~Das~ Geheimnis sollte er ihr nicht entreißen; und wenn sie sich
die ärgsten Lügen ausdenken müßte.
Niemals würde Lieschens Auftrag an ihn ausgerichtet werden. Denn
nichts auf der Welt, selbst der Wunsch einer Verstorbenen nicht, konnte
einen binden, Worte zu sagen, welche demütigten. Nicht einmal denken
wollte sie fernerhin an das, was die Freundin mit ihrem: »Ihr beide!«
gemeint haben könne.
Zum Begräbnis fuhr Jutta auf den Kirchhof. Wie sie erwartet hatte, war
nur Xaver da. Lieschens Verwandte lebten weit entfernt und hatten sich,
seit das Mädchen in ihren Augen zu den Gefallenen gehörte, nicht mehr
um sie gekümmert.
Die Geistlichkeit war nur durch einen kleinen, unsauberen Priester
vertreten, der mit seiner gefühllosen Geschäftsmäßigkeit dem Akt der
Einsegnung jede Weihe nahm.
Jutta und Xaver schritten Seite an Seite hinter dem Sarge drein. Ihr
war, als sie einander begrüßt hatten, nur aufgefallen, wie verändert er
aussehe. Sein Gesicht hatte etwas Verstörtes, der Gang erschien müde;
fremd nahmen sich auch die schwarzen Sachen an ihm aus.
Das Grab befand sich weit draußen am anderen Ende des Friedhofs.
Xaver hatte es ausgesucht. Als die Träger den Sarg neben der Grube
niedergestellt hatten, begann der Priester seine lateinischen Gebete
herabzuleiern; der Ministrant schwenkte dazu das Weihrauchfaß. Jutta
hörte, als sie neben Xaver am Sarge niederkniete, wie er still vor sich
hin weinte.
Nachdem alles vorüber war, schritten die beiden den langen
Kirchhofsgang, den sie eben gekommen waren, wieder hinab.
»Darf ich ein Wort mit Ihnen sprechen?« fragte er. Und da sie ihm nicht
wehrte: »Warum ist mir nicht gesagt worden, wie es mit Lieschen stehe?«
»Sie hat es nicht gewollt.«
»Konnte mir nicht wenigstens erspart bleiben, sie völlig unvorbereitet
so zu finden?« -- Er stöhnte in der Erinnerung des furchtbaren
Erlebnisses.
Jutta schwieg. Sie hatte sich vorgenommen, ihr Herz nicht vom Mitleid
berücken zu lassen.
»Wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, nur eine schwache Ahnung, daß
sie uns verlassen sollte! -- Was hätte ich ihr nicht alles anthun
wollen! Wie vieles hätte man einander noch zu sagen gehabt! Sie war ein
so treues Herz, ein so guter, tapferer Kamerad! Was bin ich ohne sie?
-- Habe ich das verdient? O, es ist zuviel!«
Er schluchzte fassungslos, und Jutta sah, wie der große Bursche
zitterte und bebte. Aber sie gedachte dessen, was sie sich vorgenommen.
»Sie sind bei ihr gewesen bis zuletzt -- nicht wahr?« fragte er, sobald
er sich etwas gefaßt hatte.
»Ja!«
»Hat sie meiner gedacht in ihrer letzten Stunde?«
»Sie hat von Ihnen gesprochen.«
»Wie? In welcher Weise?«
»Voll Frieden.«
»Läßt sie mir nichts sagen? Kein einziges Wort des Trostes, der Liebe?«
»Lieschens letzte Worte waren kaum noch zu verstehen, Herr Pangor.«
Jutta sagte es kühl. Sie hatte ja Zeit gehabt, sich auf diese Fragen
vorzubereiten.
»Sie hatten ihr mein Kruzifix auf die Brust gelegt, nicht wahr?« fragte
er nach einer Pause. Und als Jutta bejahte: »Jetzt hat sie's mit im
Grabe.«
Den Rest des Weges legte man schweigend zurück.
