In Xaver Pangors Leben war inzwischen eine bedeutsame Änderung
eingetreten. Kurz nachdem er im Herbst die Heimat verlassen hatte, war
sein Vater plötzlich gestorben. Der Hansl hatte den Hof übernommen,
und eingedenk des Bauern-Grundsatzes, daß zu einem Gute auch eine Frau
gehört, war er auf die Brautschau gegangen und hatte auch ein Mädchen
gefunden, welches bereit war, seine Bäuerin zu werden. Die Witwe räumte
der jungen Frau den Platz, zog zum Xaver in die Stadt, der zu ihrem
Leidwesen immer noch nicht heiraten zu wollen schien. Die alte Frau
wollte versuchen, für die paar Jahre, die sie im besten Falle noch vor
sich hatte, ihm die fehlende Ehehälfte zu ersetzen.
Mit erstaunlichem Anpassungsvermögen fand sich die Alte, die ihr
ganzes Leben in einem kleinen Gebirgsdorfe zugebracht hatte, in die
städtischen Verhältnisse. Ihrer äußeren Erscheinung nach war sie ganz
Bauernfrau geblieben, trug Haube, Brusttuch, Mieder, Schürze, wie
daheim. Im übrigen trat sie schon nach wenigen Wochen wie eine auf, die
Jahre lang Großstadtluft geatmet hat. Nichts schien sie zu verwundern,
nichts ihr zu imponieren. Das Einzige, was sie zunächst befremdete, war
das Ein- und Ausgehen merkwürdiger Frauen und Männer im Atelier ihres
Sohnes. Aber selbst das erstaunte sie von dem Augenblicke ab nicht
mehr, wo sie begriffen hatte, daß zum Berufe des Künstlers auch Modelle
gehören.
Jung, wie diese Greisin war, vermochte sie sich in Dinge
hineinzufinden, die von allem, was sie bisher gesehen und erlebt, durch
eine tiefe Kluft getrennt waren. Die Liebe zu ihrem Sohne war die
Brücke, auf welcher sie sich leicht in die ihr fremde Welt hinüberfand.
Die beiden, Mutter und Sohn, kamen wundervoll mit einander aus. Die
Alte hatte damit angefangen, in den vernachlässigten Räumen Ordnung zu
stiften. Nur im Atelier durfte sie nicht ganz so frei schalten, wie
sie es gern gethan hätte; und es dauerte einige Zeit, bis sie sich
darein gefunden hatte, Gipsstaub, Haufen von nassem Thon, Abfälle von
Stein und Metall, Rückstände von Farbe und Ölen nicht als gewöhnlichen
Schmutz anzusehen, dem man mit Besen, Seife und Scheuerbürste
rücksichtslos auf den Leib gehen durfte.
Auch in Xavers Tageleben brachte die Mutter einige Veränderung. Sie
wußte ihn dahin zu bringen, daß er das Gasthausleben aufgab und
regelmäßige Mahlzeiten innehielt. Es war ihre innigste Freude, für ihn
kochen zu dürfen, ihn zu beflicken und zu bestricken.
Dabei hütete sie sich, gescheit wie sie war, ihm irgendwie zur Last zu
fallen mit Ratschlägen, oder gar mit kleinlicher Nörgelei. Ihr Xaver
war Künstler, sie begriff, daß ein solcher anders behandelt sein wolle,
als gewöhnliche Menschenkinder. Nie störte sie ihn bei der Arbeit,
dunkel ahnend, daß die Kunst ein Zustand ist des ganzen Menschen,
welcher der Umgebung Schonung zur Aufgabe macht.
Manchmal freilich wurde es der alten Frau sehr schwer, nicht
hineinzulaufen in das Atelier, wo Xaver lange Stunden einsam zubrachte.
Wie gern hätte sie ihm hin und wieder bei der Arbeit etwas über die
Schulter geblickt, ihm diese oder jene Frage vorgelegt, die ihren
lebhaften Sinn gerade beschäftigte. Es schien ein wenig hart, mit ihm
zusammen zu sein und doch so wenig von ihm zu haben.
