Er blickte sie abwesend an, nickte langsam: »Gibt keinen.« -- Ich, für
mein Persönchen, fühle mich ein bißchen schuldig, daß der hingerichtet
wird . . . Daß der hingerichtet wird --.
»Gehts da naus?«
»Ja, da hinaus. Sie sind die Mutter? Wie?«
»Och, du lieber Gott.« Ihr jetzt schlaffes Reisesäckchen streifte am
Boden, als sie den dämmerigen Gang entlang trippelte.
»Nur nicht ausweichen, das ist die Mutter.« Er fühlte, wie die Last sich
vergrößerte, und ging neben der Mutter her.
Auch noch auf der Straße, wo die Automobile sausten.
Wenn sie stehen blieb, um einen Übergang zu gewinnen, blieb auch er
stehen. »Und der bleibt zurück in der Zelle . . . bis ihm der Kopf
abgeschnitten wird. Das soll abschrecken. Zweck. Hauptzweck.« Da empfand
er tief, daß Roheit nie das Gegenteil, sondern wieder Roheit erzeugt und
deshalb nicht abschrecken kann. »Wird tausend Morde erzeugen, hat er
gesagt. Und tausend ungerechte Richter . . . Ungerechte Richter. Das ist
mein Fall, sieh mal.«
»Soll ichs Ihnen tragen?«
Sie gab ihr Reisesäckchen nicht her; nahms zur Brust hoch.
Und wie stehts da mit dem andern Hauptzweck, nämlich, daß die
Gesellschaft sich schützen muß? . . . So gut sie kann, habe ich gesagt,
dachte er und sah in die Luft. »Da Roheit -- Roheit, und
Hinrichtungsmorde -- Hinrichtungsmorde erzeugen?«
Jemand grüßte ihn tief; er bemerkte es nicht. »Die Ursachen des Bösen,
der Roheit, der Morde wegräumen, hat er gesagt, denn sonst wird
weitergeköpft, noch in hunderttausend Jahren . . . Und jetzt wird er
geköpft. Und ich? . . . Ich bin sein Judas Ischariot.« Er fühlte eine
schmerzliche Heiterkeit in sich entstehen, wie Menschen sie empfinden,
die endlich entschlossen sind, etwas Unabwendbares, Schweres
auszuführen.
So sah er auf die Mutter hinunter.
Die humpelte eilig quer über den Asphalt. Das Auto kam in voller Fahrt
auf sie zu. Der Chauffeur wich nach rechts aus, sie gleichfalls. Die
Gummi schleiften und rauchten, als er den Wagen scharf nach links riß --
während sie gleichfalls nach links sprang und er zugleich mit ihr wieder
die rechte Seite zu gewinnen suchte. Hin. Her. Zuletzt konnte sie nur
noch den Oberkörper nach links und nach rechts schwenken, immer in der
Richtung des zickzackfahrenden Autos -- da setzte der Einäugige auf sie
zu, und sie schwebte am Leibe des Einäugigen knapp vor dem Auto in
Sicherheit.
Jetzt erst schrieen die Passanten erschrocken auf. Und der Wagen war
schon um drei Häuser weiter, ehe ihn der Chauffeur zum Stehen bringen
konnte.
»No, jetzt so was«, sagte sie. Sofort kehrten ihre Gedanken zum Sohn
zurück. Sie murmelte: »Och, du lieber Gott«, und wollte weitergehen, da
wurden ihre Kniee weich.
Der Einäugige rief nach dem Auto. Der Chauffeur entschuldigte sich.
»Ja, mit so was fahr ich nicht.«
Er mußte eine Droschke nehmen.
»Jetzt wär ich tot«, sagte sie im Wagen. »Wärs vorbei.«
Hab ich zum Ersatz seine Mutter gerettet . . . Nein, nein, das ist ganz
ohne Belang. »Ganz ohne Belang«, sagte er und machte eine Handbewegung.
»Wär ich tot . . . Mir wärs lieber.«
Er dachte -- schon allein deshalb.
»Sind Sie einer vom Gericht, Herr?«
»Da haben Sie ihm Unrecht getan. Großes Unrecht«, wiederholte sie, als
sie, vom Einäugigen halb getragen, die Treppe zu seinem Arbeitszimmer
hinaufstieg.
