermuthen, weil sie mir befehlend zuriefen, mich und die
Büchse zu übergeben, und dabei meinen treuen Hund, der indessen einen
tüchtig zu Boden warf, so in die Enge brachten, daß ich für sein Leben
fürchtete. Die aufgehobenen Stöcke, die nun auf mich blitzten, zwangen
mich zu der drohenden Betheuerung: daß ich denjenigen augenblicklich
niederschiessen würde, welcher sich eine Gewaltthat gegen mich erlaube;
dagegen wolle ich wissen, wer sie wären, und was sie mich so anzufallen
berechtige? Der ernste Ton, ein Holzstoß der mir den Rücken deckte, und
_Duna_ zum neuen Angriffe bereitwillig, brachte die Tölpel zur Sprache:
Sie seyen, antworteten sie, von der Gemeinde zur Aufbringung
verdächtiger Leute in der Umgebung beauftragt, und ich müsse ohne
Wiederrede meinen Paß ihnen vorweisen. Unter anderen Umständen hätte
mich, der ich erst heute von Grätz abging, und weder in Kleidung noch
Gewerbe einem gefährlichen Menschen ähnlich sah, solch ein Argwohn nicht
wenig erbittert; nun aber belächelte ich dieses Mißverständniß, und
froh, durch Willfahrung allen nachtheiligen Streit zu heben, übergab ich
das Verlangte. Zum Glücke erkannte einer dieser Knittelritter
Unterschrift und Siegel der Grätzer-Polizeibehörde, und erlaubte
deßhalb, nachdem er mich noch mit einigen langen und breiten Blicken
seiner Einsicht begnädigte, meine Reise ungehindert fortzusetzen. Die
Ermahnung »mir ja keinen fremden Menschen zum Begleiter anschließen zu
lassen« schien er als wohlthätiges Salz über das unzuverdauende
Frühstück, welches mir zugedacht war, gratis zu ertheilen.
Zufrieden, dieser lästigen _Sauvegarde_ enthoben zu seyn, wanderte ich
nach
Kleinstätten (oder St. Michael).
Bei diesem Dorfe hielt ich das neue Schloß mit seinen vier Thürmen nicht
der Besichtigung werth; ebenso wenig Reitz hatten die Gemeinden
Groschach, eine halbe Stunde davon Katzelsdorf, dann über einer Berghöhe
Wies; schlechter Feldbau, Waldverwüstung und unbeträchtliche Viehzucht
geben kein gutes Vorurtheil von den Besitzern. Die Gemeinden Pölsing,
Brunn, Jägernegg, im Marburger-Kreise liegend, gehören zur Herrschaft
Purgstall, und sind etwas mehr gepflegt.
Zu Altenmarkt, einer kleinen Gemeinde auf einem Waldhügel zerstreut,
überraschte mich der Schall mehrerer musikalischer Instrumente, deren
wohlklingende Töne mehr als gewöhnliche Dorfstümpler verriethen. Meine
Vermuthung ward realisirt, als ich bei einer hölzernen Weinkeusche neun
böhmische Musikanten erblickte, die auf ihrer Brotreise nach Triest um
mäßige Nahrung zu musiziren pflegen, und hier eben von einem Kornhändler
aufgefordert, desto williger Folge leisteten. Der nahende Abend, die
abgeschiedene Gegend, das sanft verhallende Echo in den sich kreuzenden
Thälern, endlich die wohlgewählten Musikstücke, erweckten einen so süßen
Zauber, den kaum der Genuß des saueren Weines und zähen Bockfleisches
etwas mässigte.
Zu Eiberswald, einem ansehnlichen Markte mit vielen Wirthshäusern,
beschloß ich meinen heutigen Marsch.
Von Eiberswald leitete mich folgenden Morgens ein schlechter Fahrtweg
zum
Radelberge.
Eine dreifache Bespannung konnte daselbst einen Weinwagen nicht zur Höhe
befördern; Geschrei und Hiebe der Kutscher bezweckten nichts bei den
armen Thieren. Ich verwünschte die Nachlässigkeit, welche auf
Nebenstrassen meistentheils die Gebirgswege ganz verwahrlosen läßt, die
doch um so mehr Pflege bedürfen, je mehr sie Gewitter und Radschuhe
zernagen. Ein egoistischer Fußgeher darf sich zwar weniger darüber
beklagen, da der untere Theil des Berges von schönen Buchen beschattet,
ebenso leicht zurückzulegen ist, als den oberen ein angenehmer Fußsteig
erträglicher macht. Auf dem Gipfel des Berges steht ein hölzernes
Bauernhaus, worin man sich, wem das Quellwasser an der Straße nicht
behagte, bei einem Glase Wein, Stück Schaffleisch und schwarzen aber
gesunden Brote erquicken kann. Eine Gallerie welche aus dem Stockwerke
herausführt und vom Dache zugleich bedeckt ist, gewährt die herrlichsten
Uebersichten. Wälder und Berge schmücken sich im jungen Roth des
heiteren Morgens; hie und da blicken Thürme und Häuschen hervor, wie
einzelne Schildposten ihrer Gemeinden; links prangt auf waldiger Spitze
nahe das Kirchlein St. _Johann_, ein Trost in den Stürmen des Winters,
die öfter zu feindlich hier wüthen; in blauer Ferne erkennt man den
Zauberkessel von Grätz, dessen Schloßberg kaum als Hügel erscheint. Ich
wendete mein Fernrohr nach allen Richtungen, und immer schöner pries ich
das neu gewonnene Bild; der biedere Aelpler freute sich mit, daß ich
seinen Wohnsitz so schön fand, und rief die Familie herbei, damit ich
derselben erlaube, durch das Zauberglas auch alles besser zu besehen;
ich überließ es den Kleinen, welche es verkehrt und von beiden Seiten
zugleich gebrauchten, nichts sahen, und sich höchlich freuten, daß alles
so prächtig erscheine. -- Was doch der Glaube für Wunder entbildet!
Mit dem frugalen Frühstück zufrieden, verließ ich den biederen Wirth,
der nie in Städten rechnen lernte, und wanderte nun Thal ab; der Wald
endet bald, Wiesen und Heidekornfelder reichen sonach bis