IX.

In der nächsten Zeit sollte Jutta nicht viel zum Arbeiten kommen. Den

größten Teil des Sommers brachte sie mit dem Vater und Kurt auf Reisen

zu. Da es mit Kurt Reimers sichtlich bergab ging, hatte der Arzt die

Verantwortung von sich auf das verkehrte Leben geschoben, das der

Patient zu Haus führe. Unbedingte Ruhe, nervenstärkende Luft, Bäder

würden ihn herstellen, hieß es. Herr Reimers, der für seinen Ältesten

nichts unversucht lassen wollte, ging also mit ihm an die See, in die

Alpen, ins Solbad. Und Jutta, die man doch nicht gut allein das Haus

hüten lassen konnte, mußte die Fahrt mitmachen.

Es war eine wenig erquickliche Zeit. Der Kranke tyrannisierte den

Vater und benahm sich gegen die Schwester durchaus nicht zuvorkommend.

Sie sollte beständig um ihn sein, ihn unterhalten, und doch machte

er durch sein launisches, mißvergnügtes Wesen jede Unterhaltung von

vornherein unmöglich.

Die schöne Landschaft, in der man sich aufhielt, die Berge, das

Meer, forderten heraus, zum Skizzenbuch zu greifen und Aufnahmen zu

machen. Aber Kurt gestattete nicht, daß Jutta male; es verdroß ihn,

er langweilte sich dabei. Und so mußte es unterbleiben. An irgend

welchen Vergnügungen, an Geselligkeit und Sport durfte die Schwester

auch nicht teilnehmen, obgleich es dazu in den Bädern und vor allem

an der Seeküste die schönste Gelegenheit gegeben hätte. Kurt hielt

mit dem eigensinnigen Egoismus des Kranken darauf, daß sie sich ihm

ausschließlich widme; lehnte sich aber Jutta ja einmal gegen diese

unvernünftige Tyrannei auf, dann steckte er sich hinter sein Leiden,

behauptete, man sei herzlos und grausam, und der Ärger über die

Schwester werde noch der Nagel werden zu seinem Sarge. Da Kurt den

Vater von vornherein auf seiner Seite hatte, so konnte Jutta nichts

ausrichten, mußte sich seufzend in ihr Schicksal finden, Sklavin des

kranken Bruders zu sein.

Der Erfolg der Reise war, daß Kurt im Herbst siecher nach Haus

zurückkehrte, als er im Frühjahr ausgezogen war. Nun hieß es: nur noch

südliches Klima könne ihn retten. Herr Reimers, der seine Geschäfte

daheim nicht gänzlich vernachlässigen konnte, mußte sich wohl oder

übel zu einer Trennung von seinem Ältesten entschließen. Es wurde ein

Krankenpfleger angenommen und Kurt mit diesem nach Algier geschickt.

Jutta suchte jetzt nachzuholen, was sie den Sommer über versäumt hatte.

Sie besuchte von neuem Professor Wälzers Malklasse. Dort gehörte sie

jetzt unbedingt zu den tonangebenden Schülerinnen, wurde auch von den

anderen Damen als die Begabteste anerkannt.

Von Lieschen Blümer hatte sie mehr als einen Brief aus Paris erhalten.

Es war Lieschens aufopfernder Fürsorge gelungen, ihren dort zum Tode

erkrankten Freund gesund zu pflegen. Vorläufig, so schrieb sie an

Jutta, wolle sie noch bei ihm in Paris bleiben, weil Xaver solch ein

»großes Kind« sei, das man ungefährdet in der Fremde nicht allein

lassen könne. Lieschens Brief war der Abdruck ihrer Persönlichkeit:

lieb, herzlich, ein wenig melancholisch, Regen und Sonnenschein in

einem.

Einen Verlust hatte für Jutta der Sommer gebracht, den sie schwer

empfand: Mucki war verschwunden. Sie hatte, als sie auf Reisen ging,

die Katze Frau Hölzl zur Pflege übergeben. Aber das Tier, Sonderling

der es immer gewesen, hatte die Abreise der Herrin offenbar als

persönliche Beleidigung aufgefaßt. Mißmutig und scheu war sie eine Zeit

lang noch im Hause umhergeschlichen, Liebkosungen von fremder Hand

verächtlich abwehrend; bis sie eines Tages ganz wegblieb. Welches Ende

Mucki genommen habe, sollte niemals aufgeklärt werden.