»Das weiß ich besser.« Sie saß im Lehnstuhl, das Reisesäckchen vor den
Füßen. »Ich hab ihn doch aufgezogen, Herr.« Sie besann sich, während er
auf der Spiritusflamme zwei Eier für sie kochte, und sagte: »Wissen Sie,
wie er ist? . . . Ritterlich ist er, ritterlich.«
Ich auch, dachte er und lächelte wie ein Knabe von hundert Jahren.
Das Arbeitszimmer stand voll Reagenzgläser, Meßzylinder, Kolben,
Apparate, Bakterienbrutöfen, unter denen die blauen Gasflämmchen
gleichmäßig brannten. Hinter einer spanischen Wand stand ein großer
Röntgenapparat. Der Gelehrte beschäftigte sich hauptsächlich mit
bakteriologischen Experimenten und führte nur nebenher seine Arztpraxis
weiter. Es war warm wie in einem Bad und roch nach Medizin.
Der Einäugige sah in den Kochtopf, sah den Dichter. Das Wasser warf
schon Bläschen.
»Wenn Sie die Eier mit kaltem Wasser zugesetzt haben, dann sind sie
wachsweich, wenns Wasser kocht, ja . . . Och Gott.«
»Mit diesem Bewußtsein weiter Menschen behandeln, essen, spazieren
gehen?« Ein Gefühl lief ihm durch den ganzen Körper. Er machte eine
bejahende Verbeugung vor der Konsequenz. »Seine Stimme geben, ist
leicht, geht schnell, ist Leichtsinn . . . aber mit dem Beil einem
angeschnallten, wehrlosen Menschen auf den Nacken schlagen -- -- --. Zum
mindesten müßte jeder, der einen Menschen zum Tode verurteilt, bereit
sein, den Kopf auch selbst abzuhauen mit dem Beil . . . Aber da wäre er
kein Mensch, und es wäre genau so richtig, wenn der Hinzurichtende
. . . ihm den Kopf abschlüge . . . Und dann, das wird ja ganz zur
Nebensache -- ob der Dichter mit seiner Auffassung recht hat oder der
Staat mit seiner. Auf keinen Fall darf einem Menschen gesetzlich der
Kopf . . . der Kopf abgeschlagen werden . . . gesetzlich.«
»Jetzt sterb ich halt auch . . . Ich hab ihn doch geboren. Hätt ihn
nicht in die Welt setzen dürfen, Herr.«
»Sieh mal an,« sagte er glanzvoll, »wie wunderbar sie das Problem der
Verantwortung löst.« Wieder lief ihm ein Gefühl durch den Körper, das
den letzten Widerstand auflöste. Dann wurde er ruhig.
Während sie die Eier aß, schrieb er auf einen Zettel, kein Mensch habe
das Recht, einem Menschen den Kopf herunterschlagen zu lassen. Das sei
ihm furchtbar klar geworden. Er wolle mit dem Bewußtsein, einem Menschen
den Kopf heruntergeschlagen zu haben, nicht weiterleben.
Sie war aufgestanden. Und hatte ihr Säckchen in die Hand genommen. »Was
mach ich denn? Was mach ich denn?« fragte sie vor sich hin.
Er beauftragte seinen Diener, die Mutter zur Bahn zu bringen.
Unter der Tür sagte sie: »Och, du lieber Gott. Was mach ich denn . . .
krieg ich denn den Zug noch?«
»Sie wirds vielleicht weiterschleppen«, sagte er, als sie gegangen war,
»noch ein paar Jahre«, und ging zum Giftschrank, nahm die
Morphiumschachtel heraus.
Gedankenabwesend öffnete er den Brutofen, in dem er Thyphusbazillen
züchtete, und schraubte, als er auf dem im Ofen hängenden Thermometer
bemerkte, daß die Temperatur zu hoch war, noch die Gasflämmchen kleiner.
Er fand keinen zweiten Löffel, säuberte den, mit dem die Mutter Eier
gegessen hatte, ließ Wasser in das Glas laufen. Automatisch
kontrollierte er noch einmal die Temperatur im Brutofen, nahm eine
Zuchtplatte heraus und betrachtete das gefärbte Bakterienbild, schraubte
die Gasflämmchen wieder um eine Kleinigkeit höher.