Mit der Zeit fand sie ein Auskunftsmittel. Das Atelier ging durch zwei
Stockwerke. An der Seite, die dem großen Fenster gegenüber lag, lief
oben eine hölzerne Galerie hin, auf welcher der Bildhauer allerhand
Modelle, Formen, Abgüsse und Handwerkszeuge, die er gerade nicht
brauchte, abstellte.
Von dort aus -- das hatte die Alte eines Tages durch Zufall
herausgefunden -- konnte sie sich an seinem Anblick weiden, ohne ihn im
geringsten zu stören. Dort oben stand sie denn in der Folge öfters mal
ein Viertelstündchen zwischen ihren häuslichen Arbeiten und blickte auf
ihn herab, wie er modellierte, meißelte, bosselte, maß und zeichnete,
wohl auch sann und träumte.
Wie fleißig er war! Die Werke von seiner Hand mehrten sich zusehends.
Er verdiente ja jetzt auch Geld! Die Menschen fingen an, ihn zu
überlaufen, sein Atelier wie eine Sehenswürdigkeit aufzusuchen.
Oft genug mußte die Mutter Leute abweisen, die sie nur zu gern
eingelassen hätte, denn sie war ja natürlich stolz auf den Buben und
seine Leistungen; alle Welt sollte ihn bewundern. Aber er war darin
streng. Oft genug bekam sie Vorwürfe zu hören, daß sie mal wieder
einen »schrecklichen Banausen« eingelassen habe, der ihn um eine
Viertelstunde Zeit gebracht hätte.
Gern würde es die Mutter gesehen haben, wenn Xaver mehr Umgang gepflegt
hätte. Er hatte so gut wie gar keinen Verkehr. Des Abends ging er
nur aus, um einsame Spaziergänge oder weite Fahrten auf dem Rade zu
unternehmen.
Die alte Frau verstand ja nicht viel von den Sitten der Stadtmenschen
und der Künstler besonders. Aber sie sagte sich, daß es bei denen wohl
auch nicht viel anders sein werde, als anderwärts in Welt und Natur;
der Mensch brauchte den Menschen, und wenn ein Mann so einsam lebte wie
ihr Xaver, so war das nicht gut.
Ob der Kummer, von dem er ihr erzählt hatte, noch immer an seinem
Herzen nagte? --
Gewiß war's ja schön, wenn ein Mann in Treue an dem Gedächtnis der
Geliebten festhielt; aber einmal muß alle Trauer ein Ende haben, sonst
thut man sich Schaden und denen Unrecht, die man beklagt. Denn die
Toten sollen keine Macht behalten über die Lebendigen. Die Toten haben
das Ihre gehabt zu ihren Zeiten, die Lebenden aber haben das Recht zu
genießen.
So philosophierte die alte Frau. Sie hatte ein gut Stück Leben mit
offenen Augen angesehen und sich dabei das Herz warm und den Kopf kühl
bewahrt.
Für ihren Xaver aber hegte sie noch allerhand Hoffnungen. Der war jetzt
gerade in dem Alter, wo die Männer am besten werden, wenn überhaupt
etwas an ihnen ist. Sein Kopf fing an, am Wirbel einen ganz leichten
hellen Schimmer zu zeigen; vielleicht wußte er's selbst nicht mal,
daß sein Haar dünner werde. Sie hatte es auch nur bemerkt von ihrer
erhöhten Warte aus. Wenn sie auf der Holzgalerie stand, dann sah sie
ihren Buben ja ausnahmsweise mal von oben, während sie für gewöhnlich
an ihm emporschauen mußte.
* * * * *
Es klingelte an der Entreethür des Bildhauers. Die Mutter kam heraus,
sie war ziemlich ärgerlich. Kunsthändler hatten vorher geklingelt, die
der alten Frau soviel vorgeschwatzt, bis sie sich erweichen ließ, sie
vorzulassen. Dafür war sie gescholten worden. Aber jetzt wollte sie
fest bleiben.
Eine junge Dame stand draußen. Die Mutter wußte, daß Xaver
augenblicklich keine Modelle brauchte. Außerdem sagte ihr ein genaueres
Hinschauen, daß diese Person wohl kein Modell sei. In ihrer Haltung lag
etwas Stolzes und Schlichtes zugleich. Die Alte hatte schon beobachten
gelernt und kannte sich einigermaßen aus mit dem Publikum.
»Ist Herr Pangor zu Haus?« fragte die Dame.
