Wie kam nun aber unser Freund zu so vornehmen Beziehungen, wie gelangte
er hierher in die weltentlegene Einsamkeit der unteren Donau-Auen?
Schon vor Jahr und Tag hatten sich zunächst briefliche Beziehungen
zwischen dem bereits zu europäischer Berühmtheit gelangten Forscher
und dem hochbegabten Kronprinzen angesponnen, der das lebhafteste
Interesse für Vogelkunde zeigte und bald zu einem eifrigen Schüler
des von ihm hoch und aufrichtig verehrten Brehm wurde. Bald ergaben
sich auch persönliche Zusammenkünfte, die im Laufe der Zeit ein wahres
Freundschaftsverhältnis zwischen Thronerbe und Forscher entwickelten.
Es war keineswegs bloße Jagdlust, die den später so unglücklich
endenden Kronprinzen zur Vogelkunde führte, und er beschäftigte sich
keineswegs nur laienhaft oberflächlich mit ihr, sondern er arbeitete
ernsthaft, nachdrücklich und erfolgreich mit an den wissenschaftlichen
Streitfragen. Damals erregte die „Adlerfrage“ die Gemüter und gab
zu erbitterten Fehden Anlaß. Man stritt sich darum, ob Stein- und
Goldadler verschiedene Arten oder nur verschiedene Färbungsphasen
der gleichen Art seien. Der Kronprinz bemühte sich redlich, seinen
Freund aus dem weiten Gebiete der vogelreichen Doppelmonarchie mit
Adlermaterial zu versorgen, und eines Tages überraschte er ihn gar
durch die Frage:
„Wollen Sie mich zu Adlerjagden nach Südungarn begleiten? Ich habe
bestimmte Nachrichten von vielleicht 20 Adlerhorsten und glaube, daß
wir alle werden lernen können, wenn wir sie besuchen und fleißig
dabei beobachten.“ Zwanzig Adlerhorste! Welche Versuchung für einen
im raubvogelarmen Deutschland wohnenden Vogelforscher! Brehm hätte
ja nicht der Sohn seines Vaters sein dürfen, wenn er nicht freudig
eingeschlagen hätte. Außer ihm nahm auf Einladung des Kronprinzen
noch ein zweiter deutscher Ornithologe an der Fahrt teil, der Baron
Eugen Ferdinand von Homeyer aus Pommern, ferner der dem Kronprinzen
persönlich befreundete Graf Bombelles und Rudolfs Schwager, Prinz
Leopold von Bayern. Dem bekannten Wiener Präparator Hodek nebst Sohn
und Gehilfen war das Geschäft des Abbalgens übertragen.
Die nur 15tägige Reise, bei der aber jede Minute ausgenützt
wurde, gehört sicherlich zu den glücklichsten und ungetrübtesten
Zeitabschnitten in Brehms vielbewegtem Leben. Kein Mißklang störte sie,
von Anfang bis zu Ende klappte alles tadellos. Das war nun freilich
eine ganz andere Stromfahrt als vor Jahren auf dem Nil in gebrechlicher
Segelbarke mit widerspenstigem nubischem Schiffsvolk. Jetzt war für
das Behagen und die Bequemlichkeit der Forscher in einer geradezu
glänzenden Weise gesorgt. Nachts trug das brave Schiff sie mit der
Geschwindigkeit und Sicherheit der Dampfmaschine dem neuen Tagesziele
zu. Schon im Morgengrauen wurde aufgestanden, rasch gefrühstückt,
die erste Zigarre geraucht und dann an Land gegangen, wo schon Wagen
oder kleine Boote bereitstanden, um die einzelnen Jäger nach den
ihnen zugewiesenen Revierteilen zu bringen. Ortskundige Grünröcke
geleiteten sie dann zu Fuß nach den vom Forstpersonal vorher sorgfältig
ausgekundschafteten Horsten, und nun hieß es, sich in Geduld zu fassen
und Dianas Gunst zu erflehen, um den am Horste an- oder abstreichenden
Adler oder Geier zu Schuß zu bekommen. War ein Horst mit oder ohne
Erfolg erledigt, so befand sich gewöhnlich noch ein zweiter und dritter
in der Nähe, an dem das Weidmannsheil erneut versucht werden konnte.
Den mächtigen Seeadler, den Brehm von Afrika her nur als räuberischen
Wintergast kannte, durfte er hier an seiner umfangreichen Knüppelburg
belauschen, und den gewaltigen Kuttengeier, den er im Sudan so oft
beim Aase gestreckt hatte, konnte er hier von seiner Kinderwiege
mit sicherer Kugel herabschießen. Besonders anregend war es für
ihn, die zwischen diesem feigen Riesenvogel und dem kleineren, aber
schneidigeren, kräftigeren und gewandteren Steinadler bestehende
Todfeindschaft zu beobachten. Der Haß dieser großen Raubvögel
gegeneinander ist ganz merkwürdig. Kronprinz Rudolf sah sogar einmal,
wie Adler und Geier, in einen einzigen Knäuel verkrallt, sich wütend
im Geierhorste herumwälzten, wobei der Horst wankte, Äste brachen
und Wolken von Staub aufstiegen, bis schließlich der mächtige
Geier herausgeworfen wurde und erschöpft auf einen niedrigeren Ast
heruntertaumelte, wo die Kugel des Prinzen seinem Leben ein Ziel
setzte. Auf diesen Schuß hin stürzte aber aus dem Horste nicht nur der
siegreiche Steinadler hervor, sondern auch das brütende Geierweibchen,
auf dessen breitem Rücken sich also offenbar der ganze erbitterte Kampf
abgespielt hatte!
[Illustration: Alfred Edmund Brehm