In der nächsten Zeit sollte Jutta nicht viel zum Arbeiten kommen. Den
größten Teil des Sommers brachte sie mit dem Vater und Kurt auf Reisen
zu. Da es mit Kurt Reimers sichtlich bergab ging, hatte der Arzt die
Verantwortung von sich auf das verkehrte Leben geschoben, das der
Patient zu Haus führe. Unbedingte Ruhe, nervenstärkende Luft, Bäder
würden ihn herstellen, hieß es. Herr Reimers, der für seinen Ältesten
nichts unversucht lassen wollte, ging also mit ihm an die See, in die
Alpen, ins Solbad. Und Jutta, die man doch nicht gut allein das Haus
hüten lassen konnte, mußte die Fahrt mitmachen.
Es war eine wenig erquickliche Zeit. Der Kranke tyrannisierte den
Vater und benahm sich gegen die Schwester durchaus nicht zuvorkommend.
Sie sollte beständig um ihn sein, ihn unterhalten, und doch machte
er durch sein launisches, mißvergnügtes Wesen jede Unterhaltung von
vornherein unmöglich.
Die schöne Landschaft, in der man sich aufhielt, die Berge, das
Meer, forderten heraus, zum Skizzenbuch zu greifen und Aufnahmen zu
machen. Aber Kurt gestattete nicht, daß Jutta male; es verdroß ihn,
er langweilte sich dabei. Und so mußte es unterbleiben. An irgend
welchen Vergnügungen, an Geselligkeit und Sport durfte die Schwester
auch nicht teilnehmen, obgleich es dazu in den Bädern und vor allem
an der Seeküste die schönste Gelegenheit gegeben hätte. Kurt hielt
mit dem eigensinnigen Egoismus des Kranken darauf, daß sie sich ihm
ausschließlich widme; lehnte sich aber Jutta ja einmal gegen diese
unvernünftige Tyrannei auf, dann steckte er sich hinter sein Leiden,
behauptete, man sei herzlos und grausam, und der Ärger über die
Schwester werde noch der Nagel werden zu seinem Sarge. Da Kurt den
Vater von vornherein auf seiner Seite hatte, so konnte Jutta nichts
ausrichten, mußte sich seufzend in ihr Schicksal finden, Sklavin des
kranken Bruders zu sein.
Der Erfolg der Reise war, daß Kurt im Herbst siecher nach Haus
zurückkehrte, als er im Frühjahr ausgezogen war. Nun hieß es: nur noch
südliches Klima könne ihn retten. Herr Reimers, der seine Geschäfte
daheim nicht gänzlich vernachlässigen konnte, mußte sich wohl oder
übel zu einer Trennung von seinem Ältesten entschließen. Es wurde ein
Krankenpfleger angenommen und Kurt mit diesem nach Algier geschickt.
Jutta suchte jetzt nachzuholen, was sie den Sommer über versäumt hatte.
Sie besuchte von neuem Professor Wälzers Malklasse. Dort gehörte sie
jetzt unbedingt zu den tonangebenden Schülerinnen, wurde auch von den
anderen Damen als die Begabteste anerkannt.
Von Lieschen Blümer hatte sie mehr als einen Brief aus Paris erhalten.
Es war Lieschens aufopfernder Fürsorge gelungen, ihren dort zum Tode
erkrankten Freund gesund zu pflegen. Vorläufig, so schrieb sie an
Jutta, wolle sie noch bei ihm in Paris bleiben, weil Xaver solch ein
»großes Kind« sei, das man ungefährdet in der Fremde nicht allein
lassen könne. Lieschens Brief war der Abdruck ihrer Persönlichkeit:
lieb, herzlich, ein wenig melancholisch, Regen und Sonnenschein in
einem.
Einen Verlust hatte für Jutta der Sommer gebracht, den sie schwer
empfand: Mucki war verschwunden. Sie hatte, als sie auf Reisen ging,
die Katze Frau Hölzl zur Pflege übergeben. Aber das Tier, Sonderling
der es immer gewesen, hatte die Abreise der Herrin offenbar als
persönliche Beleidigung aufgefaßt. Mißmutig und scheu war sie eine Zeit
lang noch im Hause umhergeschlichen, Liebkosungen von fremder Hand
verächtlich abwehrend; bis sie eines Tages ganz wegblieb. Welches Ende
Mucki genommen habe, sollte niemals aufgeklärt werden.
