XXVIII.

In Xaver Pangors Leben war inzwischen eine bedeutsame Änderung

eingetreten. Kurz nachdem er im Herbst die Heimat verlassen hatte, war

sein Vater plötzlich gestorben. Der Hansl hatte den Hof übernommen,

und eingedenk des Bauern-Grundsatzes, daß zu einem Gute auch eine Frau

gehört, war er auf die Brautschau gegangen und hatte auch ein Mädchen

gefunden, welches bereit war, seine Bäuerin zu werden. Die Witwe räumte

der jungen Frau den Platz, zog zum Xaver in die Stadt, der zu ihrem

Leidwesen immer noch nicht heiraten zu wollen schien. Die alte Frau

wollte versuchen, für die paar Jahre, die sie im besten Falle noch vor

sich hatte, ihm die fehlende Ehehälfte zu ersetzen.

Mit erstaunlichem Anpassungsvermögen fand sich die Alte, die ihr

ganzes Leben in einem kleinen Gebirgsdorfe zugebracht hatte, in die

städtischen Verhältnisse. Ihrer äußeren Erscheinung nach war sie ganz

Bauernfrau geblieben, trug Haube, Brusttuch, Mieder, Schürze, wie

daheim. Im übrigen trat sie schon nach wenigen Wochen wie eine auf, die

Jahre lang Großstadtluft geatmet hat. Nichts schien sie zu verwundern,

nichts ihr zu imponieren. Das Einzige, was sie zunächst befremdete, war

das Ein- und Ausgehen merkwürdiger Frauen und Männer im Atelier ihres

Sohnes. Aber selbst das erstaunte sie von dem Augenblicke ab nicht

mehr, wo sie begriffen hatte, daß zum Berufe des Künstlers auch Modelle

gehören.

Jung, wie diese Greisin war, vermochte sie sich in Dinge

hineinzufinden, die von allem, was sie bisher gesehen und erlebt, durch

eine tiefe Kluft getrennt waren. Die Liebe zu ihrem Sohne war die

Brücke, auf welcher sie sich leicht in die ihr fremde Welt hinüberfand.

Die beiden, Mutter und Sohn, kamen wundervoll mit einander aus. Die

Alte hatte damit angefangen, in den vernachlässigten Räumen Ordnung zu

stiften. Nur im Atelier durfte sie nicht ganz so frei schalten, wie

sie es gern gethan hätte; und es dauerte einige Zeit, bis sie sich

darein gefunden hatte, Gipsstaub, Haufen von nassem Thon, Abfälle von

Stein und Metall, Rückstände von Farbe und Ölen nicht als gewöhnlichen

Schmutz anzusehen, dem man mit Besen, Seife und Scheuerbürste

rücksichtslos auf den Leib gehen durfte.

Auch in Xavers Tageleben brachte die Mutter einige Veränderung. Sie

wußte ihn dahin zu bringen, daß er das Gasthausleben aufgab und

regelmäßige Mahlzeiten innehielt. Es war ihre innigste Freude, für ihn

kochen zu dürfen, ihn zu beflicken und zu bestricken.

Dabei hütete sie sich, gescheit wie sie war, ihm irgendwie zur Last zu

fallen mit Ratschlägen, oder gar mit kleinlicher Nörgelei. Ihr Xaver

war Künstler, sie begriff, daß ein solcher anders behandelt sein wolle,

als gewöhnliche Menschenkinder. Nie störte sie ihn bei der Arbeit,

dunkel ahnend, daß die Kunst ein Zustand ist des ganzen Menschen,

welcher der Umgebung Schonung zur Aufgabe macht.

Manchmal freilich wurde es der alten Frau sehr schwer, nicht

hineinzulaufen in das Atelier, wo Xaver lange Stunden einsam zubrachte.

Wie gern hätte sie ihm hin und wieder bei der Arbeit etwas über die

Schulter geblickt, ihm diese oder jene Frage vorgelegt, die ihren

lebhaften Sinn gerade beschäftigte. Es schien ein wenig hart, mit ihm

zusammen zu sein und doch so wenig von ihm zu haben.