Damit war für Jutta der letzte Zeuge von der Bildfläche verschwunden

aus einer Zeit, die sich nun schon mit dem Nebel des halben Vergessens

zu verschleiern begann.

Herr von Weischach! Ihr alter Freund! Würde sie jemals wieder einem

Manne begegnen, der es so treu mit ihr meinte? --

Einer war da, der nur zu gern die Rolle des Freundes bei Jutta Reimers

übernommen hätte: ihr Vetter Luitpold Habelmayer.

Seiner Fürsprache bei Herrn Reimers verdankte es Jutta ja, daß ihr

der Besuch der Malklasse gestattet worden war. Der Vetter stellte das

freilich so dar, als habe er Jutta überhaupt entdeckt. Er gefiel sich

darin, das Talent der kleinen Cousine auch weiterhin zu protegieren.

Jutta fand, daß Vetter Luitpold sich auf den Dienst, den er ihr

einstmals geleistet hatte, reichlich viel zugute thue. Sie war

überhaupt neuerdings nicht mehr so sehr von ihm eingenommen, sah seine

Liebenswürdigkeit in verändertem Lichte.

Einen Nutzen hatte der vergangene Sommer mit seinem scheinbar

zwecklosen Hin- und Herreisen doch für das junge Mädchen gehabt:

sie hatte ein Stück Welt gesehen und dabei unbewußt Erfahrung und

Menschenkenntnis bereichert. Nicht ganz so harmlos, wie sie gegangen,

war sie aus den eleganten Badeorten, in denen sie sich mit Vater und

Bruder aufgehalten hatte, nach Haus zurückgekehrt.

Sie ahnte jetzt etwas davon, in welch verschiedenen Verkleidungen

männliche Zudringlichkeit auftritt. Daß sie schön sei, hatte sie früher

schon gewußt; das lehrte sie ein Blick in den Spiegel. Aber neuerdings

wußte sie auch, daß sie begehrenswert sei. Durch die Blicke fremder

Männer, mit denen sie nie ein Wort gewechselt hatte, war ihr dieses

Geheimnis verraten worden.

Luitpolds Verhalten gegen sie erschien ihr nicht mehr wie früher als

harmlos verwandtschaftliche Vertraulichkeit. Vielleicht hatte der

Vetter auch erst in letzter Zeit ein anderes Benehmen angenommen. Kurz,

Jutta traute seiner Biedermannsmiene nicht recht.

War es wirklich nur Interesse für die Kunst, was ihn veranlaßte, sie so

oft aufzusuchen und sich nach ihren Mal-Fortschritten zu erkundigen?

-- Wozu bedurfte es der schmachtenden Blicke, der besonderen Betonung

mancher Worte, der sentimentalen Seufzer in ihrer Gegenwart?

Jeden anderen Mann, der sich dergleichen Freiheiten herausgenommen

hätte, wäre man leichter losgeworden als ihn, den die Stellung des

Blutsverwandten schützte. Was wollte man machen gegen einen Menschen,

der jederzeit freien Zutritt zum Hause hatte? Der sie »Du« nennen, ihr

die Hand drücken, sie an tausend kleine Vertraulichkeiten erinnern

durfte, die er sich früher als großer Vetter gegen die kleine

Cousine hatte herausnehmen können? Er nutzte seine Stellung mit

der harmlosesten Miene der Welt aus. Was wollte man machen? Gegen

Andeutungen, daß er lästig falle, schützte ihn seine Dickfelligkeit.

Wem hätte Jutta etwas sagen können und wollen von diesen Dingen? Ihrem

Vater etwa? Er würde ihr einfach die Anklage nicht geglaubt haben,

selbst wenn sie sie über die Lippen gebracht hätte. Und Luitpold nahm

sich in Acht in Gegenwart dritter. Erstaunlich war, wie er sich in der

Hand hatte! Während er vielleicht eben mit seinen dunklen Augen dem

Mädchen einen heißen, nicht mißzuverstehenden Blick zugesandt hatte,

sprach er gleich darauf im gleichgiltigsten Plaudertone mit Herrn

Reimers von Pferderennen oder Börsenkursen.

