XXIV.

Während der nächsten Tage schloß sich Jutta in ihrem Zimmer ein.

Niemanden wollte sie sehen. Ihr Vater war in Geschäften verreist. Mit

den Habelmayers, Mutter und Tochter, machte sie keine großen Umstände.

Sie sei nicht wohl, ließ sie den Damen sagen, und wünsche ihre

Mahlzeiten für sich einzunehmen.

In Lieschen hatte sie mehr verloren als eine Freundin. Lieschen war für

sie Vertraute gewesen, Ersatz für Mutter und Schwester, ein Wesen, das

sie sich selbst erwählt, dessen Freundschaft sie sich verdient hatte.

Zwischen ihnen bedurfte es keiner Beteuerungen und Liebesschwüre; mit

einem Lächeln hatte man sich oftmals besser verständigt als mit Worten.

Sie hatten einander ihre Seelen gezeigt, so wie nur Wesen desselben

Geschlechtes es thun. Nicht das mächtige Angezogenwerden, einander

Abstoßen und wieder Suchen, die Qual und Wonne, welche Mann und Weib

sich zufügen in der Liebe, hatte zwischen ihnen geherrscht; für sie war

die Freundschaft ein ruhiger Port gewesen mit tiefem, durchsichtigem

Wasser ohne heimtückische Untiefen, trügerische Wetter und gefährliche

Klippen.

Das hatte sie nun verloren, endgiltig. Der erste wirkliche Verlust,

den ihr das Leben zufügte. Hier war nicht bloß ein Mensch von ihr

gegangen, ein lieber, wertvoller, unersetzlicher Mensch; hier war ein

Stück von ihr selbst abgefallen, vernichtet. Nicht das Sterbensehen

eines geliebten Menschen ist so schwer -- im Innersten wissen wir ja

doch, daß jener das bessere Teil erwählt hat -- bitterer schmeckt das

Bewußtsein, daß wir um soviel ärmer geworden sind. Was uns das Leben

auch noch bringen mag, gewisse Verluste kann es nicht gut machen, sie

klaffen als Lücken, die nicht auszufüllen sind.

Sie haßte alles, was zwischen sie und ihren Schmerz treten wollte,

ingrimmig. Und mehr als Haß, Abscheu, empfand sie vor allem, was der

Freundin Andenken stören, was in Vergangenheit oder Gegenwart die

Reinheit ihrer Beziehungen trüben wollte.

Was würde sie darum gegeben haben, hätte sie die Gedanken an Xaver, die

Erinnerung an ihn, ganz aus ihrem Gedächtnis wegwischen können! Es kam

ihr vor, als sei er an Lieschens Tode schuld und sie seine Mitschuldige.

An Szenen dachte sie aus jener ersten Zeit, als Xaver ihr Lehrer

geworden war, an den Besuch in seinem Atelier, an jenes Wiedersehen

in Berlin. In ganz verändertem Lichte erschien ihr das alles jetzt,

wie eine Kette bewußter, verantwortlicher Handlungen. Waren nicht

Blicke zwischen ihnen gewechselt worden, Worte gefallen, Gefühle

aufgestiegen und genährt worden, die Untreue bedeuteten gegen Liebe

und Freundschaft? Versündigung über Versündigung! Ein dunkler Schatten

stand drohend zwischen ihm und ihr. Und je heller in der Erinnerung das

Bild der Freundin leuchtete, je mehr ihre Züge Verklärung annahmen,

desto unklarer, verwerflicher und fürchterlicher erschien ihr das

eigene Verhalten.

Und nichts konnte daran der Gedanke ändern, daß Lieschen selbst es

gewesen sei, die sie mit Xaver zusammengeführt, daß Lieschen in

übermenschlicher Selbstlosigkeit die Neigung gefördert hatte, die sie

zwischen den beiden geliebtesten Menschen keimen sah.

Von allem war das vielleicht das Schlimmste, daß es soweit hatte kommen

können, daß Lieschen hatte erfahren müssen, wie der Mann, der ihr

alles verdankte, dem sie alles geopfert, sich von ihr abwandte. Was

bedeuteten alle Gründe, welche die Sterbende selbst zu seinen Gunsten

angeführt? Es waren und blieben matte Entschuldigungen. Kalt und hart

blieb die Thatsache stehen: an ihr war Verrat geübt worden, Verrat von

Freunden.

Zwar hatte ihr Gesicht gelächelt, noch im Tode gelächelt; und ihr

letztes, nicht zu Ende gesprochenes Wort dem Glück gegolten der

Freunde. Aber wer konnte sagen, wie es in ihrem Inneren dabei

ausgesehen habe! Was mochten diese feinen Lippen lächelnd für

Geheimnisse mit ins Grab nehmen? --

War vielleicht die Erkenntnis, daß sie dem Geliebten nicht mehr genüge,

für dieses zartbesaitete Wesen der Todesstoß gewesen? -- War Lieschen

an dem Wunsche gestorben, nicht im Wege zu stehen? -- -- --

Fürchterlich, sich in diese Gedanken zu versenken! Niedrig, verzerrt,

besudelt kam einem alles vor, was man bisher für das Edelste, Schönste

und Wertvollste gehalten hatte im Leben.

Sie verabscheute sich selbst, aber ihren Mitschuldigen, Xaver, haßte

sie.

Das Schrecklichste war, daß man ihn wiedersehen würde, mit ihm würde

sprechen müssen. Bei Lieschens Begräbnis konnte man einander ja nicht

aus dem Wege gehen.

Wenn er sich's etwa beikommen ließ, sich nach Lieschens letzten

Augenblicken zu erkundigen, bei ihr, der einzigen Zeugin! --

Liebe ist ewig · 第 35 / 44 题