Ehe sie sich trennten an dem Portale des Kirchhofs, blieb er mit
niedergeschlagenem Blicke vor ihr stehen. »Ich hätte Ihnen noch so
vieles zu sagen. Aber heute, das fühle ich, schickt sich's nicht.
Werden Sie zu mir kommen? Oder darf ich Sie aufsuchen?«
»Nein, das geht nicht!« sagte Jutta gepreßt.
»Aber ......«
»Ich bitte Sie, Herr Pangor, suchen Sie mich nicht auf! Das ist alles,
was ich Ihnen sagen kann.«
Damit schritt sie in nicht mißzuverstehender Weise nach der anderen
Straßenseite.
* * * * *
Eine Woche etwa war vergangen, seit Jutta durch Lieschens Tod
den herbsten Verlust erlitten hatte, als der Vater ihr eine
außerordentliche Mitteilung machte. Herr Reimers eröffnete der Tochter,
daß er wieder zu heiraten gedenke, und zwar sei Vally Habelmayer seine
Auserwählte.
Vally ihres Vaters Braut! Vally Nachfolgerin ihrer Mutter! -- Der
Gedanke war unerhört, empörend, widerlich!
Das Mädchen hielt es nicht für nötig, seine Gefühle zu verbergen, sagte
dem Vater ins Gesicht, was sie von seiner Wahl halte.
Herr Reimers war sehr erstaunt, oder that wenigstens so. Er hätte
geglaubt, Jutta werde sich freuen, Vally sei doch ihre Freundin
und Cousine. Viel angenehmer als wenn er eine Fremde in die
Familie gebracht hätte, wäre es doch für alle Teile, daß er in der
Verwandtschaft der seligen Mutter bleibe. Er verstieg sich sogar zu
der Behauptung, daß die Heirat im Sinne der Entschlafenen sei, die von
Vally und ihrer Mutter stets viel gehalten habe. Außerdem schaffe er
damit Vally eine gesicherte Lebensstellung und schenke seinen Kindern
eine Mutter. Alle diese Erwägungen erleichterten ihm den Schritt, den
er nicht ohne reiflichen Vorbedacht thue.
Übrigens schien sein Gewissen doch nicht ganz rein zu sein. Das ging
schon daraus hervor, daß er Jutta bat, sie möge Eberhard die Sache
mitteilen; ihm falle, wie sie ja wisse, das Briefschreiben schwer.
Jutta schrieb an den Bruder, machte ihm die peinliche Mitteilung.
Gleichzeitig fragte sie Eberhard, was er ihr zu thun anrate. Um keinen
Preis wolle sie noch länger unter einem Dache bleiben mit dem Vater und
Vally. Am liebsten würde sie ins Ausland gehen.
Eberhard schrieb ihr zurück: er habe soeben sein Staatsexamen glücklich
bestanden. Ihren Plan, dem Vaterhause den Rücken zu wenden, müsse
er unter so traurigen Umständen gutheißen. Gern würde er ihr einen
Ersatz für das Verlorene anbieten in seinem Heim; aber erst müsse er
geheiratet haben und als Arzt approbiert sein. Im übrigen mache er
sie darauf aufmerksam, daß sie als mündiges Kind das Recht habe, das
mütterliche Erbteil vom Vater heraus zu verlangen.
Alles das, bot er an, persönlich zu ordnen; denn er habe vor, demnächst
nach München zu kommen.
Jutta entschloß sich jedoch die Ankunft des Bruders nicht erst
abzuwarten. Der Boden im väterlichen Hause brannte ihr unter den Füßen.
Dort fingen sie jetzt an, Brautpaar zu spielen, und Vally machte von
ihrem Rechte, vor der Öffentlichkeit zärtlich zu sein, ausgiebigen
Gebrauch. Juttas Anwesenheit war ihr dazu eher ein Sporn als ein
Hindernis.