Mit der Zeit fand sie ein Auskunftsmittel. Das Atelier ging durch zwei

Stockwerke. An der Seite, die dem großen Fenster gegenüber lag, lief

oben eine hölzerne Galerie hin, auf welcher der Bildhauer allerhand

Modelle, Formen, Abgüsse und Handwerkszeuge, die er gerade nicht

brauchte, abstellte.

Von dort aus -- das hatte die Alte eines Tages durch Zufall

herausgefunden -- konnte sie sich an seinem Anblick weiden, ohne ihn im

geringsten zu stören. Dort oben stand sie denn in der Folge öfters mal

ein Viertelstündchen zwischen ihren häuslichen Arbeiten und blickte auf

ihn herab, wie er modellierte, meißelte, bosselte, maß und zeichnete,

wohl auch sann und träumte.

Wie fleißig er war! Die Werke von seiner Hand mehrten sich zusehends.

Er verdiente ja jetzt auch Geld! Die Menschen fingen an, ihn zu

überlaufen, sein Atelier wie eine Sehenswürdigkeit aufzusuchen.

Oft genug mußte die Mutter Leute abweisen, die sie nur zu gern

eingelassen hätte, denn sie war ja natürlich stolz auf den Buben und

seine Leistungen; alle Welt sollte ihn bewundern. Aber er war darin

streng. Oft genug bekam sie Vorwürfe zu hören, daß sie mal wieder

einen »schrecklichen Banausen« eingelassen habe, der ihn um eine

Viertelstunde Zeit gebracht hätte.

Gern würde es die Mutter gesehen haben, wenn Xaver mehr Umgang gepflegt

hätte. Er hatte so gut wie gar keinen Verkehr. Des Abends ging er

nur aus, um einsame Spaziergänge oder weite Fahrten auf dem Rade zu

unternehmen.

Die alte Frau verstand ja nicht viel von den Sitten der Stadtmenschen

und der Künstler besonders. Aber sie sagte sich, daß es bei denen wohl

auch nicht viel anders sein werde, als anderwärts in Welt und Natur;

der Mensch brauchte den Menschen, und wenn ein Mann so einsam lebte wie

ihr Xaver, so war das nicht gut.

Ob der Kummer, von dem er ihr erzählt hatte, noch immer an seinem

Herzen nagte? --

Gewiß war's ja schön, wenn ein Mann in Treue an dem Gedächtnis der

Geliebten festhielt; aber einmal muß alle Trauer ein Ende haben, sonst

thut man sich Schaden und denen Unrecht, die man beklagt. Denn die

Toten sollen keine Macht behalten über die Lebendigen. Die Toten haben

das Ihre gehabt zu ihren Zeiten, die Lebenden aber haben das Recht zu

genießen.

So philosophierte die alte Frau. Sie hatte ein gut Stück Leben mit

offenen Augen angesehen und sich dabei das Herz warm und den Kopf kühl

bewahrt.

Für ihren Xaver aber hegte sie noch allerhand Hoffnungen. Der war jetzt

gerade in dem Alter, wo die Männer am besten werden, wenn überhaupt

etwas an ihnen ist. Sein Kopf fing an, am Wirbel einen ganz leichten

hellen Schimmer zu zeigen; vielleicht wußte er's selbst nicht mal,

daß sein Haar dünner werde. Sie hatte es auch nur bemerkt von ihrer

erhöhten Warte aus. Wenn sie auf der Holzgalerie stand, dann sah sie

ihren Buben ja ausnahmsweise mal von oben, während sie für gewöhnlich

an ihm emporschauen mußte.

* * * * *

Es klingelte an der Entreethür des Bildhauers. Die Mutter kam heraus,

sie war ziemlich ärgerlich. Kunsthändler hatten vorher geklingelt, die

der alten Frau soviel vorgeschwatzt, bis sie sich erweichen ließ, sie

vorzulassen. Dafür war sie gescholten worden. Aber jetzt wollte sie

fest bleiben.

Eine junge Dame stand draußen. Die Mutter wußte, daß Xaver

augenblicklich keine Modelle brauchte. Außerdem sagte ihr ein genaueres

Hinschauen, daß diese Person wohl kein Modell sei. In ihrer Haltung lag

etwas Stolzes und Schlichtes zugleich. Die Alte hatte schon beobachten

gelernt und kannte sich einigermaßen aus mit dem Publikum.

»Ist Herr Pangor zu Haus?« fragte die Dame.

