Eberhard kam für die Osterferien nach München. Da er zu Weihnachten in
Berlin geblieben war, hatte er Kurt noch gar nicht gesehen, seit dieser
wieder im Lande weilte.
Die Zeit war noch nicht allzu lange her, wo Kurt das Recht des
Stärkeren rücksichtslos gegen den jüngeren Bruder ausgebeutet hatte.
Eberhard ließ zwar dem älteren nichts merken, daß sich das Blatt
inzwischen gewendet habe, im Gegenteil, er versuchte, zuvorkommend und
liebenswürdig zu sein gegen den Kranken; aber gerade das reizte Kurt.
Er fühlte mit den geschärften Sinnen des Unglücklichen heraus, daß
Eberhards Großmut nichts anderes sei, als innerer Triumph. Er glaubte
seine Freundlichkeit zu durchschauen; sie glich der Schadenfreude auf
ein Haar.
Selbstverständlich mußte Eberhard den Seinen gelegentlich von Berlin
erzählen, von seinen Erlebnissen im letzten Halbjahr. Ein stummer,
mißmutiger Gast saß Kurt dabei. Er hatte das Gefühl des Depossedierten,
über den man jetzt gleichgiltig hinwegschritt. Das ist schließlich der
Gang der Dinge überall in der Welt; die Grausamkeit für ihn lag darin,
daß er das, was sonst dem Alter widerfährt, schon in jungen Jahren
schmecken mußte.
Kurt war ein von Natur begabter Mensch. In glücklichen Verhältnissen
geboren und aufgewachsen, verwöhnt von Eltern und Erziehern, hatte er
sich früh daran gewöhnt, keinen anderen Maßstab an die Dinge zu legen,
als: Eigenwillen und Genuß. Solange er in der Heimat war, hielten ihn
Herkommen und Sitte wenigstens äußerlich in Schranken; aber in einem
nur halb civilisierten Lande, unter dem Einflusse eines den Willen
erschlaffenden und die Sinne anreizenden Klimas, unter einer aus allen
Rassen zusammengeflossenen Populasse, der das Laster als das Natürliche
und die Beherrschung der Triebe als das Ungewöhnliche gilt, hatte er,
ein Mann, dem Schönheit, Macht und Geld zur Seite standen, Orgien
gefeiert, welche die kräftigste Konstitution zu Schanden machen mußten.
Nach seinem körperlichen Zusammenbruch hatte er drüben in einem
Hospital von zweifelhafter Güte gelegen, war dort von Kurpfuschern
behandelt worden. Was damals versäumt, war jetzt nicht wieder gut zu
machen.
An seinem inneren Menschen waren die Schmerzen, der Ekel, die
Furcht, all die bangen Sorgen durchwachter Nächte, nicht spurlos
vorübergegangen. Zwar in das seelenstärkende Bad wirklicher Reue
war Kurt Reimers niemals hinabgestiegen; nur Ärger, Wut, bitterste
Enttäuschung empfand er. Das Leben hatte ihm gelogen, die Menschen
ihn getäuscht. Er klagte nicht sich selbst an als den Urheber seiner
Leiden, sondern die anderen: die Weiber, die Ärzte. Er haßte vor allem
alle Männer, die gesund waren. Wie kamen sie dazu, gesund zu sein,
während er so furchtbar leiden mußte? -- Erwischen hatten sie sich
nur nicht lassen, das war ihr einziges Verdienst. Bodenlos ungerecht
erschien ihm eine Weltordnung, welche den einen büßen ließ, während
sie hunderten von Missethätern gestattete, frei und unbehelligt ihrem
Vergnügen nachzugehen.
Da waren ihm zum Beispiel von seinem jungen Bruder nette Streiche zu
Ohren gekommen! Reimers senior hatte nämlich in einer schwachen Stunde
Kurt andeutungsweise von dem Abenteuer erzählt, das Eberhard ein Jahr
zuvor durchgemacht hatte. Für Kurt war das eine bittere Pille gewesen.
Was! Dieser grüne Junge stieg den Weibern nach, machte Glück bei ihnen!
-- Was wurden in der Krankenphantasie des zerrütteten Menschen da für
Reminiscenzen aufgerührt! Eifersucht erwachte gegen den Bruder, die
ihre Nahrung sog aus dem Gefühl der eigenen Ohnmacht.