Als er dann, mit der Schachtel in der Hand, vor sich hin sah, empfand er
nicht das leiseste Körpergefühl, gab mit dem Löffel das Morphium ins
Wasser, trank es aus und setzte sich in den Lehnstuhl.
Das Herz begann stark zu klopfen. Er legte beruhigend die Hand darauf,
schloß langsam die Augen; die Atemnot ging schnell vorüber. Eine
wunderbare Freude zog in ihn ein, verband ihn mit dem Dichter, der ihn
in freudigem Staunen ansah.
Ihre Unterhaltung war, jenseits aller Logik, blitzend und neu. Sie
allein standen leuchtend hell, von schwerem Dunkel umgeben. Ihre hellen
Hände sprachen mit. Da sahen sie einander noch einmal herzlich an, mit
einem jenseitigen Lächeln der ungeheuersten Liebe. Dann empfand der
Einäugige sanften, wiegenden Frieden und schlief ein.
* * * * *
Zur selben Zeit, da der Wärter das Essen in die Zelle brachte, wurde der
Einäugige tot in seinem Lehnstuhl gefunden.
»Er weiß vielleicht gar nichts davon,« flüsterte der Dichter im Rücken
des Wärters, »aber ich sehe es seinem Gesicht an, daß er denkt: zu was
denn dem noch Essen geben.«
Auch an der Art, wie er das Geschirr auf den Tisch stellte und auf die
Tür zuging, glaubte der Dichter zu bemerken, daß der Wärter es für
überflüssig halte, ihm noch Essen zu geben.
Der Wärter war schon sehr alt und sprach selten ein Wort.
»Wann . . . ist es denn?«
»Was?«
». . . Wann?«
»Morgen früh.«
»Morgen . . . früh?«
»Essen Sie, das ist Blumenkohlsuppe. Meine Frau hat sie gekocht.«
»Blumenkohlsuppe.«
»Essen Sie! Die ist gut.« Der Wärter ging.
Der Dichter sah auf die Suppe hinunter, zum Fenster, auf die Suppe
hinunter. »Die esse ich morgen früh«, sagte er und lachte schallend.
Entsetzt schnellte er herum: »Was! War da jemand?« Da zog er den Kopf
ein, stand eine Weile so, ohne zu atmen, und brüllte mit der Luft, die
endlich aus seinem Munde fuhr: »Ich werde nicht irrsinnig!« stellte sich
mit dem Gesicht gegen die Wand und sagte zu sich und zur Wand: »Ich
werde nicht irrsinnig. Ich werde nicht irrsinnig.« Seine Kinnbacken
mahlten.
Mit all seiner Kraft, mit angespannten Muskeln zwang er sich, die
Blumenkohlsuppe zu essen.
8
Es war drei Uhr früh. Für sechs Uhr war die Hinrichtung angesetzt.
Die Zelle war schmal wie ein Gang. Die Machtlosigkeit hatte den Dichter
an die Mauer gestellt. Bauch, hochgestreckte Arme und die gespreizten
Hände gegen die Mauer gepreßt, den Kopf tief im Nacken, sah er empor,
riß die Arme herunter, schnellte herum, sank in Kniebeuge und begann zu
schreien.
Den Körper allmählich aus der Kniebeuge in die Höhe drückend, schrie er
immer lauter, ging zum Brüllen über, brüllte einen Ton, solang ein
Atemzug reicht, wild, jammervoll, und brach jäh ab, gereckt auf den
Fußspitzen stehend, die Finger fast bei der Decke.
Der Priester trat ein.
Der Dichter stürzte auf ihn zu, in die Kniee. Die gefalteten Hände vor
der Brust verkrampft, sagte er: »Helfen.«
Der Priester sagte: »Der liebe Gott. Er hilft«, und kniete auch nieder.
Schweigend und unbeweglich knieten sie einander gegenüber, daß ihre
gefalteten Hände sich berührten.
»Was denn?« fragte der Dichter irr.
»Der liebe Gott.«
»Gott? . . . weg!« brüllte er. »Keine Zeit! Keine Zeit! . . . Helfen!