Der alten Frau entging die Hast nicht, mit der das gefragt wurde. Dabei
schien der Ausdruck des blassen Gesichtes sagen zu sollen: ›Es ist mir
im Grunde gleichgiltig, ob er da ist oder nicht!‹
›Die verstellt sich!‹ dachte die alte Frau und antwortete: »Zu Haus
wär' er schon, aber i glaub nit, daß er annehme thut.«
»Könnte ich nicht ein paar Worte mit ihm sprechen?« fragte Jutta.
-- Die Mutter sah sie die Farbe wechseln. Die Sache wurde ihr immer
verdächtiger.
»Er is beim Arbeiten. Da will er niemand sehen; außer wann's ganz was
Pressants wär. Was wollen's denn vom Herrn Pangor?«
»Ich -- ich habe mit ihm zu sprechen!« -- Wieder die stolze Miene. Der
Kopf wurde zurückgeworfen.
»Se wern halt unverrichter Dinge gehen müssen, Fräulein! Mein Sohn is
nit für a jeds zu sprechen.«
»Sie sind die Mutter?« rief mit plötzlichem Verstehen Jutta und trat
leuchtenden Auges auf die Alte zu. »Von Ihnen hat er mir so viel Liebes
erzählt.« Sie griff nach der Hand der Alten.
»Ja, du mei! Wer sein denn Sie?«
Jetzt öffnete sich die Thür des Ateliers. Xavers Silhouette erschien in
der lichten Öffnung.
»Hier is wer!« rief die Mutter. Ihr war angst, daß sie wieder
gescholten werden möchte. »I hab ihr schon gesagt, du wärst nit zu
Haus. Aber se hat's ka Einsehn nit!«
Xaver that einen Schritt vorwärts mit weitgeöffneten Augen. »Jutta!«
rief er. Sie sagte kein Wort, streckte ihm nur beide Hände entgegen.
»Ich hörte Ihre Stimme, glaubte, es müsse ein Traum sein. -- Sind Sie's
denn wirklich?« rief Xaver.
Er behielt des Mädchens Hand in der seinen, führte sie in das Atelier,
machte die Thür hinter sich zu, ließ die Mutter im dunklen Gange, ohne
Erklärung.
Die Alte stand verdutzt. Was gingen hier für Dinge vor? -- Wie hatte er
sie doch gleich genannt? »Jutta!« Ja, so war's gewesen. Niemals hatte
er ihr gegenüber den Namen erwähnt. Kopfschüttelnd zog sie sich in ihr
Stübchen zurück.
Unwillkürlich lauschte die Mutter, ob der Besuch das Atelier bald
wieder verlasse. Aber keine Thür ging, kein Schritt erklang. Ruhe
herrschte in der ganzen Behausung.
Die alte Frau war in Unruhe. Wunderliche Gedanken stiegen in ihr auf.
Sie wußte nicht mehr: sollte sie sich freuen oder sollte sie sich
ängstigen. Irgend etwas Großes, Wichtiges ging heut vor. Sie hatte es
gleich gewußt früh morgens. Denn sie war in der letzten Nacht von einem
bedeutsamen Traume heimgesucht worden. Es war das kein gewöhnlicher
Traum gewesen, mehr ein angstvolles Wiedererleben von etwas, das
sich wirklich ereignet hatte. Und wenn einem das passierte, daß man
bereits Erlebtes im Traume nochmal durchmachte, das hatte immer was zu
bedeuten, was Gutes oder was Arges.
Ihr Traum bestand in folgendem: Es war zu der Zeit, da Xaver noch
nicht geboren war. Sie hatte hintereinander drei Mädchen gehabt;
jetzt war sie wieder guter Hoffnung. Sie wünschte sich einen Sohn.
Vielleicht, wenn sie der Mutter Gottes ein Geschenk darbrachte, würde
die sich herbeilassen, ihr einen Buben zu bescheren. Oder ob man sich
mit der Bitte an den Schutzpatron des heimischen Kirchleins wendete?