Die feindliche Gesinnung, welche Kurt gegen seinen Bruder hegte, kam
eines Tages ganz unvermittelt zum Ausbruch. Die Brüder waren allein
miteinander. Eberhard hatte soeben einen Brief von Bruno Knorrig aus
Venezuela erhalten. Der Freund schilderte ihm eine Reise, die er
zum Teil per Dampfer, zum Teil zu Pferde in das Innere unternommen
hatte. Eberhard las aus dem Briefe laut vor, ohne zu merken, daß
sich darüber die Mienen Kurts mehr und mehr verdüsterten. Eberhard
war im Augenblicke nicht gegenwärtig, daß für jenen die Erinnerung
an den jungen Knorrig, der ja Kurts Ersatzmann dadrüben war, nichts
Erfreuliches haben könne.
Bis ihn Kurt jäh unterbrach: er solle aufhören mit diesem »kindischen
Zeug«; das sei alles »blasse Renommage«!
Eberhard schwieg beleidigt und las seinen Brief für sich weiter.
Das Schweigen des anderen war Kurt auch nicht recht, er wollte seinen
lange mühsam zurückgehaltenen Groll loswerden.
»Möchte das Bürschchen mal auf seinen Touren sehen!« rief er.
»Naturschwärmen ist was Rechtes. Da drüben muß einer Haare auf den
Zähnen haben. Aber der gute Bruno! ....«
Eberhard hielt es für seine Pflicht, den Freund nicht unverteidigt zu
lassen.
Kurt dadurch erst recht gereizt, höhnte weiter: »Ihr seid einander
wert, du und dein Ehren-Bruno. Grünschnäbel! Kerls, die noch nicht
hinter den Ohren trocken sind und dabei den großen Mund haben. Denkt
ihr etwa mir zu imponieren? Du mit deiner thörichten Aufschneiderei aus
Berlin! Ich lache über sowas! Es kommt mir vor, als erzähle mir ein
kleiner Junge Räubergeschichten.«
»Mit Erlebnissen, wie du, kann ich allerdings nicht aufwarten,« meinte
Eberhard, nun auch die Ruhe verlierend. »Ich sehne mich offengestanden
auch nicht nach deinen Erfahrungen.«
»Willst wohl Moralpauken halten, Kleiner? Steht dir gut an. Weißt
du, ich habe eine Geschichte von dir erfahren, die an den Wänden
hinaufklettert! Was mir passiert ist, das ist einfach Pech; dafür kann
man nichts. Aber deine Affaire, wie du dich hast einlappen lassen von
einem Frauenzimmer, das ist Dummheit, haarsträubende Blamage. An deiner
Stelle würde ich also fein stille sein!«
Eberhard blickte den Bruder verdutzt an. Er war überrumpelt durch die
Wendung, die Kurt dem Streit gegeben hatte. An seiner wundesten Stelle
fühlte er sich getroffen.
Aber noch mehr überraschte ihn der Ausdruck von Kurts Gesicht.
Diese verzerrten Züge, diese glühenden Augen! -- Das war ja Haß,
eingefleischter Haß!
Es wallte etwas auf in dem Gemüte des Jüngeren, etwas Zurückgedrängtes.
Die Empörung aus jener Zeit, wo er sich oft unter mühsam verschluckten
Thränen geschworen hatte, Kurt einstmals alle Quälereien heimzuzahlen.
Aber wie er die Häßlichkeit dieses vom selbstverschuldeten Leiden
entstellten Gesichtes sah, die Haltlosigkeit, wie jenem die Glieder
schlotterten, wie sein Zorn zur Grimasse wurde, da fühlte er sich mit
einemmale ganz ruhig.
Mit dem da sich zu messen, war keine Kunst, und Ehre dabei nicht zu
holen. In diesem Augenblicke empfand er unverfälschtes Mitleid für den
Unglücklichen.
* * * * *
Die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern hatte einen unerwarteten
Erfolg: Eberhard beschloß, seine im stillen längst gehegte Absicht nun
wirklich auszuführen, er wollte Fanny Spänglein aufsuchen.
Nicht, daß er Verlangen gehabt hätte, das Liebesverhältnis zu erneuern!
Die Erinnerung daran war ihm nur peinlich. Es war aus jener Periode
seines Lebens etwas zurückgeblieben, das ihn drückte wie ein heimlicher
Dorn im Fleisch. Er konnte das Gefühl einer großen Demütigung nicht los
werden. Und wenn Kurt von »Dummheit« und »Blamage« gesprochen, so hatte
er damit eigentlich nur dem Ausdruck verliehen, was Eberhard im Grunde
selbst empfand.
Er wollte wenigstens die äußeren Spuren davon auszulöschen suchen.
Fanny besaß ja noch den Ring, den er ihr geschenkt, die Briefe, die
er ihr geschrieben hatte. Vor allem aber wollte er sich in den Augen
des Mädchens selbst von der Lächerlichkeit befreien, die er auf sich
geladen hatte. Sie sollte sehen, daß sie es nicht mehr mit dem dummen
Jungen zu thun habe, den in ihre Netze zu ziehen, ihr damals ein
leichtes gewesen war.