Der alten Frau entging die Hast nicht, mit der das gefragt wurde. Dabei

schien der Ausdruck des blassen Gesichtes sagen zu sollen: ›Es ist mir

im Grunde gleichgiltig, ob er da ist oder nicht!‹

›Die verstellt sich!‹ dachte die alte Frau und antwortete: »Zu Haus

wär' er schon, aber i glaub nit, daß er annehme thut.«

»Könnte ich nicht ein paar Worte mit ihm sprechen?« fragte Jutta.

-- Die Mutter sah sie die Farbe wechseln. Die Sache wurde ihr immer

verdächtiger.

»Er is beim Arbeiten. Da will er niemand sehen; außer wann's ganz was

Pressants wär. Was wollen's denn vom Herrn Pangor?«

»Ich -- ich habe mit ihm zu sprechen!« -- Wieder die stolze Miene. Der

Kopf wurde zurückgeworfen.

»Se wern halt unverrichter Dinge gehen müssen, Fräulein! Mein Sohn is

nit für a jeds zu sprechen.«

»Sie sind die Mutter?« rief mit plötzlichem Verstehen Jutta und trat

leuchtenden Auges auf die Alte zu. »Von Ihnen hat er mir so viel Liebes

erzählt.« Sie griff nach der Hand der Alten.

»Ja, du mei! Wer sein denn Sie?«

Jetzt öffnete sich die Thür des Ateliers. Xavers Silhouette erschien in

der lichten Öffnung.

»Hier is wer!« rief die Mutter. Ihr war angst, daß sie wieder

gescholten werden möchte. »I hab ihr schon gesagt, du wärst nit zu

Haus. Aber se hat's ka Einsehn nit!«

Xaver that einen Schritt vorwärts mit weitgeöffneten Augen. »Jutta!«

rief er. Sie sagte kein Wort, streckte ihm nur beide Hände entgegen.

»Ich hörte Ihre Stimme, glaubte, es müsse ein Traum sein. -- Sind Sie's

denn wirklich?« rief Xaver.

Er behielt des Mädchens Hand in der seinen, führte sie in das Atelier,

machte die Thür hinter sich zu, ließ die Mutter im dunklen Gange, ohne

Erklärung.

Die Alte stand verdutzt. Was gingen hier für Dinge vor? -- Wie hatte er

sie doch gleich genannt? »Jutta!« Ja, so war's gewesen. Niemals hatte

er ihr gegenüber den Namen erwähnt. Kopfschüttelnd zog sie sich in ihr

Stübchen zurück.

Unwillkürlich lauschte die Mutter, ob der Besuch das Atelier bald

wieder verlasse. Aber keine Thür ging, kein Schritt erklang. Ruhe

herrschte in der ganzen Behausung.

Die alte Frau war in Unruhe. Wunderliche Gedanken stiegen in ihr auf.

Sie wußte nicht mehr: sollte sie sich freuen oder sollte sie sich

ängstigen. Irgend etwas Großes, Wichtiges ging heut vor. Sie hatte es

gleich gewußt früh morgens. Denn sie war in der letzten Nacht von einem

bedeutsamen Traume heimgesucht worden. Es war das kein gewöhnlicher

Traum gewesen, mehr ein angstvolles Wiedererleben von etwas, das

sich wirklich ereignet hatte. Und wenn einem das passierte, daß man

bereits Erlebtes im Traume nochmal durchmachte, das hatte immer was zu

bedeuten, was Gutes oder was Arges.

Ihr Traum bestand in folgendem: Es war zu der Zeit, da Xaver noch

nicht geboren war. Sie hatte hintereinander drei Mädchen gehabt;

jetzt war sie wieder guter Hoffnung. Sie wünschte sich einen Sohn.

Vielleicht, wenn sie der Mutter Gottes ein Geschenk darbrachte, würde

die sich herbeilassen, ihr einen Buben zu bescheren. Oder ob man sich

mit der Bitte an den Schutzpatron des heimischen Kirchleins wendete?