-- Oder auch an den heiligen Mann, an dessen Tage sie geboren war
und nach dem sie benamst war? -- Aber schließlich hatte sie doch
am meisten Zutrauen zur heiligen Jungfrau, die war ja auch Mutter
gewesen und verstand wahrscheinlich mehr von diesen Dingen, als die
heiligsten Männer. Die Frage war nur: was man darbringen solle? Denn
die Gabe mußte doch Beziehung haben zum Erbetenen; sonst verstand die
Fürbitterin sie am Ende garnicht mal.
Sie ging in der Stadt zu einem Händler, bei dem man Weihgeschenke
kaufte. Dort suchte sie unter den vorgelegten Gegenständen lange. Arme,
Beine, Augen, Herzen aus Wachs paßten doch nicht für ihren Fall. Sie
wollte ja nicht Heilung erflehen von irgend einem Gebrechen, etwas viel
Größeres wollte sie: einen Sohn. Aber wie das ausdrücken? Fragen konnte
man auch niemanden, nicht mal den Herrn Pfarrer. Sie schämte sich
nämlich ihrer Absichten.
Schließlich fiel ihr ein, daß ihr eigener Bruder, der Schreiner, wenn's
verlangt wurde, auch Heiligenbilder schnitzte. Bei dem bestellte sie
sich eine Geburt Jesu mit allem, was dazu gehört: Maria und Joseph,
der Gottessohn, Engel, Hirten, Ochs und Esel, Krippe, auch die Windeln
durften nicht fehlen. Nachdem der Bruder das Bild kunstvoll geschnitzt
hatte, wurde es von einem Malkundigen des Dorfes bunt angestrichen.
Nun ängstigte sie ihr Traum mit der Sorge: ob das Weihgeschenk fertig
werden würde. Die Farben wollten nicht trocknen, und es war doch die
höchste Zeit. Schon meldete sich das Kindlein ganz energisch. Wenn
das Bild nicht rechtzeitig an seinen Platz kam, würde es wieder ein
Mädchen werden; denn woher sollte die heilige Jungfrau denn wissen, daß
ein Knabe von ihr erbeten würde! Schrecklich war die Angst! Sie sah
die ganze schöne Schnitzerei vor sich: die liebliche Gestalt Mariä,
wie sie das Neugeborene beglückt anlächelte, die knieenden Hirten, den
erstaunten Joseph, das Vieh, alles, alles so naturgetreu gemalt, daß
man es für lebendig hätte halten mögen. Aber die Farben, die Farben,
die nicht trocknen wollten! Und wenn man bedachte, was davon abhing:
Ihr Glück, das Schicksal ihres Xaver, ob sie überhaupt einen Sohn haben
werde! --
In diesem schrecklichen Moment war sie aufgewacht, an allen Gliedern
zitternd. Gott sei dank, es war ja nur ein Traum gewesen. Die Mutter
Gottes hatte sie erhört; ihr Sohn lebte, war längst ein erwachsener
Mann. Und zum Dank für das schöne Votivbild hatte die Himmelskönigin
ihm ein besonderes Patengeschenk in die Wiege gelegt. Für die Mutter
war es nämlich niemals zweifelhaft gewesen, woher Xavers Begabung
stamme, wodurch er so ein großer berühmter Künstler geworden sei; das
hing ganz natürlich zusammen mit den absonderlichen Umständen seiner
Entstehung.
Die alte Frau holte ihren alten, abgegriffenen Rosenkranz hervor und
betete, auf der Gewandtruhe sitzend, abwechselnd ein Vaterunser und ein
Ave-Maria. Darüber wurde sie ruhiger. Nachdem sie alle Perlen abgebetet
hatte, schloß sie den Rosenkranz wieder ein und ging in die Küche, denn
das Essen wollte versorgt sein.
Ob sie es wagen sollte, mal hineinzugehen? Ihn fragen, was er heute
essen wolle? Nur zu gern hätte sie's gethan! Blind würde man schon
nicht gleich werden. Aber stören wollte sie auch nicht. Wer weiß, man
verdarb vielleicht was Gutes, etwas, das sie sich im geheimen so innig
wünschte.
Wenn man nur ein Mäuschen hätte sein können, um da zuzugucken! Oder
auch ein Schwälbchen auf dem Dachbalken! --
Endlich konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen. Sie
schlich die Stiege hinauf, die zu der hölzernen Galerie führte, ihrem
heimlichen Lugaus. Vorsichtig öffnete sie die kleine Thür und blickte
hinab.