Damit war für Jutta der letzte Zeuge von der Bildfläche verschwunden
aus einer Zeit, die sich nun schon mit dem Nebel des halben Vergessens
zu verschleiern begann.
Herr von Weischach! Ihr alter Freund! Würde sie jemals wieder einem
Manne begegnen, der es so treu mit ihr meinte? --
Einer war da, der nur zu gern die Rolle des Freundes bei Jutta Reimers
übernommen hätte: ihr Vetter Luitpold Habelmayer.
Seiner Fürsprache bei Herrn Reimers verdankte es Jutta ja, daß ihr
der Besuch der Malklasse gestattet worden war. Der Vetter stellte das
freilich so dar, als habe er Jutta überhaupt entdeckt. Er gefiel sich
darin, das Talent der kleinen Cousine auch weiterhin zu protegieren.
Jutta fand, daß Vetter Luitpold sich auf den Dienst, den er ihr
einstmals geleistet hatte, reichlich viel zugute thue. Sie war
überhaupt neuerdings nicht mehr so sehr von ihm eingenommen, sah seine
Liebenswürdigkeit in verändertem Lichte.
Einen Nutzen hatte der vergangene Sommer mit seinem scheinbar
zwecklosen Hin- und Herreisen doch für das junge Mädchen gehabt:
sie hatte ein Stück Welt gesehen und dabei unbewußt Erfahrung und
Menschenkenntnis bereichert. Nicht ganz so harmlos, wie sie gegangen,
war sie aus den eleganten Badeorten, in denen sie sich mit Vater und
Bruder aufgehalten hatte, nach Haus zurückgekehrt.
Sie ahnte jetzt etwas davon, in welch verschiedenen Verkleidungen
männliche Zudringlichkeit auftritt. Daß sie schön sei, hatte sie früher
schon gewußt; das lehrte sie ein Blick in den Spiegel. Aber neuerdings
wußte sie auch, daß sie begehrenswert sei. Durch die Blicke fremder
Männer, mit denen sie nie ein Wort gewechselt hatte, war ihr dieses
Geheimnis verraten worden.
Luitpolds Verhalten gegen sie erschien ihr nicht mehr wie früher als
harmlos verwandtschaftliche Vertraulichkeit. Vielleicht hatte der
Vetter auch erst in letzter Zeit ein anderes Benehmen angenommen. Kurz,
Jutta traute seiner Biedermannsmiene nicht recht.
War es wirklich nur Interesse für die Kunst, was ihn veranlaßte, sie so
oft aufzusuchen und sich nach ihren Mal-Fortschritten zu erkundigen?
-- Wozu bedurfte es der schmachtenden Blicke, der besonderen Betonung
mancher Worte, der sentimentalen Seufzer in ihrer Gegenwart?
Jeden anderen Mann, der sich dergleichen Freiheiten herausgenommen
hätte, wäre man leichter losgeworden als ihn, den die Stellung des
Blutsverwandten schützte. Was wollte man machen gegen einen Menschen,
der jederzeit freien Zutritt zum Hause hatte? Der sie »Du« nennen, ihr
die Hand drücken, sie an tausend kleine Vertraulichkeiten erinnern
durfte, die er sich früher als großer Vetter gegen die kleine
Cousine hatte herausnehmen können? Er nutzte seine Stellung mit
der harmlosesten Miene der Welt aus. Was wollte man machen? Gegen
Andeutungen, daß er lästig falle, schützte ihn seine Dickfelligkeit.
Wem hätte Jutta etwas sagen können und wollen von diesen Dingen? Ihrem
Vater etwa? Er würde ihr einfach die Anklage nicht geglaubt haben,
selbst wenn sie sie über die Lippen gebracht hätte. Und Luitpold nahm
sich in Acht in Gegenwart dritter. Erstaunlich war, wie er sich in der
Hand hatte! Während er vielleicht eben mit seinen dunklen Augen dem
Mädchen einen heißen, nicht mißzuverstehenden Blick zugesandt hatte,
sprach er gleich darauf im gleichgiltigsten Plaudertone mit Herrn
Reimers von Pferderennen oder Börsenkursen.