Noch schlimmer war die Komödie, die er seiner Frau vorspielte. Frau

Elwire war durch Kränklichkeit jahraus jahrein ans Zimmer gefesselt,

konnte ihm nicht folgen auf seine Fahrten. Sie wußte, daß sein Leben

nicht rein sei. Ihre Augen lagen beständig auf der Lauer, sie spannte

darauf, daß er sich einmal verraten solle.

Jutta liebte die Cousine nicht; Elwirens grilliges Wesen, ihre

Nörgelsucht waren ihr immer zuwider gewesen. Aber neuerdings that die

Arme ihr leid. Das Mädchen begann nun doch die Tragik dieser um Geldes

willen geheirateten Frau zu verstehen, die ihren Mann liebte und sich

von ihm hintergangen fühlte.

Jutta vermied es fortan dieses Haus aufzusuchen. Dort kam ihr

jetzt alles so trostlos vor, so unfein und ordinär, trotz der

geschmackvollen, stilgerechten Einrichtung, mit der Luitpold

Habelmayer sich umgeben hatte.

Widerwärtige Lage! Dieser Mensch mit seiner schwülen Sinnlichkeit, von

der sie sich umlauert, betastet fühlte wie von unsichtbaren Händen! Das

Schlimmste war, ganz gleichgiltig konnte man doch nicht bleiben; man

war schließlich von Fleisch und Blut!

Wenn sie früh beim Erwachen an das dachte, was sie des Nachts geträumt

hatte, dann erschrak sie. Woher kamen einem solche Bilder, die man im

Wachen niemals gesehen hatte? Konnte eines anderen Menschen Verlangen,

das man verabscheute, einen zu Fall bringen? -- Wessen hatte sie sich

denn schuldig gemacht vor ihrer Seele? --

War sie kokett gewesen? Vielleicht war sie ihm zu weit

entgegengekommen, hatte ihm scheinbares Recht gegeben zu den

Freiheiten, die er sich jetzt herausnahm. Er war eitel, hielt sich für

verführerisch. Sie nannten ihn ja den »schönen Habelmayer.« Wer konnte

denn wissen, was sich solch ein Mann einbildete!

Ihr Benehmen gegen Luitpold war nicht konsequent. Manchmal behandelte

sie ihn mit einer Schroffheit, die keinen Sinn hatte und ihm einen

Schein des Rechtes gab, wenn er über ungerechte Härte klagte. Dann

wieder zeigte sie sich ängstlich, befangen, unsicher und verschaffte

ihm dadurch einen billigen Triumph. Sie fand nicht den Ton ruhiger

Überlegenheit, die seiner Zudringlichkeit gegenüber allein als sicheres

Bollwerk hätte dienen können.

Dieser stille Kampf, den sie mit einem zähen, abgefeimten Gegner zu

führen hatte, bedeutete eine stete peinvolle Nervenaufregung für das

junge Mädchen.

* * * * *

Herr Reimers fand, daß es für seine Tochter nunmehr Zeit sei, in

Gesellschaft zu gehen. Sie hatte ja bereits im Kreise ihrer Verwandten

verkehrt, aber die spießbürgerlich beschränkte Enge der Familie war

nicht das, was sich dieser Vater für seine Tochter wünschte. Jutta

hatte das Zeug dazu, in der großen Welt Aufsehen zu erregen.

Reimers fing nachgerade an, sich auf dieses Kind etwas einzubilden. Es

kitzelte seine Eitelkeit, wenn die Freunde am Stammtisch oder im Klub

ihm ihre Bewunderung zu erkennen gaben über Juttas Erscheinung. Er

rechnete sich ihre Schönheit gewissermaßen als persönliches Verdienst

an.