Stärkere Gründe aber noch, als der peinliche Anblick, den Vater in
solchen Stricken verfangen zu sehen, trieben das Mädchen von München
fort. Niemand ahnte, wie von ganzem Herzen sie sich wegsehnte.
Sie wollte zunächst nach der Schweiz, um den Rest des Sommers am Genfer
See zu verbringen. Im Winter sollte es dann nach Italien gehen. Näheres
hatte sie noch nicht überlegt. Florenz lockte in Gedanken.
Zur Reisebegleitung hatte sich Jutta Frau Hölzl ausersehen, die gleich
ihr, durch das Habelmayersche Regiment, aus dem Hause verdrängt worden
war. Diese Alte konnte schlimmsten Falls als Schutz ihrer Jugend
gelten; und andererseits wußte Jutta doch, daß Frau Hölzl viel zu
unbedeutend sei, um durch selbständige Meinungen schwierig zu fallen.
Alles in ihrem Leben und in den Geschicken der Ihren schien mit
einemmale zum bedeutsamen Abschlusse zu drängen. Aus Amerika kam die
Nachricht, daß Bruno Knorrig geheiratet habe, eine eingewanderte
Deutsche, mit der er sehr glücklich sei. Daraus, daß Vater Knorrig
mit der Wahl seines Sohnes zufrieden schien, durfte man mit einiger
Sicherheit schließen, daß die Braut nicht vermögenslos sei. Jutta nahm
die Kunde mit Genugthuung auf; niemand konnte Bruno sein Glück inniger
gönnen, als sie.
Auch eine traurige Nachricht traf die Familie. Elwire, Luitpold
Habelmayers Gattin, war in Südfrankreich, wo er schon über ein halbes
Jahr zur Kur mit ihr weilte, ihrem Leiden erlegen. Vally, welche
das Telegramm erhalten hatte, teilte, von Thränen überfließend, die
Todesnachricht den anderen mit. Luitpold war mit der Leiche unterwegs.
Elwire hatte gewünscht, in heimischer Erde begraben zu sein.
Ein Grund mehr für Jutta, schleunigst von München zu gehen. Diesem
Begräbnisse wollte sie nicht beiwohnen. Luitpold den trauernden Witwer
spielen zu sehen, wäre für sie das widerwärtigste aller Schauspiele
gewesen. Schon allein Vally darüber schwatzen zu hören, wie sie von dem
Tode der Schwägerin als von einer »Erlösung« redete, für die man Gott
nicht genug danken könne, und wie sie in gleichem Atem ihren Bruder als
»schwergeprüft« und »gebrochenen Herzens« hinstellte, mußte auf den
Kenner dieser Ehe peinlich wirken.
Da Jutta, Eberhards Rat befolgend, den Vater um Auszahlung ihres
mütterlichen Erbteils gebeten hatte, wurde ihr eine größere Summe
angewiesen. Sie war nun also auch nach dieser Richtung hin selbständig.
Wie eigentümlich das Gefühl war, mit sich selbst anfangen zu können,
was man wollte! Sein Leben einrichten zu dürfen, wie es einem
paßte; nach eigenem Geschmack und Bedürfnis. Nicht mehr Rücksicht
nehmen zu müssen auf die Verhältnisse. Überhaupt einmal zu leben in
Unabhängigkeit!
Jutta war ernst gestimmt durch das eben Durchgemachte. Ihr
Seelenzustand glich einer Abendstimmung im Gebirge, nach einem Tage
voll Unwetter. Noch ziehen die niedrig hängenden Wolken an den Bergen
hin, noch brauen die Nebel, keine Aussicht, keine Klarheit, keine
Farbe und Ferne; aber schon hebt sich hie und da ein Zipfel des grauen
Gewandes, von unsichtbaren Händen gelüftet, und ein Schimmer durch eine
ferne Lücke versichert uns, daß hinter den düsteren Schleiern die Sonne
noch immer lebt.