Noch schlimmer war die Komödie, die er seiner Frau vorspielte. Frau
Elwire war durch Kränklichkeit jahraus jahrein ans Zimmer gefesselt,
konnte ihm nicht folgen auf seine Fahrten. Sie wußte, daß sein Leben
nicht rein sei. Ihre Augen lagen beständig auf der Lauer, sie spannte
darauf, daß er sich einmal verraten solle.
Jutta liebte die Cousine nicht; Elwirens grilliges Wesen, ihre
Nörgelsucht waren ihr immer zuwider gewesen. Aber neuerdings that die
Arme ihr leid. Das Mädchen begann nun doch die Tragik dieser um Geldes
willen geheirateten Frau zu verstehen, die ihren Mann liebte und sich
von ihm hintergangen fühlte.
Jutta vermied es fortan dieses Haus aufzusuchen. Dort kam ihr
jetzt alles so trostlos vor, so unfein und ordinär, trotz der
geschmackvollen, stilgerechten Einrichtung, mit der Luitpold
Habelmayer sich umgeben hatte.
Widerwärtige Lage! Dieser Mensch mit seiner schwülen Sinnlichkeit, von
der sie sich umlauert, betastet fühlte wie von unsichtbaren Händen! Das
Schlimmste war, ganz gleichgiltig konnte man doch nicht bleiben; man
war schließlich von Fleisch und Blut!
Wenn sie früh beim Erwachen an das dachte, was sie des Nachts geträumt
hatte, dann erschrak sie. Woher kamen einem solche Bilder, die man im
Wachen niemals gesehen hatte? Konnte eines anderen Menschen Verlangen,
das man verabscheute, einen zu Fall bringen? -- Wessen hatte sie sich
denn schuldig gemacht vor ihrer Seele? --
War sie kokett gewesen? Vielleicht war sie ihm zu weit
entgegengekommen, hatte ihm scheinbares Recht gegeben zu den
Freiheiten, die er sich jetzt herausnahm. Er war eitel, hielt sich für
verführerisch. Sie nannten ihn ja den »schönen Habelmayer.« Wer konnte
denn wissen, was sich solch ein Mann einbildete!
Ihr Benehmen gegen Luitpold war nicht konsequent. Manchmal behandelte
sie ihn mit einer Schroffheit, die keinen Sinn hatte und ihm einen
Schein des Rechtes gab, wenn er über ungerechte Härte klagte. Dann
wieder zeigte sie sich ängstlich, befangen, unsicher und verschaffte
ihm dadurch einen billigen Triumph. Sie fand nicht den Ton ruhiger
Überlegenheit, die seiner Zudringlichkeit gegenüber allein als sicheres
Bollwerk hätte dienen können.
Dieser stille Kampf, den sie mit einem zähen, abgefeimten Gegner zu
führen hatte, bedeutete eine stete peinvolle Nervenaufregung für das
junge Mädchen.
* * * * *
Herr Reimers fand, daß es für seine Tochter nunmehr Zeit sei, in
Gesellschaft zu gehen. Sie hatte ja bereits im Kreise ihrer Verwandten
verkehrt, aber die spießbürgerlich beschränkte Enge der Familie war
nicht das, was sich dieser Vater für seine Tochter wünschte. Jutta
hatte das Zeug dazu, in der großen Welt Aufsehen zu erregen.
Reimers fing nachgerade an, sich auf dieses Kind etwas einzubilden. Es
kitzelte seine Eitelkeit, wenn die Freunde am Stammtisch oder im Klub
ihm ihre Bewunderung zu erkennen gaben über Juttas Erscheinung. Er
rechnete sich ihre Schönheit gewissermaßen als persönliches Verdienst
an.
