XXVII.

Jutta war von Florenz nach München zurückgekehrt. Der Vater hatte ihr

geschrieben, daß nunmehr die endgiltige Vermögensauseinandersetzung

stattfinden müsse zwischen ihm und den Kindern über die

Hinterlassenschaft der Mutter.

Man hatte viel auf dem Gerichte zu thun. Inventar wurde aufgenommen,

da auch die Möbel der Verstorbenen, Schmuck und Silber zur Verteilung

kamen. Manches Stück wurde ausrangiert, verkauft, verschenkt. Jutta

mußte sich entscheiden, was sie für sich behalten wolle. Daß sich Vally

als Hausfrau in diese Fragen einzumischen für berechtigt hielt, machte

die Auseinandersetzung auch nicht erquicklicher.

Vally hatte es in der kurzen Zeit des Verheiratetseins verstanden, das

Heft völlig in die Hand zu bekommen. Wie anzunehmen gewesen, hatte sie

ihre Mutter, die Witwe Habelmayer, zu sich genommen.

Die beiden Frauen ließen es sich angelegen sein, Herrn Reimers zu dem

zu machen, was er seinen Jahren nach eigentlich noch nicht zu sein

brauchte, nämlich zum alten Manne. Sie hatten herausgefunden, daß er

leidend sei; der Grund dazu wäre in Überanstrengung zu suchen und

darin, daß sich früher niemand recht um ihn gekümmert habe. Er sei

vernachlässigt worden von seiner Familie.

Wenn man einem, an sich gesunden Menschen tagtäglich vorredet, daß er

krank ist, so wird er es in neun von zehn Fällen schließlich glauben.

So glückte es denn auch hier den »Vater Reimers« -- so wurde er

neuerdings genannt -- davon zu überzeugen, daß er dringend der Schonung

bedürfe.

Unter diesem Gesichtspunkte war das ganze Hauswesen umgestaltet

worden. Aus dem Geschäfte hatte sich Herr Reimers ja schon vordem

zurückgezogen. Seine freie Zeit auszufüllen, war Sache der Damen.

Sie waren darin erfinderisch. Vor allem dehnte man die Mahlzeiten aus.

Und da man sich fünfmal täglich zu Essen und Trinken niederließ, war

damit schon ein großer Teil des Tages untergebracht. Hatte man früher

bereits im Reimersschen Hause nicht gedarbt, so wurde jetzt dort

geschlemmt.

Am besten schlug diese Art Leben bei Vally an. Den Ehrgeiz, eine Figur

zu besitzen, hatte sie aufgegeben, seit sie verheiratet war. Sie

glaubte, es sich jetzt gestatten zu können, auf jedes schlankmachende

Rüstzeug zu verzichten. Nun erst sah man staunend, wie verschwenderisch

Vally von Natur ausgestattet war.

Zu dieser Erscheinung paßte die satte Ruhe, mit der Vally das Dasein

behäbig und würdevoll genoß. In ihrem runden, blühenden Gesicht lag nur

ein einziger Gedanke ausgedrückt: ›Ich habe erreicht, was ich gewollt,

ich bin mit mir zufrieden!‹

Neben Essen und Trinken pflegte man noch andere, dem wohlhabenden

Bürger zukommende Liebhabereien. Herr Reimers hielt neuerdings Wagen

und Pferde. Das Gehen hätte ihn anstrengen können. Man fuhr zu dreien

aus, wenn es das Wetter irgend erlaubte, mit zurückgeschlagenem

Verdeck, damit man möglichst gesehen werde. Das war von jeher Vallys

schönster Traum gewesen: im Landauer bequem zurückgelehnt, angethan mit

seidenem Kleide, einen Kutscher in der eigenen Livree auf dem Bock,

durch die Straßen zu fahren, bewundert und vor allem beneidet von den

Fußgängern. Dieses Ideal war ihr nun in Erfüllung gegangen.

In den Klub und zum Frühschoppen ging Reimers nicht mehr. Seine

Damen hatten ihm klar gemacht, daß das für seine Gesundheit höchst

unzuträglich sei. Nur noch solche Lokale durfte er besuchen, wohin

die beiden ihn begleiten mochten. Der Abwechselung halber speiste man

gelegentlich auswärts, um Menschen zu sehen und sich zu zeigen. Und

auch das gehörte zu den gesundheitfördernden Beschäftigungen, mit denen

Reimers neuerdings seine Zeit ausfüllen durfte: ausfindig machen, wo

man in München am besten esse. Eine Frage, über die mit dem, einer so

wichtigen Sache gebührenden Ernste stetig zwischen den dreien hin und

her verhandelt wurde.

