VIII.

Eberhard kam für die Osterferien nach München. Da er zu Weihnachten in

Berlin geblieben war, hatte er Kurt noch gar nicht gesehen, seit dieser

wieder im Lande weilte.

Die Zeit war noch nicht allzu lange her, wo Kurt das Recht des

Stärkeren rücksichtslos gegen den jüngeren Bruder ausgebeutet hatte.

Eberhard ließ zwar dem älteren nichts merken, daß sich das Blatt

inzwischen gewendet habe, im Gegenteil, er versuchte, zuvorkommend und

liebenswürdig zu sein gegen den Kranken; aber gerade das reizte Kurt.

Er fühlte mit den geschärften Sinnen des Unglücklichen heraus, daß

Eberhards Großmut nichts anderes sei, als innerer Triumph. Er glaubte

seine Freundlichkeit zu durchschauen; sie glich der Schadenfreude auf

ein Haar.

Selbstverständlich mußte Eberhard den Seinen gelegentlich von Berlin

erzählen, von seinen Erlebnissen im letzten Halbjahr. Ein stummer,

mißmutiger Gast saß Kurt dabei. Er hatte das Gefühl des Depossedierten,

über den man jetzt gleichgiltig hinwegschritt. Das ist schließlich der

Gang der Dinge überall in der Welt; die Grausamkeit für ihn lag darin,

daß er das, was sonst dem Alter widerfährt, schon in jungen Jahren

schmecken mußte.

Kurt war ein von Natur begabter Mensch. In glücklichen Verhältnissen

geboren und aufgewachsen, verwöhnt von Eltern und Erziehern, hatte er

sich früh daran gewöhnt, keinen anderen Maßstab an die Dinge zu legen,

als: Eigenwillen und Genuß. Solange er in der Heimat war, hielten ihn

Herkommen und Sitte wenigstens äußerlich in Schranken; aber in einem

nur halb civilisierten Lande, unter dem Einflusse eines den Willen

erschlaffenden und die Sinne anreizenden Klimas, unter einer aus allen

Rassen zusammengeflossenen Populasse, der das Laster als das Natürliche

und die Beherrschung der Triebe als das Ungewöhnliche gilt, hatte er,

ein Mann, dem Schönheit, Macht und Geld zur Seite standen, Orgien

gefeiert, welche die kräftigste Konstitution zu Schanden machen mußten.

Nach seinem körperlichen Zusammenbruch hatte er drüben in einem

Hospital von zweifelhafter Güte gelegen, war dort von Kurpfuschern

behandelt worden. Was damals versäumt, war jetzt nicht wieder gut zu

machen.

An seinem inneren Menschen waren die Schmerzen, der Ekel, die

Furcht, all die bangen Sorgen durchwachter Nächte, nicht spurlos

vorübergegangen. Zwar in das seelenstärkende Bad wirklicher Reue

war Kurt Reimers niemals hinabgestiegen; nur Ärger, Wut, bitterste

Enttäuschung empfand er. Das Leben hatte ihm gelogen, die Menschen

ihn getäuscht. Er klagte nicht sich selbst an als den Urheber seiner

Leiden, sondern die anderen: die Weiber, die Ärzte. Er haßte vor allem

alle Männer, die gesund waren. Wie kamen sie dazu, gesund zu sein,

während er so furchtbar leiden mußte? -- Erwischen hatten sie sich

nur nicht lassen, das war ihr einziges Verdienst. Bodenlos ungerecht

erschien ihm eine Weltordnung, welche den einen büßen ließ, während

sie hunderten von Missethätern gestattete, frei und unbehelligt ihrem

Vergnügen nachzugehen.

Da waren ihm zum Beispiel von seinem jungen Bruder nette Streiche zu

Ohren gekommen! Reimers senior hatte nämlich in einer schwachen Stunde

Kurt andeutungsweise von dem Abenteuer erzählt, das Eberhard ein Jahr

zuvor durchgemacht hatte. Für Kurt war das eine bittere Pille gewesen.

Was! Dieser grüne Junge stieg den Weibern nach, machte Glück bei ihnen!

-- Was wurden in der Krankenphantasie des zerrütteten Menschen da für

Reminiscenzen aufgerührt! Eifersucht erwachte gegen den Bruder, die

ihre Nahrung sog aus dem Gefühl der eigenen Ohnmacht.

