Während der nächsten Tage schloß sich Jutta in ihrem Zimmer ein.
Niemanden wollte sie sehen. Ihr Vater war in Geschäften verreist. Mit
den Habelmayers, Mutter und Tochter, machte sie keine großen Umstände.
Sie sei nicht wohl, ließ sie den Damen sagen, und wünsche ihre
Mahlzeiten für sich einzunehmen.
In Lieschen hatte sie mehr verloren als eine Freundin. Lieschen war für
sie Vertraute gewesen, Ersatz für Mutter und Schwester, ein Wesen, das
sie sich selbst erwählt, dessen Freundschaft sie sich verdient hatte.
Zwischen ihnen bedurfte es keiner Beteuerungen und Liebesschwüre; mit
einem Lächeln hatte man sich oftmals besser verständigt als mit Worten.
Sie hatten einander ihre Seelen gezeigt, so wie nur Wesen desselben
Geschlechtes es thun. Nicht das mächtige Angezogenwerden, einander
Abstoßen und wieder Suchen, die Qual und Wonne, welche Mann und Weib
sich zufügen in der Liebe, hatte zwischen ihnen geherrscht; für sie war
die Freundschaft ein ruhiger Port gewesen mit tiefem, durchsichtigem
Wasser ohne heimtückische Untiefen, trügerische Wetter und gefährliche
Klippen.
Das hatte sie nun verloren, endgiltig. Der erste wirkliche Verlust,
den ihr das Leben zufügte. Hier war nicht bloß ein Mensch von ihr
gegangen, ein lieber, wertvoller, unersetzlicher Mensch; hier war ein
Stück von ihr selbst abgefallen, vernichtet. Nicht das Sterbensehen
eines geliebten Menschen ist so schwer -- im Innersten wissen wir ja
doch, daß jener das bessere Teil erwählt hat -- bitterer schmeckt das
Bewußtsein, daß wir um soviel ärmer geworden sind. Was uns das Leben
auch noch bringen mag, gewisse Verluste kann es nicht gut machen, sie
klaffen als Lücken, die nicht auszufüllen sind.
Sie haßte alles, was zwischen sie und ihren Schmerz treten wollte,
ingrimmig. Und mehr als Haß, Abscheu, empfand sie vor allem, was der
Freundin Andenken stören, was in Vergangenheit oder Gegenwart die
Reinheit ihrer Beziehungen trüben wollte.
Was würde sie darum gegeben haben, hätte sie die Gedanken an Xaver, die
Erinnerung an ihn, ganz aus ihrem Gedächtnis wegwischen können! Es kam
ihr vor, als sei er an Lieschens Tode schuld und sie seine Mitschuldige.
An Szenen dachte sie aus jener ersten Zeit, als Xaver ihr Lehrer
geworden war, an den Besuch in seinem Atelier, an jenes Wiedersehen
in Berlin. In ganz verändertem Lichte erschien ihr das alles jetzt,
wie eine Kette bewußter, verantwortlicher Handlungen. Waren nicht
Blicke zwischen ihnen gewechselt worden, Worte gefallen, Gefühle
aufgestiegen und genährt worden, die Untreue bedeuteten gegen Liebe
und Freundschaft? Versündigung über Versündigung! Ein dunkler Schatten
stand drohend zwischen ihm und ihr. Und je heller in der Erinnerung das
Bild der Freundin leuchtete, je mehr ihre Züge Verklärung annahmen,
desto unklarer, verwerflicher und fürchterlicher erschien ihr das
eigene Verhalten.
Und nichts konnte daran der Gedanke ändern, daß Lieschen selbst es
gewesen sei, die sie mit Xaver zusammengeführt, daß Lieschen in
übermenschlicher Selbstlosigkeit die Neigung gefördert hatte, die sie
zwischen den beiden geliebtesten Menschen keimen sah.
Von allem war das vielleicht das Schlimmste, daß es soweit hatte kommen
können, daß Lieschen hatte erfahren müssen, wie der Mann, der ihr
alles verdankte, dem sie alles geopfert, sich von ihr abwandte. Was
bedeuteten alle Gründe, welche die Sterbende selbst zu seinen Gunsten
angeführt? Es waren und blieben matte Entschuldigungen. Kalt und hart
blieb die Thatsache stehen: an ihr war Verrat geübt worden, Verrat von
Freunden.
Zwar hatte ihr Gesicht gelächelt, noch im Tode gelächelt; und ihr
letztes, nicht zu Ende gesprochenes Wort dem Glück gegolten der
Freunde. Aber wer konnte sagen, wie es in ihrem Inneren dabei
ausgesehen habe! Was mochten diese feinen Lippen lächelnd für
Geheimnisse mit ins Grab nehmen? --
War vielleicht die Erkenntnis, daß sie dem Geliebten nicht mehr genüge,
für dieses zartbesaitete Wesen der Todesstoß gewesen? -- War Lieschen
an dem Wunsche gestorben, nicht im Wege zu stehen? -- -- --
Fürchterlich, sich in diese Gedanken zu versenken! Niedrig, verzerrt,
besudelt kam einem alles vor, was man bisher für das Edelste, Schönste
und Wertvollste gehalten hatte im Leben.
Sie verabscheute sich selbst, aber ihren Mitschuldigen, Xaver, haßte
sie.
Das Schrecklichste war, daß man ihn wiedersehen würde, mit ihm würde
sprechen müssen. Bei Lieschens Begräbnis konnte man einander ja nicht
aus dem Wege gehen.
Wenn er sich's etwa beikommen ließ, sich nach Lieschens letzten
Augenblicken zu erkundigen, bei ihr, der einzigen Zeugin! --