Wenn man ins Theater fuhr oder zum Konzert, -- was auch vorkam --

so geschah es aus hygienischen Gründen. Vally hatte herausgefunden,

daß nichts die Verdauung günstiger beeinflusse und zu neuem Appetit

anrege, als Musik und hie und da mal ein Theaterstück. Man bevorzugte

das leichtere Genre. Ernstere Musik und Tragödien mied man, als der

Gesundheit nicht zuträglich.

Dieses glückliche Kleeblatt wurde ergänzt durch einen vierten: Luitpold

Habelmayer. Seit er Witwer geworden, lebte er ganz zurückgezogen,

verkehrte nur noch im Hause seines Onkels -- der ja nunmehr auch sein

Schwager war -- dort aber um so häufiger.

Herr Reimers hatte seinen Neffen Luitpold immer gern gemocht,

neuerdings war ihm dessen Umgang geradezu zum Bedürfnis geworden. Denn

seitdem der alte Herr in Bezug auf seine Vergnügungen auf schmale Kost

gesetzt worden war, brauchte er jemanden, der ihm von den verbotenen

Früchten wenigstens den Duft zuführte. Luitpolds Weltanschauung und

Geschmack waren ganz die seinen. Der Neffe war, wie der Onkel, ein

Freund von schweren Cigarren, altem Rheinwein und leichten Damen.

Cigarren und Wein konnten sie gemeinsam genießen; die Damen nur

insofern, als der junge dem alten Manne von ihnen erzählte. Reimers

hörte mit dem verständnisvollen Mitempfinden jemandes zu, der so sehr

Kenner ist, daß er die Speisen, welche er einen anderen essen sieht,

nachzuschmecken vermag.

Nach außen hin spielte Luitpold Habelmayer die Rolle des Witwers in

korrektester Weise. Auch darin hatte ihm ja sein Onkel Reimers Jahre

hindurch ein nachahmenswertes Vorbild gegeben. Luitpold trauerte

noch immer, obgleich nun schon ein Jahr vergangen war, seit Elwire

das Zeitliche gesegnet hatte. Wenn er von der Entschlafenen sprach

-- und das that er gern -- so geschah es mit gesenktem Blicke und

verschleierter Stimme. Ihr Grab besuchte er häufig, nahm wohl auch

Freunde mit dorthin, um von ihnen das prächtige Grabmal bewundern zu

lassen, das er aus poliertem, nordischem Granit hatte errichten lassen.

»Ruhestätte der Familie Habelmayer« stand in goldenen Lettern darüber.

Elwire war die erste, die dort eingezogen war. Der übliche Bibelspruch

und ein »Auf Wiedersehen!« fehlten nicht.

Bei dem lebhaften Verkehre, der zwischen Luitpold und seinen Verwandten

stattfand, bekam auch Jutta den Vetter sehr bald zu Gesicht. Sie war

auf ihn vorbereitet, in gewissem Sinne, denn ein Brief Vallys an sie

nach Florenz hatte zum größten Teile von ihm gehandelt, ihr berichtet,

wie untröstlich er noch immer sei.

Jutta fand, daß das sentimental melancholische Wesen, welches Luitpold

als Attribut des Witwertums zur Schau trug, ihm recht schlecht zu

Gesicht stehe. Da war er ihr schließlich früher, wo er den Lebemann

ganz offen bekannte, noch lieber gewesen. Was man von seiner Trauer um

Elwire zu halten habe, mußte sie doch am allerersten wissen.

Übrigens kam ihr der Vetter, wie neuerdings alle und alles in der

Heimat, herzlich unbedeutend und lächerlich zurückgegangen vor. Kaum

verstand sie noch, wie es möglich gewesen, daß dieser Mensch einstmals

von ihr beachtet worden war, ja daß es eine Zeit gegeben, wo seine

Zudringlichkeit sie ernstlich beunruhigt hatte.

Jutta merkte es wohl, daß Luitpold von neuem versuchte, Eindruck auf

sie hervorzubringen. Das war ja zu erwarten gewesen! Zum Unterschied

gegen früher trat er jetzt ganz offen mit seinen Annäherungsversuchen

hervor. War er doch Witwer und Jutta ledig. Er trug sich also mit

sogenannten »ernsthaften Absichten«, und sein Verhalten war dem

entsprechend ein ehrbar gesetztes.