. . . Hn?« Und sprang auf. Regungslos sah er zur Wand, ohne etwas zu
sehen, hatte die Empfindung, als überzogen sich seine Augen mit einem
milchigen Häutchen. Und blickte nach innen. Sah eine hügelige
Flußlandschaft: es ist Sommer, früheste Morgendämmerung. Dämpfe steigen
vom Wasser auf, von den Wiesen. Ein Floß gleitet langsam flußabwärts.
Der Flößer, nur in Hose und Hemd, mit breiter, vorgewölbter Brust, läßt
den Fahrbaum ins Wasser gleiten und geht, Brust gegen ihn gestemmt, ein
paar Schritte mit. Bis er hochgehoben wird und, mit der Brust auf der
Fahrbaumkrücke liegend, frei in der Luft schwebt. Dabei singt er laut in
den erwachenden Morgen hinein.
Der Dichter blickte auf das Bild aus seiner Jugend. Plötzlich sang er
schallend das Flößerlied:
»Der Fluß ist meine Eisenbahn,
Die Stämme das Kupee.
Ich lege bei den Wiesen an,
Wo ich ein Mädchen seh.
Schwarz muß sie sein!
Braun kann sie sein!
Und wenn eine Blonde am Ufer steht
Und wenn sie auch nicht mit dem Sacktuch weht
-- -- -- Ich falle ein.«
»Heilige Maria, Mutter Gottes, du bist die Gebenedeite unter den
Weibern«, betete der erschrockene Priester lauter und flehend.
»He?« lachte der Dichter wild. »Denn verflucht ist die Frucht aller
Weiber!«
Da lag er vor dem Priester auf dem Bauche wie ein Knabe, der Verstecken
spielt, und fragte kindlich, ob der Priester die Kleider mit ihm
wechseln wolle.
Unvermittelt wurden seine Sinne wieder klar. Und als er aufgestanden
war, glänzten seine Augen mild, wie wenn ein Lichtschein auf Öl fällt.
»Jetzt ist es drei Uhr,« sagte er unendlich traurig, »vier Uhr
vielleicht? Vier Uhr? . . . Ich sehe alles. Ich kann Häuser denken,
einen grüßenden Mann, einen Käfer, ein Kind, das Butterbrot ißt . . .
Und um sechs Uhr? Was ist dann? Sag, was ist dann? Ruhe? . . . Ruhe ist!
etwas. Wird gar nichts sein? Gar nichts? . . . Ich werde um sechs Uhr
ermordet! Da bin ich doch schon tot. Jetzt schon tot! Lebe . . . und bin
schon tot. Unverhoffter Mord ist wunderbarste, himmlische Güte . . . Ich
werde um sechs Uhr ermordet!«
Er sah durchs Fenster zum schon leise dämmernden Himmel und sagte: »Die
Jesus Christus ermordet haben, waren gütig. Gütig verhöhnten sie ihn:
wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz, und wir wollen dir
glauben . . . Eine Hoffnung höhnten sie ihm hinauf zum Kreuz. Er hat
hoffen dürfen bis zum letzten Augenblick. Ich sehne mich nach seinen
Qualen . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!«
Plötzliche Wut riß ihn herum. Zum betenden Priester, der entsetzt
zurückwich: »Gehen Sie!« sagte er verhalten drohend.
Der Priester streichelte dem Dichter vorsichtig, milde den Arm.
»Gehen Sie!« brüllte er einige Mal schnell hintereinander, die Fäuste an
die Schläfen gepreßt. »Keine Zeit! Zeit!«
Der Priester erhob sich unschlüssig, suchte nach einem Gruße, fand
keinen. Und ging ohne Gruß. Vor der Tür sagte er verwirrt: »Guten
Morgen.«
Der Dichter stand einen Augenblick in fassungslosem Staunen, das jäh ein
Grauenschauer verdrängte, als die Tür ins Schloß gefallen war. Ratlos
sah er an der Wand aufwärts zur Decke, an der Längswand entlang zum
Fenster, ohne den Körper mitzudrehen, bis er das Gleichgewicht verlor
und fast gestürzt wäre. Dann setzte er sich, legte die Arme verschränkt
auf den Tisch und ließ langsam den Kopf darauf nieder.