Er ließ sich neuerdings gern mit Jutta im Theater, in Ausstellungen,
im Konzert, kurz an all den Orten blicken, wo elegantes Publikum
verkehrte. Und als der Winter gekommen war und die Faschingsfreude
begonnen, zog er in ernsthafte Erwägung, welche Feste man besuchen
solle.
Durch die Maler, welche in seinem Klub verkehrten, stand er mit der
Künstlerwelt in Verbindung. Dort sprach man jetzt lebhaft von einem
großen Kostümball, der die Saison eröffnen sollte. Als Grundgedanken
des Festes, als das zu behandelnde Thema, hatte man diesmal
›Renaissance‹ gewählt.
Dieser Ball, der einen auserlesen großartigen Charakter zu tragen
bestimmt war, erschien Reimers als die passendste Gelegenheit, seine
Tochter in Gesellschaft zu führen.
Die erste Frage war natürlich die nach dem Kostüm. Reimers wollte dem
Mädchen vom Theaterschneider ein pompöses Kleid anfertigen lassen; aber
Jutta hatte darüber ihre eigenen Gedanken.
Wäre es nicht viel reizvoller, selbst etwas zu komponieren, als in
einer von fremden Köpfen erdachten Tracht aufzutreten? Wozu hatte man
denn bei Professor Wälzer Kostümstudien getrieben? Zudem wußte man doch
selbst am besten, was einem stand.
Der Vater verhielt sich etwas skeptisch dieser Idee gegenüber. Seine
kleine Tochter kannte ja den Karneval noch garnicht, wußte nicht,
welche Pracht zur Schau getragen, welches Raffinement da aufgeboten
wurde.
Als sich ihm Jutta aber einige Tage vor dem Feste in ihrem Kostüm
zeigte, zu dem sie die Stoffe selbst ausgewählt und dann mit der
Schneiderin zusammengenäht hatte, sah er ein, daß er ihren Geschmack
unterschätzt habe.
Jutta präsentierte sich in einem Gewande von mattschillernd
silbergrauem, schwerem Atlas. Der Hals war frei, die Büste durch
zarte Crêmespitze verhüllt, die gepufften Ärmel halblang, ebenfalls
in Spitzen endend. Ein prächtiger, goldstrotzender Gürtel schloß das
steife Mieder nach unten ab.
»Zu sehr junge Frau, kaum noch Mädchen!« das war das einzige, was der
Vater auszusetzen hatte; im übrigen fand er das Kostüm »großartig«.
In der Freude darüber ging Reimers sofort zum Juwelier und kaufte
dem schönen Töchterchen einen Perlenschmuck, den sie bei dem Feste
einweihen sollte.
Reimers wollte nicht Kostüm anlegen. Er behauptete, dazu sei er zu alt.
In Wahrheit war es ihm unbequem. Durch einen entsprechenden Geldbetrag
konnte man sich ja vom Kostümzwang loskaufen. Er übergab seine Tochter
einem seiner Malerfreunde, der mit seiner würdigen Erscheinung sehr gut
als Beschützer ihrer Jugend gelten konnte. Er selbst wollte sich im
Frack unter die Zuschauer mischen, wobei er besser auf seine Rechnung
zu kommen glaubte.
Jutta ängstigte sich nicht, wie es manche andere Debutantin gethan
haben würde. Sie war ihres Erfolges sicher. Wenn sie trotzdem eine
gewisse Aufregung empfand, so war das mehr Spannung, Neugier auf das,
was sie sehen und erleben würde. Ihre Erwartungen gingen hoch. Jetzt
sollte sie endlich erfahren, was leben hieß; bisher hatte sie davon nur
gehört und gelesen.
Der einleitende feierliche Umzug war vorüber, den sie am Arme des ihr
vom Vater zuerteilten Beschützers mitgemacht hatte.
Ein Mitglied des königlichen Hauses war anwesend, vor ihm defilierte
man, eine kurze Ansprache und Huldigung der Kostümierten hatte
stattgefunden. Nach diesem offiziellen Teile sollte der eigentliche
Mummenschanz beginnen.
