KYSELAK.

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Abreise, Steinfeld, Bergfeste Klam, komischer Auftritt.

Es war ein herrlicher Abend am zwölften August; kein Wölkchen trübte den

Horizont, nur leiser Westwind belebte die glänzenden Blätter und lüftete

die verweilte Schwüle des Tages: als ich mit wonnetrunkenem Gemüthe

wegen endlich befriedigter Sehnsucht, dem Wienerberge zufuhr. Ich wählte

die anfängliche Wagenreise, weil Jeder der die langweilige Fläche bis

Neunkirchen auch nur einmal zu Fusse überschritt, sich gewiß diese

marternde Wanderung nicht zum zweitenmale wünscht. Meine Gesellschaft,

ein alter Herr nebst Frau und ein Jude, hatte zu wenig Interessantes für

mich, als daß ich dem freudig zu bringenden Lebewohl für Stadt und deren

liebe Bewohner hätte widerstehen können. Ich stieg daher bei der Säule

(Spinnerin am Kreuze) aus, und erblickte den ausgebreiteten Steinhaufen

von Tausend Laternen beleuchtet, im silbernen Glanze des eben

aufsteigenden Mondes. Freudig hoben meine Brust süß sich entbildende

Gefühle beim Bewußtseyn, nun dem dunstigen Getümmel Wiens für längere

Zeit entzogen zu seyn.

Bis ausser _Ginselsdorf_, wo wie gewöhnlich in heissen Sommerabenden

rechts in dem Sumpfgraben neben dem Posthause häufige Irrlichter ihr

äffendes Wesen trieben, war die Unterhaltung ziemlich einseitig; der

alte Herr schlief, die Frau bethete, der Jude zitterte, unser Kutscher

rauchte sein Pfeifchen, und ich schwebte in der Zukunft.

Bald passirten wir das dürre _Theresienfeld_[1], dessen langweiligen

Sandboden der späteren Einwohner Fleiß und Kunst endlich zum Nutzen

zwang.

[1] Dorf, wurde von der Kaiserin _Maria Theresia_ Anno 1763 auf eigene

Kosten angelegt, und Tiroler-Ackerleute dahin beschieden, die Steppen

urbar zu machen, welches jedoch deren Nachfolgern, pensionirten

Offizieren, ebensowenig gelang.

_Neustadt’s_ wild vorbeirauschende _Fischa_[2], manchen Feinden

brückenlos eine trotzige Gegnerin, und deren ehemalig strenge Thore

gestatteten nun gutmüthig den Durchzug; fürchterlich rasselte der Wagen

auf dem noch alten Pflaster; doch schliefen ruhig die Bürger, der Zeiten

ihrer Vorfahren entwöhnt, wo manches Lärmen zur Nacht Arme und Herzen

bewaffnet herbei rief. _Neustadt_, die in ihrem berühmten Leben so viel

hinlänglich bekannte Merkwürdigkeiten aufzuweisen hat, wird kein

Oesterreicher ungerührt verlassen. Der von hier nach Wien führende Kanal

ist der vielen Krümmungen wegen noch um einige Stunden länger, als die

Poststrasse. Vor dem Neunkirchnerthore und mitten am Steinfelde links an

der Poststrasse, stehen zwei gleich gewölbte Säulen als Meridian

Meßzeichen vom Jahre 1763, welche somit das Andenken des Jesuiten

_Liesganig_ erhalten.

[2] Von den Landleuten nur gemeinhin das Neustädter-Wasser genannt,

entspringt bei Grünbach und Emmerberg in Nieder-Österreich aus

mehreren Quellen.

Mit leichter Mühe verdoppeln rasche Pferde die Schnelle der Fahrt von

Neustadt bis Neunkirchen; kein Hügel, kein Graben zeigt sich auf dieser

weiten Fläche, das Steinfeld genannt. Magere Aecker mit Korn und Heide

dürftig besetzt, und Striche von Föhrenwäldern, die der betriebsame

Geist hier anlegte, um die hitzigen Sandfelder wenigstens etwas zu

benützen, sind nebst vielem Hochwilde die ganze Ausbeute dieser

österreichischen Wüste. Im höheren Föhrenwalde hinter dem einzigen

Wirthshause (Einschicht genannt), welches wie eine Eremitage an der

Strasse links trauert, sahen wir immer deutlicher Wachfeuer

hervorleuchten. Es war allerdings ein imposanter Anblick, mitten aus dem

schwarzen Haine die hellen Opferfeuer winken zu sehen: doch wußten wir,

daß es die Schweinhändler unterhielten, welche aus Ungarn über Aspang

ihre Transporte nach Wien bringend, in diesen Wäldern meistens

übernachten. Demohngeachtet war der Israelit einem Fieber nahe; Schreck

rüttelte seine marklosen Knochen, und er betheuerte unbefragt bei allen

Söhnen Abrahams, keine Baarschaft bei sich zu haben. Plötzlich schlug

mein Wolfshund, der schnellfüssig vor dem Wagen lief, auf etwas im

Graben gewaltig an; der Kutscher hielt, und fand dem Anzuge nach, einen

betrunkenen Viehhändler, welcher flehendlichst bat, ihn gegen gute

Bezahlung mit auf den Wagen zu nehmen. Mit unserer Erlaubniß hob er

denselben zu sich, welcher seiner Rolle vollkommen Genüge leistete,

endlich entschlief.