Zu Ehren von Juttas Rückkehr aus Florenz hatte Vally es sich nicht

nehmen lassen, ein Mittagessen zu veranstalten; Luitpold war dazu

eingeladen.

Bei Vally, ihrer Mutter und Vater Reimers war die Verdauung ein äußerst

wichtiger Vorgang, dem obzuliegen man für heilige Pflicht hielt. Es war

daher nichts allzu Auffälliges, daß sich diese drei gleich nach dem

Kaffee in ihre Gemächer zurückzogen, Jutta allein mit Luitpold lassend.

Es wäre ein leichtes gewesen für Jutta, sich ebenfalls zu entfernen,

und so dem +tête-à-tête+ mit dem Vetter aus dem Wege zu gehen.

Aber sie hatte das Gefühl, als sei es richtiger, ihm die Stirn zu

bieten.

Luitpold schlug, sobald die anderen gegangen waren, sofort einen

wärmeren Ton an. Er rückte näher an Jutta heran, suchte ihr in die

Augen zu schauen. Da er dort nur auf eisige Blicke traf, senkte er die

seinen wieder und begann nun, halb zutraulicher Vetter halb hoffender

Liebhaber, von diesem und jenem zu reden. Schließlich kam er auch auf

Elwire zu sprechen und auf seinen großen Schmerz um sie, und wie er

erst jetzt, da er sie verloren, zu erkennen beginne, was er an ihr

besessen habe.

»Weißt du, liebe Jutta, das Leben ist doch eine merkwürdig ernste

Sache. Erst wenn man wirklich Schweres durchgemacht hat, merkt man das.

Du hast ja inzwischen auch Enttäuschungen erlebt und insofern treffen

sich unsere Geschicke. Ich meine nicht nur deine Verlobung mit dem

jungen Knorrig -- die habe ich stets für eine Übereilung angesehen --

ich glaube zu wissen, daß du auch andere bittere Erfahrungen gehabt

hast! Doch will ich schweigen, wenn dir das unangenehm ist. Ich wollte

dir nur zeigen, daß ich mich stets für deinen Lebensgang interessirt

habe. Ich habe unser Verhältnis von jeher als etwas Besonderes

betrachtet, und in dir immer mehr gesehen, als bloß meine schöne

Cousine. Auch Elwire kannte meine Gefühle für dich; ich hatte kein

Geheimnis vor ihr. Und ich darf wohl sagen: mein Interesse für dich

genoß ihre Billigung. Sie war ein edles, großmütiges Geschöpf, dir war

sie immer besonders zugethan. Ich habe das deutliche Gefühl, daß Elwire

jetzt auf uns beide herabschaut« ...

Weiter kam er nicht. Jutta erhob sich jäh von ihrem Sitze. Sprachlos

vor Verachtung blickte sie Luitpold an. Die Erinnerung an all das

Widerliche, was sie früher mit diesem Menschen durchgemacht hatte,

stieg mit einemmale in ihr empor.

»Ich weiß nicht, Jutta, ob du mich ganz verstehst .....«

»O, ganz gut verstehe ich dich, lieber Vetter!« erwiderte sie im Tone

schneidenden Hohnes. »Und ich will dir ein für allemal sagen, was ich

von dir halte: Du bist ein Lump!«

Luitpold zuckte zusammen, richtete sich dann auf, wie zur Verteidigung.

Aber als er in das von Erregung bleiche, durchaus ernste Gesicht des

Mädchens geblickt hatte, sah er zur Seite, ohne etwas zu erwidern.

»Nun weißt du meine Meinung! Mir liegt übrigens garnichts daran, einen

Familienskandal herbeizuführen. Ich werde die anderen nichts merken

lassen. Ich denke, das wird dir auch lieb sein!«

* * * * *

Lieschens Grab aufzusuchen, hatte Jutta in den ersten Tagen nach ihrer

Rückkehr keine Zeit gefunden. Jetzt wollte sie diese traurige Pflicht

nachholen.

Sie besorgte sich Blüten und Zweige, um selbst einen Kranz zu winden.