Die Gesellschaft fing an, sich in den reich geschmückten Räumen zu
verteilen. In einem der Säle wurde Platz geschafft zum Tanz, in den
Nebenräumen waren für die, welche sich daran nicht zu beteiligen
gedachten, Tische aufgestellt und lauschige Winkel eingerichtet
zu größeren Gelagen und intimerem Beisammensein, je nach Hang und
Bedürfnis.
Juttas Begleiter hatte sich verabschiedet, da er mit der Ordnung des
Festes zu thun habe. Sie war nicht ungehalten darüber. An einen der
mächtigen, mit Guirlanden umwundenen Pfeiler des Saales gelehnt,
bewunderte sie das herrliche farbenreiche Bild: die Zuschauerlogen
gegenüber, in denen mit den schwarzen Fracks der Herren die glänzenden
Gesellschaftstoiletten der Damen abwechselten. Und um sie her im Saale
das Drängen und Fluten der buntscheckigen Menge. Phantastische Kostüme
von auserlesenen Stoffen, Farbenzusammenstellungen der bizarrsten und
der decentesten Art. Erscheinungen, die zum Lachen reizten, daneben
würdevolle Physiognomien; Burleske und Grandezza bunt durcheinander.
Das Mädchen war ganz in Schauen versunken, sättigte sich am Anblicke
dieses Bildes voll Geschmack, Eigenart und Stil.
Da löste sich von der Menge, die sie an sich vorüberfluten ließ, ein
Mann in prächtigem karmoisinrotem Sammetkleide. Im ersten Augenblicke
erkannte sie ihren Vetter Luitpold garnicht. Keine Ahnung hatte sie
davon, daß auch er hier wäre.
Er trug das Gewand eines italienischen Großen, kopiert nach einem
bekannten Porträt in der alten Pinakothek. Auch Haar und Bart hatte er
sich nach diesem Vorbilde zurechtstutzen lassen.
»Unsere Farben passen zusammen, sieh mal!« rief er und hielt seinen
Ärmel an ihre Taille. »Warum hast du denn so geheimnisvoll gethan
mit deinem Kostüm, schöne Cousine? Ich hab's ja doch herausbekommen!
Wohlan, hier bin ich! Dein Vetter, dein Ritter, oder dein Sklave,
jenachdem du befehlen wirst!«
Jutta wußte, daß es auf einem Karnevalfeste freier hergeht als sonst
wo, und daß man da fünf gerade sein lassen muß. Sie war mit der Absicht
hergekommen, sich zu unterhalten. Zudem lag es nicht in ihrer Natur,
sich leicht zu entrüsten.
Aber daß es gerade Luitpold sein mußte, der sie den Faschingston lehren
sollte! --
Er wich nicht von ihrer Seite, schien ihr Kavalier bleiben zu wollen
für den ganzen Abend. Als das Tanzen begann, führte er sie in den Saal
und begann mit ihr zu walzen. Übrigens verstand er sich darauf. Es war
ja nicht das erste Mal, daß sie miteinander tanzten; Luitpold hatte als
älterer Vetter ein wenig den Tanzmeister bei seiner Cousine gespielt,
als sie noch halblange Kleider trug und man sie ungestraft in die Wange
kneifen durfte. Er erinnerte sie heute auch daran, füllte überhaupt
ihr Ohr mit allerhand Schabernack und Schmeicheleien. Wenn er sagte:
»Wir sind das schönste Paar im Saale!« so konnte er damit wohl recht
haben. Sein Kostüm war eines der reichsten und originellsten und paßte
vortrefflich zu seiner stattlichen Erscheinung.
Jutta fühlte sich heute in der Laune, sich mit Luitpold auszusöhnen. Er
verstand es, einem die Zeit zu vertreiben, und es tanzte sich herrlich
mit ihm. Was wollte man mehr bei einer Gelegenheit wie dieser! Prüderie
konnte garnicht aufkommen, hier, wo alles ein Rausch war von Farbe,
Glanz, Freude und Schönheit. Sie ging also auf den übermütigen Ton ein,
den er anschlug.