Da unten saßen sie. Das Mädchen auf dem Divan, Xaver auf einem Hocker
ihr gegenüber. Er hielt den gesenkten Kopf in der Hand aufgestützt. Sie
hatte den Hut abgelegt; scharf hob sich ihr Profil gegen die Scheibe
ab. Die Mutter konnte sie sich genau betrachten.
Also das war sie, die er »Jutta« genannt und die ihm beide Hände
entgegengestreckt hatte. Sauber war sie, das mußte man sagen! Es lag
etwas Besonderes in ihrer Erscheinung. Für sie, die Mutter, war dieses
Fräulein mit dem wohlgepflegten Haar, der zarten weißen Haut, den
schmalen Händen, wohl eigentlich zu fein! Aber wahrscheinlich gefiel
sie darum gerade dem Xaver. Der hatte von Jugend auf stets das Rare
bevorzugt. Und schließlich auf Xaver kam's hier doch an! --
Wie weit sie wohl sein mochten miteinander, die beiden! Sonderbar, sie
schwiegen beharrlich! Xaver starrte den Boden an, das Mädchen aber
saß regungslos und blickte in die Ferne, als studiere sie den Zug der
Wolken. Närrisch! So hatte sie junge Menschen verschiedenen Geschlechts
noch nie einander gegenüber sitzen sehen.
Jetzt sagte er etwas, mit einer Stimme, wie sie die Mutter garnicht an
ihrem Sohne kannte. Und das Mädchen erwiderte halblaut ein paar Worte.
Dann erhob sich Xaver, ging mit verschränkten Armen im Atelier umher.
Die alte Frau besorgte, daß er zufällig einen Blick nach oben werfen
könne; dann wäre sie entdeckt gewesen. Vorsichtig zog sie sich zurück.
Außerdem wollte sie auch das Essen nicht einkochen lassen.
Als die Mutter eine halbe Stunde später noch einmal die Stiege
hinaufging und einen neugierigen Blick hinunter wagte, zeigte sich ihr
ein ganz anderes Bild.
Xaver und Jutta dicht aneinander geschmiegt. Sie hatte das Haupt
zurückgelehnt in seinen Arm, die Augen waren geschlossen. Er strich ihr
mit der Hand über Stirn und Haar. Sie sprachen auch jetzt noch nicht
viel da unten. Einmal wurde ein tiefer Seufzer gehört; gleich darauf
sank des Mädchens Haupt an seine Brust.
Auf einmal war es wie Rosenduft in der Luft; als erklängen die Glocken
von selbst und Engel sängen dazu. Die Greisin faltete die Hände. In die
Kniee sinken, anbeten! --
Da unten das war das Wunder der Wunder! Daß sie das noch sehen durfte!
Voll Ehrfurcht stand sie, in ihrem einfachen Sinne ergriffen, vor dem
größten aller Mysterien. Ihre alten Augen schwammen in Thränen. Die
Kniee zitterten. Sie griff sich an der Wand hin die Stiege hinab.
In ihrem Zimmerchen setzte sie sich wieder auf die Gewandtruhe, den
Kopf in den Händen. Sie konnte nur noch eines denken: ihr Sohn hatte
einen Schatz! Und sie, sie war jung, war wieder eine junge Dirn
geworden.
* * * * *
Xaver und Jutta standen ein paar Stunden darauf an Lieschens Grabe.
Hier war die Stätte, wo sie sich den Segen zu holen hatten, der mehr
war als Priesters Segen. Sie sprachen kein Wort, aber jedes fühlte des
anderen Gedanken.
Die hier unter dem Epheu-umsponnenen Hügel war nicht tot. Wie konnte
ein guter Mensch überhaupt tot sein?! --
Der Stein am Kopfende des Grabes war lebendig geworden. Die Gestalt
atmete, lächelte. Nicht wie eine war sie, die dem Grabe zuschreitet,
sondern wie eine, die aufersteht, dem Geliebten und seiner Braut
entgegengeht und zu ihnen spricht: Wir Menschenkinder sind vergänglich,
die Liebe allein ist ewig. Darum liebet euch! Liebt euch tief und
stark! Dann kann ich bei euch bleiben. In der Liebe haben wir das ewige
Leben.