Er ließ sich neuerdings gern mit Jutta im Theater, in Ausstellungen,

im Konzert, kurz an all den Orten blicken, wo elegantes Publikum

verkehrte. Und als der Winter gekommen war und die Faschingsfreude

begonnen, zog er in ernsthafte Erwägung, welche Feste man besuchen

solle.

Durch die Maler, welche in seinem Klub verkehrten, stand er mit der

Künstlerwelt in Verbindung. Dort sprach man jetzt lebhaft von einem

großen Kostümball, der die Saison eröffnen sollte. Als Grundgedanken

des Festes, als das zu behandelnde Thema, hatte man diesmal

›Renaissance‹ gewählt.

Dieser Ball, der einen auserlesen großartigen Charakter zu tragen

bestimmt war, erschien Reimers als die passendste Gelegenheit, seine

Tochter in Gesellschaft zu führen.

Die erste Frage war natürlich die nach dem Kostüm. Reimers wollte dem

Mädchen vom Theaterschneider ein pompöses Kleid anfertigen lassen; aber

Jutta hatte darüber ihre eigenen Gedanken.

Wäre es nicht viel reizvoller, selbst etwas zu komponieren, als in

einer von fremden Köpfen erdachten Tracht aufzutreten? Wozu hatte man

denn bei Professor Wälzer Kostümstudien getrieben? Zudem wußte man doch

selbst am besten, was einem stand.

Der Vater verhielt sich etwas skeptisch dieser Idee gegenüber. Seine

kleine Tochter kannte ja den Karneval noch garnicht, wußte nicht,

welche Pracht zur Schau getragen, welches Raffinement da aufgeboten

wurde.

Als sich ihm Jutta aber einige Tage vor dem Feste in ihrem Kostüm

zeigte, zu dem sie die Stoffe selbst ausgewählt und dann mit der

Schneiderin zusammengenäht hatte, sah er ein, daß er ihren Geschmack

unterschätzt habe.

Jutta präsentierte sich in einem Gewande von mattschillernd

silbergrauem, schwerem Atlas. Der Hals war frei, die Büste durch

zarte Crêmespitze verhüllt, die gepufften Ärmel halblang, ebenfalls

in Spitzen endend. Ein prächtiger, goldstrotzender Gürtel schloß das

steife Mieder nach unten ab.

»Zu sehr junge Frau, kaum noch Mädchen!« das war das einzige, was der

Vater auszusetzen hatte; im übrigen fand er das Kostüm »großartig«.

In der Freude darüber ging Reimers sofort zum Juwelier und kaufte

dem schönen Töchterchen einen Perlenschmuck, den sie bei dem Feste

einweihen sollte.

Reimers wollte nicht Kostüm anlegen. Er behauptete, dazu sei er zu alt.

In Wahrheit war es ihm unbequem. Durch einen entsprechenden Geldbetrag

konnte man sich ja vom Kostümzwang loskaufen. Er übergab seine Tochter

einem seiner Malerfreunde, der mit seiner würdigen Erscheinung sehr gut

als Beschützer ihrer Jugend gelten konnte. Er selbst wollte sich im

Frack unter die Zuschauer mischen, wobei er besser auf seine Rechnung

zu kommen glaubte.

Jutta ängstigte sich nicht, wie es manche andere Debutantin gethan

haben würde. Sie war ihres Erfolges sicher. Wenn sie trotzdem eine

gewisse Aufregung empfand, so war das mehr Spannung, Neugier auf das,

was sie sehen und erleben würde. Ihre Erwartungen gingen hoch. Jetzt

sollte sie endlich erfahren, was leben hieß; bisher hatte sie davon nur

gehört und gelesen.

Der einleitende feierliche Umzug war vorüber, den sie am Arme des ihr

vom Vater zuerteilten Beschützers mitgemacht hatte.

Ein Mitglied des königlichen Hauses war anwesend, vor ihm defilierte

man, eine kurze Ansprache und Huldigung der Kostümierten hatte

stattgefunden. Nach diesem offiziellen Teile sollte der eigentliche

Mummenschanz beginnen.

