Mit langgezogenem »O« schrie er dem Wärter nach: »Halt! Unmöglich!«

Da stand sie unter der Tür, mit ihrer schwarzen Mantille, einem

Kapotthut, der mit Bändern unterm Kinn festgebunden war. Wie ihre

vergrößerte Photographie, die der Dichter schon als Kind gekannt hatte.

Nur das gestickte Reisesäckchen war nicht mit auf dem Bilde.

Das kann doch auch der Teufel nicht wollen, dachte er und wollte

zurückweichen, ging auf sie zu, da sie sich ihm näherte.

»Ja, was soll ich sagen«, sagte sie, hielt ihm die kleine, abgestumpfte

Hand hin, und er sah die neuen, ganz besonderen Falten an, die sich in

diesen Wochen in ihrem Gesichte gebildet hatten. Auch ihre Kopfhaltung

und ihr klagender Blick drückten aus, daß die Hoffnung, ihm helfen zu

können, in Machtlosigkeit und Qualen gestorben war.

»Bist müde?« -- Das ist nicht das Richtige, dachte er sofort.

»Ja, ich setz mich ein bißchen daher.« Sie drückte erst vorsichtig auf

die Pritsche und setzte sich dann auf die Ecke.

»Wie gehts dem Vater?«

Da sah sie wieder auf die Hände in ihrem Schoß. »Och, wenn der nur seine

Zeitung hat . . . Grüßen läßt er dich.« Die Tränen tropften nacheinander

auf die braunen Handrücken hinunter.

»Grü . . . grüß ihn auch!« Er konnte nicht weinen.

»Er hat g'sagt: hundert Mark hätten wir auch noch für dich aufbringen

können.«

»So«, sagten seine Lippen.

»Gelt, deswegen hast du's nicht getan,« sagte sie tonlos. »Er war ja nie

sehr g'scheit, solang ich ihn auch kenn . . . Ich glaub, es ist halt

dein Schicksal. Es konnt halt nicht anders sein. Denn ich weiß doch, daß

du nicht schlecht warst . . . Aber an Gott glaub ich nimmer. Hab

gebetet. Umsonst.« Auf die Handrücken tropften ununterbrochen langsam

Tränen, die sie manchmal mit der Handfläche abwischte, ohne hinzusehen.

»Die Leute sagen, oft täts was helfen, wenn man sich vor den Wagen des

Kaisers wirft.«

Er beobachtete ihr Weinen und wartete darauf, daß sich wieder der

Tropfen von den Wimpern löse und falle, wunderte sich, daß ihre Stimme

nicht gebrochen klang, und dachte, sie hat sich schon daran gewöhnt,

während des Weinens zu sprechen.

»Aber der Kaiser ist verreist. Ganz weit in Dänemark . . . Das ist im

Norden.«

Allmählich hatte sich im Dichter der das Weinen verhindernde Druck

verteilt.

»Einen Brief hab ihm ich geschrieben . . . Aber ob ihn der Kaiser kriegt

hat?«

Da fiel sein Gesicht in ihren Schoß. Die angesammelten Tränen vieler

Jahre kamen in Fluß, getrieben und gestoßen von brüllendem Heulen.

Einige Male strich sie schnell über seinen Hinterkopf und hielt sofort

wieder den zuckenden Körper fest.

Den beiden gegenüber lehnte der Wärter an der Wand, die Hände auf dem

Rücken, und sah zu Boden.

»Ganz kahl geschoren hast du dich?« sagte sie und streichelte im Kreis.

Mit einem Ruck hob er das verheulte Gesicht: »Geh jetzt, Mutter, geh

jetzt!« Und stand auf.

»Dann geh ich halt«, sagte sie erschrocken und sah ihn an.

»Geh!« klagte er.

»Jesus, ich geh.« Sie lief gleich zum Reisesäckchen, sah ihren Sohn an

und sagte ängstlich: »Aber die Pritschen sollen ja so hart sein«,

öffnete das Säckchen und zog ein kleines, weißes Kissen heraus. »Legst

dein Kopf da drauf . . . Es ist ganz frisch überzogen . . . Ich geh

schon.«

Mit letzter Gewalt zwang er sich, ruhig das Kissen zu nehmen.

»Dann halt adjö . . . Jetzt sterb ich halt auch.« Da lächelte sie

wunderbar.

Der Wärter wippte sich los von der Wand.

»O du gute Mutter, o du gute Mutter«, konnte der Dichter sagen und auch

lächeln.

»Och, du lieber Gott«, sagte sie unter der Tür, »du lieber Gott«, und

trippelte hinaus.

Er sah auf die verschlossene Tür, setzte sich auf den Boden. »Da, da,

da.« Bei jedem »da« sank sein Kopf tiefer zwischen die Kniee.

»Tatataratata.«

So blieb er hocken.

* * * * *

Der Einäugige lief in den Gängen des Zuchthauses umher und kämpfte mit

sich, um seinen Entschluß zu fassen, bevor er hinaus in die Helle trat.

Manchmal blieb er stehen mit seinen Gedanken und sagte immer wieder

dieselben Worte: »O ja, natürlich, ich muß mich entscheiden -- ein Lump

mit leichtem Gewissen werden oder die Konsequenz ziehen . . . Die

Konsequenz«, wiederholte er langgezogen.

Seitdem er die Zelle verlassen hatte, deckte sich sein scharf zu denken

fähiges Gehirn glatt mit einem neuen, tiefen Verantwortungsgefühl, das

der Dichter angesprochen und herausgefordert hatte. Er schob die

Tatsache, daß er dem Gesetze nach dem Dichter gegenüber im Recht blieb,

als vollkommen nebensächlich zur Seite und war bemüht, sich klar sein

Problem zu stellen.

»Die andern Elf sind überzeugt, im Recht zu sein. Dann sind sie ja für

sich im Recht . . . Gut für sie. Aber ich, ich habe da etwas erkannt

. . . nur ein bißchen zu spät, ein bißchen zu spät. Würde jetzt nicht

mehr dazu helfen, daß im Namen des Rechtes von einem Menschen . . .

einem Menschen der Kopf heruntergeschnitten wird . . . im Namen des

Rechtes. Hab aber dazu geholfen. Was ist da zu tun? He?«

Automatisch blieb er vor des Oberstaatsanwaltes Tür stehen. »Umsonst. Es

wird zu spät sein.« Und trat ein.

»Ja, das vom Herrn Verteidiger eingereichte Begnadigungsgesuch ist

abgelehnt. Bitte.«

»So?«

»Nein! Da ist nichts mehr zu machen.«

»Und wenn . . . wenn aber . . .«

Schon mit der höflichen Abschiedsverbeugung: »Und wenn die ganze Welt

einstürzt.«

»Dann ist . . . meine eingestürzt.« Die geölte Tür schloß sich sanft

hinter dem Einäugigen. »Keine Hilfe mehr?«

Die Ursache: Erzählung · 第 18 / 25 题