Denn es war ihr immer so widersinnig vorgekommen, für geliebte Tote

einen von jenen geschmacklosen Trauerkränzen fertig zu kaufen, wie sie

am Eingange der Kirchhöfe angeboten werden. Bunte, lebendige, duftende

Blüten sollten den Hügel schmücken, wo ihre Freundin ruhte, nicht tote

Strohblumen oder steifer Lorbeer.

So wanderte sie hinaus mit ihren Blumen nach dem Gottesacker. Das

Grab lag weit draußen; vor'm Jahre war es eines der letzten gewesen.

Inzwischen waren unzählige neue Hügel entstanden. Jutta wußte nur

ungefähr: in dieser Gegend war's gewesen, wo damals Xaver neben ihr

gekniet hatte. Aber jetzt schien es unmöglich, in der verwirrenden

Menge von Steinen, Inschriften und Bildnissen sich zurecht zu finden.

Jutta sah sich bereits nach jemandem um, der ihr Auskunft hätte

geben können, da fiel ihr Blick auf ein Monument von weißem Marmor,

das sich inmitten schlichterer Denksteine auffällig von der grauen

Kirchhofsmauer abhob.

Nichts ahnend trat Jutta heran. Am Kopfende eines kleinen Hügels stand

ein mächtiger, grauweißer Block, grob behauen. Der obere Teil sprang

schützend vor, wie ein Dach, ließ nach unten eine Nische zurücktreten,

an deren Rückwand man ein stark profiliertes Relief erblickte.

Das war keine blasse, weithergeholte, sentimentale Allegorie, wie sie

ringsum mehr oder minder geschmacklos die Grabstätten schmückten; das

war ein packender lebensvoller Vorgang! Eine Frau, schlicht gekleidet,

die zarte Gestalt vom Schleier umflort, öffnete mit der einen Hand jene

Pforte, die ins Unbekannte führt, mit der anderen leicht erhobenen

winkte sie Abschied. Das Gesicht fein und weich, wie das eines Kindes,

hatte doch den Ausdruck der Reife und des Wissens; der Mund lächelte.

An diesem Lächeln gingen Jutta die Augen auf. So hatte auf der

ganzen Welt nur eine gelächelt. Das war Lieschens unvergleichliches,

kindergutes, alles verstehendes und alles verzeihendes Lächeln.

Kein Name nannte dem Beschauer, wer die sei, die hier ruhe, keine

Tafel gab irgendwelche Erklärung. Wozu auch?! Das Monument redete eine

Sprache, die mit einem einzigen erhabenen Worte die Geschichte einer

Seele und ihres Schicksals zugleich erzählte.

Hier war alles Zufällige der Erscheinung ausgelöscht, der Geist gelöst

von der irdischen Form. Das Ewige eines Wesens wirkte hüllenlos.

Jutta stand sprachlos mit gefalteten Händen davor, überwältigt,

erschüttert, durchschauert. Ehrfurcht empfand sie, wie vor einer

Offenbarung, Ehrfurcht, wie man sie fühlt, wenn es einem Menschen

gelungen ist, zum endgiltigen Kern eines Ereignisses durchzudringen, es

zur ewigen Wahrheit zu gestalten.

Sie weinte nicht. Was hätte es hier auch zu weinen und zu trauern

gegeben?! Hier war dem Tode wahrhaftig der Stachel genommen, hier war

ewiges Leben. Liebe, die über das Grab hinaus solche Wunder wirkte, war

einem Baume gleich, der einen kurzen Winter hindurch tot geschienen,

und dann aus verhaltener Kraft im Frühling nur um so herrlichere Blüten

treibt.

Ihre Blumen legte sie am Fußende des Hügels nieder, den der Epheu

bereits zum größten Teile übersponnen hatte. Nun kannte sie nur noch

ein Verlangen: zu dem, der das geschaffen hatte! Ihm danken!

Es war einer jener Entschlüsse, wie sie in großen Augenblicken aus der

heimlichen Werkstatt unseres Lebens: dem Herzen, aufsteigen, zu denen

der Kopf hundertmal »nein« sagen mag, die uns unter ihr unentrinnbares

Gebot zwingen und unser Schicksal entscheiden.

Zu ihm, den sie haßte, weil sie ihn liebte, den sie fürchtete und zu

dem es sie hinzog, vor dem sie geflohen und dem sie begegnet war auf

allen Wegen, zu ihm, der sie, ohne es zu wissen und zu wollen, nun

endlich besiegt hatte, ging sie jetzt.

Liebe ist ewig · 第 39 / 44 题