Ausser dem bedeutenden, vom wüthenden Schwarzaflusse[3] bespühlten

Markte Neunkirchen, endigt sich die lästige Fläche; die Berge rücken

zusamm, und gewähren bei Tage die interessantesten Prospekte. Belebte

Wälder mit dem dreigipfeligen Geisberg, und schwarzerdige Aecker zur

Linken, die pittoreske Heyssensteiner-Felsenwand mit den Gebirgen um

Stüchsenstein zur Rechten, schließt der majestätische Schneeberg und

seine graue Familie den Hintergrund. Groß und erhaben wie keiner,

beherrscht er die Umgebung, und fesselt des Wanderers Gemüth.

[3] Die Schwarza entspringt bei Rohr in Nieder-Österreich, durchfließt

dann immer neue Gießbäche aufnehmend das Höllenthal, wird daselbst

durch den Naßwalderbach, der fortwährend Holz triftet, mächtig

verstärkt, treibt bei Reichenau und Glocknitz eine Menge Mühlen und

Hammerwerke, und verbindet sich bei Katzelsdorf mit einem Theile des

Trasenbaches. Ausser Neustadt vereint sich endlich diese viel

wasserreichere Schwarza mit der minder mächtigen Leitha, und ungerecht

den Namen der letzteren annehmend, gränzet sie eine bedeutende Strecke

hindurch, Österreich und Ungarn, und ergießt sich sodann als

bedeutender Fluß bei Ungarisch-Altenburg in einen Arm der Donau.

Merkwürdig ist, daß dieser Fluß, Trotz seiner bedeutenden Strecke,

durchaus fischarm ist; die beständige Holzschwemme im Gebirge, bannet

die sonst häufigen Forellen, und in der Fläche soll der Boden

ungünstig und das Wasser verdorben seyn. Wäre dieser Fluß wegen seinen

ungeheueren Verheerungen zur Zeit eines Hochgewitters, wo von den

sonst trockenen Rissen des Schneeberges und dessen Umgebung Ströme

herabbrausen, leider nicht allzubekannt, so dürften davon die

verwüsteten Uferbeete, breiten Sandfelder und abgespühlten Ackergründe

hinlängliche Bürgen seyn.

Ein Wald von Obstgärten, die süße Last kaum ertragend, führt zum

thätigen Glocknitz und dessen Mühlen und Eisenhämmern; aber alles lag

noch im Schlummer, und nur die glühenden Gipsöfen hauchten Feuer und

Gluth; desto weniger von letzteren besitzen die rechts am Waldberge

drohenden Weingärten, die hier zur Schau, aber nicht des Nutzens wegen

zu frosten scheinen.

Herrlich durchblickte den lichten Morgenschleier rechts die schöne

Probstei _Glocknitz_, und links das alte und gegenwärtig noch bewohnte

Schloß _Wartenstein_ von seinem erhabenen Sitze die schlummernde

Heerstrasse. Weit reicht seine Uebersicht durch den Waldberg um

Traiskirchen hinaus, und dieß möge ihm eine sorgsame Erhaltung

versichern. Wilder und verworrener wurde bald das geengte Thal, man

unterschied schon in deutlichen Konturen das in Trümmern sich auflösende

verhängnißvolle _Klam_ auf einer senkrechten, wunderbar drohenden

Felsenwand, welcher Verwitterung und Alter weiß und braune Farben gaben.

Seit dem zwölften Jahrhunderte von mächtigen Geschlechtern bewohnt, die

Vormauer Oesterreichs und Steiermarks, und allen Angriffen habsüchtiger

Menschen und deren Zerstörungssucht muthig Trotz biethend, überwand es

der Zorn des Himmels im Jahre 1801 durch einen zermalmenden Feuerblitz,

und beugte das von Männern unbezwungene Schloß.

Wenn nur die Hälfte Begebenheiten jenes Schlosses sich bewähren, so

verdient es mehr als einen Blick, mehr als blosse Bewunderung jedes

biederen Herzens. Kühn ist sein Körper geformt, kühner der Bau seines

Scheitels; jenen errichtete Gott, diesen die Menschen; doch wer mehr

Bewunderung erzwingt, darüber verstummet mein Urtheil. Dahin ist nun

sein Stolz, verschwunden seine Macht; Gram und Unglück bleichte seine

Form, und sich mehrende Runzeln bezeugen das genahete Ende des Greisen.