Die feindliche Gesinnung, welche Kurt gegen seinen Bruder hegte, kam

eines Tages ganz unvermittelt zum Ausbruch. Die Brüder waren allein

miteinander. Eberhard hatte soeben einen Brief von Bruno Knorrig aus

Venezuela erhalten. Der Freund schilderte ihm eine Reise, die er

zum Teil per Dampfer, zum Teil zu Pferde in das Innere unternommen

hatte. Eberhard las aus dem Briefe laut vor, ohne zu merken, daß

sich darüber die Mienen Kurts mehr und mehr verdüsterten. Eberhard

war im Augenblicke nicht gegenwärtig, daß für jenen die Erinnerung

an den jungen Knorrig, der ja Kurts Ersatzmann dadrüben war, nichts

Erfreuliches haben könne.

Bis ihn Kurt jäh unterbrach: er solle aufhören mit diesem »kindischen

Zeug«; das sei alles »blasse Renommage«!

Eberhard schwieg beleidigt und las seinen Brief für sich weiter.

Das Schweigen des anderen war Kurt auch nicht recht, er wollte seinen

lange mühsam zurückgehaltenen Groll loswerden.

»Möchte das Bürschchen mal auf seinen Touren sehen!« rief er.

»Naturschwärmen ist was Rechtes. Da drüben muß einer Haare auf den

Zähnen haben. Aber der gute Bruno! ....«

Eberhard hielt es für seine Pflicht, den Freund nicht unverteidigt zu

lassen.

Kurt dadurch erst recht gereizt, höhnte weiter: »Ihr seid einander

wert, du und dein Ehren-Bruno. Grünschnäbel! Kerls, die noch nicht

hinter den Ohren trocken sind und dabei den großen Mund haben. Denkt

ihr etwa mir zu imponieren? Du mit deiner thörichten Aufschneiderei aus

Berlin! Ich lache über sowas! Es kommt mir vor, als erzähle mir ein

kleiner Junge Räubergeschichten.«

»Mit Erlebnissen, wie du, kann ich allerdings nicht aufwarten,« meinte

Eberhard, nun auch die Ruhe verlierend. »Ich sehne mich offengestanden

auch nicht nach deinen Erfahrungen.«

»Willst wohl Moralpauken halten, Kleiner? Steht dir gut an. Weißt

du, ich habe eine Geschichte von dir erfahren, die an den Wänden

hinaufklettert! Was mir passiert ist, das ist einfach Pech; dafür kann

man nichts. Aber deine Affaire, wie du dich hast einlappen lassen von

einem Frauenzimmer, das ist Dummheit, haarsträubende Blamage. An deiner

Stelle würde ich also fein stille sein!«

Eberhard blickte den Bruder verdutzt an. Er war überrumpelt durch die

Wendung, die Kurt dem Streit gegeben hatte. An seiner wundesten Stelle

fühlte er sich getroffen.

Aber noch mehr überraschte ihn der Ausdruck von Kurts Gesicht.

Diese verzerrten Züge, diese glühenden Augen! -- Das war ja Haß,

eingefleischter Haß!

Es wallte etwas auf in dem Gemüte des Jüngeren, etwas Zurückgedrängtes.

Die Empörung aus jener Zeit, wo er sich oft unter mühsam verschluckten

Thränen geschworen hatte, Kurt einstmals alle Quälereien heimzuzahlen.

Aber wie er die Häßlichkeit dieses vom selbstverschuldeten Leiden

entstellten Gesichtes sah, die Haltlosigkeit, wie jenem die Glieder

schlotterten, wie sein Zorn zur Grimasse wurde, da fühlte er sich mit

einemmale ganz ruhig.

Mit dem da sich zu messen, war keine Kunst, und Ehre dabei nicht zu

holen. In diesem Augenblicke empfand er unverfälschtes Mitleid für den

Unglücklichen.

* * * * *

Die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern hatte einen unerwarteten

Erfolg: Eberhard beschloß, seine im stillen längst gehegte Absicht nun

wirklich auszuführen, er wollte Fanny Spänglein aufsuchen.

Nicht, daß er Verlangen gehabt hätte, das Liebesverhältnis zu erneuern!

Die Erinnerung daran war ihm nur peinlich. Es war aus jener Periode

seines Lebens etwas zurückgeblieben, das ihn drückte wie ein heimlicher

Dorn im Fleisch. Er konnte das Gefühl einer großen Demütigung nicht los

werden. Und wenn Kurt von »Dummheit« und »Blamage« gesprochen, so hatte

er damit eigentlich nur dem Ausdruck verliehen, was Eberhard im Grunde

selbst empfand.

Er wollte wenigstens die äußeren Spuren davon auszulöschen suchen.

Fanny besaß ja noch den Ring, den er ihr geschenkt, die Briefe, die

er ihr geschrieben hatte. Vor allem aber wollte er sich in den Augen

des Mädchens selbst von der Lächerlichkeit befreien, die er auf sich

geladen hatte. Sie sollte sehen, daß sie es nicht mehr mit dem dummen

Jungen zu thun habe, den in ihre Netze zu ziehen, ihr damals ein

leichtes gewesen war.