-- Oder auch an den heiligen Mann, an dessen Tage sie geboren war

und nach dem sie benamst war? -- Aber schließlich hatte sie doch

am meisten Zutrauen zur heiligen Jungfrau, die war ja auch Mutter

gewesen und verstand wahrscheinlich mehr von diesen Dingen, als die

heiligsten Männer. Die Frage war nur: was man darbringen solle? Denn

die Gabe mußte doch Beziehung haben zum Erbetenen; sonst verstand die

Fürbitterin sie am Ende garnicht mal.

Sie ging in der Stadt zu einem Händler, bei dem man Weihgeschenke

kaufte. Dort suchte sie unter den vorgelegten Gegenständen lange. Arme,

Beine, Augen, Herzen aus Wachs paßten doch nicht für ihren Fall. Sie

wollte ja nicht Heilung erflehen von irgend einem Gebrechen, etwas viel

Größeres wollte sie: einen Sohn. Aber wie das ausdrücken? Fragen konnte

man auch niemanden, nicht mal den Herrn Pfarrer. Sie schämte sich

nämlich ihrer Absichten.

Schließlich fiel ihr ein, daß ihr eigener Bruder, der Schreiner, wenn's

verlangt wurde, auch Heiligenbilder schnitzte. Bei dem bestellte sie

sich eine Geburt Jesu mit allem, was dazu gehört: Maria und Joseph,

der Gottessohn, Engel, Hirten, Ochs und Esel, Krippe, auch die Windeln

durften nicht fehlen. Nachdem der Bruder das Bild kunstvoll geschnitzt

hatte, wurde es von einem Malkundigen des Dorfes bunt angestrichen.

Nun ängstigte sie ihr Traum mit der Sorge: ob das Weihgeschenk fertig

werden würde. Die Farben wollten nicht trocknen, und es war doch die

höchste Zeit. Schon meldete sich das Kindlein ganz energisch. Wenn

das Bild nicht rechtzeitig an seinen Platz kam, würde es wieder ein

Mädchen werden; denn woher sollte die heilige Jungfrau denn wissen, daß

ein Knabe von ihr erbeten würde! Schrecklich war die Angst! Sie sah

die ganze schöne Schnitzerei vor sich: die liebliche Gestalt Mariä,

wie sie das Neugeborene beglückt anlächelte, die knieenden Hirten, den

erstaunten Joseph, das Vieh, alles, alles so naturgetreu gemalt, daß

man es für lebendig hätte halten mögen. Aber die Farben, die Farben,

die nicht trocknen wollten! Und wenn man bedachte, was davon abhing:

Ihr Glück, das Schicksal ihres Xaver, ob sie überhaupt einen Sohn haben

werde! --

In diesem schrecklichen Moment war sie aufgewacht, an allen Gliedern

zitternd. Gott sei dank, es war ja nur ein Traum gewesen. Die Mutter

Gottes hatte sie erhört; ihr Sohn lebte, war längst ein erwachsener

Mann. Und zum Dank für das schöne Votivbild hatte die Himmelskönigin

ihm ein besonderes Patengeschenk in die Wiege gelegt. Für die Mutter

war es nämlich niemals zweifelhaft gewesen, woher Xavers Begabung

stamme, wodurch er so ein großer berühmter Künstler geworden sei; das

hing ganz natürlich zusammen mit den absonderlichen Umständen seiner

Entstehung.

Die alte Frau holte ihren alten, abgegriffenen Rosenkranz hervor und

betete, auf der Gewandtruhe sitzend, abwechselnd ein Vaterunser und ein

Ave-Maria. Darüber wurde sie ruhiger. Nachdem sie alle Perlen abgebetet

hatte, schloß sie den Rosenkranz wieder ein und ging in die Küche, denn

das Essen wollte versorgt sein.

Ob sie es wagen sollte, mal hineinzugehen? Ihn fragen, was er heute

essen wolle? Nur zu gern hätte sie's gethan! Blind würde man schon

nicht gleich werden. Aber stören wollte sie auch nicht. Wer weiß, man

verdarb vielleicht was Gutes, etwas, das sie sich im geheimen so innig

wünschte.

Wenn man nur ein Mäuschen hätte sein können, um da zuzugucken! Oder

auch ein Schwälbchen auf dem Dachbalken! --

Endlich konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen. Sie

schlich die Stiege hinauf, die zu der hölzernen Galerie führte, ihrem

heimlichen Lugaus. Vorsichtig öffnete sie die kleine Thür und blickte

hinab.

