Jutta war von Florenz nach München zurückgekehrt. Der Vater hatte ihr
geschrieben, daß nunmehr die endgiltige Vermögensauseinandersetzung
stattfinden müsse zwischen ihm und den Kindern über die
Hinterlassenschaft der Mutter.
Man hatte viel auf dem Gerichte zu thun. Inventar wurde aufgenommen,
da auch die Möbel der Verstorbenen, Schmuck und Silber zur Verteilung
kamen. Manches Stück wurde ausrangiert, verkauft, verschenkt. Jutta
mußte sich entscheiden, was sie für sich behalten wolle. Daß sich Vally
als Hausfrau in diese Fragen einzumischen für berechtigt hielt, machte
die Auseinandersetzung auch nicht erquicklicher.
Vally hatte es in der kurzen Zeit des Verheiratetseins verstanden, das
Heft völlig in die Hand zu bekommen. Wie anzunehmen gewesen, hatte sie
ihre Mutter, die Witwe Habelmayer, zu sich genommen.
Die beiden Frauen ließen es sich angelegen sein, Herrn Reimers zu dem
zu machen, was er seinen Jahren nach eigentlich noch nicht zu sein
brauchte, nämlich zum alten Manne. Sie hatten herausgefunden, daß er
leidend sei; der Grund dazu wäre in Überanstrengung zu suchen und
darin, daß sich früher niemand recht um ihn gekümmert habe. Er sei
vernachlässigt worden von seiner Familie.
Wenn man einem, an sich gesunden Menschen tagtäglich vorredet, daß er
krank ist, so wird er es in neun von zehn Fällen schließlich glauben.
So glückte es denn auch hier den »Vater Reimers« -- so wurde er
neuerdings genannt -- davon zu überzeugen, daß er dringend der Schonung
bedürfe.
Unter diesem Gesichtspunkte war das ganze Hauswesen umgestaltet
worden. Aus dem Geschäfte hatte sich Herr Reimers ja schon vordem
zurückgezogen. Seine freie Zeit auszufüllen, war Sache der Damen.
Sie waren darin erfinderisch. Vor allem dehnte man die Mahlzeiten aus.
Und da man sich fünfmal täglich zu Essen und Trinken niederließ, war
damit schon ein großer Teil des Tages untergebracht. Hatte man früher
bereits im Reimersschen Hause nicht gedarbt, so wurde jetzt dort
geschlemmt.
Am besten schlug diese Art Leben bei Vally an. Den Ehrgeiz, eine Figur
zu besitzen, hatte sie aufgegeben, seit sie verheiratet war. Sie
glaubte, es sich jetzt gestatten zu können, auf jedes schlankmachende
Rüstzeug zu verzichten. Nun erst sah man staunend, wie verschwenderisch
Vally von Natur ausgestattet war.
Zu dieser Erscheinung paßte die satte Ruhe, mit der Vally das Dasein
behäbig und würdevoll genoß. In ihrem runden, blühenden Gesicht lag nur
ein einziger Gedanke ausgedrückt: ›Ich habe erreicht, was ich gewollt,
ich bin mit mir zufrieden!‹
Neben Essen und Trinken pflegte man noch andere, dem wohlhabenden
Bürger zukommende Liebhabereien. Herr Reimers hielt neuerdings Wagen
und Pferde. Das Gehen hätte ihn anstrengen können. Man fuhr zu dreien
aus, wenn es das Wetter irgend erlaubte, mit zurückgeschlagenem
Verdeck, damit man möglichst gesehen werde. Das war von jeher Vallys
schönster Traum gewesen: im Landauer bequem zurückgelehnt, angethan mit
seidenem Kleide, einen Kutscher in der eigenen Livree auf dem Bock,
durch die Straßen zu fahren, bewundert und vor allem beneidet von den
Fußgängern. Dieses Ideal war ihr nun in Erfüllung gegangen.
In den Klub und zum Frühschoppen ging Reimers nicht mehr. Seine
Damen hatten ihm klar gemacht, daß das für seine Gesundheit höchst
unzuträglich sei. Nur noch solche Lokale durfte er besuchen, wohin
die beiden ihn begleiten mochten. Der Abwechselung halber speiste man
gelegentlich auswärts, um Menschen zu sehen und sich zu zeigen. Und
auch das gehörte zu den gesundheitfördernden Beschäftigungen, mit denen
Reimers neuerdings seine Zeit ausfüllen durfte: ausfindig machen, wo
man in München am besten esse. Eine Frage, über die mit dem, einer so
wichtigen Sache gebührenden Ernste stetig zwischen den dreien hin und
her verhandelt wurde.