Eberhard hatte nicht ohne Nutzen ein Jahr in Berlin zugebracht. Er

war untergetaucht in das Leben der Millionenstadt und hatte sich aus

der grauen kühlen Woge ein waches Bewußtsein und größere Nüchternheit

mitgebracht. Vor nichts fürchtete er sich jetzt mehr als davor: für

harmlos, unerfahren oder gar für gefühlvoll gehalten zu werden; lieber

wollte er für hart, stolz und abgebrüht gelten.

Wie er sich Fanny gegenüber zu verhalten habe, wußte er ganz genau. Sie

sollte mal etwas zu sehen bekommen von Überlegenheit. Erkennen sollte

sie, daß er sie verachte. Er wollte sie auffordern, ihm ihren Preis

zu nennen für Briefe und Ring, wollte ihr das Geld dann vor die Füße

werfen.

Im voraus gehoben in der Erwartung des Strafgerichts, das er abhalten

würde, und dabei doch etwas beunruhigt im Hinblick auf die Neuheit der

Situation, begab er sich zunächst nach Fannys früherer Wohnung. Die

Hausmeisterin hatte gewechselt, und es fiel schwer festzustellen, wohin

Fräulein Spänglein verzogen sei. Endlich gelang es ihm, ihre jetzige

Adresse zu erkunden.

Während Eberhard die Treppe hinabschritt, dachte er darüber nach,

wie er vor Jahresfrist mit liebebeflügeltem Schritt oftmals hier

hinaufgeeilt war. Wenn damals jemand behauptet hätte: seine Geliebte

sei nicht das treue, hingebungsvolle, reine Wesen, für das er sie

hielt! Wenn ihm jemand den Gang vorausgesagt hätte, den er heute

vorhatte! --

Es war gut, daß alles das anders gekommen, als er es gedacht! War er

nicht sehr viel weiser und klüger jetzt als damals? --

Und weil er mit sich selbst zufrieden war, fühlte er sich mit einem

Male auch sehr viel milder gestimmt gegen Fanny, und beschloß bei

sich, das Strafgericht nicht härter ausfallen zu lassen, als unbedingt

notwendig war.

Fanny Spängleins neue Wohnung sollte sich in Schwabing befinden,

in einer Gegend, die schon kaum noch Stadt zu nennen war. Eberhard

wunderte sich, daß sie sich da hinaus gewendet habe; das entsprach

eigentlich garnicht ihren Gewohnheiten. Sie hatte ihm wiederholt

erklärt, daß sie sich nichts daraus mache, »am Land« zu leben.

Die Straße war nur auf einer Seite mit villenartigen Häusern besetzt,

jedes von einem kleinen Garten umgeben. Die Wohnungen machten einen

behaglich traulichen Eindruck.

Eberhard ging auf der häuserleeren Seite an einer Wiese hin, auf der

Wäsche gebleicht wurde. Zwischen Sandhaufen und Holzstößen spielten

Kinder auf dem grünen Plane. Er hatte, ganz an die Stadt gebannt,

noch garnicht recht gemerkt, daß wiedermal Frühjahr war. Drüben die

Ziersträucher in den Vorgärten zeigten mit ihrem Blütenschmuck, daß

nun, wo der Menschen-Fasching vorüber war, die große Maskerade der

Natur beginnen sollte.

Das kleinste, aber auch geschmackvollste Haus der ganzen Straße trug

die Nummer, unter der ihm Fannys Wohnung bezeichnet worden war. Es lag

in seinem niedlichen Garten etwas zurück, eine Veranda mit Glasdach und

Stufen führte vom Parterre ins Freie. Vor dem Gartenthore hielt eine

Droschke. Der Kutscher war ganz in seine Zeitung vertieft, als wisse

er, daß er sobald nicht in Anspruch genommen werden würde.

Also hier wohnte sie! -- Eberhard staunte. Eine solche Wohnung kostete

Geld. Wer mochte jetzt wohl der Kavalier sein, der ihr Miete und

Schneiderrechnungen bezahlte? -- Ob sie es noch mit dem Kahlköpfigen

hielt, der damals seine Eifersucht erregt hatte? -- Verrückte Zeiten! --

Er konnte sich nicht sofort entschließen, hineinzugehen. Es kamen ihm

Zweifel und Bedenken. War er nicht etwa drauf und dran, sich von neuem

lächerlich zu machen? --

Während er noch unschlüssig auf- und abschritt, bemerkte er an der

Bewegung, die plötzlich in die Glieder des zeitungslesenden Kutschers

kam, daß der Fahrgast sich nähere. Ob Fanny etwa selbst ausfahren

wollte? Er war doch neugierig!

