Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal

gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die

fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines

alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu

werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie

der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich

selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen,

ihr jedes Mittel gilt.

Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete

alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie

der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei.

Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und

lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall

zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht

über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist

entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den

Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der

Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute

sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.

Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht

sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll

das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und

Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der

Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm

zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen

Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem

täppischen Alten.

Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau.

Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer

lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie

probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah

an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt

nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den

sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den

Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis

hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr

Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu

striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit

Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes

Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche

Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des

hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs

die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen,

dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die

Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch,

Widerstand zu wiederholen.

Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen

schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im

Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste

die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im

Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater

hockte auf ihrem Schoß.

Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen

Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler

Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und

Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die

ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung

schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen

Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das

Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren.

Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet

die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche

Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem

Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht

in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und

wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur

verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr,

unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen,

leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach

kein Gegner.

Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und

den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich

war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert

und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt,

verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein

Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um

sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen

die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas

einst lodernden Haß.

Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt

-- sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit

gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer

Gegenstand -- und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das

Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör

und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet

ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da

Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und

in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das

Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als

leere Attrappe.

Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich

nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer

Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen,

freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende

stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle

haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und

Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie

auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über

Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer,

bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: »wen liebst du am

meisten auf der Welt?«, und kreischt der bunte Bursche: »Meta! Meta!«,

scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und

Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige

Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt

macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen.

Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt

Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in

ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und

Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr,

läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich

ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung.

Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch

sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine

gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit

und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und

belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der

Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen

Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem

Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche

will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der

silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch,

macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und

Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man

auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost

gestehen.

Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die

Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der

Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie

geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei

Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr

oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen

wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit

hinüber.

Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den

Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch

weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte

schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden

Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme,

sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was

sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da

höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um

so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf

die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß

sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der

Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta

schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber

beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr

verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt.

Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte,

von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem

Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock

herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie

wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit

riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die

offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber

zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit

schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und

gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die

Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und

fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh' ihr

noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und

zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und

Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt.

So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch

machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie

ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch

ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn

und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens

irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen

zum Kehricht.

Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein

paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.

* * * * *

Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen

Brief der ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und

Überlegenheit maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz

Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie

gleichgültig im Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen

Leuten als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate

seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus

eigenem Antrieb hätte sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst

von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie

dort ihr Lebensgefühl speisen sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und

Aussicht für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen? Ein grämlich

bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen. Halber Tod im Leben. Hier aber war

vor allem die Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung

hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd werde die auf sie einwirken.

Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie

am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht des Fühlens und der

Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal auserwählt und der

Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte sie

keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt war. Hochmut,

Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple

Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern

zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr

sinnlos. Hübsche Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen

Verhältnissen auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen

Anmerkungen von innenher bezeugten.

Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen

Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld

dazu, einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein,

die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte.

Jakob war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen

und Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale,

den Willen, sich in bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die

Fähigkeit dazu. Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als

Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht

störend, ein brillanter Hans in allen Gassen hatte eine schweigsame,

zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete

ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln, die verständnisvolle

Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und innere Abgeschiedenheit auch

dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung von

Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert war. Sie stützte

seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die Kurbeln

und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag

oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und

Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen.

Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden

Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen.

Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen,

Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von

denen sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte

nicht einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und

sträubte sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf,

um zu sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am

Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das

es erst legitimiere.

Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie

Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem

Maß als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging

im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der

Geburt zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste

Mensch einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen

war, langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst

recht Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in

gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte

Meta. Denn es entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie

nicht zu nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte.

Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit

handeln. Von sich selbst mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und

draußen wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form sprengend,

eine andere eigentümliche Form bildend, sich bewiesen.

In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die

Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung,

während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres

Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen

ihres weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener

Sensation zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er

war absonderlich jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen

Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn

gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg

heimgekehrt, um so deutlicher wird er das Ebenbild Jakobs. Derselben

Begabung, des gleichen seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen

Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen. Wie Jakob hätten auch

ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in seiner Welt beglaubigt;

hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und Toast

gefunden.

Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und

die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.

Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins

treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und

neuer Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie

und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte

sie, ein menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom

ersten Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für

sich gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses

sie geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es

sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er

im Hinblick auf die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der

Gewohnheiten, ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und

für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur

gegen Sattheit, Ruhe und Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich

empört gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner

des allebendigen Gottes. In Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema

und Klischee hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu

eigener Äußerung endlich gebracht.

Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe

mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden

ausgeruht.

Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr

ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder

rüstiger und richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt.

Es reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit

vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre

Schultern zu nehmen, seine Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen,

in alle Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den

Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber unter weißem Haar stand das

Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau

einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und andere keck

und zukunftssicher.

Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das

Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem

Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich

schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche

Aussehen arg vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher

im Dämmerlicht.

Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen

den Film des Lebens zurück, wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden

an der entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische

Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte aber vollkommene

Überzeugung von der einzigen Bedeutung dessen, wofür sie geblüht hatten.

Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne Schößlinge an. Das

kahle Holz begann zu treiben in der Gewißheit, solange es lebte, am neuen

Morgen noch immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht der Augen

wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen, bekamen Rüschen; Spitzen

und gefälteltes Weiß sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte

Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.

Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde der Weiber allabendlich um

die gewaltige Tafel: aus den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände

wie bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte des Tisches

gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede. In allen Antlitzen aber

brennen zinnoberrot hektische Flecken, und manchmal klopft zu dem

Gesprochenen ein Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.

Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin, die von Metas

Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit gehört hatte, sie aufsuchte

und, mit ihr plaudernd, meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den

Rest _ihrer_ Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden doch gewiß

dies zurück:

Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt

nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht

Unterwerfung unter hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische

Wirklichkeit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst

so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von

aller Menschheit streng unterschieden, einst schuf, und das er »Meta«

nannte.

ENDE

CARL STERNHEIM

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Jeder Band geheftet 3 M., in Leinen 4 M.

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rasa_ · Schauspiel (Auf Subskript.)

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des Euripides. In deutscher Bearbeitung. Wir sind. Neue Gedichte. 3.

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Meta: Eine Erzählung · 第 2 / 3 段