Wenn man ins Theater fuhr oder zum Konzert, -- was auch vorkam --
so geschah es aus hygienischen Gründen. Vally hatte herausgefunden,
daß nichts die Verdauung günstiger beeinflusse und zu neuem Appetit
anrege, als Musik und hie und da mal ein Theaterstück. Man bevorzugte
das leichtere Genre. Ernstere Musik und Tragödien mied man, als der
Gesundheit nicht zuträglich.
Dieses glückliche Kleeblatt wurde ergänzt durch einen vierten: Luitpold
Habelmayer. Seit er Witwer geworden, lebte er ganz zurückgezogen,
verkehrte nur noch im Hause seines Onkels -- der ja nunmehr auch sein
Schwager war -- dort aber um so häufiger.
Herr Reimers hatte seinen Neffen Luitpold immer gern gemocht,
neuerdings war ihm dessen Umgang geradezu zum Bedürfnis geworden. Denn
seitdem der alte Herr in Bezug auf seine Vergnügungen auf schmale Kost
gesetzt worden war, brauchte er jemanden, der ihm von den verbotenen
Früchten wenigstens den Duft zuführte. Luitpolds Weltanschauung und
Geschmack waren ganz die seinen. Der Neffe war, wie der Onkel, ein
Freund von schweren Cigarren, altem Rheinwein und leichten Damen.
Cigarren und Wein konnten sie gemeinsam genießen; die Damen nur
insofern, als der junge dem alten Manne von ihnen erzählte. Reimers
hörte mit dem verständnisvollen Mitempfinden jemandes zu, der so sehr
Kenner ist, daß er die Speisen, welche er einen anderen essen sieht,
nachzuschmecken vermag.
Nach außen hin spielte Luitpold Habelmayer die Rolle des Witwers in
korrektester Weise. Auch darin hatte ihm ja sein Onkel Reimers Jahre
hindurch ein nachahmenswertes Vorbild gegeben. Luitpold trauerte
noch immer, obgleich nun schon ein Jahr vergangen war, seit Elwire
das Zeitliche gesegnet hatte. Wenn er von der Entschlafenen sprach
-- und das that er gern -- so geschah es mit gesenktem Blicke und
verschleierter Stimme. Ihr Grab besuchte er häufig, nahm wohl auch
Freunde mit dorthin, um von ihnen das prächtige Grabmal bewundern zu
lassen, das er aus poliertem, nordischem Granit hatte errichten lassen.
»Ruhestätte der Familie Habelmayer« stand in goldenen Lettern darüber.
Elwire war die erste, die dort eingezogen war. Der übliche Bibelspruch
und ein »Auf Wiedersehen!« fehlten nicht.
Bei dem lebhaften Verkehre, der zwischen Luitpold und seinen Verwandten
stattfand, bekam auch Jutta den Vetter sehr bald zu Gesicht. Sie war
auf ihn vorbereitet, in gewissem Sinne, denn ein Brief Vallys an sie
nach Florenz hatte zum größten Teile von ihm gehandelt, ihr berichtet,
wie untröstlich er noch immer sei.
Jutta fand, daß das sentimental melancholische Wesen, welches Luitpold
als Attribut des Witwertums zur Schau trug, ihm recht schlecht zu
Gesicht stehe. Da war er ihr schließlich früher, wo er den Lebemann
ganz offen bekannte, noch lieber gewesen. Was man von seiner Trauer um
Elwire zu halten habe, mußte sie doch am allerersten wissen.
Übrigens kam ihr der Vetter, wie neuerdings alle und alles in der
Heimat, herzlich unbedeutend und lächerlich zurückgegangen vor. Kaum
verstand sie noch, wie es möglich gewesen, daß dieser Mensch einstmals
von ihr beachtet worden war, ja daß es eine Zeit gegeben, wo seine
Zudringlichkeit sie ernstlich beunruhigt hatte.
Jutta merkte es wohl, daß Luitpold von neuem versuchte, Eindruck auf
sie hervorzubringen. Das war ja zu erwarten gewesen! Zum Unterschied
gegen früher trat er jetzt ganz offen mit seinen Annäherungsversuchen
hervor. War er doch Witwer und Jutta ledig. Er trug sich also mit
sogenannten »ernsthaften Absichten«, und sein Verhalten war dem
entsprechend ein ehrbar gesetztes.