»Wollen mal sehen, wer von uns beiden zuerst müde wird!« rief er
und riß sie von neuem zum Tanze mit fort. Aber nach einigen Runden
schon machte er Halt und erklärte sich für besiegt. »Das Tanzen hat
eigentlich keinen Sinn, noch dazu im Kostüm. Viel schöner wäre es,
sitzen und dich anblicken dürfen, Jutta! Weißt du, daß du berauschend
schön bist?« --
Unter solchen Reden führte er das Mädchen in eine Nische, wo zwischen
Lorbeergebüsch ein Tisch für zwei gedeckt war.
Man aß ein paar Bissen, dazu wurde Champagner getrunken. Von der
Freiheit, seine Dame anzustarren, machte Luitpold Habelmayer reichlich
Gebrauch. Dabei schwatzte er allerhand verliebten Unsinn. Jutta that,
als verstände sie ihn nicht recht; sie spielte die Rolle der Naiven
garnicht schlecht.
Bis Luitpold anfing sentimental zu werden. Sie fand, daß ihm das sehr
schlecht stehe; so aus der Rolle hätte er nicht fallen sollen! Und
mit einemmale begann er von seiner Frau zu reden, gestand, er sei
unglücklich verheiratet.
Da wurde es Jutta zuviel. Sie erhob sich jählings und erklärte, daß sie
zu ihrem Vater wolle.
Luitpold beschwor sie, zu bleiben; kein Wort weiter wolle er sagen
hiervon, wenn es ihr unangenehm sei. Aber Jutta blieb fest bei ihrem
Entschlusse.
Nach einigem Suchen fand man Herrn Reimers. Auch er hatte eine jener
lauschigen Nischen aufgesucht, und wie es sich herausstellte, war er
nicht allein. Eine niedliche junge Dame, im Gewand einer Florentiner
Patriziertochter, für gewöhnlich Soubrette am Theater -- wie Luitpold
der Cousine zuraunte -- saß neben ihm. Das Paar war so in seine
Unterhaltung vertieft, daß Jutta erst den Vater am Arme berühren
mußte, um ihn zum Aufschauen zu bewegen.
Reimers war nicht gerade angenehm berührt durch Juttas unerwartetes
Auftreten. »Ich dachte, ihr tanztet!« sagte er und warf dem Neffen
einen Blick zu, als wollte er sagen: ›Das hättest du mir auch ersparen
können!‹
Luitpold zuckte die Achseln und lächelte schadenfroh. Jutta stand
ziemlich ratlos, denn sie merkte nun auch, daß sie dem Vater ungelegen
komme.
In diesem Augenblicke erschien eine neue Person auf der Bildfläche:
Bruno Knorrig. Ohne zu ahnen, was sich hier abspiele, kam er auf
Jutta und Herrn Reimers zu und begrüßte sie lebhaft, als die ersten
Bekannten, die er heut abend treffe.
Bruno war erst seit kurzem wieder in München, nachdem er ziemlich
drei Jahre in Südamerika zugebracht hatte.
Sein Kostüm, das der Kenner sofort für ein aus einem
Maskenverleihinstitut stammendes erkannte, stand ihm ausnehmend
schlecht zu Gesicht. Das viel zu weite Tricot verriet die Magerkeit
seiner Gliedmaßen in bedenklicher Weise. Auf seinem rötlichen
Haarschopf wiegte sich verwogen ein blaßbläuliches Sammetbarett mit
einer verschossenen Straußenfeder.
Jutta entging die Komik seiner Erscheinung nicht; trotzdem erschien
ihr Bruno in diesem Augenblicke wie ein rettender Engel. Sie erwiderte
seine Begrüßung auf das herzlichste, gab deutlich ihre Freude zu
erkennen, ihn hier zu sehen.
Bruno Knorrig wußte garnicht, wie ihm geschah. Er hatte kurz nach
seiner Rückkehr aus der Fremde im Hause seines Chefs Besuch gemacht
und dabei auch Jutta wiedergesehen. Er war von ihr mit einer Kälte
aufgenommen worden, die ihn tief geschmerzt hatte; war er doch
Eberhards intimster Freund, und hatte er doch ehemals auch zu Jutta in
vertrautestem Verhältnis gestanden.