des Alters erscheint: der Meister, der noch mit so unvergleichlicher
Frische des Geistes das Wesen der Personen erfaßt, der mit so sicherem
Blick die Gesamterscheinung der Gesichter und ihre Einzelformen
erkennt, und der mit so jugendkräftiger Handfertigkeit alles
hinmalt, ohne auch nur einen Fehlstrich zu thun, dem beginnt das
Eine zu mangeln, daß er die Verhältnisse der ganzen Figuren richtig
überschaute; der Raumsinn, wenn man so sagen darf, hat nachgelassen.
Daher hier und dort ein allzulanger Arm, eine Hand, deren Größe zum
Gesicht nicht mehr im Verhältnis steht, Schultern, welche zu schmal
sind für die von ihnen getragenen Köpfe, und perspektivische Irrtümer
und Schiefheiten, die auf dem Männerbild -- das wohl das letztgemalte
von den beiden ist -- sich sogar bis in einzelne Gesichter hinein
erstrecken.
Die beiden Regentenstücke von 1664 sind die letzten Arbeiten des
Meisters, deren Entstehungszeit bekannt ist. So schließt die Reihe
seiner erhaltenen und der Zeit nach bestimmten Werke, wie sie begonnen
hat: Bildnisgruppen von den Vorständen Haarlemer Genossenschaften
bezeichnen den Anfang und das Ende der übersehbaren Thätigkeit von
Franz Hals. Es ist freilich ein großer Unterschied zwischen den
kräftigen, lebensfrohen und thatenbereiten Bürgerschützen von 1616 und
den gleichgültig und fade dreinschauenden Pflegern einer wohlgeordneten
Wohlthätigkeitsanstalt von 1664. Welch’ ein Stück Geschichte spiegelt
sich auch in der Reihe der Halsschen Genossenschaftsbilder im
Haarlemer Rathaus! Die Gestalten, welche der Meister uns in ihnen
so unübertrefflich lebenswahr vorgeführt hat, sind mehr als die
bloßen Abbilder zufälliger Persönlichkeiten, sie sind geschichtliche
Charakterbilder, welche lebendig erzählen von dem Entwickelungsgange
ihres Vaterlandes im Laufe eines halben Jahrhunderts. Wir sehen die
kampfbereiten Söhne jener unbeugsamen Helden, die noch todesmutig
ringen mußten um den Besitz der Freiheit; dann die Männer, welche
die Jahre des schweren dreißigjährigen Krieges und des glänzenden
Aufblühens der holländischen Macht durchlebten, Jahre, in denen die
Lust an vollem Lebensgenuß sich mit ebenso unbändiger Kraft geltend
machte wie der wilde Kriegsmut; schließlich das verflachende Geschlecht
jener Zeit, für welche es bezeichnend ist, daß auf künstlerischem
Gebiet der alles gleichmachende „Stil Louis XIV“ zur Herrschaft
gelangte und selbst über die so kräftig entwickelte Eigenart der
holländischen Kunst das Übergewicht zu bekommen begann. -- Franz
Hals selbst aber war in seiner Kunst sich immer treu geblieben. Aus
seinen letzten wie aus seinen ersten Werken tritt uns mit gleicher
Deutlichkeit das Bild eines Künstlers von bestimmt ausgeprägter
Besonderheit entgegen, und zwar eines ganzen Künstlers.
Franz Hals starb im Jahre 1666. Am 7. September wurde er in der „Großen
Kirche“ bestattet. Der Nachweis über die Kosten des Begräbnisses hat
sich erhalten; dieselben betrugen nur 4 Gulden. -- Lisbeth Reyniers
überlebte ihren Gatten. Sie wird noch einmal erwähnt im Jahre 1675, wo
ihr als besondere Gnadenbewilligung eine wöchentliche Zulage von 14
Sous zu dem gewöhnlichen Armengeld zuerkannt wurde.
Wenn auch die zahlreichen Schüler des Meisters dessen Andenken
dankbar in Ehren hielten, für das große Publikum war er, dessen Art
und Weise schon bei seinen Lebzeiten Jahrzehnte lang nicht mehr dem
herrschenden Tagesgeschmack entsprochen hatte, nach seinem Tode
bald vergessen. Seine Bilder wurden nicht mehr geschätzt. Unter den
fürstlichen Kunstsammlern des XVIII. Jahrhunderts, welche die großen
Galerien begründeten, waren nur wenige, welche einen Maler zu würdigen
wußten, dessen künstlerische Art und dessen Malweise so von Grund auf
verschieden waren von der Charakterlosigkeit und Glätte der Malerei
jener Zeit. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist die große künstlerische
Bedeutung des Franz Hals wieder ihrem ganzen Werte nach zu allgemeiner
Würdigung gelangt -- ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Hebung
des natürlichen Kunstgeschmacks.
[Illustration]