Zu Ehren von Juttas Rückkehr aus Florenz hatte Vally es sich nicht
nehmen lassen, ein Mittagessen zu veranstalten; Luitpold war dazu
eingeladen.
Bei Vally, ihrer Mutter und Vater Reimers war die Verdauung ein äußerst
wichtiger Vorgang, dem obzuliegen man für heilige Pflicht hielt. Es war
daher nichts allzu Auffälliges, daß sich diese drei gleich nach dem
Kaffee in ihre Gemächer zurückzogen, Jutta allein mit Luitpold lassend.
Es wäre ein leichtes gewesen für Jutta, sich ebenfalls zu entfernen,
und so dem +tête-à-tête+ mit dem Vetter aus dem Wege zu gehen.
Aber sie hatte das Gefühl, als sei es richtiger, ihm die Stirn zu
bieten.
Luitpold schlug, sobald die anderen gegangen waren, sofort einen
wärmeren Ton an. Er rückte näher an Jutta heran, suchte ihr in die
Augen zu schauen. Da er dort nur auf eisige Blicke traf, senkte er die
seinen wieder und begann nun, halb zutraulicher Vetter halb hoffender
Liebhaber, von diesem und jenem zu reden. Schließlich kam er auch auf
Elwire zu sprechen und auf seinen großen Schmerz um sie, und wie er
erst jetzt, da er sie verloren, zu erkennen beginne, was er an ihr
besessen habe.
»Weißt du, liebe Jutta, das Leben ist doch eine merkwürdig ernste
Sache. Erst wenn man wirklich Schweres durchgemacht hat, merkt man das.
Du hast ja inzwischen auch Enttäuschungen erlebt und insofern treffen
sich unsere Geschicke. Ich meine nicht nur deine Verlobung mit dem
jungen Knorrig -- die habe ich stets für eine Übereilung angesehen --
ich glaube zu wissen, daß du auch andere bittere Erfahrungen gehabt
hast! Doch will ich schweigen, wenn dir das unangenehm ist. Ich wollte
dir nur zeigen, daß ich mich stets für deinen Lebensgang interessirt
habe. Ich habe unser Verhältnis von jeher als etwas Besonderes
betrachtet, und in dir immer mehr gesehen, als bloß meine schöne
Cousine. Auch Elwire kannte meine Gefühle für dich; ich hatte kein
Geheimnis vor ihr. Und ich darf wohl sagen: mein Interesse für dich
genoß ihre Billigung. Sie war ein edles, großmütiges Geschöpf, dir war
sie immer besonders zugethan. Ich habe das deutliche Gefühl, daß Elwire
jetzt auf uns beide herabschaut« ...
Weiter kam er nicht. Jutta erhob sich jäh von ihrem Sitze. Sprachlos
vor Verachtung blickte sie Luitpold an. Die Erinnerung an all das
Widerliche, was sie früher mit diesem Menschen durchgemacht hatte,
stieg mit einemmale in ihr empor.
»Ich weiß nicht, Jutta, ob du mich ganz verstehst .....«
»O, ganz gut verstehe ich dich, lieber Vetter!« erwiderte sie im Tone
schneidenden Hohnes. »Und ich will dir ein für allemal sagen, was ich
von dir halte: Du bist ein Lump!«
Luitpold zuckte zusammen, richtete sich dann auf, wie zur Verteidigung.
Aber als er in das von Erregung bleiche, durchaus ernste Gesicht des
Mädchens geblickt hatte, sah er zur Seite, ohne etwas zu erwidern.
»Nun weißt du meine Meinung! Mir liegt übrigens garnichts daran, einen
Familienskandal herbeizuführen. Ich werde die anderen nichts merken
lassen. Ich denke, das wird dir auch lieb sein!«
* * * * *
Lieschens Grab aufzusuchen, hatte Jutta in den ersten Tagen nach ihrer
Rückkehr keine Zeit gefunden. Jetzt wollte sie diese traurige Pflicht
nachholen.
Sie besorgte sich Blüten und Zweige, um selbst einen Kranz zu winden.