Zu spenden gewohnt, wer sich ihm vertraut, beschützt er zwar nimmer

Heere von Kriegern, doch üppig nähren sich aus den Resten seines

Körpers, Stärke beweisende Fichten.

Wem Zeit und Gelegenheit erlaubt, versäume ja nicht das Monument

ehemaliger Baukunst zu bewundern. Ungeheuere Gewölber und Gemäuer, und

ein mächtiger runder Thurm, dürften noch längere Zeit erboßten Blitz und

Stürmen trotzen. Ich habe _Klam_ voriges Frühjahr untersucht, und kann

ihm füglich einen der ersten Plätze unter Deutschlands schönern Ruinen

einräumen. Schade, daß man sich denen in Felsen gehauenen unterirdischen

Gängen, welche von der Strasse zu sehen sind, nicht nahen kann.

Gegenüber befindet sich ein Wartthurm, der früher dem Grabe zueilt.

Ich erlaube mir einer vaterländischen Begebenheit neuerer Zeit hier zu

erwähnen. Oben, zwischen der Veste und der gegenwärtigen neuen Kirche

und Schulhause, befinden sich die Ruinen des Anno 1809 verbrannten und

zerstörten Pfarrhofes. Der damalige Seelsorger, ein von Patriotismus

entflammter Oesterreicher, hätte bald durch seine militärische

Vaterlandsliebe über die ganze Umgebung das verheerendste Unglück

gebracht. Früher schon mit dreien Jägern, einem fremden Beamten und

etlichen Bauern verabredet, wußte er sich mehrere Gewehre zu

verschaffen, und feuerte auf die vorbeiziehenden französischen Truppen

mit einigem Glücke. Doch die Feindeszahl wuchs, man erstieg und besetzte

den Felsen, verbarg sich in der alten Feste, und beschoß den Pfarrhof.

Der Pfarrer, welcher vielleicht Entsatz von zahlreichen Bauern hoffte,

vertheilte einige seiner Patrioten im Kirchthurme, er selbst mit den

andern aber verschanzte sich in Eile mit Tisch, Kästen etc. im

Pfarrhofe. Nun begann von allen Seiten ein wüthendes Schiessen, wobei

jedoch die Feinde öfter Allen, nur dem Pfarrer nicht, Pardon

zusicherten; doch die männlichen Seelen verachteten dieß, und hielten

Stand, bis der letzte Balken schon brannte. Wunderbar! gerade der

Pfarrer entkam durch Rauch und Flammen, in Bauernkleidern, während ein

Jäger und Bauer erschossen wurde, einer im Herabspringen den Fuß brach

und verbrannte, die übrigen aber bis auf einen Bauer gefangen wurden.

Weiber und Kinder retteten sich bei Zeiten in die Gebirge. Aus Gnade des

damals kommandirenden Obristen verschonte man Schottwien und Glocknitz

von dem schon beschlossenen Brande. Ich erkundigte mich voriges Frühjahr

vergebens, wo nun der Aufenthalt des damals glücklich entronnenen und

vielleicht noch lebenden energischen Geistlichen sey? -- Daß so etwas

sich verdunkeln kann!

Der Markt _Schottwien_ bildet eigentlich nur eine lange Bergstrasse von

einem Bache durchschnitten, ist aber wegen des nahen Semmerings, wo

jeder geladene Wagen Vorspann benöthiget, sehr einträglich. Die

Einwohner sind gutmüthig, und in ihrer Tracht und Handlungsweise schon

ganze Steierer! Ober dem Markte auf einer schönen Wiesenhöhe steht der

Gnadenort _Maria Schutz_.

Als wir ausser Schottwien mit Tagesanbruch uns befanden, erwachte

plötzlich der am Bocke taumelnde Schlauch, rieb sich die Augen, sah in

der Runde umher, und griff, kein Wörtchen sprechend, nach seiner um den

Leib geflochtenen Riempeitsche; maß unserem Kutscher etwelche herab,

ohne daß wir den Hergang enträthselten. Wart Spitzbube, stotterte er,

ich will dich lehren ehrliche Leute zum Narren haben; will ich doch

gerade nach Wien, und der Schurke führt mich nach Steiermark! Ich konnte

mich des lauten Lachens nicht enthalten, weil ich wie Jeder sicher

vermeinte, er wisse doch wenigstens die Strasse, und gehöre wirklich

dahin. Indeß hatte sich der Kutscher von seinem ersten Schrecken

erhohlt, packte den Händler mit Muth, und gab ihm jeden Streich mit

Zinsen zurück; der Takt währte fort bis ich und mehrere herbei gekommene

Leute Ruhe gebothen, und wir dann ohne weiteres Hinderniß, mit der durch

den Kutscher erbeuteten parforce Peitsche, dem Semmering zufuhren.