Hinter den Glasscheiben der Veranda sah er ein paar Menschen, hörte

auch Stimmen von dort. Dann kam ein Mann die Stufen herab, in welchem

Eberhard den eigenen Vater erkannte.

So gänzlich überrascht war Eberhard, daß er im Augenblicke den

Zusammenhang garnicht verstand. Wie kam sein Vater hierher? Was wollte

er hier?

Während Herr Reimers langsam die Stufen hinabschritt, sich dabei den

Überzieher zuknöpfte und die Handschuhe über die Finger zog, trat

hinter ihm eine weibliche Gestalt heraus, die Eberhard nur zu gut

kannte. Unbedeckten Hauptes, im Schmucke ihres goldblonden Haares stand

Fanny Spänglein da, über das ganze Gesicht lächelnd. Der Vater wandte

sich noch einmal um und winkte ihr mit der Hand, ebenfalls lächelnd.

Dreißig Schritt höchstens von dem jungen Mann entfernt, jenseits

der Straße, geschah das. Nichts entging ihm von ihrem Mienenspiel,

ihren Bewegungen. Er sah ganz deutlich das Muster ihres Kleides;

unauslöschlich prägte sich selbst solche Kleinigkeit seinem

Gedächtnisse ein.

Der Vater trat aus der Gartenthür, rief dem Kutscher etwas zu, sprang

in die Droschke, die sich gleich darauf in Bewegung setzte. Fanny

stand noch einen Augenblick auf der Veranda, dann wandte sie sich und

verschwand im Hause.

Das hatte sich im Laufe weniger Minuten abgespielt; für den jungen

Mann bedeutete es ein Ereignis, das mit dem Maße der Zeit überhaupt

nicht gemessen werden konnte. Der Boden schien Eberhard unter den

Füßen zu schwanken, ihm war's, als sei dicht vor ihm eine Flamme jäh

aufgezüngelt, das Vorhandensein unterirdisch verderblicher Gewalten in

seinem Dasein kündend.

Es kommt für jeden Mann einmal der Augenblick, wo er sich mit seinem

Vater, sei es mit dem lebenden oder mit dem toten, auseinandersetzen

muß; wo er das, was ihm bisher höchste Autorität gewesen, kritisieren,

vielleicht als überlebt beiseite schieben wird. Wohl dem Vater, wohl

dem Sohne, wenn die Trennung keinen Bruch bedeutet, wenn die Autorität

abgelöst wird von pietätvoller Schonung!

Schrecklich ist es, sich des eigenen Vaters schämen zu müssen. Es

streitet gegen die Natur, es stellt die Weltordnung auf den Kopf, es

legt die Axt an die Wurzel des Daseins, erniedrigt uns vor uns selbst,

indem es die Quelle trübt, aus der unser Lebenslauf entsprungen ist.

Welch erschreckende Helle dieses Ereignis verbreitete! So furchtbar

klar und nüchtern war alles, und alltäglich. Eine gewisse Komik sogar

lag darin, daß der Vater, nachdem er den Sohn aus der Schlinge befreit

hatte, nun selbst von der verbotenen Frucht naschte.

Aber das Lachen verging einem, wenn man der Sache auf den Grund ging.

Dem jungen Manne graute, wie man erwachend vor einer Scheußlichkeit

erschrickt, die man im Traume begangen hat.

Eberhard begriff mit einemmale mancherlei Erscheinungen: das Schicksal

seines Bruders, Züge in seinem und seiner Schwester Charakter,

Erlebnisse aus früher Jugend, manches, was er schon mit Kinderaugen

kritisiert zu haben sich entsann, Worte und Thaten des Vaters, das

ganze Familienleben. Alles das bekam einen anderen Hintergrund, zeigte

in dieser neuen häßlichen Beleuchtung ein gänzlich verändertes Gesicht.

Er wollte nicht weiter darüber nachgrübeln. Was nutzte überhaupt hier

alle Erregung? Konnte damit etwas gut gemacht werden? Würde er seinen

Vater ändern? Hatte es irgend welchen Sinn, den Alten merken zu lassen,

daß man ihn ausgefunden habe? Eine widerwärtige Szene wäre der einzige

Erfolg gewesen, gegen die sich das Gefühl auflehnte.

Besser, man ließ alles, wie es war, suchte als Philosoph darüber

hinwegzukommen. Die Welt war nun mal voll von Perversität! Bei seinem

Studium, im Kolleg, aus Büchern, am Seziertisch hatte er die traurige

Wahrheit entdeckt; nun lehrte sie ihn das Leben in noch krasserer Weise.

Heute war abermals ein gut Stück abgebröckelt von seinen Illusionen.

Liebe ist ewig · 第 14 / 44 题