Da unten saßen sie. Das Mädchen auf dem Divan, Xaver auf einem Hocker

ihr gegenüber. Er hielt den gesenkten Kopf in der Hand aufgestützt. Sie

hatte den Hut abgelegt; scharf hob sich ihr Profil gegen die Scheibe

ab. Die Mutter konnte sie sich genau betrachten.

Also das war sie, die er »Jutta« genannt und die ihm beide Hände

entgegengestreckt hatte. Sauber war sie, das mußte man sagen! Es lag

etwas Besonderes in ihrer Erscheinung. Für sie, die Mutter, war dieses

Fräulein mit dem wohlgepflegten Haar, der zarten weißen Haut, den

schmalen Händen, wohl eigentlich zu fein! Aber wahrscheinlich gefiel

sie darum gerade dem Xaver. Der hatte von Jugend auf stets das Rare

bevorzugt. Und schließlich auf Xaver kam's hier doch an! --

Wie weit sie wohl sein mochten miteinander, die beiden! Sonderbar, sie

schwiegen beharrlich! Xaver starrte den Boden an, das Mädchen aber

saß regungslos und blickte in die Ferne, als studiere sie den Zug der

Wolken. Närrisch! So hatte sie junge Menschen verschiedenen Geschlechts

noch nie einander gegenüber sitzen sehen.

Jetzt sagte er etwas, mit einer Stimme, wie sie die Mutter garnicht an

ihrem Sohne kannte. Und das Mädchen erwiderte halblaut ein paar Worte.

Dann erhob sich Xaver, ging mit verschränkten Armen im Atelier umher.

Die alte Frau besorgte, daß er zufällig einen Blick nach oben werfen

könne; dann wäre sie entdeckt gewesen. Vorsichtig zog sie sich zurück.

Außerdem wollte sie auch das Essen nicht einkochen lassen.

Als die Mutter eine halbe Stunde später noch einmal die Stiege

hinaufging und einen neugierigen Blick hinunter wagte, zeigte sich ihr

ein ganz anderes Bild.

Xaver und Jutta dicht aneinander geschmiegt. Sie hatte das Haupt

zurückgelehnt in seinen Arm, die Augen waren geschlossen. Er strich ihr

mit der Hand über Stirn und Haar. Sie sprachen auch jetzt noch nicht

viel da unten. Einmal wurde ein tiefer Seufzer gehört; gleich darauf

sank des Mädchens Haupt an seine Brust.

Auf einmal war es wie Rosenduft in der Luft; als erklängen die Glocken

von selbst und Engel sängen dazu. Die Greisin faltete die Hände. In die

Kniee sinken, anbeten! --

Da unten das war das Wunder der Wunder! Daß sie das noch sehen durfte!

Voll Ehrfurcht stand sie, in ihrem einfachen Sinne ergriffen, vor dem

größten aller Mysterien. Ihre alten Augen schwammen in Thränen. Die

Kniee zitterten. Sie griff sich an der Wand hin die Stiege hinab.

In ihrem Zimmerchen setzte sie sich wieder auf die Gewandtruhe, den

Kopf in den Händen. Sie konnte nur noch eines denken: ihr Sohn hatte

einen Schatz! Und sie, sie war jung, war wieder eine junge Dirn

geworden.

* * * * *

Xaver und Jutta standen ein paar Stunden darauf an Lieschens Grabe.

Hier war die Stätte, wo sie sich den Segen zu holen hatten, der mehr

war als Priesters Segen. Sie sprachen kein Wort, aber jedes fühlte des

anderen Gedanken.

Die hier unter dem Epheu-umsponnenen Hügel war nicht tot. Wie konnte

ein guter Mensch überhaupt tot sein?! --

Der Stein am Kopfende des Grabes war lebendig geworden. Die Gestalt

atmete, lächelte. Nicht wie eine war sie, die dem Grabe zuschreitet,

sondern wie eine, die aufersteht, dem Geliebten und seiner Braut

entgegengeht und zu ihnen spricht: Wir Menschenkinder sind vergänglich,

die Liebe allein ist ewig. Darum liebet euch! Liebt euch tief und

stark! Dann kann ich bei euch bleiben. In der Liebe haben wir das ewige

Leben.

Liebe ist ewig · 第 40 / 44 题