Es war noch kein Ton zu hören im ganzen Gebäude. Keine Uhr schlug. Der
Nachthimmel war schon grauer geworden.
Die Todesfurcht hielt des Sitzenden Rücken krumm gebogen. Die Luft
hinter ihm, der Gefängnishof, die ganze Erde hob das Beil und hielt es
erhoben.
Die Augen stier offen, legte er ganz langsam den Kopf mit der Wange auf
die Tischplatte, um die Stellung zu probieren. Der Gedanke, die Wange
müsse furchtbar geprellt werden, ließ ihn den Kopf schnell auf die
andere Seite legen und so den Hieb erwarten. Der Hieb kam nicht. Da
brach erleichternder Schweiß aus, weil der Hieb nicht kam. Und der
Dichter war überzeugt, daß der Hieb überhaupt niemals kommen werde, daß
einem Menschen der Kopf nicht abgeschlagen werden würde.
»Den ganzen Kopf abhacken? Da es doch . . . Goethe gibt und
Straßenbahnen. Das kann nicht sein. Kein Mensch gibt sich dazu her, mit
dem Beil einen Menschenkopf herunterzuschlagen. Da würde ja niemand
dabei zusehen wollen. Was würden die Mütter und Frauen von den Menschen
sagen, die dabei zusehen. Was würden die zuschauenden Zeugen für Väter
sein zu ihren Kindern . . . Es wird ganz anders vor sich gehen. Auf
einmal werde ich tot sein.«
Als er aufstand und sich das in den Kopf gestiegene Blut verteilte,
packte ihn wieder die Gewißheit.
Es war ganz still. Der Dichter wußte nicht, ob es noch eine Stunde, zwei
Stunden, einige Minuten bis dahin waren. »Was denn?« fragte er. Es blieb
still. Da sah er zum Fenster. Der Ausschnitt des Fensters, von den
Gitterstäben durchkreuzt, war rosenrot. Unbeweglich blickte er auf das
unbewegliche Rosenrot.
Ganz von fern, noch kaum hörbar, erklang ein Räderknirschen, wurde
deutlicher, zum eintönigen Klappern eines Wagens auf dem Pflaster; er
konnte den Hufschlag der schweren Pferde unterscheiden. Fast unter
seinem Fenster hielt der Wagen, in dem die Hinrichtungsgegenstände
waren. Er hörte die Pferde einige Mal stampfen. Dann war es still. Eine
Männerstimme sagte etwas. Er hörte ein Brummen als Antwort, das Abladen,
und flüsterte: »Die unschuldigen Pferde -- die unschuldigen Menschen.«
Mit einem furchtbaren, wortlosen Schrei schnellte er herum:
Der Wärter trat ein. Und brachte dem Dichter etwas Stärkendes zu
trinken. Eine Auswahl auf einem Tablett: Tee, Schokolade und eine halbe
Flasche Wein. Unterm Arm trug er ein frisches, noch warmes Weißbrot.
»Trinken Sie lieber Rotwein? . . . Das brauchen Sie nur zu sagen.«
»So?« sagte der Dichter und bewegte sich, rückwärts gehend, bis zur
Fensterwand, preßte sich dagegen an wie ein Kind, das nicht essen will.
»Ich soll das trinken?« sagte er, ohne die Hände von der Wand zu lösen.
Jetzt nahm er eine weg und deutete: »Da hinein? Zum Mund? . . . Und
später? Was wird damit?«
Der Wärter goß das Glas voll Wein, hielt es gegen das Licht und stellte
es auf das Tablett.
Plötzlich wurde dem Dichter die Schädeldecke kalt. Er griff sich an den
Hals. Mit beiden Händen befühlte er das Fleisch. »Den Hals
durchschneiden? Den ganzen Hals? . . . Diese dicke Stange Fleisch
durchhacken?«
Der Wärter legte das Brot gerade. »Es ist noch warm«, sagte er.
»Den Kopf . . . wegschneiden? Den ganzen Kopf! . . . Mit den Augen
. . . Die ganzen, lieben Augen? Das . . . kann . . . nicht . . . sein.
Nein nein nein nein nein!« Da lag er auf den Knieen und umklammerte die
des Schließers.
Der machte sich los und sagte, das sei bald vorüber. Er solle sich halt
zusammennehmen, da helfe alles nichts.