Eberhard hatte nicht ohne Nutzen ein Jahr in Berlin zugebracht. Er
war untergetaucht in das Leben der Millionenstadt und hatte sich aus
der grauen kühlen Woge ein waches Bewußtsein und größere Nüchternheit
mitgebracht. Vor nichts fürchtete er sich jetzt mehr als davor: für
harmlos, unerfahren oder gar für gefühlvoll gehalten zu werden; lieber
wollte er für hart, stolz und abgebrüht gelten.
Wie er sich Fanny gegenüber zu verhalten habe, wußte er ganz genau. Sie
sollte mal etwas zu sehen bekommen von Überlegenheit. Erkennen sollte
sie, daß er sie verachte. Er wollte sie auffordern, ihm ihren Preis
zu nennen für Briefe und Ring, wollte ihr das Geld dann vor die Füße
werfen.
Im voraus gehoben in der Erwartung des Strafgerichts, das er abhalten
würde, und dabei doch etwas beunruhigt im Hinblick auf die Neuheit der
Situation, begab er sich zunächst nach Fannys früherer Wohnung. Die
Hausmeisterin hatte gewechselt, und es fiel schwer festzustellen, wohin
Fräulein Spänglein verzogen sei. Endlich gelang es ihm, ihre jetzige
Adresse zu erkunden.
Während Eberhard die Treppe hinabschritt, dachte er darüber nach,
wie er vor Jahresfrist mit liebebeflügeltem Schritt oftmals hier
hinaufgeeilt war. Wenn damals jemand behauptet hätte: seine Geliebte
sei nicht das treue, hingebungsvolle, reine Wesen, für das er sie
hielt! Wenn ihm jemand den Gang vorausgesagt hätte, den er heute
vorhatte! --
Es war gut, daß alles das anders gekommen, als er es gedacht! War er
nicht sehr viel weiser und klüger jetzt als damals? --
Und weil er mit sich selbst zufrieden war, fühlte er sich mit einem
Male auch sehr viel milder gestimmt gegen Fanny, und beschloß bei
sich, das Strafgericht nicht härter ausfallen zu lassen, als unbedingt
notwendig war.
Fanny Spängleins neue Wohnung sollte sich in Schwabing befinden,
in einer Gegend, die schon kaum noch Stadt zu nennen war. Eberhard
wunderte sich, daß sie sich da hinaus gewendet habe; das entsprach
eigentlich garnicht ihren Gewohnheiten. Sie hatte ihm wiederholt
erklärt, daß sie sich nichts daraus mache, »am Land« zu leben.
Die Straße war nur auf einer Seite mit villenartigen Häusern besetzt,
jedes von einem kleinen Garten umgeben. Die Wohnungen machten einen
behaglich traulichen Eindruck.
Eberhard ging auf der häuserleeren Seite an einer Wiese hin, auf der
Wäsche gebleicht wurde. Zwischen Sandhaufen und Holzstößen spielten
Kinder auf dem grünen Plane. Er hatte, ganz an die Stadt gebannt,
noch garnicht recht gemerkt, daß wiedermal Frühjahr war. Drüben die
Ziersträucher in den Vorgärten zeigten mit ihrem Blütenschmuck, daß
nun, wo der Menschen-Fasching vorüber war, die große Maskerade der
Natur beginnen sollte.
Das kleinste, aber auch geschmackvollste Haus der ganzen Straße trug
die Nummer, unter der ihm Fannys Wohnung bezeichnet worden war. Es lag
in seinem niedlichen Garten etwas zurück, eine Veranda mit Glasdach und
Stufen führte vom Parterre ins Freie. Vor dem Gartenthore hielt eine
Droschke. Der Kutscher war ganz in seine Zeitung vertieft, als wisse
er, daß er sobald nicht in Anspruch genommen werden würde.
Also hier wohnte sie! -- Eberhard staunte. Eine solche Wohnung kostete
Geld. Wer mochte jetzt wohl der Kavalier sein, der ihr Miete und
Schneiderrechnungen bezahlte? -- Ob sie es noch mit dem Kahlköpfigen
hielt, der damals seine Eifersucht erregt hatte? -- Verrückte Zeiten! --
Er konnte sich nicht sofort entschließen, hineinzugehen. Es kamen ihm
Zweifel und Bedenken. War er nicht etwa drauf und dran, sich von neuem
lächerlich zu machen? --
Während er noch unschlüssig auf- und abschritt, bemerkte er an der
Bewegung, die plötzlich in die Glieder des zeitungslesenden Kutschers
kam, daß der Fahrgast sich nähere. Ob Fanny etwa selbst ausfahren
wollte? Er war doch neugierig!