Die Gesellschaft fing an, sich in den reich geschmückten Räumen zu

verteilen. In einem der Säle wurde Platz geschafft zum Tanz, in den

Nebenräumen waren für die, welche sich daran nicht zu beteiligen

gedachten, Tische aufgestellt und lauschige Winkel eingerichtet

zu größeren Gelagen und intimerem Beisammensein, je nach Hang und

Bedürfnis.

Juttas Begleiter hatte sich verabschiedet, da er mit der Ordnung des

Festes zu thun habe. Sie war nicht ungehalten darüber. An einen der

mächtigen, mit Guirlanden umwundenen Pfeiler des Saales gelehnt,

bewunderte sie das herrliche farbenreiche Bild: die Zuschauerlogen

gegenüber, in denen mit den schwarzen Fracks der Herren die glänzenden

Gesellschaftstoiletten der Damen abwechselten. Und um sie her im Saale

das Drängen und Fluten der buntscheckigen Menge. Phantastische Kostüme

von auserlesenen Stoffen, Farbenzusammenstellungen der bizarrsten und

der decentesten Art. Erscheinungen, die zum Lachen reizten, daneben

würdevolle Physiognomien; Burleske und Grandezza bunt durcheinander.

Das Mädchen war ganz in Schauen versunken, sättigte sich am Anblicke

dieses Bildes voll Geschmack, Eigenart und Stil.

Da löste sich von der Menge, die sie an sich vorüberfluten ließ, ein

Mann in prächtigem karmoisinrotem Sammetkleide. Im ersten Augenblicke

erkannte sie ihren Vetter Luitpold garnicht. Keine Ahnung hatte sie

davon, daß auch er hier wäre.

Er trug das Gewand eines italienischen Großen, kopiert nach einem

bekannten Porträt in der alten Pinakothek. Auch Haar und Bart hatte er

sich nach diesem Vorbilde zurechtstutzen lassen.

»Unsere Farben passen zusammen, sieh mal!« rief er und hielt seinen

Ärmel an ihre Taille. »Warum hast du denn so geheimnisvoll gethan

mit deinem Kostüm, schöne Cousine? Ich hab's ja doch herausbekommen!

Wohlan, hier bin ich! Dein Vetter, dein Ritter, oder dein Sklave,

jenachdem du befehlen wirst!«

Jutta wußte, daß es auf einem Karnevalfeste freier hergeht als sonst

wo, und daß man da fünf gerade sein lassen muß. Sie war mit der Absicht

hergekommen, sich zu unterhalten. Zudem lag es nicht in ihrer Natur,

sich leicht zu entrüsten.

Aber daß es gerade Luitpold sein mußte, der sie den Faschingston lehren

sollte! --

Er wich nicht von ihrer Seite, schien ihr Kavalier bleiben zu wollen

für den ganzen Abend. Als das Tanzen begann, führte er sie in den Saal

und begann mit ihr zu walzen. Übrigens verstand er sich darauf. Es war

ja nicht das erste Mal, daß sie miteinander tanzten; Luitpold hatte als

älterer Vetter ein wenig den Tanzmeister bei seiner Cousine gespielt,

als sie noch halblange Kleider trug und man sie ungestraft in die Wange

kneifen durfte. Er erinnerte sie heute auch daran, füllte überhaupt

ihr Ohr mit allerhand Schabernack und Schmeicheleien. Wenn er sagte:

»Wir sind das schönste Paar im Saale!« so konnte er damit wohl recht

haben. Sein Kostüm war eines der reichsten und originellsten und paßte

vortrefflich zu seiner stattlichen Erscheinung.

Jutta fühlte sich heute in der Laune, sich mit Luitpold auszusöhnen. Er

verstand es, einem die Zeit zu vertreiben, und es tanzte sich herrlich

mit ihm. Was wollte man mehr bei einer Gelegenheit wie dieser! Prüderie

konnte garnicht aufkommen, hier, wo alles ein Rausch war von Farbe,

Glanz, Freude und Schönheit. Sie ging also auf den übermütigen Ton ein,

den er anschlug.