Schnell schob er das Tablett in die Tischmitte, weil der schwankend
aufstehende Dichter es sonst mit seiner Achsel heruntergeworfen hätte.
»So? Hilft nichts?« Etwas zog seinen Blick zum Fenster. Die Sonne griff
um die Eisenstäbe herum, legte sich aufs Fenstersims und platzte auf das
Nickeltablett; ein dünner Strahl blitzte an der Wand herunter, schräg
über den Zellenboden und verfing sich in der Ecke.
»Wie . . . viel . . . Uhr . . . ist es denn . . . jetzt?«
»Dreiviertel sechs . . . Trinken Sie vielleicht doch lieber Rotwein?«
»Sechs!« Da verwirrte sich in seinem plötzlich heiß werdenden Gehirn der
Begriff von _Uhr_ und _Ur_, von Ursache und Zeit. Er sagte in entsetztem
Staunen: »Ursache ist . . . Uhrsache.« Langegezogen, immer wilder
anschwellend, brüllte er: »I . . . . . . . . . i!«
Seine Wangen wurden sichtbar schmal, denn seine Augen öffneten sich
weit. Er sagte nachdenklich: »Zeit . . . Uhr . . . Ursache«, dachte
angestrengt nach, und sein Gesicht begann zu strahlen, als habe er nach
vielen Jahren endlich eine Lösung gefunden. Verklärt sah er den
Schließer an: »Das ist ja wunderbar. So wunderlich einfach -- Zeit und
Uhr gibt Ursache«, rief er. »Ah! . . . Zeitursache!«
Er trat zur Wand, streichelte schmeichelnd den Sonnenstreifen, bewegte
den Zeigefinger hin und her und sagte: »Zeitursache . . .
Schwarzwälderuhr . . . Perpendikel dikel dikel tom.«
»Glauben Sie, daß gegürtete Schmerzen fett sind?« Er hob das kleine,
weiße Kissen vom Boden auf und hielt es dem Schließer hin: »Legen Sie
dann dem seinen Kopf da drauf und schicken Sie ihn meiner Mutter als
Paket. Die Pritschen sollen ja so hart sein . . . Zeitursache.«
Der Schließer sah auf die Uhr und ging zur Tür, blieb stehen, und ein
schon einmal entsendeter Blick schien wieder in seine Augen
zurückzufahren, als er den Dichter ansah. »In dreißig Jahren mein
Siebzehnter . . . Irrsinnig wurden sie doch alle in der letzten Nacht
. . . bevor sie hingerichtet wurden.« Er ging noch einmal zur Pritsche
zurück, klappte sie in die Höhe. »Der eine frißt eine ganze Gans auf aus
Irrsinn, der andere beichtet -- aus Irrsinn, der dritte tobt, einer ist
still wie ein Kind -- auch nur aus Irrsinn. Und der hier findet sich ein
Wort und glaubt, das hilft ihm . . . Vielleicht hilfts ihm.« Er verließ
die Zelle.
»Gegürtete Schmerzen sind fett. Aber was ist das: eine nackte Negerin
reitet auf einem schneeweißen Pferd, und neben ihr reitet ein nacktes
weißes Mädchen auf einem schwarzen Pferd. -- Das kann man sich gar nicht
gleichzeitig vorstellen.«
»Geht nicht? Negerin auf Schimmel«, deutete er und kniff die Augen
zusammen, »nacktes weißes Mädchen auf Rappen. Ja, natürlich, das ist
Zeit . . . ursache.« Erleichtert atmete er auf.
Da sahen seine Augen die allen bösen Ursachen entstiegene einfache
Stadt. Wunderbar breite Straßen, rosa Marmorhäuser, von ziselierten
Säulen flankiert, mit flachen Dächern. Weite Plätze von ungeheurer
Flachheit und herrlicher Säulenarchitektur. Viele Statuen nackter
Mädchen stehen auf hohen Postamenten. Eine Schar vierzehnjähriger
Mädchen mit nackten, sonnenbraunen Oberkörpern, Knieröckchen und
Sandalen radeln die glatte Straße hinunter, mit lachenden Backen, und
verschwinden. Die Straße ist leer. Leises silbernes Singen ertönt.