Übern Semmering nach Steiermark.

Langsam winden sich die Wägen zur Höhe; wer nicht allzubequem ist,

verläßt vor dem Mauthhause die Strasse, und geht vom Staube befreit,

rechts über duftende Wiesen einen zwar steilen aber näher zum

Bergbrunnen führenden Gangsteig. Hier erwartet man gewöhnlich den Wagen,

indeß die kristallene Quelle für die Bemühung Ersatz biethet. Ein

schwerer breiträdiger Güterwagen mit 160 Zentner Ladung, wälzte sich

herauf durch die gesammte Kraft von 16 Pferden[4], welche trotz ihrer

Anzahl jeden Augenblick der drückendsten Last nachgeben mußten; die

Kiessteine vom Rade berührt, zersplitterten zu Mehl. Ich verfolgte die

Höhe bis zum Gränzzeichen auf dem höchsten Punkte der Poststrasse. So

freundlich deuchte mir dießmal dieser herrliche Waldberg von

hochgestiegener Sonne vergoldet, im Vergleiche mit dessen vorigjähriger

Bereisung im April. Bunte, in die Höhe sich ziehende Wiesen, schieden

nun das hundertfache Grün der üppig sich umarmenden Buchen, Rusten und

Ahorn, und jenes der ernsthaften Tannen und Fichten; indeß dazumal nur

Schneefelder und schwarzgrüne hervorragende Föhrenspitzen, zur Trauer

und Melancholie stimmten. Der melodische Gesang zahlreicher Vögel, die

sich von ihrer schönen Wohnung durch die belebte Heerstrasse nicht

bannen liessen, und das herrliche Echo, welches ich durch einen Schuß

bewirkte, hätte bei mir das Bild eines glücklichen Wahnes vollendet:

wäre nicht eben ein Transport gefesselter Räuber und Deserteurs durch

zahlreiche Soldaten escortirt, herabgekommen; dieß erinnerte mich

wieder, daß ich doch nur in der für Viele verhängnißvollen Welt mich

befände. In einer finsteren Schlucht, wo die Strasse etwas eben

fortläuft, stürzt der Waldbach über Felsen und abgerissene Bäume

ungezügelt herab; tiefer Abgrund verschlingt den allzustürmischen, eine

kühne Bogenbrücke, als hätten deren Quadern die Römer gelegt, überspannt

dieses Hinderniß der Reisenden.

[4] Auf den Semmering wird bei guter Witterung eine gleiche Anzahl

Vorspannpferde genommen, als die gewöhnliche Bespannung ausmacht; das

Paar kostete Anno 1825 3 fl. 36 kr. W. W. bis zur Berghöhe. Die

Erlaubniß, mit breiten Rädern Lasten nach Wunsch zu laden, und dabei

die Hälfte Wegmauth zu bezahlen, verbessert zusehends die

Hauptstrassen.

Bald kommt man zum Monument Kaiser Karl des VI., welcher diese

Bergstrasse Anno 1728 zu seinem ewigen Ruhme anlegte; es ist zugleich

das Gränzzeichen, kollossal aus Stein ausgeführt, mit allen Innschriften

der damaligen hohen Baudirektoren etc. In einer hölzernen Hütte

gegenüber können Fuhrleute die dursterzeugende Bergstrapatze bei Bier

und Brandwein vergessen. Die Aussicht ist der vielen Berge wegen

beschränkt.

Nun eilt man mit zwei gesperrten Rädern zum freundlichen Dörfchen

_Spital_ am Fusse des Semmerings, welches seinen Namen und Entstehung

dem hier für die Wallfahrter nach Palästina von Ottokar den II.

errichteten Spitale (Gasthause) verdankt. Dampfende Meiler und schwerer

Hämmer schmetternde Töne wecken zum dürftigen Leben; schon herrscht

steierischer Häuserbau; aus kleinen Fenstern der ganz hölzernen Wände

betrachten neugierige Köpfe mit breitkrämpigen grünen Hüten geschmückt,

die vorbeieilenden Wägen. Mädchen in verunstaltenden kurzen

Leibestrachten, bringen schwere Lasten Futtergras auf dem Kopfe zur

Heimath.

Rasch gings nun nach _Mürzzuschlag_, wo wir die Bespannung wechselten.

Kirschen von schönster Gattung waren hier, wie bei Wien im Juny um

Kleinigkeiten feil. Das

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#77458) · 第 3 / 47 题