»Wollen mal sehen, wer von uns beiden zuerst müde wird!« rief er

und riß sie von neuem zum Tanze mit fort. Aber nach einigen Runden

schon machte er Halt und erklärte sich für besiegt. »Das Tanzen hat

eigentlich keinen Sinn, noch dazu im Kostüm. Viel schöner wäre es,

sitzen und dich anblicken dürfen, Jutta! Weißt du, daß du berauschend

schön bist?« --

Unter solchen Reden führte er das Mädchen in eine Nische, wo zwischen

Lorbeergebüsch ein Tisch für zwei gedeckt war.

Man aß ein paar Bissen, dazu wurde Champagner getrunken. Von der

Freiheit, seine Dame anzustarren, machte Luitpold Habelmayer reichlich

Gebrauch. Dabei schwatzte er allerhand verliebten Unsinn. Jutta that,

als verstände sie ihn nicht recht; sie spielte die Rolle der Naiven

garnicht schlecht.

Bis Luitpold anfing sentimental zu werden. Sie fand, daß ihm das sehr

schlecht stehe; so aus der Rolle hätte er nicht fallen sollen! Und

mit einemmale begann er von seiner Frau zu reden, gestand, er sei

unglücklich verheiratet.

Da wurde es Jutta zuviel. Sie erhob sich jählings und erklärte, daß sie

zu ihrem Vater wolle.

Luitpold beschwor sie, zu bleiben; kein Wort weiter wolle er sagen

hiervon, wenn es ihr unangenehm sei. Aber Jutta blieb fest bei ihrem

Entschlusse.

Nach einigem Suchen fand man Herrn Reimers. Auch er hatte eine jener

lauschigen Nischen aufgesucht, und wie es sich herausstellte, war er

nicht allein. Eine niedliche junge Dame, im Gewand einer Florentiner

Patriziertochter, für gewöhnlich Soubrette am Theater -- wie Luitpold

der Cousine zuraunte -- saß neben ihm. Das Paar war so in seine

Unterhaltung vertieft, daß Jutta erst den Vater am Arme berühren

mußte, um ihn zum Aufschauen zu bewegen.

Reimers war nicht gerade angenehm berührt durch Juttas unerwartetes

Auftreten. »Ich dachte, ihr tanztet!« sagte er und warf dem Neffen

einen Blick zu, als wollte er sagen: ›Das hättest du mir auch ersparen

können!‹

Luitpold zuckte die Achseln und lächelte schadenfroh. Jutta stand

ziemlich ratlos, denn sie merkte nun auch, daß sie dem Vater ungelegen

komme.

In diesem Augenblicke erschien eine neue Person auf der Bildfläche:

Bruno Knorrig. Ohne zu ahnen, was sich hier abspiele, kam er auf

Jutta und Herrn Reimers zu und begrüßte sie lebhaft, als die ersten

Bekannten, die er heut abend treffe.

Bruno war erst seit kurzem wieder in München, nachdem er ziemlich

drei Jahre in Südamerika zugebracht hatte.

Sein Kostüm, das der Kenner sofort für ein aus einem

Maskenverleihinstitut stammendes erkannte, stand ihm ausnehmend

schlecht zu Gesicht. Das viel zu weite Tricot verriet die Magerkeit

seiner Gliedmaßen in bedenklicher Weise. Auf seinem rötlichen

Haarschopf wiegte sich verwogen ein blaßbläuliches Sammetbarett mit

einer verschossenen Straußenfeder.

Jutta entging die Komik seiner Erscheinung nicht; trotzdem erschien

ihr Bruno in diesem Augenblicke wie ein rettender Engel. Sie erwiderte

seine Begrüßung auf das herzlichste, gab deutlich ihre Freude zu

erkennen, ihn hier zu sehen.

Bruno Knorrig wußte garnicht, wie ihm geschah. Er hatte kurz nach

seiner Rückkehr aus der Fremde im Hause seines Chefs Besuch gemacht

und dabei auch Jutta wiedergesehen. Er war von ihr mit einer Kälte

aufgenommen worden, die ihn tief geschmerzt hatte; war er doch

Eberhards intimster Freund, und hatte er doch ehemals auch zu Jutta in

vertrautestem Verhältnis gestanden.

Liebe ist ewig · 第 15 / 44 题