Denn es war ihr immer so widersinnig vorgekommen, für geliebte Tote
einen von jenen geschmacklosen Trauerkränzen fertig zu kaufen, wie sie
am Eingange der Kirchhöfe angeboten werden. Bunte, lebendige, duftende
Blüten sollten den Hügel schmücken, wo ihre Freundin ruhte, nicht tote
Strohblumen oder steifer Lorbeer.
So wanderte sie hinaus mit ihren Blumen nach dem Gottesacker. Das
Grab lag weit draußen; vor'm Jahre war es eines der letzten gewesen.
Inzwischen waren unzählige neue Hügel entstanden. Jutta wußte nur
ungefähr: in dieser Gegend war's gewesen, wo damals Xaver neben ihr
gekniet hatte. Aber jetzt schien es unmöglich, in der verwirrenden
Menge von Steinen, Inschriften und Bildnissen sich zurecht zu finden.
Jutta sah sich bereits nach jemandem um, der ihr Auskunft hätte
geben können, da fiel ihr Blick auf ein Monument von weißem Marmor,
das sich inmitten schlichterer Denksteine auffällig von der grauen
Kirchhofsmauer abhob.
Nichts ahnend trat Jutta heran. Am Kopfende eines kleinen Hügels stand
ein mächtiger, grauweißer Block, grob behauen. Der obere Teil sprang
schützend vor, wie ein Dach, ließ nach unten eine Nische zurücktreten,
an deren Rückwand man ein stark profiliertes Relief erblickte.
Das war keine blasse, weithergeholte, sentimentale Allegorie, wie sie
ringsum mehr oder minder geschmacklos die Grabstätten schmückten; das
war ein packender lebensvoller Vorgang! Eine Frau, schlicht gekleidet,
die zarte Gestalt vom Schleier umflort, öffnete mit der einen Hand jene
Pforte, die ins Unbekannte führt, mit der anderen leicht erhobenen
winkte sie Abschied. Das Gesicht fein und weich, wie das eines Kindes,
hatte doch den Ausdruck der Reife und des Wissens; der Mund lächelte.
An diesem Lächeln gingen Jutta die Augen auf. So hatte auf der
ganzen Welt nur eine gelächelt. Das war Lieschens unvergleichliches,
kindergutes, alles verstehendes und alles verzeihendes Lächeln.
Kein Name nannte dem Beschauer, wer die sei, die hier ruhe, keine
Tafel gab irgendwelche Erklärung. Wozu auch?! Das Monument redete eine
Sprache, die mit einem einzigen erhabenen Worte die Geschichte einer
Seele und ihres Schicksals zugleich erzählte.
Hier war alles Zufällige der Erscheinung ausgelöscht, der Geist gelöst
von der irdischen Form. Das Ewige eines Wesens wirkte hüllenlos.
Jutta stand sprachlos mit gefalteten Händen davor, überwältigt,
erschüttert, durchschauert. Ehrfurcht empfand sie, wie vor einer
Offenbarung, Ehrfurcht, wie man sie fühlt, wenn es einem Menschen
gelungen ist, zum endgiltigen Kern eines Ereignisses durchzudringen, es
zur ewigen Wahrheit zu gestalten.
Sie weinte nicht. Was hätte es hier auch zu weinen und zu trauern
gegeben?! Hier war dem Tode wahrhaftig der Stachel genommen, hier war
ewiges Leben. Liebe, die über das Grab hinaus solche Wunder wirkte, war
einem Baume gleich, der einen kurzen Winter hindurch tot geschienen,
und dann aus verhaltener Kraft im Frühling nur um so herrlichere Blüten
treibt.
Ihre Blumen legte sie am Fußende des Hügels nieder, den der Epheu
bereits zum größten Teile übersponnen hatte. Nun kannte sie nur noch
ein Verlangen: zu dem, der das geschaffen hatte! Ihm danken!
Es war einer jener Entschlüsse, wie sie in großen Augenblicken aus der
heimlichen Werkstatt unseres Lebens: dem Herzen, aufsteigen, zu denen
der Kopf hundertmal »nein« sagen mag, die uns unter ihr unentrinnbares
Gebot zwingen und unser Schicksal entscheiden.
Zu ihm, den sie haßte, weil sie ihn liebte, den sie fürchtete und zu
dem es sie hinzog, vor dem sie geflohen und dem sie begegnet war auf
allen Wegen, zu ihm, der sie, ohne es zu wissen und zu wollen, nun
endlich besiegt hatte, ging sie jetzt.