Hinter den Glasscheiben der Veranda sah er ein paar Menschen, hörte
auch Stimmen von dort. Dann kam ein Mann die Stufen herab, in welchem
Eberhard den eigenen Vater erkannte.
So gänzlich überrascht war Eberhard, daß er im Augenblicke den
Zusammenhang garnicht verstand. Wie kam sein Vater hierher? Was wollte
er hier?
Während Herr Reimers langsam die Stufen hinabschritt, sich dabei den
Überzieher zuknöpfte und die Handschuhe über die Finger zog, trat
hinter ihm eine weibliche Gestalt heraus, die Eberhard nur zu gut
kannte. Unbedeckten Hauptes, im Schmucke ihres goldblonden Haares stand
Fanny Spänglein da, über das ganze Gesicht lächelnd. Der Vater wandte
sich noch einmal um und winkte ihr mit der Hand, ebenfalls lächelnd.
Dreißig Schritt höchstens von dem jungen Mann entfernt, jenseits
der Straße, geschah das. Nichts entging ihm von ihrem Mienenspiel,
ihren Bewegungen. Er sah ganz deutlich das Muster ihres Kleides;
unauslöschlich prägte sich selbst solche Kleinigkeit seinem
Gedächtnisse ein.
Der Vater trat aus der Gartenthür, rief dem Kutscher etwas zu, sprang
in die Droschke, die sich gleich darauf in Bewegung setzte. Fanny
stand noch einen Augenblick auf der Veranda, dann wandte sie sich und
verschwand im Hause.
Das hatte sich im Laufe weniger Minuten abgespielt; für den jungen
Mann bedeutete es ein Ereignis, das mit dem Maße der Zeit überhaupt
nicht gemessen werden konnte. Der Boden schien Eberhard unter den
Füßen zu schwanken, ihm war's, als sei dicht vor ihm eine Flamme jäh
aufgezüngelt, das Vorhandensein unterirdisch verderblicher Gewalten in
seinem Dasein kündend.
Es kommt für jeden Mann einmal der Augenblick, wo er sich mit seinem
Vater, sei es mit dem lebenden oder mit dem toten, auseinandersetzen
muß; wo er das, was ihm bisher höchste Autorität gewesen, kritisieren,
vielleicht als überlebt beiseite schieben wird. Wohl dem Vater, wohl
dem Sohne, wenn die Trennung keinen Bruch bedeutet, wenn die Autorität
abgelöst wird von pietätvoller Schonung!
Schrecklich ist es, sich des eigenen Vaters schämen zu müssen. Es
streitet gegen die Natur, es stellt die Weltordnung auf den Kopf, es
legt die Axt an die Wurzel des Daseins, erniedrigt uns vor uns selbst,
indem es die Quelle trübt, aus der unser Lebenslauf entsprungen ist.
Welch erschreckende Helle dieses Ereignis verbreitete! So furchtbar
klar und nüchtern war alles, und alltäglich. Eine gewisse Komik sogar
lag darin, daß der Vater, nachdem er den Sohn aus der Schlinge befreit
hatte, nun selbst von der verbotenen Frucht naschte.
Aber das Lachen verging einem, wenn man der Sache auf den Grund ging.
Dem jungen Manne graute, wie man erwachend vor einer Scheußlichkeit
erschrickt, die man im Traume begangen hat.
Eberhard begriff mit einemmale mancherlei Erscheinungen: das Schicksal
seines Bruders, Züge in seinem und seiner Schwester Charakter,
Erlebnisse aus früher Jugend, manches, was er schon mit Kinderaugen
kritisiert zu haben sich entsann, Worte und Thaten des Vaters, das
ganze Familienleben. Alles das bekam einen anderen Hintergrund, zeigte
in dieser neuen häßlichen Beleuchtung ein gänzlich verändertes Gesicht.
Er wollte nicht weiter darüber nachgrübeln. Was nutzte überhaupt hier
alle Erregung? Konnte damit etwas gut gemacht werden? Würde er seinen
Vater ändern? Hatte es irgend welchen Sinn, den Alten merken zu lassen,
daß man ihn ausgefunden habe? Eine widerwärtige Szene wäre der einzige
Erfolg gewesen, gegen die sich das Gefühl auflehnte.
Besser, man ließ alles, wie es war, suchte als Philosoph darüber
hinwegzukommen. Die Welt war nun mal voll von Perversität! Bei seinem
Studium, im Kolleg, aus Büchern, am Seziertisch hatte er die traurige
Wahrheit entdeckt; nun lehrte sie ihn das Leben in noch krasserer Weise.
Heute war abermals ein gut Stück abgebröckelt von seinen Illusionen.